Die berühmte Aspasia, Perikles zweite Frau: Plutarch, Perikles, 24 f. und 31 f.

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Bioi paralleloi: Perikles. Plutarch, Lebensbeschreibungen, Gesamtausgabe, mit der Übersetzung von Johann Friedrich Kaltwasser (1799 - 1806) in der Bearbeitung von Hans Flörke (1913) in der Revision von Ludwig Kröner, München um 1960, Bd. 1, S. 340 - 342, 348 - 350.

24. Nachdem hierauf zwischen den Athenern und Lakedaimoniern ein Friede auf dreißig Jahre zustaude gekommen war, ließ Perikles den Seezug gegen Samos beschließen, unter dem Vorwande, daß die Samier den Befehl, den Krieg mit den Milesiern zu beenden, nicht befolgt hätten. Man glaubt aber, daß er den Krieg gegen Samos der Aspasia zuliebe unternommen habe; daher ist es hier vielleicht an der Zeit, näher zu untersuchen, welche außerordentliche Kunst, welche besondere Gewalt diese Frau besessen hat, daß sie sich die größten Staatsmänner zu Willen machte und selbst den Philosophen viel Stoff gab, von ihr des Lobes voll zu sprechen.

Apasia , darin sind alle einig, war in Milet geboren und und eine Tochter des Axiochos. Man sagt ihr nach, daß sie eine gewisse Thargelia, eine der älteren Ionierinnen, zum Vorbild genommen und sich nur für die mächtigsten und angesehensten Männer interessiert habe. Denn diese Thargelia, eine Frau von ungemeiner Schönheit, die bei ihren Reizen eine besondere Gewandtheit des Geistes besaß, hatte mit vielen Griechen in vertrautem Umgang gelebt, alle ihre Liebhaber für den Großkönig gewonnen, und durch sie, als die größezn und mächtigsten Männer, den Samen der medischen Partei in den griechischen Städten Kleinasiens ausgestreut. Wie einige glauben, wurde Aspasia von Perikles bloß wegen ihrer Weisheit und Staatsklugheit geschätzt; denn auch Sokrates besuchte sie zuweilen mit seinen Schülern, und ihre Bekannten nahmen oft ihre Frauen mit zu ihr, um sie zu hören, obgleich sie eben kein ehrbares oder anständiges Gewerbe trieb, sondern eine Menge Hetären unterhielt. Aischines, sagt, der Viehhändler Lysikles sei dadurch, daß er nach Perikles Tode mit Aspasia Umgang hatte, aus einem schlechten und verachteten Menschen einer der angesehensten Männer in Athen geworden. Und in dem 'Menexenos' des Platon liegt, so scherzhaft auch der Anfang dieses Gesprächs ist, wenigstens so viel historische Wahrheit, daß diese Frau in dem Rufe stand, der Beredsamkeit wegen von vielen Athenern besucht zu werden.

Bei alledem ist nicht zu leugnen, daß der Neigung des Perikles zu Aspasia mehr eine wirkliche Liebe zugrunde lag. Denn er hatte [ursprünglich] eine Verwandte zur Gemahlin, die vorher mit dem Hipponikos vermählt gewesen war und von diesem den reichen Kallias geboren und dann auch mit Perikles zwei Söhne, Xanthippos uni Paralos, hatte. Da aber diese Verbindung beiden nicht gefiel, gab er sie mit ihrer Einwilligung einem anderen zur Frau und nahm nun selbst die Aspasia, die er auf das zärtlichste liebte, so daß er sie, wie man sagt, alle Tage, wenn er auf den Markt ging und wenn er wieder nach Hause kam, umarmte und küßte. In den Kömödien wird sie [übertreibend sogar ] die neue Omphale, Deianeira, zuweilen auch Hera genannt. Kratinos heißt sie - noch mehr übertreibend - eine 'Dirne', und zwar in folgender Stelle:

"Und ihm ward dann geboren Hera Aspasia,
Die geile Dirne mit den unverschämten Augen."

Perikles scheint mit ihr einen unehelichen Sohn gezeugt zu haben, nach welchem Eupolis [auf gehässige Weise] in dem Schauspiel 'Demoi' ihn also fragen läßt:

"Wie? lebt noch mein Bastard?"

worauf Pyronides also antwortet:

"Er wäre längst ein [angesehener] Mann,
fürchtete er nicht
die Schande [seiner Abstammung]
von einer Hure."

Aspasia soll jedoch in einem so großen und allgemeinverbreiteten Rufe gestanden haben, daß sogar Kyros, der dem Könige von Persien den Thron streitig machte, der geliebtesten unter seinen Beischläferinnen, die eigentlich Milto hieß, den Namen Aspasia beilegte Diese war aus Phokaia gebürtig, eine Tochter des Hermotimos, und wurde, nachdem Kyros in einem Treffen gefallen war, dem [Groß-] König zugeführt, bei dem sie zu großem Ansehen gelangte. Dieses nur nebenher; es wäre vielleicht gefühllos gewenen, wenn ich es als geringfügig mit Stillschweigen ühergangen hätte.

25. Man wirft also dem Perikles vor, daß er hauptsächlich auf Bitten der Aspasia, d. h. der Milesier wegen, den Krieg gegen Samos unternummen habe. ...

31. ... Der Bildhauer Pheidias hatte, wie schon oben erwähnt wurde, die Anfertigung der Statue der Athena übernommen. Da er ein Freund von Perikles war und bei ihm sehr viel vermochte, hatte er schon deshalb eine Menge Feinde und Neider; außerdem aber wollten einige gern an ihm einen Versuch machen, wie das Volk bei einer Anklage des Perikles sich verhalten würde, und stellten den Menon, einen von Pheidias Gehilfen, an, daß er sich als Schutzflehender auf den Markt setzen und wegen einer gegen Pheidias anzustrengenden Klage um Sicherheit bitten solle. Das Volk gewährte ihm diesen Schutz, und nun wurde die Sache in einer Volksversammlung formal untersucht, ohne daß sich dem Pheidias jedoch der geringste Unterschleif nachweisen ließ. Denn er hatte gleich anfangs auf Perikles Rat das Gold so geschickt an der Bildsäule befestigt, daß es leicht ganz abgenommen und gewogen werden konnte, was Perikles denn auch bei diesem Rechtsstreit die Kläger tun hieß. Aber das, was Pheidias Neid und Verfolgung zuzog, war der Ruhm seiner Werke, hauptsächlich weil er in dem auf dem Schilde dargestellten Streite mit den Amazonen sich selbst in der Gestalt eines kahlköpfigen Greises, der mit beiden Händen einen Stein in die Höhe hob, abgebildet und auch das schön getroffene Bild Perikles, der gegen die Amazonen stritt, mit angebracht hatte. Die Lage der Hand, die einen Speer vor Perikles Gesicht hält, ist mit viel Kunst gemacht und scheint die von beiden Seiten in die Augen fallende Ahnlichkeit verdecken zu wollen. Pheidias wurde daher ins Gefängnis geführt, in dem er an einer Krankheit starb, oder, wie einige meinen, an Gift, das ihm seine Feinde, um Perikles in üblen Ruf zu bringen, beigebracht hatten. Dem Anstifter Menon verlieh das Volk, auf Glykons Vorschlag, Befreiung von allen Abgaben und befahl dabei den Feldherren, für die Sicherheit des Mannes zu sorgen.

32. Um ebendiese Zeit wurde auch Aspasia wegen Gottlosigkeit gerichtlich belangt, wobei der Komödiendichter Hermippos Klage führte und sie noch dazu beschuldigte, daß sie freigeborene Frauen, die mit Perikles verbotenen Umgang hätten, [kupplerisch] bei sich aufnähme. Diopeithes stellte nun den Antrag, daß alle, die die eingeführte Religion verachteten und [traditionswidrige] Ansichten über die himmlischen Dinge vortrügen, angeklagt werden sollten, wodurch er den Perikles wegen [seines Freundes, des Naturphilosophen] Anaxagoras wegen in Verdacht zu bringen suchte. Vom Volk, das allen derartigen Verleumdungen willig Gehör gab, wurde weiterhin ein von Drakontides vorgeschlagener Beschluß bestätigt, daß Perikles seine Rechnungen über das verwendete Geld vor den Prytanen ablegen, die Richter aber ihre Stimmsteinchen vom Altar nehmen und in der Stadt das Urteil über ihn sprechen sollten. Agnon beseitigte jedoch diesen Punkt aus der Beschlußvorlage und setzte dafür hinein, die Untersuchung solle vor fünfzehnhundert Richtern geschehen, wenn jemand wegen Unterschleif, wegen Bestechungen oder anderer Ungerechtigkeiten eine Klage anbringen wolle.

Perikles rettete [in dieser schwierigen, durch kombinierte Intrigen gegen ihn entstandenen Lage] die Aspasia aber dadurch, daß er, wie Aischines sagt, bei dem Verhör reichlicheTränen vergoß und sich mit Bitten an die Richter wandte; aber er sah sich genötigt, den [Ausländer] Anaxagoras fortzuschicken, und begleitete ihn zur Stadt hinaus. Da er jedoch wegen Pheidias den Unwillen des Volkes einmal erregt hatte, hatte er weiterhin vom Gericht Schlimmes zu befürchten, und deswegen ließ er den erwarteten, schon unter der Asche glimmenden Krieg in volle Flammen ausbrechen, in der Hoffnung, alle Beschuldigungen auf diese [konfrontative] Weise zu zerstreuen und den Neid zu unterdrücken, weil letztlich die Stadt in dringenden Angelegenheiten und Gefahren sich ihm allein wegen seiner Macht und seines Ansehens in die Arme werfen müßte. ...


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002