Denkwürdige Frauen der älteren römischen Geschichte: Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia 4, 4 und 6. 6, 7. 8, 3.

Lat. Text und deutsche Übersetzung aus: Valerius Maximus, Facta et dicta memoranbilia - Denkwürdige Taten und Worte. Lateinisch - deutsch. Auswahl. Übersetzt und herausgegeben von Ursula Blank-Sangmeister, Stuttgart 1991, S. 110 f., 116 - 119, 182 f. und 230 f.


4. Buch, 4. Kap.: Armut und Würde.

Daß der größte Schmuck der Frauen ihre Kinder sind, finden wir so bei Pomponius Rufus in seinem Buch gesammelter [Aussprüche]. Als der Cornelia, der Mutter der Gracchen, eine kampanische Frau, die bei ihr zu Besuch war, ihre Schmuckstücke - die schönsten ener Zeit - zeigte, unterhielt sich Cornelia so lange mit ihr, bis ihre Kinder aus der Schule nach Hause kamen, und sagte: Dies ist mein Schmuck. Ohne Zweifel hat der alles, der nichts begehrt, und zwar sicherer als jemand, der alles besitzt, weil die Möglichkeit, über materielle Güter zu verfügen, vergänglich ist; ist man jedoch im Besitz der Weisheit, dann ist man gegenüber den Schlägen eines ungünstigen Schicksals unempfindlich. Welchen Sinn hat es daher, Reichtum als das größte Glück oder Armut als das größte Unglück zu betrachten, da doch das heitere Gesicht des Reichtums [oft] viel bitteren Kummer verbirgt und die Armut, äußerlich ziemlich abstoßend, [dennoch] beständige und sichere Vorteile in reichem Maße aufweist? Diese Tatsache wird sich an Hand von Personen besser nachweisen lassen als mit Worten. ...

De paupertate

Maxima ornamenta esse matronis liberos, apud Pomponium Rufum collectorum libro [...] invenimus: Cornelia Gracchorum mater, cum Campana matrona apud illam hospita ornamenta sua pulcherrima illius saeculi ostenderet, traxit eam sermone, donec e schola redirent liberi, et 'haec' inquit 'ornamenta sunt mea'. Omnia nimirum habet qui nihil concupiscit, eo quidem certius quam cuncta possidet, quia dominium rerum conlabi solet, bonae mentis usurpatio nullum tristioris fortunae recipit incursum. Itaque quorsum attinet aut divitias in prima felicitatis parte aut paupertatem in ultimo miseriarum statu ponere, cum et illarum frons hilaris multis intus amaritudinibus sit referta et huius horridior aspectus solidis et certis bonis abundet? Quod melius personis quam verbis repraesentabitur.

4. Buch, 6. Kap.: Eheliche Liebe.

Von einem stillen und sanften Gefühl will ich nun zu einem gleichfalls ehrenhaften, aber deutlich heftigeren und leidenschaftlicheren übergeben und dem Leser gewissernaßen einige Bilder ehelicher Liebe, die nicht ohne größte Ehrerbietung betrachtet werden sollten, vor Augen stellen; dabei werde ich Beweise unverbrüchlicher Treue unter Ehegatten vorlegen, die sich nur schwer nachahmen lassen, aber doch nützliche Erkenntnisse bringen, weil sich einer, der Herausragendes betrachtet, schämen muß, wenn er nicht einmal Mirrelmäßtges leistet

(1) Nachdem in seinem Haus eine männliche und eine weibliche Schlange eingefangen worden waren, wurde dem Ti. Gracchus von einem Wahrsager erklärt, daß, wenn man das männliche Tier freiließe, seine Frau bald sterben werde, ließe man das weibliche frei, so stehe sein eigener Tod unmittelbar bevor. Er hielt sich an den Teil der Weissagung, der für seine Frau günstiger war als für ihn, ließ das männliche Tier töten, dem weiblichen aber seine Freiheit schenken und hatte so den Mut, mitanzusehen, wie er durch den Tod der Schlange selbst getötet wurde. Daher weiß ich nicht, ob ich Cornelia eher glücklich preisen soll, weil sie einen solchen Mann hatte, als bemitleiden, weil sie ihn verlor. ...

(2) Auch deine keusche Leidenschaft, Porcia, Tochter des M. Cato, werden alle Jahrhunderte mit gebührender Bewunderung ehren. Als du erfahren hattest, daß dein Mann Brutus bei Philippi besiegt und getötet worden war, hast du, weil man dir keine Waffe gab, nicht gezögert, glühende Kohlen zu verschlucken; mit weiblichem Mut hast du den mannhaften Tod deines Vaters nachgeahmt. Ich vermute aber, daß deine Tat tapferer war, weil jener auf die übliche, du aber auf eine neue Weise starbst.

De amore coniugali

A placido et leni adfectu ad aeque honestum, verum aliquanto ardentiorem et concitatiorem pergam legitimique amoris quasi quasdam imagines non sine maxima veneratione contemplandas lectoris oculis subiciam, valenter inter coniuges stabilitae fidei opera percurrens, ardua imitatu, ceterum cognosci utilia, quia excellentissima animadvertenti ne rnediocria quidem praestare rubori oportet esse.

(1)Ti. Gracchus anguibus domi suae mare ac temina deprehensis, certior factus ab aruspice mare dimisso uxori eius, femina ipsi celerem obitum instare, salutarem coniugi potius quam sibi partem augurii secutus marem necari, feminam dimitti iussit sustlnuitque in conspectu suo se ipsum interitu serpentis occidi. Itaque Corneliam nescio utrum feliciorem dixerim, quod talem virum habuerit, an miseriorem, quod amiserit.

(5) Tuos quoque castissimos ignes, Porcia M. Catonis filia, cuncta saecula debita admiratione prosequentur. Quae, cum apud Philippos victum et interemptum virum tuum Brutum cognosses, quia ferrum non dabatur, ardentes ore carbones haurire non dubitasti, muliebri spiritu virilem patris exitum imitata. Sed nescio an hoc fortius, quod ille usitato, tu novo genere mortis absumpta es.

6. Buch, 7. Kap: Treue von Frauen zu ihren Männern.

7. Und um nun auch von der Treue von Ehefrauen zu sprechen: Tertia Aemilia, die Frau des älteren Africanus und Mutter der Gracchenmutter Cornelia, besaß eine solche Gutherzigkeit und Geduld, daß sie vorgab, nichts zu merken, als ihr Mann an einer ihrer jungen Dienerinnen Gefallen fand. Sie wollte nicht, daß eine Frau den Africanus, den Beherrscher der Welt, anklagte und daß ihr Unvermögen, Leid zu ertragen, einen bedeutenden Mann vor Gericht brächte. Und ihr lag Rache so fern, daß sie nach des Africanus Tod der Magd die Freiheit schenkte und sie einem ihrer Freigelassenen zur Frau gab.

De fide uxorum erga viros.

7. Atque ut uxoriam quoque fidem attingamus, Tertia Aemilia, Africani prioris uxor, mater Corneliae Gracchorum, tantae fuit comitatis et patientiae, ut, cum sciret viro suu ancillulam ex suis gratam esse, dissimulaverit, ne domitorem orbis Africanum femina magnum virum inpatientia reum ageret, tantumque a vindicta mens eius afuit, ut post mortem Atricani manumissam ancillam in matrimonium liberto suo daret.

8. Buch, 3. Kap.: Frauen, die in eigener oder fremder Sache vor den Beamten Prozesse führten.

Aber auch die [auffallend negativen Züge mancher] Frauen dürfen nicht mit Stillschweigen übergangen werden, [so etwa solcher,] die sich weder durch ihre natürliche Bestimmung noch aus Rücksicht auf ihren vornehmen Stand dazu bringen ließen, auf dem Forum und in den Gerichten zu schweigen.

(2) C. Afrania [etwa], die Frau des Senators Lcinius Bucco, war auf Prozesse ganz versessen und redete vor dem Prätor immer für sich selber, nicht weil es ihr an Rechtsbeiständen fehlte, sondern weil sie kein Schamgefühl kannte. Daher wurde sie, weil sie mit ihrem auf dem Forum sonst nicht üblichen Gerede ständig die Gerichte behelligte, zum bekanntesten Beispiel weiblichen Intrigantentums. Ihretwegen beschimpft man [noch heute] Frauen, denen man einen schlechten Charakter vorwirft, als eine 'C. Afrania'. Sie lebte aber bis zu dem Jahr, in dem C. Caesar zusammen mit P. Servilius zum zweiten Mal Konsul war; bei einem solchen Scheusal freilich muß man der Nachwelt eher überliefern, wann es gestorben ist, als wann es geboren wurde.

Ne de his quidem feminis tacendum est, quas condicio naturae et verecundia stolae ut in foro et iudiciis tacercnt cohibere non valuit.

(2) C. Afrania vero Licinii Bucconis senatoris uxor prompta ad lites contrahendas pro se semper apud praetorem verba fecit, non quod advocatis defieiebatur, sed quod inpudentia abundabat. Itaque inusitatis foro latratibus adsidue tribunalia exercendo muliebris calumniae notissimum exemplum evasit, adeo ut pro crimine inprobis feminarum moribus C. Afraniae nomen obiciatur. Prorogavit autem spirirum suum ad C. Caesarem iterum P. Servilium consules: tale enim monstrum magis quo tempore extinctum quam quo sit ortum memoriae tradendum est.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002