Aspasia, fiktive Verfasserin einer Rede des Perikles: Platon, Menexenos.

Deutsche Übersetzung nach: Platon, Sämtliche Werke. In der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher mit der Stephanus-Numerierung herausgegeben von Walter F. Otto, Ernesto Grassi und Gert Plamböck, Bd. 2 (Menon, Hippias I, Euthydemos, Menexenos, Kratylos, Lysis, Symposion), S. 105 - 122. - Die Übersetzung des griechischen Textes durch Schleiermacher bedient sich einer altertümlich-feierlich und zugleich rhetorisch bemühten, aber in der Substanz der Gedanken vielfach unbersichtlich, ungeschickt, ja sogar platt wirkenden Sprache, die das altgriechische Original - eine generelle Persiflage auf die athenisch-politische Redekunst und ihre Substanzlosigkeit aus Sicht des Sokrates und des Platon - nachahmen soll. Damit der Text dennoch einigermaßen verständlich bleibt, wurden in geringem Umfang sprachliche Modifikationen vorgenommen. D. Hg.


SOKRATES: Vom Markte, Menexenos, oder woher sonst?

MENEXENOS: Vom Markte, o Sokrates, und aus der Ratsversammlung.

SOKRATES: Was hast du doch bei der Ratsversammlung zu tun? Es scheint so, daß du mit deiner Unterweisung und Wissenschaft fertig zu sein glaubst und, weil du weit genug bist, dich nun zu dem Höheren zu wenden gedenkst und unternimmst, du Wundervoller, über uns Alte zu herrschen in solcher Jugend, damit euer Haus nicht ermangele, uns immer einen Berater zu geben.

MENEXENOS: Wenn du es zugibst, o Sokrates, und mir auch rätst, an der Regierung teilzunehmen, so will ich danach streben, sonst aber nicht. Jetzt jedoch ging ich in die Ratsversammlung, weil ich erfahren hatte, daß der Rat jemanden wahlen würde, der eine feierliche Rede für die Toten halten sollte. Denn du weißt, daß sie eine öffentliche Bestattung abhalten wollen.

SOKRATES: Freilich! Aber wen haben sie gewählt?

MENEXENOS: Keinen; sondern sie haben es auf morgen verschoben. Ich glaube indes, Archinos oder Dion wird gewählt werden

SOKRATES: Es ist doch in vieler Hinsicht eine herrliche Sache, Menexenos, im Kriege zu bleiben. Denn ein schönes und prachtvolles Leichenbegängnis bekommt dann auch der, der als ein armer Mann gestorben ist, und gelobt wird selbst der, der nichts taugt, und das von kunstreichen Männern, die nicht aufs Geratewohl loben, sondern schon lange vorher ihre Rede angeordnet haben und die so vortrefflich loben, daß sie, was jeder an sich gehabt hat und selbst das, was er nicht gehabt hat, ihm nachrühmend, mit dem herrlichsten Schmuck der Worte verzieren und unsere Seelen bezaubern, indem sie sowohl den Staat auf alle Weise verherrlichen als auch die im Kriege Gebliebenen und alle unsere Vorfahren insgesamt und dazu uns selbst preisen, die wir noch leben. Mir wenigstens, o Menexenos, ist ganz erhaben zumute, wenn ich von ihnen gerühmt werde, und ich stehe jedesmal ganz versunken im Zuhören und bezaubert, meinend, ich sei zusehends größer und edler und trefflicher geworden. Und da oftmals Fremde mich begleiten und mit mir zuhören, werde ich auch denen gegenüber zusehends vornehmer. Denn auch ihnen, dünkt mich, geht es mit mir wie mit der ganzen Stadt so: sie erscheint ihnen viel wundervoller als zuvor, weil sie von dem Redner beredet sind. Und dieses Selbstgefühl bleibt mir wohl länger als drei Tage; so einsiedeln kann sich die Rede und der Ton des Redners in den Ohren, daß ich mich kaum am vierten oder fünften Tage wieder besinne und merke, wo in der Welt ich bin, solange aber fast glaube, in der Seligen Inseln zu wohnen. So geschickt sind unsere Redner.

MENEXENOS: Immer bespöttelst du die Redner, o Sokrates. Diesmal indes, denke ich, wird der Gewählte nicht allzu wohl daran sein. Denn mit der Wahl ist es so plötzlich gekommen, daß derjenige, der reden soll, es fast unvorbereitet wird tun müssen.

SOKRATES: Warum das, Bester? Jeder von diesen hat ja seine Rede immer schon fertig; und dergleichen wäre ja auch unvorbereitet nicht einmal schwer. Ja, wenn man Athener sollte vor Peloponnesiern rühmen oder Peloponnesier vor Athenern, da bedürfte es sicherlich eines guten Redners, um zu überreden und Beifall zu finden. Aber wenn einer seine Kunst vor denen geltend zu machen hat, die er zugleich rühmt, dann ist es nichts Besonderes, wenn er mit seiner Rede einen guten Eindruck macht.

MENEXENOS: Meinst du nicht doch, o Sokrates?

SOKRATES: Nein, überhaupt nicht, beim Zeus.

MENEXENOS: Meinst du, du wärest selbst imstande, so eine Rede zu halten, wenn du müßtest und der Rat dich wählte?

SOKRATES: Es wäre, was mich mich betrifft, überhaupt nicht verwunderlich, Menexenos, wenn ich imstande wäre, die Rede zu halten. Denn ich habe eine bekannte Lehrerin in der Redekunst, eine, die auch viele andere treffliche Redner gebildet hat, darunter einen, der es allen Hellenen zuvortut, nämlich Perikles.

MENEXENOS: Wer soll das sein? - Ach so, du meinst gewiß die Aspasia?

SOKRATES: Die meine ich, und dann auch den [ebenfalls bekannten; ironisch] Konnos, den Sohn des Metrobios. Denn dies sind meine zwei Lehrer, er in der Tonkunst, sie in der Redekunst. Bei einem Manne, der solch eine Erziehung genossen hat, braucht man sich wohl nicht zu wundern, wenn er gewaltig ist im Reden. Aber auch jemand, der minder gut unterrichtet wäre als ich - etwa von Lampros in der Tonkunst und von Antiphon dem Rhamnusier in der Redekunst [scil. beides zu ihrer Zeit in Wirklichkeit berühmte Könner auf ihrem Gebiet] , auch der müßte immer noch, wenn er Athener unter Athenern lobte, Beifall finden.

MENEXENOS: Und was würdest du wohl zu sagen wissen, wenn du die Rede halten müßtest?

SOKRATES: Mir selbst würde vielleicht nichts zu so etwas einfallen. Aber der Aspasia habe ich noch gestern zugehört, wie sie eine Rede für eben diesen Fall vortrug. Sie hatte nämlich gehört, wovon auch du berichtest, daß die Athener einen Redner dazu wählen wollen. Da hat sie mir dann [probeweise] vorgetragen,, wie man es sagen müßte, einiges aus dem Stegreif, anderes auch wohl früher Überlegtes, als sie - denke ich - jene feierliche Rede ['Vom Kranze‘] ausarbeitete, welche Perikles später hielt. Einiges dort nicht zum Ausdruck Gelangtes dürfte sie [bei ihrer gestrigen Proberede] zusammengekittet haben.

MENEXENOS: Könntest du dich wohl erinnern, was Aspasia sagte?

SOKRATES: Wenn ich nicht ganz unfähig bin, schon; denn ich habe ja bei ihr gelernt und beinahe Schläge bekommen, weil ich vergeßlich war.

MENEXENOS: Warum trägst du es also nicht vor?

SOKRATES: Ich fürchte, die Meisterin könne mir zürnen, wenn ich ihre Reden einfach ausplaudere.

MENEXENOS: Gewiß nicht, o Sokrates. Sprich nur. Du wirst mir den größten Gefallen erweisen, magst du nun eine Rede der Aspasia vortragen oder wessen sonst; allemal sprich nur.

SOKRATES: Aber du wirst mich auslachen, wenn ich alter Mann dir vorkomme, als triebe ich Kinderei.

MENEXENOS: Keineswegs, Sokrates, sondern sprich nur auf jede dir genehme Weise.

SOKRATES: Dir muß ich freilich gefällig sein; und es fehlt wenig, wenn du etwa haben wolltest, ich sollte mich entkleiden und tanzen, daß ich es täte: da wir ja allein sind. So höre denn. Sie redete nämlich, wie ich glaube, indem sie ihre Rede anhub von den Verstorbenen selbst, also:

"Was die Tat betrifft, so haben diese zwar, was ihnen gebührt, und gehen, nachdem es vollbracht ist, ihren bestimmten Weg, geleitet alle gemeinsam von der Stadt und jeglicher insbesondere von den Seinigen. Durch Rede aber gebietet das Gesetz den Männern die noch fehlende Ehre zu erzeigen, und das gebührt sich. Denn nach wohlverrichteten Taten erwirbt wohlgesprochene Rede den Tätern Gedächtnis und Ehre bei den Hörern. Es bedarf also eines solchen Vortrages, welcher den Verstorbenen selbst rühmlich nachrede, den Lebenden aber gelinde zurede; Kinder nämlich und Brüder ermahnend, es jenen in der Tugend nachzutun,Väter aber und Mütter und, wenn ihnen noch höhere Vorfahren zurückgeblieben sind, diese beruhigend. Welches wäre uns nun wohl ein solcher Vortrag, oder womit könnten wir am besten anfangen, wackere Männer zu loben, welche im Leben den Ihrigen zur Freude gereichten durch ihre Tugend und nun für das Heil der Lebenden den Tod auf sich genommen haben? Mich dünkt nun, man müsse der Entstehung nach, so wie sie gut geworden sind, so auch sie loben. Gut aber sind sie geworden wegen ihrer Abkunft von Guten. Ihre Wohlgeborenheit also laßt uns zuerst verherrlichen, zum zweiten dann ihre Aufzucht und Unterweisung; und nach diesem wollen wir ihrer Taten Verrichtung darstellen, wie herrlich und des allen würdig sich diese bewährt.

Zu ihrer Wohlgeborenheit nun gehörte zuerst die Herkunft ihrer Vorfahren, welche nicht eine auswärtige ist noch diese ihre Nachkommen ausweist als Fremdlinge in diesem Lande, weil jene anderwärts hergekommen, sondern als wahrhaft Eingeborene und solche, die in der Tat in ihrem Vaterlande wohnen und leben, nicht als von einer Stiefmutter Auferzogene wie andere, sondern als von einer Mutter von dem Lande, in welchem sie wohnten, und die jetzt nach ihrem Ende in dem verwandten Schoß ihrer Gebärerin und Ernährerin wieder aufgenommen liegen. Darum ist es am billigsten, zuerst die Mutter selbst zu preisen, denn so findet sich von selbst auch die Wohlgeborenheit jener gepriesen.

Wert aber ist dieses Land sogar von allen Menschen gepriesen zu werden, nicht allein von uns, und zwar auch auf vielerlei andere Weise, zuerst aber und um des Größten willen, weil es von den Göttern geliebt ist; und dieser Rede gibt Zeugnis der über sie entzweiten Gottheiten Streit und Vergleich. Welches also die Götter gerühmt haben, wie sollte das nicht billig von allen Menschen insgesamt gerühmt werden? Und der zweite Ruhm desselben wäre mit Recht dieser, daß in jener Zeit, in welcher jegliches Land hervorbrachte und erzeugte allerlei Lebendiges, fleischfressende Tiere und grasfressende, in dieser das unsrige wilde Tiere nicht erzeugte und sich rein von ihnen erhielt, von allen Lebendigen aber sich auswählte und erzeugte den Menschen als dasjenige, welches an Verstand alle übrigen übertrifft und Recht und Götter allein annimmt. Für diese Rede aber, daß dieses Land hier ihre und unsere Vorfahren erzeugt hat, ist dieses ein großer Beweis. Jedes Gebärende nämlich hat angemessene Nahrung für das Geborene; woran auch jede Frau zu erkennen ist, ob sie in der Tat geboren hat oder nicht, sondern das Kind sich nur unterschiebt, wenn sie nicht Quellen der Nahrung hat für das Erzeugte. Und eben hierdurch legt unser Mutterland einen deutlichen Beweis ab, daß es Menschen gezeugt hat. Denn dies allein brachte schon damals und zuerst menschliche Nahrung hervor, die Frucht des Weizens und der Gerste, wovon sich das menschliche Geschlecht am schönsten und besten nährt; so daß gewiß dieses Geschlecht der Lebendigen von ihm selbst erzeugt ist. Und mehr noch von der Erde als von einer Frau muß man solche Beweise annehmen. Denn die Erde hat nicht den Frauen nachgeahmt Schwangerschaft und Geburt, sondern diese ihr. Diese Frucht aber hat es nicht vorenthalten, sondern sie auch den übrigen mitgeteilt. Nächstdem hat es auch die Erzeugung des Öls, dieses Balsams für Mühen, seinen Sprößlingen hinterlassen.

Und nachdem es sie so ernährt und aufgezogen zur Mannbarkeit, hat es ihnen zu Herrschern und Lehrern Götter herbeigeführt, deren Namen uns hier ziemt zu übergehen. Denn wir wissen, welche von ihnen unser Leben angeordnet haben sowohl für das tägliche Bedürfnis durch die erste Anweisung in Künsten, als auch für die Beschützung des Landes durch Unterricht in Verfertigung und Gebrauch der Waffen.

Also nun erzeugt und unterrichtet, haben die Vorfahren dieser eine Staatsverfassung angeordnet und befolgt, deren billig ist hier mit wenigem zu erwähnen. Denn die Staatsverfassung ist die Erziehung der Menschen, die gute treftlicher, die entgegengesetzte schlechter. Wie nun in einer trefflichen Verfassung unsere Vorfahren aufgezogen worden, ist notwendig zu zeigen, vermöge deren sowohl jene gut wurden als auch die heutigen es sind, zu denen auch diese Verstorbenen gehören. Denn die Verfassung war dieselbe damals wie jetzt, aristokratisch, auf welche Weise wir uns jetzt regieren und auch die ganze Zeit von damals an größtenteils; es nennt sie aber der eine die Volksherrschaft, der andere anders, wie es jedem beliebt, in Wahrheit aber ist sie eine Herrschaft der Besseren mit dem guten Willen des Volkes. Denn Könige haben wir ja immer, nur bald erbliche, bald gewählte, das meiste hängt aber ab in der Stadt von dem Volke, welches Amter und Gewalt denen gibt, die ihm jedesmal dünken die Besten zu sein, und weder durch Schwächlichkeit noch durch Armut noch durch der Väter Unberühmtheit ist irgendeiner ausgeschlossen noch auch begünstigt durch das Gegenteil wie in anderen Staaten. Sondern nur die eine Bestimmung gibt es: wer im Rufe steht, weise und tüchtig zu sein, der hat den Vorzug und regiert. Ihren Grund aber hat bei uns diese Verfassung in der Gleichheit der Geburt Denn andere Staaten sind aus vielerlei und ungleichen Menschen gebildet, weswegen auch ihre Verfassungen die Ungleichheit darstellen in willkürlicher Herrschaft eines einzelnen oder weniger. Sie sind daher so eingerichtet, daß einige die andern für Knechte und diese jene für Herren halten. Wir aber und die unsrigen, von einer Mutter alle als Brüder entsprossen, begehren nicht, Knechte oder Herren einer des andern zu sein; sondern die natürliche Gleichbürtigkeit nötigt uns, auch Rechtsgleichneit gesetzlich zu suchen und um nichts anderen willen uns einander unterzuordnen als wegen des Rufes der Tugend und Einsicht

Daher haben denn unsere und dieser Verstorbenen Väter, so wie diese selbst in aller Freiheit auferzogen und edel schon geboren, viele und schöne Taten ausgeübt vor allen Menschen, sowohl jeder für sich als auch im öffentlichen Leben, indem sie sich immer für verpflichtet hielten, um der Freiheit willen sowohl mit Hellenen für Hellenen zu streiten als auch mit Barbaren für alle Hellenen insgesamt. Wie sie nun den Eumolpos und die Amazonen, als diese das Land feindlich überzogen, und noch frühere abgewehrt, und wie sie den Argeiern geholfen gegen die Kadmeer und den Herakliden gegen die Argeier, dies nach Würden durchzugehen, ist die Zeit zu kurz, und auch Dichter haben schon aufs herrlichste die Tugend jener Zeiten, mit der Tonkunst Hilfe sie besingend, allen kundgemacht. Wollten wir nun unternehmen, dasselbe in bloßer Rede darzustellen, so dürften wir wohl nur als die zweiten erscheinen. Dieses also glaube ich deshalb übergehen zu dürfen, da es auch ohnedies schon seine Gebühr hat. Was aber Hohes noch keinem Dichter hohen Ruhm gebracht hat und noch in Gefahr der Vergessenheit schwebt, hiervon dünkt mich Erwähnung tun zu müssen, lobpreisend und andere anwerbend, daß sie es in Gesängen und anderer Dichtung niederlegen, würdig der Täter. Das erste aber von dem, was ich meine, ist dieses. Den Perser, der über Asien herrschte und Europa unterjochen wollte, haben die Abkömmlinge dieses Landes und unsere Voreltern abgehalten, welches billig zuerst zu erwähnen und ihre Tugend zu preisen ist, und so will ich es auch. Man muß sie aber betrachten, wenn man sie gehörig rühmen will, in jene Zeit sich in der Rede versetzend, als ganz Asien schon dem dritten Könige gehorchte, von welchen der erste, Kyros, nachdem er die Perser, seine Landsleute, befreit, durch seine Klugheit zugleich die Meder, ihre Herren, unterwarf und das übrige Asien bis gen Ägypten beherrschte, sein Sohn aber auch Ägypten und Libyen, soviel davon durchzogen werden konnte, der dritte aber, Dareios, durch seine Landmacht das Reich bis zu den Skythen ausdehnte, mit seinen Schiffen aber das Meer und die Inseln beherrschte, so daß auch keiner mehr gedachte, sein Widersacher zu sein, sondern aller Menschen Sinne in Knechtschaft gehalten waren. So viele und große und streitbare Geschlechter hatte der Perser Macht sich unterworfen.

Dareios nun, welcher uns und die Eretrier beschuldigte wegen des Überfalls von Sardes, nahm diesen zum Vorwand, und indem er fünfzig Myriaden in Schiffen sandte und dreihundert Kriegsschiffe und den Datis als Anführer, befahl er ihm, die Eretrier und Athener gefangen mitzubringen, wenn er seines Kopfes sicher sein wolle. Der nun fuhr mit seinen Schiffen nach Eretria gegen Männer, welche unter den Hellenen damals zu den vorzüglichsten gehörten im Kriegswesen und nicht schwach waren an Zahl; diese bezwang er in drei Tagen und durchsuchte ihr ganzes Land, damit ihm keiner entkäme, auf folgende Weise. Seine Kriegsmänner nämlich, nachdem sie die Grenzen von Eretria erreicht hatten, stellten sich von einem Meere zum andern auseinander und dann, mit den Händen sich verbindend, durchzogen sie so das ganze Land, damit sie dem König sagen könnten, daß ihnen keiner entkommen sei. Mit demselben Vorhaben nun zogen sie von Eretria gen Marathon, als könne es ihnen nicht fehlen, auch die Athener auf die gleiche Weise wie die Eretrier bezwungen fortzuführen. Hierbei nun, als jenes vollbracht und dieses begonnen wurde, half weder den Eretriern noch den Athenern irgendein Hellene, die Lakedaimonier ausgenommen, diese aber kamen erst am Tage nach der Schlacht. Alle andern waren in Schrecken gesetzt und hielten sich ruhig, mit der Sicherheit des Augenblicks zufrieden. Und dieses vor Augen habend, kann nun jemand erkennen, welche Tugend in denen muß gewesen sein, welche zu Marathon der Macht der Barbaren sich entgegenstellten, den Übermut des ganzen Asien züchtigten und, zuerst Siegeszeichen von den Barbaren aufrichtend, allen übrigen Vorgänger und Lehrer hierin wurden, daß die Macht der Perser nicht unüberwindlich sei, sondern daß jegliche Zahl und jeglicher Reichtum doch der Tugend weiche. Daher behaupte ich nun, daß jene Männer nicht allein unsere leiblichen Väter sind, sondern auch die Väter der Freiheit, unserer und aller insgesamt auf diesem Festlande. Denn auf jene Tat sehend, wagten die Hellenen auch, die nachherigen Schlachten durchzufechten für ihr Heil, als Lehrlinge derer von Marathon.

Der erste Preis also ist jenen zu weihen, der zweite aber denen, welche bei Salamis und Artemision zur See gefochten und gesiegt haben. Denn auch von diesen Männern wäre viel zu sagen, welche Angriffe sie zu Lande und zur See bestanden und wie sie sie abgewehrt haben. Was mir aber das Trefflichste zu sein scheint auch an ihnen, will ich erwähnen, daß sie nämlich zu der Tat der Marathonier das nächste vollbracht haben. Denn die Marathonier hatten den Hellenen nur dieses bewiesen, daß es zu Lande möglich sei, die Barbaren abzuwehren, mit wenigen viele; zu Schiffe aber war es noch unklar, und die Perser standen im Ruf, unüberwindlich zu sein zur See durch Zahl und Reichtum, Geschick und Stärke. Dieses also ist des Lobes wert an jenen damals zur See fechtenden Männern, daß sie die Furcht, welche an den Hellenen noch haftete, lösten, daß sie sich nun nicht mehr fürchteten vor der Menge der Schiffe und Männer. Von beiden also, denen, die bei Marathon, und denen, die bei Salamis gefochten, sind die übrigen Hellenen unterrichtet worden, von den einen zu Lande, von den andern zur See, und haben gelernt und sich gewöhnt, sich nicht zu fürchten vor den Barbaren.

Die dritte Tat aber der Zahl und der Trefflichkeit nach für das Heil der Hellenen ist jene schon den Lakedaimoniern und Athenern gemeinsame bei Platää. Das Größte und Schwerste also haben diese sämtlich abgewehrt und werden dieser Tugend wegen jetzt von uns gepriesen und in der kühftigen Zeit noch von den Nachkommen. Nach diesem aber hielten es noch viele hellenische Städte mit den Barbaren, und von dem Könige selbst erfuhr man, daß er im Sinne habe, aufs neue gegen die Hellenen auszuziehen. Darum ist es billig, auch derer zu gedenken, welche jenen Taten der Früheren zur Befreiung die Krone aufsetzten, indem sie alles, was nur barbarisch war, aus dem Meere aufjagten und vertrieben. Dies waren nämlich die, welche die Seeschlacht beim Eurymedon fochten und den Feldzug nach Kypros unternahmen, und die mit einer Flotte nach Ägypten fuhren und an viele andere Orte; deren muß man gedenken und ihnen Dank wissen, daß sie den König dahin brachten, eingeschreckt auf sein eignes Heil Bedacht zu nehmen und nicht auf das Verderben der Hellenen zu sinnen.

Diesen ganzen Krieg nun hatte die Stadt zu bestehen für sich selbst und ihre Sprachgenossen gegen die Barbaren. Nachdem aber der Friede geschlossen und die Stadt zu solchen Ehren gekommen war, entstand gegen sie, was wohl den Glücklichen pflegt von den Menschen zu widerfahren, zuerst Eifersucht und aus der Eifersucht Haß, was auch diese Stadt wider Willen in Krieg gegen die Hellenen verwickelte. Als nun hierauf der Krieg ausbrach, trafen sie zuerst bei Tanagra für die Freiheit der Böotier mit den Lakedaimoniern fechtend zusammen; und da das Gefecht zweifelhaft blieb, so entschied die Folge, indem jene abzogen, die, denen sie zu Hilfe gekommen waren, im Stich lassend, die unsrigen aber, nachdem sie am dritten Tag bei den Weinbergen gesiegt, diejenigen dem Recht gemäß wieder zurückführten, welche ungerechterweise waren vertrieben worden. Diese also sind die ersten nach dem persischen Kriege, welche, nun schon Hellenen in Sachen der Freiheit zu Hilfe kommend gegen Hellenen, nachdem sie sich als wackre Männer erwiesen und die, denen sie zu Hilfe kamen, befreit hatten, geehrt von der Stadt in diesem Grabmal zuerst beigesetzt worden sind. Da aber nach diesem ein gewaltiger Krieg ausbrach und alle Hellenen zu Felde zogen und das Land verwüsteten und der Stadt einen Dank erstatteten, wie sie ihn nicht verdient hatte, besiegten die unsrigen sie zur See; und nachdem sie ihre Anführer, die Lakedaimonier, bei Sphagia gefangen genommen und es in ihrer Gewalt stand, sie zu verderben, schonten sie ihrer und gaben sie zurück und schlossen Frieden, in der Meinung, daß man gegen Stammesgenossen nur bis zum Siege Krieg führen müsse und nicht wegen besonderen Zornes einer Stadt das allgemeine Wesen der Hellenen verderben, mit den Barbaren hingegen bis zur Zerstörung. Diese Männer verdienen, daß man sie preise, welche, nachdem sie in jenem Kriege gefochten, hier liegen, weil sie gezeigt haben, wenn etwa einer noch zweifelte, ob nicht in dem ersten Kriege, dem gegen die Barbaren, irgend andere trefflicher gewesen wären als die Athener, daß der mit Unrecht zweifele. Denn diese, indem sie, als Hellas in sich selbst entzweit war, im Kriege obsiegten, haben gezeigt, da sie die Anführer der übrigen Hellenen überwältigten, daß sie diejenigen, mit denen sie vorher gemeinschaillich gesiegt hatten, nun allein besiegten.

Nach diesem Frieden aber entstand unerwartet ein dritter heftiger Krieg, in welchem viele wackere Männer geblieben sind und hier liegen. Viele sind gefallen in Sizilien, nachdem sie schon viele Siegeszeichen errichtet hatten in der Sache der Freiheit der Leontiner, zu deren Beistand sie dem geschworenen Bündnisse gemäß in jene Gegenden geschifft waren; da aber wegen der Länge der Fahrt die Stadt in Verlegenheit geriet und ihnen nicht mehr Hilfe leisten konnte, mußten sie es deshalb aufgeben und verunglückten, sie, deren Feinde und Gegner mehr das Lob ihrer Besonnenheit und Tapferkeit verkünden als anderer Freunde. Viele auch in den Seetreffen am Hellespont, wo sie an einem Tage alle Schiffe der Feinde nahmen und auch an vielen andern den Sieg davontrugen. Was ich aber sagte, daß dieser Krieg so gewaltig und unerwartet gewesen, damit meine ich, daß die übrigen Hellenen in ihrer Eifersucht gegen die Stadt so weit gehen konnten, daß sie sich nicht scheuten, den feindseligsten König durch Gesandte zu begrüßen, um jenen, den sie gemeinschaftlich mit uns vertrieben, wieder herbeizuholen, den Barbaren gegen Hellenen, und so gegen die Stadt zu vereinigen alle Hellenen und Barbaren. Woran nun eben recht deutlich wurde der Stadt Stärke und Tugend. Denn da jene sie schon für bezwungen hielten und die Flotte bei Mytilene abgeschnitten war: da kamen zu Hilfe in sechzig Schiffen, welche sie selbst bestiegen hatten, die anerkannt tapfersten Männer, besiegten die Feinde, befreiten wieder die Freunde, und nachdem ein unglückliches Geschick sie betroffen und sie nicht aus dem Meere gezogen worden, liegen sie hier. Dieser muß man immer gedenken und sie preisen; denn durch ihre Tapferkeit waren wir die Überwinder nicht nur in jenem Seegefecht, sondern in dem Kriege überhaupt, weil die Stadt durch sie den Ruf erhielt, daß sie nie könne ganz bezwungen werden, auch nicht von allen Menschen. Und mit Recht erhielt sie ihn; durch unsere eigene Uneinigkeit aber wurden wir besiegt, nicht von den andern. Denn unbesiegt sind wir auch jetzt noch von jenen; wir selbst aber untereinander haben uns besiegt und sind überwunden worden. Als aber hernach Ruhe war und Friede mit den andern, wurde dieser häusliche Krieg auf eine solche Weise geführt, daß, wenn einmal den Menschen bestimmt sein soll, in bürgerlichen Unruhen zu leben, keiner wohl wünschen kann, daß eine Stadt die Krankheit auf eine andere Weise bestehen möge. Denn wie gelinde und brüderlich trafen nicht die Bürger aus dem Hafen und die aus der Stadt zusammen, ganz gegen die Erwartung der übrigen Hellenen, und mit welcher Mäßigung endeten sie nicht den Krieg gegen die in Eleusis! Und hiervon ist nichts anderes Ursache als die wahre und rechte Verwandtschaft, welche eine dauerhafte Stammesfreundschaft nicht nur dem Worte, sondern auch der Tat nach stiftet. Und auch der in diesem Kriege von beiden Seiten Gebliebenen muß man gedenken und sie versöhnen, wie wir können, durch Gebete und Opfer bei solchen Feiern, zu denen, welche über sie Gewalt haben, betend, da ja auch wir versöhnt sind. Denn nicht aus Bosheit sind sie aneinandergeraten noch aus Feindschait, sondern durch Unglück. Dessen sind wir selbst Zeugen, die wir leben. Denn als dieselbigen mit jenen dem Geschlechte nach, verzeihen wir einander, was wir getan und gelitten haben.

Als wir nun hierauf einen vollkommenen Frieden genossen, verhielt sich die Stadt ruhig, den Barbaren verzeihend, da sie, was ihnen Übles von ihr widerfahren war, nicht schlecht vergolten hatten, gegen die Hellenen aber erzürnt, da sie bedachte, wieviel Gutes diese von ihr genossen und welchen Dank sie nun mit den Barbaren verbündet bezahlt hatten, ihrer Schiffe sie beraubend, durch welche sie selbst gerettet worden waren, und ihre Mauern einreißend dafür, daß wir verhindert, daß die ihrigen zerstört würden. Die Stadt beschloß also, nicht mehr zu helfen, wenn Hellenen in Knechtschaft gerieten, weder einer in des andern noch in die der Barbaren, und so hielt sie sich. Da nun wir so gesinnt waren und die Lakedaimonier uns, die Verteidiger der Freiheit, für gefallen und es nun für ihr Geschäft hielten, die übrigen zu unterjochen, taten sie dieses.

Und was soll ich weitläufig sein? Denn nicht wie alte Geschichten vor Menschengedenken her brauche ich zu erzählen, was nun folgt. Denn wir selbst wissen, wie ganz zerrüttet wiederum zu der Hilfe der Stadt ihre Zuflucht nehmen mußten die ersten unter den Hellenen, die Argeier, Böotier und Korinthier, und was das Göttlichste ist, daß auch der König in solche Verlegenheit geriet, daß er glaubte, nirgend anders her könne ihm Heil kommen als von dieser Stadt, welche zu verderben er so begierig gewesen war. Ja, wenn nun jemand die Stadt mit Recht beschuldigen wollte, so könnte er nur dieses vorbringen zur Beschuldigung, daß sie immer zu sehr mitleidig ist und des Schwächeren Dienerin. So konnte sie sich auch damals nicht zurückhalten noch durchsetzen, was sie beschlossen hatte: keinem Unterjochten mehr zu helfen gegen seine Unterdrücker, sondern sie ließ sich herumbringen und kam zu Hilfe. Und den Hellenen zwar half sie selbst und errettete sie von der Knechtschaft, so daß sie frei blieben, bis sie sich selbst wieder unterjochen ließen; dem Könige aber selbst zu helfen wagte sie nicht aus Scheu wegen der Siegeszeichen von Marathon, Salamis und Platää, sondern ließ nur Flüchtlinge und Freiwillige ihm helfen, mit denen sie ihn eingestandenermaßen rettete. Sie selbst aber baute ihre Mauern und Schiffe, den Krieg erwartend, und als sie dazu genötigt wurde, führte sie der Parier wegen Krieg gegen die Lakedaimonier.

Der König aber, der sich vor der Stadt fürchtete und, als er sah, daß die Lakedaimonier sich im Kriege zur See nicht mehr halten konnten, gern abfallen wollte, forderte die Hellenen auf dem festen Lande, welche die Lakedaimonier ihm schon vorher preisgegeben hatten, wenn er im Bunde sein sollte mit uns und den andern Bundesgenossen, in der Meinung nämlich, sie würden nicht wollen, damit er einen Vorwand hätte zum Abfalle. Was nun die andern Bundesgenossen betrifft, so betrog er sich; denn sie willigten ein, ihm jene herauszugeben, und schlossen Vertrag - und es schworen Korinthier, Argeier, Böotier und die übrigen Verbündeten -, wenn er Gelder geben würde, ihm die Hellenen auf dem festen Lande zu überliefern, nur wir allein gewannen es nicht über uns, weder sie abzutreten noch zu schwören. So edel und frei ist der Sinn dieser Stadt und so kräftig und gesund und von Natur die Barbaren hassend, weil wir ganz rein hellenisch sind und unvermischt mit Barbaren. Denn kein Pelops und Kadmos oder Aigyptos und Danaos oder sonst andere, die von Natur Barbaren und nur durch Gesetz Hellenen sind, wohnen mit uns, sondern als reine Hellenen und nicht als Mischlinge wohnen wir hier. Daher ist der Stadt ein ganz reiner Haß eingegossen gegen fremde Natur. So blieben wir also doch wieder allein stehen, weil wir nicht einwilligten, ein so schändliches und unheiliges Werk zu vollbringen, Hellenen an Barbaren auszuliefern. Eben dahin also wieder zurückgebracht, von wo wir zuerst bekriegt wurden, endigten wir doch mit Gott den Krieg besser als damals. Denn mit Beibehaltung unserer Schiffe und Mauern und unserer eigenen Pflanzstädte wurden wir des Krieges entledigt. Und ebenso billig wurden seiner auch die Feinde entledigt Wackere Männer aber haben wir auch in diesem Kriege verloren, die bei Korinth durch Nachteil des Bodens und die beim Lechaion durch Verräterei. Wacker waren auch die, welche den König befreiten und die Lakedaimonier von der See vertrieben. Welche alle ich euch jetzt ins Andenken bringe, euch aber ziemt, solche Männer mit mir zu preisen und zu ehren.

Solches nun sind die Taten der hier liegenden Männer und der übrigen, welche für den Staat gestorben sind, viele schon und schöne die angeführten, noch mehrere aber und schönere die übergangenen. Denn viele Tage und Nächte würden für den nicht hinreichen, der alles erzählen wollte. Dessen nun gedenkend, muß ihre Nachkommen jedermann ermahnen wie im Kriege, die Ordnung der Vorfahren nämlich nicht zu verlassen noch rückwärts zu weichen aus Feigheit. Also auch ich, ihr Söhne wackerer Männer, ermahne euch jetzt und werde auch künftig, wo ich einen von euch antreffe, ihn erinnern und antreiben, daß er strebe, sich aufs beste zu halten. Jetzt aber ist noch meine Schuldigkeit zu sagen, was die Väter uns, falls ihnen selbst etwas begegnen würde, den Hinterbliebenen zu bestellen aufgetragen haben, als sie der Gefahr entgegengingen. Ich will euch also sagen, was ich von ihnen selbst gehört habe und wie sie euch gewiß jetzt gern anreden möchten, wenn es ihnen vergönnt wäre, wie ich aus dem, was sie damals sagten, schließen kann. Ihr müßt also glauben, von jenen selbst zu hören, was ich jetzt vortrage. Sie sprachen aber so.

< 0 Söhne, daß ihr von wackeren Vätern seid, zeigt schon dieser jetzige Erfolg. Denn obwohl wir leben konnten, nur nicht ehrenvoll, haben wir vorgezogen, ehrenvoll zu sterben eher als euch und den Späteren Schmach zu bereiten, und eher als unsern Vätern und dem ganzen früheren Geschlechte Schande zu bringen, überzeugt, daß dem, der den Seinigen Schande macht, nicht lohnt zu leben und daß ihm kein Mensch Freund ist und kein Gott weder auf der Erde noch unter der Erde, wenn er gestorben ist So gebührt nun euch, unserer Reden eingedenk, was ihr auch immer treiben möget, wacker zu treiben, wissend, daß ohne dieses alle Besitzungen und alle Bestrebungen nur schlecht sind und verächtlich. Denn auch der Reichtam gereicht dem nicht zur Zierde, der ihn als ein Feiger besitzt; denn nur für einen andern ist ein solcher reich, nicht für sich; noch auch erscheint Schönheit und Stärke des Leibes in dem Feigen und Schlechten wohnend als etwas Günstiges, sondern ungünstig sind sie, weil sie den Besitzer in helleres Licht stellen und seine Feigheit offenbaren. Und jede Erkenntnis, wenn sie von Gerechtigkeit und den übrigen Tugenden getrennt ist, zeigt sich nur als Verschlagenheit, nicht als Weisheit. Deshalb nun versucht zuerst und zuletzt überall und auf alle Weise alle Mühe anzuwenden, damit ihr ja uns und die Früheren übertrefft durch euern Ruhm; wo nicht, so wißt, daß uns, wenn wir euch an Tugend besiegen, der Sieg Schande bringt, der Verlust aber, wenn wir gegen euch verlieren, Glück und Heil. Am meisten aber würden wir besiegt werden und ihr siegen, wenn ihr euch darauf rüsten wolltet, der Vorfahren Ruhm weder zu mißbrauchen noch zu verbrauchen, wohl wissend, daß es für einen Mann, der etwas zu sein glaubt, nichts Unwürdigeres gibt, als sich ehren zu lassen, aber nicht seiner selbst wegen, sondern wegen des Ruhmes der Vorfahren. Denn Ehre zu haben von den Vorfahren her ist für die Nachkommen ein schöner und köstlicher Schatz. Einen Schatz aber von Geld oder Ehre verbrauchen und nicht wieder den Nachkommen hinterlassen, das ist unwürdig und unmännlich wegen Mangels eigner Besitztümer und Preiswürdigkeiten. Und strebt ihr nun hiernach, so werdet ihr als Freunde zu Freunden zu uns kommen, wenn auch euch euer bestimmtes Geschick herbringt; seid ihr aber sorglos gewesen und verweichlicht, so wird euch niemand freundlich aufnehmen. Dieses nun sei den Kindern gesagt.

Unsern Vätern aber, wer noch einen hat, und Müttern muß man immer tröstlich zusprechen, recht leicht diesen Unfall zu tragen, wenn er ihnen begegnet, nicht aber mit ihnen wehklagen; denn sie können nicht noch jemanden brauchen, der die Trauer vermehrt, weil das schon der ihnen zugestoßene Unfall selbst hinlänglich zuwege bringt. Sondern sie auszuheilen und zu besänftigen, muß man sie erinnern, daß von dem, was sie gerfleht, die Götter das Größte ihnen bewilligt haben. Denn nicht unsterbliche Kinder, baten sie, möchten ihnen geboren werden, sondern wackere und wohlberühmte - und das haben sie auch erlangt als eines der größten Güter. Denn kaum etwas anderes kann einem sterblichen Menschen so nach seinem Sinne ausschlagen in seinem Leben. Tragen sie nun das Unglück tapfer, so wird man sehen, daß sie in der Tat tapferer Söhne Väter sind und selbst solche; unterliegen sie, werden sie den Verdacht erregen, daß sie entweder nicht die Unsrigen sind oder daß diejenigen, die uns gelobt, nicht die Wahrheit gesagt haben. Keines von beiden aber darf sein, sondern sie selbst müssen mehr als alle unsere Lobredner sein durch die Tat, indem sie selbst sich zeigen als Männer und Väter von Männern. Denn schon lange hält man das «Nichts zuviel» für richtig gesagt, und es ist auch wirklich gut gesagt. Denn welchem Menschen alles oder doch das meiste von ihm selbst abhängt, was zu seiner Glückseligkeit führt, und nicht an andern Menschen haftet, so daß, je nachdem diese sich wohl oder übel befinden, auch seine Angelegenheiten notwendig schwanken, dieser ist aufs beste ausgestattet zum Leben, dieser ist der Besonnene, dieser der Tapfere und Verständige; und dieser, mag er Besitzungen und Kinder haben oder verlieren, wird am meisten jenem Spruche folgen. Denn weder erfreut noch betrübt im Übermaß wird er erscheinen, weil er sich selbst vertraut. Solche sollen aber, so meinen wir, auch die Unsrigen seien, und wir wollen und behaupten es, und uns selbst zeigen wir jetzt ebenfalls als solche, indem wir weder unwillig sind noch uns sehr fürchten, wenn wir etwa gegenwärtig sterben müssen. Daher bitten wir auch Väter und Mütter, in demselben Sinn ihr übriges Leben zu verbringen und zu wissen, daß nicht durch Jammern und Wehklagen sie uns am meisten zu Gefallen leben; sondern wenn die Gestorbenen irgend etwas wissen um die Lebenden, werden sie uns so am meisten zuwider sein, wenn sie sich selbst Übles zufügen und schwer die Unfälle ertragen, wenn aber leicht und gemäßigt, dann werden sie uns Freude machen. Denn wir werden nun ein solches Ende nehmen, welches für die Menschen das schönste ist, so daß sie uns mehr verherrlichen sollten als bejammern. Sorgen sie aber für unsere Weiber und Kinder und erziehen die und wenden darauf ihren Sinn. so werden sie am leichtesten das Geschick vergessen und schöner und richtiger leben und auch uns mehr zur Freude. Dieses nun ist genug, den unsrigen von uns zu melden. Der Stadt aber möchten wir auftragen, daß sie sowohl für unsere Väter als für unsere Kinder sorge, diese sittig erziehend, jene würdig pflegend im Alter; nun aber wissen wir, daß, wenn wir es ihr auch nicht auftragen, sie doch dafür gehörig sorgen wird.>

Dieses also, ihr Väter und Kinder der Gebliebenen, haben jene uns aufgegeben euch zu vermelden, und ich, so treu ich kann, vermelde es euch und bitte selbst noch in jener Namen, die einen, daß sie die Ihrigen nachahmen, die andern, daß sie unbesorgt sind für sich, weil wir schon jeder für sich und von Staats wegen euer Alter pflegen und versorgen werden, wo nur jeder irgendeinen antreffen möge, der jenen angehört. Die Vorsorge des Staates aber kennt ihr ja selbst, wie er Gesetze gegeben hat wegen der Kinder und Erzeuger der im Kriege Gebliebenen und sich ihrer annimmt, und wie vor allen übrigen Bürgern eine Obrigkeit, welche die höchste ist, den Auftrag hat zu verhüten, daß den Vätern und Müttern von diesen etwas Unrechtes widerfahre; die Kinder aber hilft er selbst erziehen und sorgt dafür, daß ihnen ihr Waisentum möglichst nicht fühlbar werde, indem er sich selbst an Vaters Stelle setzt, solange sie noch Kinder sind, hernach aber, wenn sie zur Mannbarkeit gelangt sind und er sie in ihr Eigentum entläßt, ihnen dann eine vollständige Rüstung verehrt, um sie hinzuweisen und zu erinnern an des Vaters Bestrebungen, indem er auch ihnen die Werkzeuge der väterlichen Tugend darreicht und zugleich der guten Vorbedeutung wegen sie anfangen läßt, den väterlichen Herd kräftig zu beherrschen, mit Waffen geschmückt. Die Gebliebenen selbst aber hört er nie auf zu ehren, indem er jedes Jahr für sie alle gemeinsam das Übliche vollzieht, was auch jeder einzelne besonders für sich erlangt, und überdies Kampfspiele einsetzt in der Entfaltung der körperlichen Stärke und in der Reitkunst und in der gesamten Musenkunst und sich ordentlich den im Kriege Gebliebenen sogar an Erben und Kindes Statt darstellt, den Söhnen aber an Vaters Stelle und den Eltern und dergleichen als Versorger, allen allezeit alle Sorgfalt erweisend. Dieses bedenkend, müßt ihr das Schicksal in milderem Geiste ertragen; denn den Toten und den Lebenden werdet ihr so am liebsten sein und werdet am leichtesten pflegen sowohl als gepflegt werden. Nun aber, ihr sowohl als die übrigen insgesamt, nachdem ihr gemeinsam dem Gesetz gemäß die Gebliebenen betrauert habt, tretet ab."

Dieses also, o Menexenos, ist die Rede der Milesierin Aspasia.

MENEXENOS: Beim Zeus, o Sokrates, glücklich ist Aspasia, wenn sie als eine Frau solche Reden imstande ist auszuarbeiten!

SOKRATES: Wenn du es nicht glaubst, so komm mit mir, dann kannst du sie selbst vortragen hören.

MENEXENOS: Ich bin schon oft mit der Aspasia zusammengewesen, o Sokrates, und weiß recht gut, was für eine Fiau sie ist.

SOKRATES: Wie also? Bewunderst du sie nicht und weißt ihr jetzt Dank für die Rede?

MENEXENOS: Gar vielen Dank, o Sokrates, weiß ich für diese Rede, ihr oder ihm, wer immer sie dir mitgeteilt hat, und außerdem vor vielen andern Dank dir, der sie mir gesagt hat.

SOKRATES: E wäre gut, wenn du mir nur das nicht nachsagtest, damit ich dir auch in Zukunft noch viele schöne Staatsreden von ihr mitteilen kann.

MENEXENOS: Sei ruhig, ich werde nichts nachsagen, bringe sie mir nur.

SOKRATES Das soll geschehen.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002