Theodora, die Gattin des Kaisers Justinian, aus kaiserkritisch-polemischer Sicht: Prokop, Anekdota 9. 10. 15 - 17.

Deutsche Übersetzung aus:Prokop, Werke, Anekdota. Griechisch - deutsch, ed. Otto Veh,München 1979, S. 77 - 93 und 129 - 153.

9. Kap. [Herkunft und Vorleben Theodoras]

Dies war, so gut wir es berichten können [scil. es geht um eine maßlos polemische Darstellung angenommener Charaktermängel, Fehlleistungen und Verbrechen dieses Kaisers], Justinians Wesensart. Er hatte auch eine Gemahlin. Wie es um Herkunft und Erziehung dieses Weibes stand und wie es nach seiner Vermählung mit Justinian das Römerreich von Grund auf zerstörte, will ich jetzt darlegen. In Byzanz lebte ein gewisser Akakios, von Beruf Tierwärter - Bärenfütterer wird er genannt - hei der grünen Pertei. Dieser Mann starb unter der Regierung des Anastasios an einer Krankheit und hinterließ drei Mädchen, Komito, Theodora und Anastasia, das älteste noch nicht sieben Jahre alt. Die Witwe heiratete wieder; nach ihrer Absicht sollte der neue Ehegatte gemeinsam mit ihr das Hauswesen und die genannte Tätigkeit weiterführen. Doch Asterios, der Zirkusmeister der Grünen, ließ sich von einem Dritten bestechen, jagte die beiden kurzerhand aus ihrer Stellung und nahm dafür diesen in Dienst. Die Zirkusmeister konnten ja in derlei Dingen nach Gutdünken verfahren. Wie nun die Frau das ganze Volk im Zirkus versammelt sah, legte sie ihren Mädchen Binden ums Haupt und in die Hand und setzte sich hilfesuchend nieder. Die Grünen ließ das kalt; die Blauen hingegen übertrugen ihnen dieses Amt, da auch ihr Tierwärter jüngst gestorben war. Als nun die Mädchen heranwuchsen - es waren reizende Geschöpfe -, schickte sie die Mutter sofort auf die Bühne, nicht alle zugleich, sondern erst, wenn eine jede ihr für diese Beschäftigung alt genug erschien. Komito, die Älteste, hatte sich schon durch Schönheit unter ihren Genossinnen einen Namen gemacht; Theodora, die Zweitgeborene, trug ein kurzes, langärmeliges Gewand, wie es Sklaven haben, mußte ihrer Schwester in allem als Dienerin folgen und auf ihren Schultern auch den Schemel tragen, auf dem Komito bei den Darbietungen zu sitzen pflegte. Damals konnte sich Theodora, für intimen Verkehr mit Männern noch nicht reif, zwar noch nicht als Frau betätigen; doch hielt sie dies nicht ab, mit üblen Burschen wie ein Lustknabe schmählichen Umgang zu pflegen, und dies mit Sklaven, die ihren Herrn ins Theater begleiteten und als Nebenbeschäftigung in diesem günstigen Augenblick solche Schandtat begingen. Mit dieser widernatürlichen Preisgabe ihres Körpers brachte sie ziemlich lange Zeit in einem Bordell zu. Sobald sie erwachsen und reif war, ging sie gleich unter die Schauspielerinnen und wurde eine gewöhnliche Hetäre, eine 'Hetäre zu Fuß', wie die Alten sagten. Sie konnte ja weder Flöte blasen noch Laute schlagen, nicht einmal als Tänzerin war sie ausgebildet, sie mußte vielmehr ihre Schönheit allein unter Einsatz aller körperlichen Reize dem Nächstbesten hingeben. Später nahm sie an mimischen Darbietungen teil, trat sogar als Schauspielerin auf und wirkte bei verschiedenen Possen mit. Sie war nämlich sehr nett und witzig und erregte dadurch in Kürze allgemeine Aufmerksamkeit. Nie kannte das Weib irgendwelche Scham, und niemals sah sie irgendeiner verlegen; ohne jedes Bedenken fand sie sich zu unzüchtigen Dienstleistungen bereit und hatte solch minderen Charakter, daß sie trotz Prügel und Ohrfeigen noch vergnügt scherzte und hell auflachte. Sie entblößte Vorder- und Hinterteil und zeigte dem Nächstbesten unverhüllt, was Männern verborgen und unsicht bar sein sollte.

Mit den Liebhahern trieb sie ihr Spiel, indem sie sich als die Spröde zeigte. Sie ergötzte sich auch an immer neuen Kunstmitteln der Wollust und wußte so die Lebemänner dauernd an sich zu ketten. Denn von niemandem ließ sie sich verfuhren. Mit herausforderndem Lachen und wie ein gemeiner Possenreißer sich in den Hüften wiegend, verführt sie ihre Opfer, besonders die Halbstarken. Nirgends war eine Frau jeder Art von Lust so unterworfen. Mi zehn oder mehr jungen Männern auf der Höhe ihrer Kraft, die selber Wollust als Tagewerk betrieben, ging sie oft zu einem gemeinschaftlichen Mahl und schlief dann bei sämtlichen Gästen die ganze Nacht hindurch. Wenn aber alle davon genug hatten, suchte dieses Weib noch deren Sklaven auf, etwa dreißig an Zahl, und schlief bei jedem einzelnen von ihnen. Auch dann bekekam sie dieses Schandleben nicht satt.

Einmal soll sie in einem vornehmen Hause während eines Zechgelages vor aller Augen auf die Kante des Speisesofas gesprungen sein hemmungslos die Kleider von ihren Beinen emporgerafft und ihre Schamlosigkeit offen zur Schau gestellt haben. Obwohl sie mit drei Öffnungen ihrem Gewerbe' nachging, machte sie der Natur doch bittere Vorwurfe, daß diese ihr nicht auch die Brüste so erweitert habe, um damit noch eine weitere Art von Beischlaf halten zu können. Immer wieder war sie schwanger, doch vermochte sie durch alle möglichen Kunstgriffe die Frucht sofort wieder abzutreiben.

Sie kleidete sieh wiederholt auch im Theater vor den Augen des ganzen Publikums aus und trat so mitten auf die Bühne. Lediglich um die die Häfte und Brust trug sie eine Binde, nicht etwa weil sie sich schämte, auch iliese Teile dem Volke zu zeigen, sondern weil niemand dort völlig nackt auftreten darf; man muß wenigstens umdic Brtist eine Binde haben. Mit dieser Bekleidung lag sie ausgestreckt rücklings aif dem Boden. Einige Bühnenarbeiter streuten über den Schoß Gcrstenkörner, und die Gänse, die dazu abgerichtet waren, pickten sie mit ihren Schnäbeln einzeln auf. Theudora aber schämte sich dessen nicht im mindesten, im Gegenteil, man konnte den Eindruck gewinnen, als tue sie sich darauf noch etwas zugute. Sie war ja nicht nur schamlos, sondern verdarb auch noch die anderen in übelster Weise. Oft stand sie unbekleidet mitten unter den Schauspielern auf der Bühne und gab mit vorgewölbtem Bauch und herausgerecktem Hinterteil vor ihren Liebhabern und denen, die ihr noch nicht nahe gekommen waren, ihre gewohnten Ringerkünste zum besten. So wenig achtete sie ihren Körper, daß sie die Scham nicht wie die anderen Frauen an ihrem natürlichen Platze, sondern im Gesicht zu tragen schien. Bei ihren Liebhabern gab es vom ersten Augenblick an keinerlei Zweifel, daß sie nur einen widernatürlichen Umgang pflegten. Alle besseren Leute aber, die ihr auf offenem Markte begegneten, machten mit Absicht einen Bogen und gingen ihr aus dem Wege, um nur ja nicht den Eindruck zu erwecken, als hätten sie ein Kleidungsstück dieses Weibes berührt und sich dadurch befleckt. Wer sie sah, zumal bei Tagesanfang, deutete dies als übles Vorzeichen. Gegen ihre Mitschauspielerinnen zeigte sie stets wildeste Gehässigkeit; denn ihr Neid war vielseitig.

Späterhin begleitete sie den Hekebolos aus Tyros, den Statthalter der Pentapolis, um ihm schimpflichste Dienste zu leisten, verdarb es jedoch mit dem Manne und mußte sich eiligst aus dem Staube machen. Dadurch geriet sie in bittere Not und war weiterhin wie bisher genötigt, ihren Lebensunterhalt als Prostituierte zu verdienen. Zuerst führte sie ihr Weg nach Alexandreia. Dann durchzog sie den ganzen Osten und kam am Ende wieder nach Byzanz, wobei sie ihr Gewerbe in jeder Stadt ausübte. Wer diese einzeln nennen wollte, würde sich wohl die Ungnade Gottes zuziehen; denn der Teufel konnte es nicht mit ansehen, daß ein Ort von Theodoras Zügelosigkeit nichts wissen wollte.

So war also dieses Weib geboren, erzogen und bei vielen Huren und allen Menschen im Gerede. Nach ihrer Rückkehr nach Byzanz verliebte sich Justinianos maßlos in sie und erhob sie ins Patriziat, obschon er sie zunächst nur als Geliebte gehabt hatte. Dadurch konnte sie sogleich gewaltige Macht und viel Geld gewinnen. Denn Justinianos fand es für das schönste - so geht es in der Regel maßlos Verliebten -, alle möglichen Gefälligkeiten und Geldmittel seiner Geliebten zuzuwenden. Letztlich entflammte aber doch nur die Frage der Staatsführung diese Liebe zur hellen Glut; denn im Verein mit Theodora konnte Justinianos das Volk noch viel mehr verderben, nicht allein hier in Byzanz, sondern im ganzen Römerreich. Beide gehörten ja seit langer Zeit schon einer der Parteien, den Blauen, an und sicherten diesen Aufrührern einen großen Spielraum im Staatsleben. Erst nach vielen Jahren ließ das Übel in seiner schlimmsten Form etwas nach, und das kam auf folgcnde Weise.

Justinian war längen Zeit krank, und sein Zustand verschlechterte sich derart, daß man ihn sogar schon für tot erklärte; die Terroristen aber setzten ihre früher erwähnten verbrecherischen Anschläge fort und töteten einen gewissen Hypatios, einen angesehenen Mann, am hellen Tag in der Sophienkirche. Kau war die Tat geschehen, so drang auch schon die Schreckeuskunde bis zum Kaiser. Seine ganze Umgebung - sie machte sich Justinians Abwesenheit zunutze - hob nachdrücklich das Abstoßende dieses Verbrechens hervor und zählte der Reihe nach auf, was an derartigen Vergehen bisher geschehen sei. Da beauftragte der Kaiser den Stadtpräfekten, alle Schldigen zu belangen. Dieser Stadtpräfekt hieß Theodotos, mit dem Beinamen 'Kolokynthios' [d. h. 'kleiner Kürbis', 'Kürbismann'). Nach genauen Untersuchungen konnte dieser tatsäclich eine große Anzahl von Verbrechern verhaften und nach dem Gesetz aburteilen lassen. Viele hielten sich freilich versteckt und kamen auf diese Weise mit dem Leben davon. Denn erst in der Folgezeit sollten die Schurken den Römern zum Heil ihren Lohn finden. Ganz unvermutet kam aber Justinian plötzlich wieder zu Kräften, und sein erster Gedanke war, den Theodotos als Zauberer und Giftmischer dem Henker zu überliefern. Da es ihm jedoch an einem geeigneten Vorwande fehlte, um dem Manne beizukommen, ließ er einige seiner Anverwandten aufs härteste foltern und die widersinnigsten Aussagen über ihn erpressen. Schon gingen alle dem Theodotos aus dem Wege und wagten nur in aller Heimlichkeit seinen Sturz zu bedauern. Einzig uml allein der Quastor Proklos hatte den Mut zu erklären, der Mann sei unschuldig und verdiene daher auch nicht den Tod. So wurde Theodotos auf kaiserlichen Entscheid nur nach Jerusalem verbannt. Er mußte dort freilich hören, daß einige gedungene Mörder eingetroffen seien. Aus diesem Grunde hielt er sich die ganze Zeit über im Kloster versteckt, und lebte so bis zu seinem Ende.

Das war das Schicksal des Theodotos. Die Terroristen aber nahmen von diesem Augenblick Vemunft an. Denn sie verzichteten weiterhin auf solche Vergehen, obschon ein zügelloses Leben für sie mit keiner Gefahr verbunden war. Zum Beweis diene folgendes. Als späterhin einige wenige die gleiche Frechheit an den Tag legten, blieben sie ungestraft. Die jeweiligen Gerichtsberrn nämlich gaben diesen Verbrechern die Möglichkeit, durchzusehlüpfen, und verleiteten sie durch ihr Entgegenkommen dazu, die Gesetze mit Füßen zu treten.

Solange die alte Kaiserin noch am Leben war, war es für Justinian völlig unmöglich, Tlieodora zu seinem ehelichen Weibe zu machen. Denn in diesem einzigen Punkte blieb jene unnachgiebig, während sie ihm sonst keinen Widerstand leistete. Schlecht war diese Frau ja ganz und gar nicht, wohl aber, wie schon gesagt, recht bäurisch und von barbarischer Herkunft. Sie besaß keinerlei Fähigkeiten, und so lagen ihr Staatsgeschäfte durchaus fern. Nicht einmal ihren ursprünglichen Namen - er klang zu lächerlich - konnte sie beibehalten, als sie in den Kaiserpalast einzog. Sie hieß jetzt Euphemia. Nach einer Weile starb die Kaiserin. Justinos aber, ein Schwachkopf und uralter Mann, ward zum Gespötte seiner Untertanen, und da er die Vorgänge nicht verstand, so übergingen ihn alle voll Geringschätzung. Doch vor Justinian zitterten sie und waren ihm zu Diensten. Denn unstet und neuerungssüchtig wie er war, zerstörte er alle Ordnung. Um diese Zeit entschloß sich Justinian, sich mit Theodora zu verloben. Da aber ein Senator keine Hetäre heiraten durfte - die ältesten Gesetze verboten dies -, bewegte er den Kaiser dazu, ein neues Gesetz zu geben, und seitdem war er mit Tbeodora als seiner rechtmäßigen Gattin vermählt. Auch allen anderen gestattete er die Heüat mit Hetären. Ein Usurpator, maßte er sich die Rechte des Kaisers an, wobei er unter dem Vorwand, eingreifen zu müssen, sein gewalttätiges Vorgehen verbarg. Tatsächlich riefen ihn alle maßgebenden römischen Persönlichkeiten zum Mitregenten seines Onkels aus, wobei freilich nur bebende Angst sie zu dieser Entscheidung bestimmte. Die Kaiserwürde empfingen Justinian und Theodora drei Tage vor dem Osterfest, da man doch keinen Freund empfangen, ja nicht einmal einen Friedensgruß sprechen soll. Bald darauf starb Justinos an einer Krankheit, nachdem er neun Jahre regiert hatte, und die Kaiserwürde lag nun allein bei Justinian und Theodora.

10. Kap. [Theodoras Eintritt in die große WeIt; ihr Zusammenspiel mit Justinian]

Das war wie gesagt die Herkunft, die Erziehung und Ausbildung Theodoras, und damit gelangte sie völlig ungehindert bis zur Kaiserwürde. Ihr Gatte hatte ja keine Vorstellung von der Schmach, die er damit allen antat; hätte er doch im ganzen Römerteich seine Wahl treffen und zu seiner Ehefrau das vornehmste Mädchen machen dürfen, das seine Erziehung in aller Stille erfahren hatte, Ehrgefühl. dazu Verstand und blendende Schönheit besaß, eine reine Jungfrau. eine Orthotitthos ['mit aufrechten Brusten'], wie man sagt. Justinian enthlödete sich indessen nicht, ohne Rücksicht auf das Ebenerwähnte den allgemeinen Schandfleck der Welt sich zu eigen zu machen und ein Weib zu nehmen, das unter anderen schrecklichen Vergehen auch vielfachen Kindsinord durch freiwillige Abtreibung begangen hatte. Weiteres über die Art dieses Menschen zu berichten halte ich für völlig unnötig. Denn alle seine seelischen Empfindungen dürfte dieser Ehebund hinlänglich dartun, Dolmetscher, Zeuge und zugleich Biograph seines Charakters. Denn wer ohne Schamgefühl für seine Taten sich erfrecht, allen ins Gesicht zu schlagen, der geht jeden Weg der Gesetzlosigkeit, der trägt stets die Verworfenheit auf der Stirne und läßt sich spielend leicht und muhelos zu schmntzigsten Taten herbei. Aber freilich kein einziges Mitglied des Senates wagte, als es den Staat in solche Schande geraten sah, seine Fmpörung auszudrücken und so etwas zu verbieten, nein, gleich Gott wollten ihr alle fußällig ihre Unterwürfigkcit ausdrücken. Auch Priester ließen nichts von ihrer Empörung merken, und dabei hatten sie das Weib als "Herrin" anzureden. Das Volk, ihr früheres Publikum, fand ehenfalls nichts dabei, ohne weiteres sogleich ihren Sklaven zu spielen und mit zurückgebogenen Händen sich selbst als solchen zu bezeichnen. Auch kein Soklat war darüber ergrimmt, wenn er nun für Theodoras Sache Kriegsgefahren auf sich nehmen sollte, nein, überhaupt kein Mensch trat ihr entgegen. sondern alle, wie ich glaube, ließen dabei dem Schicksal freien Lauf und diese Schmach geschehen, wie wenn die Tyche ihre Macht hätte zeigen wollen, die Tyche, die doch alle Menschendinge leitet und sich ganz und gar nicht darum bekümmert, ob das Geschehen sittlich einwandfrei oder jeder Vernunft zu widersprechen scheint. In sinnloser Geberlaune erhebt sie ja manchen über alle Widerstände hinweg zu gewaltiger Höhe, und nichts vermag sie dabei zu hemmen. Unbeirrt geht sie ihren vorbezeichneten Weg, wobei ihr alles bereitwillig Platz macht und ihrer Bahn folgt. Das soll sich aber nun so vefhalten und gesagt sein, wie es Gott gefällt!

Theodora war übrigens schön von Angesicht und auch sonst anmutig, von kleiner Statur und von nicht ausgesprochen, sondern nur leicht blasser Hautfarbe. Ihr Blick war immer wild und scharf. Wollte man ihre sämtlichen Erlebnisse auf dem Theater erzählen, so wäre in aller Ewigkeit kein Ende zu finden. Ich habe im Vorausgehenden ein paar Proben ausgewählt und glaube so ihre ganze Wesensart den kommenden Gsehlechtern hinreichend enthüllt zu haben. Nun muß ich ihr und ihres Mannes Wirken in Kürze darlegen; denn solange sie lebten, tat keiner etwas ohne den andern. Lange Zeit bestand ja bei allen der Eindruck, sie verfolgten in ihrem Denken und Handeln gegensätzliche Richtungen, späterhin mußte man freilich darin einen wohlöberdachten Plan erkennen, daráuf abgestellt, daß die Untertanen nicht gemeinsame Sache gegen sie machten; die Einstellung gegen sie sollte vielmehr geteilt sein.

Zuerst entzweiten sie die Christenheit, indem sie so taten, als gingen sie bei Streitigkeiten verschiedene Wege. Dadurch erst riefen sie, wie ich im folgenden noch berichten will, eine allgemeine Spaltung hervor. Später entzweiten sie erneut die Aufrührer. Theodora gefiel sich dabei in der Rolle, als trete sie mit aller Macht für die Blauen ein, und indem sie ihnen freie Hand ließ, ermöglichte sie roheste Verbrechen und schlimmste Gewalttaten. Justinian hingegen erweckte den Eindruck, als sei er insgeheim mit all dem gar nicht einvertanden, müsse sich aber den Befehlen seiner Frau beugen. Vielfach wechselten sie auch den Schein der Macht und schlugen entgegengesetzte Wege ein. Dann erklärte Justinian, die Blauen als Verbrecher belangen zu wollen, Theodora aber spielte nur zum Schein die Grollende, wenn sie voller Schmerz erklärte, sehr wider ihren Willen habe sie sich ihrem Manne fügen mussen.

Die Terroristen unter den Blauen zeigten sich indessen, wie gesagt, als ganz vernünftige Menschen; viele Miglichkeiten zu Gewalttaten hätten sie gehabt, verzichteten aber darauf, irgendeinen Gebrauch davon zu machen. Bei den Prozessen nun erweckte jede der Majestäten den Eindruck, als helfe sie einer Partei, den Sieg freilich errang - wie hätte es auch anders sein können ? - der Vertreter der ungerechten Sache. So waren die beiden imstande, den größten Teil der Streitsummen für sich einzustreichen. Viele, die der Kaiser zu seiner Umgebung zählte, ließ er nach Herzenslust Gewalttaten und Staatsverbrechen begehen. Sowie sie aber zu großem Reichtum gelangt schienen, zogen sie sich wegen angeblicher Beleidigung die Ungnade der Kaiserin zu. Anfänglich nahm sich der Kaiser ihrer nachdrücklich an, später jedoch entzog er ihnen seine Huld und erlahmte plötzlich in seinem Eifer. Und sogleich sprang die Kaiserin aufs übelste mit ihren unglücklichen Opfern um; dabei tat Justinian so, als merke er nichts, zog aber deren gesamtes Vermögen auf unverschämte Art und Weise ein. Mit solchen Kniffen konnten die beiden, indem sie sich in die Hände arbeiteten, nach außen hin freilich einen Gegensatz markierten, die Untertanen entzweien und ihre Gewaltherrschaft umso fester begründen.

15. Kap. [Theodoras Lebensweise, ihre Grausamkeit und Menschenverachtung]

So war es um Justinian bestellt. Theodoras Sinn aber hatte sich ganz offensichtlich in unerbittlicher Grausamkeit verhärtet. Niemals ließ sie sich in ihrem Handeln durch fremde Überredungskunst oder Gewalt bestimmen, eigenwillig führte sie ihre Entschlüsse mit allem Nachdruck durch, ohne daß einer den Mut fand, das Opfer ihrer Ungnade zu retten. Denn weder Länge der Zeit noch Sättigung an Rache, kein Hilfsmittel flehender Bitte, keine Todesdrohung, die vom Himmel auf das ganze Menschengeschlecht zu fallen drohte, gar nichts konnte irgendwie ihren Zorn besänftigen. Mit einem Wort, niemand hat es erlebt, daß Theodora sich je mit einem Feinde versöhnte, auch nicht wenn er tot war; dann mußte der Sohn des Verstorbenen eben den Groll der Kaiserin wie sonst ein väterliches Erbstück übernehmen und ins dritte Geschlecht mit hinüberschleppen. Allzu leicht war ja ihr Herz für Menschenmord zu haben, von Versöhnung und Nachgiebigkeit wußte es nichts.

Ihren Körper pflegte sie mehr als nötig, doch weniger, als sie selbst gewünscht hätte. Auf schnellstem Wege ging sie ins Bad, sehr spät und erst nach ausgiebigem Gebrauch verließ sie es wieder und begab sich dann zum Frühstück. Hierauf pflegte sie wieder der Ruhe. Beim Frühstück und sonstigen Mahle nahm sie jede Art von Speisen' und Getränken zu sich. Sie pflegte sehr lange zu schlafen, untertags bis zum Anbruch der Dunkelheit, nachts bis Sonnenaufgang. Obschon so die Kaiserin jeder Art von Unmäßigkeit verfallen war, glaubte sie doch in derart wenigen Stunden des Tages, die ihr blieben, das ganze Römerreich regieren zu können. Und wenn der Kaiser wider ihren Willen irgend jemand einen Auftrag erteilte, mußte dieser Mensch damit rechnen, daß er kurz darauf seine Stellung in schimpflicher Weise verlor und aufs ehrloseste beseitigt wurde.

Für Justinian waren alle Unternehmungen ein leichtes, nicht weil er ein kluger Kopf war, sondern weil er, wie [früher] gesagt, sehr wenig schlief und jedermann Audienz gewährte. Selbst ganz schlichte und einfache Leute hatten volle Freiheit, diesem Tyrannen nicht nur zu begegnen, sondern auch mit ihm zu sprechen und sogar insgeheim zusammenzukommen. Bei der Kaiserin hingegen fand selbst ein hoher Beamter nur nach langer Zeit und vieler Mühe Zugang. Wie Sklaven mußten sie jeweils in einem erdrückend engen Zimmer die ganze Zeit über auf der Lauer liegen; denn die Möglichkeit, übergangen zu werden, war für jeden Würdenträger ein furchtbarer Gedanke. So stellten sie sich dauernd auf die Zehenspitzen, jeder bestrebt, seinen Kopf über den der Nebenstehenden zu strecken, damit ihn ja die Eunuchen, wenn sie von drinnen herauskamen, auch sahen. Nur mit Mühe und erst nach vielen Tagen wurden einige vorgelassen. Zitternd und zagend traten sie dann ein und machten sich so rasch wie möglich wieder davon, nachdem sie lediglich ihren Fußfall verrichtet und jede Fußsohle obenhin mit der Lippe berührt hatten. Denn sprechen oder gar eine Bitte äußern durfte man nur auf ihre Aufforderung hin. In Sklaverei war ja der Staat verfallen und hatte an Theodora seine Zuchtmeisterin. So ging das Römische Reich zugrunde, da der Kaiser gar so bieder, die Kaiserin hingegen schwierig und ganz unnahbar erschien. Hinter der Biederkeit verbarg sich nämlich Unzuverlässigkeit, hinter der Unnahbarkeit aber Härte.

In ihrer Denk- und Handlungsweise schien sich ein Unterschied deutlich zu machen; doch war ihnengemeinsam: Habgier, Mordlust und allgemeine Unaufrichtigkeit. Beide kannten ja nur Lüge, und wenn es hieß, daß ein Feind Theodoras eine nicht nennenswerte Geringfügigkeit begangen habe, dann erdichtete sie völlig aus der Luft gegriffene Anklagen und machte die Sache zu einem Kapitalverbrechen. Man bekam nun eine Flut von Beschuldigungen zu hören, es gab einen Hochverratsprozeß, und die Kaiserin brachte Richter zusammen, die sich darüber streiten sollten, wer von ihnen durch grausamen Entscheid das besondere Wohlgefallen Theodoras erwerben konnte. So konfiszierte sie rasch das Vermögen ihres Gegners, und nachdem sie ihn noch ungeachtet etwaiger altpatrizischer Herkunft aufs ühelste mißhandelt hatte, bestrafte sie ihn unbedenklich entweder mit Verbannung oder Tod. Geschah es hingegen einmal, daß einer ihrer Schergen wegen Mordes oder sonst eines Kapitalverbrechens gefaßt wurde, so verspottete und verhöhnte sie den Eifer der Ankläger und zwang diese, sehr wider ihren Willen stille zu sein.

Auch die ernstesten Staatsgeschäfte wußte sie nach Laune in eine lächerliche Farce zu verwandeln, wie wenn auf der Bühne oder dem Theater ein Stück zum besten gegeben wird. Als Beispiel führe ich einen alten, langgedienten Patrizier an, dessen Name, obwohl mir gut bekannt, unerwähnt bleiben soll, damit ich ihn nicht dauernder Mißhandlung aussetze. Dieser Mann konnte von einem Diener der Kaiserin, der ihm viel Geld schuldig war, nichts zurückbekommen und wandte sich daher an sie, um seinen Vertragspartner anzuklagen und ihren Rechtsbeistand zu erbitten. Theodora hatte vorher schon davon gehört und gab nun den Eunuchen Befehl, den Patrizier gleich nach seinem Eintreten zu umringen und auf ihre Worte zu achten; und sie sagte ihnen, was sie als Refrain antworten müßten. Wie nun der Patrizier das Frauengemach betreten hatte, warf er sich der Sitte gemäß ihr zu Füßen und sprach unter Tränen: "Herrin, für einen Patrizier ist es schwer, kein Geld zu haben. Denn was anderen Menschen Nachsicht und Mitleid einbringt, wird dieser Würde zum Schaden ausgelegt. Denn jeden anderen, der sich in finanzieller Bedrängnis befindet, befreit eine entsprechende Eröffnung den Gläubigern gegenüber sogleich von allem weiteren Schulddruck; vermag jedoch ein Patrizier seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachzukommen, so muß er sich über solche Erklärung zutiefst schämen, ja, er kann überhaupt keinen Menschen je davon überzeugen, daß Armut mit dieser Würde zusammen unter einem und demselben Dache wohnt. Sollte ihm nun dieser Nachweis doch glücken, dann muß er damit rechnen, daß ihm Schimpf und Kränkung widerfahren. Herrin, ich habe es mit ´Männern zu tun, die teils meine Gläubiger, teils meine Schuldner sind. Meine Gläuhiger kann ich nun, da sie mich in aller Öffentlichkeit bedrängen, mit Rücksicht auf meine Würde nicht enttäuschen, meine Schuldner hingegen suchen - es sind ja keine Patrizier - schimpfliche Ausflüchte. Darum flehe ich dich dringendst und demütigst an: Hilf mir zu meinem Recht und befreie mich aus meiner mißlichen Lage So weit seine Worte. Die Frau aber antwortete mit Vorbedacht: "Du Patrizier da ... ", worauf der Chor der Eunuchen einfiel und rief: "... hast einen großen Bruch." Als nun der Mann seine Bitte erneut vortrug und sich ähnlich wie zuvor äußerte, da gab ihm die Frau den gleichen Bescheid, und der Chor wiederholte seinen Refrain, bis der Unglückliche aufgab, den gewohnten Fußfall machte und sich dann nach Hause entfernte.

Den größten Teil des Jahres hielt sich die Kaiserin in den Vororten am Meer auf, vor allem im sogenannten Herion. Der große Haufe ihrer Begleiter war dadurch in recht übler Lage. Sie litten Mangel an den lebensnotwendigen Dingen und waren Gefahren des Meeres ausgesetzt, zumal wenn gerade Sturm aufkam oder sich das Seeungeheuer dort drohend zeigte. Doch die Herrschaften ließ das allgemeine Unglück kalt, wenn sie nur selber im Vollen leben konnten. Wie sich Theodoras Wesensart gegen ihre Beleidiger zeigte, will ich nun sogleich darlegen, natürlich nur in knappen Andeutungen, damit man von mir nicht den Eindruck gewinnt, als ließe ich mich auf eine endlose Sache ein.

16. Kap. [Theodoras Rachsucht gegen verschiedene ihrer Feinde]

Als Arnalasuntha sich entschlossen hatte, unter Abbruch der Beziehungen zu den Goten ihr Leben zu verändern und nach Byzanz überzusiedeln - ich habe davon schon früher berichtet -, da fuhr es Theodora durch den Sinn, daß jene Frau ja patrizischer Herkunft und eine Königin sei, gar schön anzusehen und wild entschlossen in der Ausführung ihrer Pläne. Ihre imponierende Erscheinung und ausgesprocben männliche Sinnesart weckten das Mißtrauen der Kaiserin, zugleich bangte diese vor der Unbeständigkeit ihres Gemahls. So ließ Theodora ihre Eifersucht nicht in Nadelstichen fühlen, sondern bestand darauf, die Frau bis in den Tod zu verfolgen. Sogleich veranlaßte sie ihren Mann, Petros allein als Gesandten nach Italien zu schicken. Bei seiner Abreise gab ihm der Kaiser die Aufträge mit, die ich schon an den entsprechenden Stellen erwähnte; ich konnte [damals] dort freilich nicht die wirklichen Vorgänge berichten, und zwar aus Angst vor der Kaiserin. Sie befahl ihm nämlich nur das eine, die Frau möglichst schnell aus dem Wege zu räumen, und stellte bei Erfolg dem Petros reiche Entschädigung in Aussicht. Nach seiner Ankunft in Italien - die Menschennatur versteht sich ja unbedenklich zu Mord, wenn etwa ein Amt oder viel Geld winkt - richtete dieser Mann irgendeine Aufforderung an Theodahat und bestimmte ihn dadurch, Amalasuntha zu beseitigen. Auf diese Weise stieg Petros zur Würde eines Magisters und zu großer Macht auf - erntete freilich auch die bitterste Feindschaft aller.

Das war Amalasunthas Ende. Justinian hatte einen gewissen 'ab epistuli' mit Namen Priskos, einen Paphlagonier und vollendeten Schurken, der in seiner Wesensart seinem Herrn und Meister gar wohl gefallen mußte, ihm auch sehr ergeben war und gleiches von ihm erwarten durfte. Er wurde denn auch über Nacht unrechtmäßigerweise Herr über viel Besitz. Diesen Priskos schwärzte nun Theodora bei ihrem Gemahle an: Er sei zu selbstbewußt und versuche sor ihm entgegenzuarbeiten. Zunächst richtete sie nichts aus, doch ließ sie bald darauf den Mann mitten im Winter auf ein Schiff bringen, an einen bestimmten Platz schaffen und wider seinen Willen zum Priester scheren. Der Kaiser tat daraufhin so, als habe er von dem Geschehenen keine Ahnung. Er unterließ jede Nachforschung über den Verbleib des Mannes, erwähnte ihn auch nicht weiter, sondern verharrte in einer Art von gleichgültigem Schweigen. Das hinderte ihn freilich nicht, den ganzen Besitz zu plündern, von dem aber nur noch herzlich wenig übrig war.

Als einmal der Verdacht laut wurde, Theodora sei in einen ihrer Sklaven namens Areobindos verliebt, einen sehr schönen jungen Mann barbarischer Herkunft, den sie zu ihrem Schatzmeister gemacht hatte, da entschloß sie sich, der üblen Nachrede ein für allemal ein Ende zu bereiten, und ließ den Armen, obwohl sie in ihn rasend verliebt war, ohne allen Grund augenblicklich schwer mißhandeln. In der Folgezeit haben wir nichts mehr von ihm gehört, und gesehen hat ihn bis zum heutigen Tage auch keiner mehr. Denn wenn sie eine Tat verbergen wollte, dann blieb diese allen ohne Erwähnung und Erinnerung. Es durfte weder einer, der um die Sache wußte, einem Verwandten etwas dan berichten, noch vermochte ein Wissensdurstiger, wenn er sich auch die größte Mühe gab, etwas in Erfahrung zu bringen. Denn vor keinem Tyrannen hatte man seit Menschengedenken solche Angst; konnte ihr doch kein Feind entscchlüpfen. Zahllose Spione hinterbrachten ihr alles, was auf dem Markte oder in den Häusern geredet und getan wurde. Wollte sie, daß die Öffentlichkeit von der Bestrafung eines Gegners ganz und gar nichts erfuhr, wählte sie folgenden Weg: Sie ließ den Mann, sofern er zu den vornehmen Kreisen zählte, zu sich kommen, übergab ihn persönlich und allein einem einzigen ihrer Helfer und befahl, den Unglückhen in die äußersten Winkel des Römischen Reiches zu deportieren. Und Theodoras Werkzeug schleppte sein Opfer in tiefer Nacht vermummt und gefesselt aufs Schiff, begleitete es an das bestimmte Ziel, überlieferte es dort in aller Heimlichkeit dem hierfür bestellten Wächter und reiste dann wieder ab, nicht ohne den strengen Befehl, den Gefangenen mit aller Sorgfalt zu bewachen und niemand Kenntnis zu gcben, bis die Kaiserin den Armen wieder in Gnaden aufnahm oder dieser infolge der schlechten Behandlung dort lange Zeit dahinsiechend und vom Tode gezeichnet sein Ende fand.

Auch einen gewissen Basianos, einen Anhänger der grünen Partei und achtbaren jungen Mann, der sich über die Kaiserin ungünstig ausgelassen hatte, verfolgte ihr Groll. Der hörte davon und suchte Zuflucht in der Kirche des Erzengels. Sofort schickte ihm Tbeodora den Stadtpräfekten auf den Hals, befahl aber, ihn nicht wegen Majestätsbeleidigung zu belangen, sondern erhob Anklage wegen Päderastie. Und der Stadtpräfekt ließ den Mann aus der Kirche holen und fürchterlich abstrafen. Als das ganze Volk einen freigeborenen und von Jugend auf an freie Lebensweise gewöhnten Menschen so schmählich mißhandelt sah, da war es über diese Gewalttat empört, schrie wehklagend zum Himmel und forderte die Freilassung des jungen Mannes. Theodora aber züchtigte ihn noch härter. Ohne irgendeinen Beweis in Händen zu haben, ließ sie ihn entmannen, sodann töten und seinen Besitz einziehen. So gewährte, wenn dieses Weib da zürnte, kein Tempel Schutz, und kein gesetzliches Verbot, keine Bitte der Stadt vermochte offensichtlich das Opfer zu retten. Überhaupt nichts konnte ihr hemmend in den Weg treten.

Auch einen gewissen Diogenes verfolgte sie als Anhänger der grünen Partei mit ihrem Zome. Sie ließ gegen ihn, wiewohl er ein feingebildeter und überall, selbst beim Kaiser gern gesehener Mann war, Klage wegen Homosexualität erheben. Zwei seiner Sklaven gewann Theodora für diesen Zweck und stellte sie ihrem Herrn als Ankläger und Zeugen gegenüber. Der Fall wurde nun freilich nicht wie gewöhnlich in aller Verborgenheit und Heimlichkeit, sondern öffentlich untersucht, man hatte außerdem mit Rücksicht auf das Ansehen des Diogenes viele berühmte Richter beigezogen. Auf Grund sorgfältiger Untersuchungen kamen diese zu dem Ergebnis, daß die Aussagen der Sklaven - es handelte sich überdies nur um junge Burschen - zu einer Verurteilung nicht hinreichten. Da ließ die Kaiserin den Theodoros, einen Verwandten des Diogenes, in eine der gewohnten Zellen einsperren. Zunächst versuchte sie ihn mit vielerlei Schmeichelei und Mißhandlung zum Reden zu bringen. Als sich dabei kein Erfolg zeigte, befahl sie, dem Manne eine Rindssehne um die Ohren zu legen und zusammenzudrehen. Theodoros mußte glauben, die Augen seien ihm aus den Höhlen getreten, doch fand er sich nicht bereit, etwas frei zu erdichten. So mußten die Richter, da sich für die Anklage kein Zeuge fand, Diogenes freisprechen, und die Stadt feierte daraufhin ein Freudenfest.

17. Kap. [Theodoras Fingriffe in die Staatsverwaltung, ihre Tätigkeit als Ehestifterin und als Patronin leichter Frauen]

Die Sache fand damit ihr Ende. In den ersten Abschnitten dieses Buches habe ich alles ausgeführt, was Theodora dem Belisar, Photios und Buzes antat. Zwei Parteigänger der Blauen nun, geborene Kiliker, griffen Kallinikos, den Statthalter von Kilikia Deutera, mit wüstem Geschrei an und begannen mit Gewalttätigkeiten. Seinen Pferdeknecht, der dicht dabei stand und dem Herrn helfen wollte, machten sie vor dessen Augen und denen des ganzes Volkes nieder. Kallinikos ließ daraufhin die beiden Terroristen, denen man außer dieser Mordtat viele andere Vergehen nachgewiesen hatte, in einem ordnungsgemäßen Verfahren hinrichten. Dies hörte die Kaiserin. Um ihre Vorliebe für die Blauen zu beweisen, ließ sie den Beamten kurzerhand noch während seiner Dienstzeit am Grabe der Mörder aufpfählen. Der Kaiser freilich tat so, als beweine und bejammere er den Unglücklichen. Grollend saß er da und versuchte vielerlei gegen die Mithelfer, aber ohne Erfolg. Dabei hielt er es nicht für unter seiner Würde, den Besitz des Toten einzuziehen.

Auch wegen sittlicher Vergehen war Theodora eifrig bemüht Strafen auszusinnen. Sie sammelte mehr als fünfhundert Huren, die mitten auf dem Marktplatz für drei Obolen ihren Lebensunterhalt verdienten, schickte sie ans jenseitige Ufer und sperrte sie in das Kloster 'Metanoia' [d. h. 'Reue'], damit sie ihre Lebensweise änderten. Einige davon stürzten sich nachts von der Höhe herab und entzogen sich so der unfreiwilligen Besserung.

In Byzanz lebten zwei Mädchen, Schwestern, die nicht mir von Vaters- und Großvatersseiten her Konsuln zu ihren Vorfahren hatten, sondern schon von alters her zum vornehmsten Senatorenkreise gehörten. Diese hatten geheiratet, waren aber durch den Tod ihrer Männer zu Witwen geworden. Sogleich wählte Theodora zwei ganz gewöhnliche, abstoßende Kerle aus und gab sich alle Mühe, diese mit den Schwestern zu vermählen; denn beide lebten so nicht richtig, lautete der Vorwurf der Kaiserin. Aus Angst flohen die beiden Frauen in die Sophienkirche, gingen in den Taufraum und klammerten sich an das dortige Becken. Doch die Kaiserin übte solchen Zwang und Drang aus, daß sich die Schwestern schließlich bereit fanden, allen weiteren Nötigungen ein Ende zu setzen und in die Ehe zu willigen. Kein Ort blieb so vor ihr rein und sicher. Die beiden Frauen mußten sich also weit unter ihrem Stande mit bettelhaften, geringen Männern verheiraten, obschon Freier aus Patrizierkreisen vorhanden waren. Ihre Mutter aber, selber Witwe, wohnte persönlich der Hochzeit bei, ohne daß sie zu klagen oder das Unglück zu beweinen gewagt hätte. Später wollte die Kaiserin die Schande wieder einigermaßen gut machen und sie durch öffentliche Erfolge trösten. Sie erhob beide Männer zu Statthaltern, doch ward den jungen Frauen auch so keine Abhilfe zuteil; denn, wie ich im folgenden noch ausführen will, mußten sie von ihren Männern ehrenrührige, selbst für Sklaven kaum erträgliche Mißhandlungen hinnehmen. Theodora nahm ja weder auf Amt noch Staatsinteresse Rücksicht und kümmerte sich auch sonst um nichts, wenn nur ihr Wille in Erfüllung ging.

Als sie noch auf der Bühne tätig war, wurde sie durch einen ihrer Liebhaber schwanger. Zu spät merkte sie das Malheur und tat nun wie gewöhnlich alles mögliche, um eine Fehlgeburt herheizuführen. Sie konnte jedoch den Embryo nicht töten, da dieser fast schon zur Menschenähnlichkeit herangereift war. Wie sie keinen Erfolg sah, gab sie ihren Versuch auf und mußte nun gebären. Der Vater des Kindes sah ihre Bedrängnis, er hörte auch ihre Klage, daß sie als Mutter nicht mehr in gleicher Weise ihrem bisherigen Gewerbe nachgehen könne. Da er nun sah, wie sie allen Ernstes den Säugling beseitigen wollte, nahm er ihn zu sich, gab ihm - es war ein Knabe - den Namen Johannes und reiste mit ihm nach seinem Ziele Arabien. Vor seinem Tode erzählte er dem Johannes, der damals schon ein junger Mann war, die ganze Geschichte mit seiner Mutter. Dieser erwies dem toten Vater die gebührenden Ehren, einige Zeit darauf aber ging er nach Byzanz und erzählte die Sache dem Empfangspersonal seiner Mutter. Dieses dachte nicht daran, daß die Frau etwas Unmenschliches planen könne, und meldete daher der Mutter, ihr Sohn Johannes sei gekonimen. Doch das Weib bekam Angst, ihr Mann möge von der Sache erfahren, und beschied den Jüngling zu sich. Sie sah ihn an, dann übergab sie ihn einer ihrer Kreaturen, die gewöhnlich solche Aufträge auszuführen hatte. Wie der Unglückliche aus der Welt verschwand, kann ich nicht sagen, jedenfalls bekam ihn niemand mehr zu sehen, auch nicht nach dem Tode der Kaiserin.

In diesen Zeiten wurden fast alle Frauen sittlich verdorben. Sie erlaubten sich jede Art von Zügellosigkeit gegen ihre Männer, ohne daß ihnen ihr Verhalten Gefahr oder Schaden brachte; denn auch die Ehebrecherinnen blieben ohne Strafe, ja, sie verdrehten bei der Kaiserin die Sache sofort ins Gegenteil und zogen ihre Männer für erfundene Beschuldigungen vor Gericht. Und diese mußten, obschon keiner Vergehen überführt, die Aussteuer in doppelter Höhe zurückerstatten, meist wurden sie auch noch ausgepeitscht und ins Gefängnis geworfen und durften zuschauen, wie sich die Ehebrecherinnen ihrerseits groß aufspielten und ohne alle Gefahr mit ihren Kavalieren amüsierten. Von diesen Ehebrechern aber empfingen viele gerade aufgrund ihrer Leistung auch noch eine Auszeichnung. In der Folgezeit ließen sich die meisten Männer von ihren Frauen herzlich gern alles gefallen und entgingen so durch Schweigen der Züchtigung; nur um nicht als überführt zu gelten, räumten sie ihnen derartige Freiheiten ein.

Sie aber wollte alles im Staate nach ihrem Kopfe leiten. Sie bestimmte die Staats- und Priesterämter und sah offenbar voll Sorge nur darauf, daß ja kein anständiger Mensch eine Stellung bekleide und sich der Durchführung ihrer Befehle versage. Auch alle Ehen bestimmte sie mit einer Art von göttlicher Allmacht, und niemand ging daher vor der Heirat von sich aus eine Verlobung ein. Plötzlich bekam da jeder eine Frau - nicht weil sie ihm gefiel, was doch selbst bei Barbaren Sitte ist, sondern weil es Theodora so paßte. Ahnlich erging es den heiratsfähigen Frauen. Sie wurden ganz gegen ihren Willen zu einer Ehe gezwungen. Oftmals riß sie bedenkenlos sogar die Braut aus dem Brautgemach und ließ den Bräutigam alleine stehen, wobei sie voll Indignation nur das eine erklärte, es mißfalle ihr eben. So verfuhr sie mit vielen anderen, z. B. auch mit Leon, einem Referendarios, sowie mit Saturninos, dem Sohne des Magister Hermogenes. Dieser Saturninos hatte seine Großnichte zur Braut, ein Mädchen, freigeboren und schön, das ihm ihr Vater Kyrillos nach dem Tode des Hermogenes verlobt hatte. Als ihnen das Brautgemach schon bereitet war, ließ ihn die Kaiserin einsperren und in ein anderes Brautgemach schleppen, und unter Jammern und Wehklagen mußte er die Tochter der Chrysomallo heiraten. Diese Chrysomallo war früher Tänzerin und außerdem Hetäre gewesen. Damals lebte sie zusammen mit einer anderen Chrysomallo und einer gewissen Indaro im Kaiserpalast. Ihre Hurerei und sonstige Tätigkeit im Theater hatten die drei Weiber aufgegeben und besorgten nun die Geschäfte für die Kaiserin. Wie aber Saturninos mit seiner jungen Frau schlief und sie entjungfert fand, sagte er zu einem Vertrauten, er wolle nur eine heiraten, die ihr Jungfernhäutchen noch habe. Diese Bemerkung kam Theodora zu Ohren, und sie befahl ihren Schergen, ihn wie einen Schulbuben in die Höhe zu heben - denn er nehme sich da etwas heraus, was ihm nicht zustehe - und seinem Rücken zahlreiche Hiebe aufzumessen. Gleichzeitig verbot sie ihm künftigbin alle schwatzhafte Verleumdung.

Was mit dem Kappadoker Johannes geschah, habe ich schon an früherer Stelle erwähnt. Daß sie ihm dies alles nicht aus Empörung über seine Staatsvergehen antat, beweist folgendes: Keiner von denen, die späterhin noch schlimmere Vergehen an den Untertanen begingen, erlitt ein solches Schicksal. Grund für ihr Vorgehen war vielmehr die Tatsache, daß er es wagte, in anderen Dingen dem Weibe entgegenzuhandeln, und sie auch beim Kaiser anschwärzte, so daß sie sich beinahe mit ihrem Manne verfeindet hätte. Von den Gründen muß ich ja hier, wie gesagt, die der Wahrheit am nächsten kommenden anführen. Selbst als sie ihn nach all den schon genannten Mißhandlungen in Ägypten gefangen gesetzt hatte, konnte sie sich in ihrer Rachgier nicht zufrieden geben, sondern suchte unablässig falsche Zeugen wider ihn. Vier Jahre später konnte sie unter den Parteigängern in Kyzikos zwei Grüne, die zu den Gegnern des Bischofs gehören sollten, ausfindig machen. Sie brachte durch Schmeicheiworte und Drohungen die beiden dazu, daß der eine, von Furcht und Hoffnungen getrieben, Johannes des Mordes bezichtigte. Der andere hingegen wollte der Wahrheit keine Gewalt antun, obschon man ihn auf der Folter so übel zugerichtet hatte, daß man sogar mit seinem sofortigen Tod rechnen mußte. So konnte sie unter derartigem Vorwand dem Johannes nicht ans Lehen, doch ließ sie den beiden jungen Männern die rechte Hand abhauen, dem einen, weil er kein falsches Zeugnis geben wollte, dem anderen, damit der Anschlag nicht in die Öffentlichkeit komme. Während sich diese Vorgänge auf offenem Markte abspielten, tat Justinian so, als merke er von all dem nichts ...


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LV Gizewski SS 2002