Der Wert der Zirkus- und anderer öffentlicher Unterhaltung und die Größe ihrer Akteure aus der kritischen Sicht des Kirchenvaters Tertullian (De spectaculis 16 - 23).

Lat. Text und deutsche Übersetzung nach: Quintus Septimus Tertullianus, De spectaculis. Über die Spiele. Lateinisch - deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Karl-Wilhelm Weber, Stuttgart 1988, S. 52 - 73

Deutsche Übersetzung:

16 (1) Wenn uns Raserei also untersagt wird, dann halten wir uns von jeder Art von Schauspiel fern - auch vom Circus, wo speziell die Raserei den Vorsitz führt. Sieh dir das Volk an, wie es zu diesem Schauspiel schon unter Raserei hinkommt, schon lärmend und tobend, schon verblendet, schon in heller Aufregung durch die Wetten. (2) Zu langsam ist ihnen der Praetor, ihre Augen sind ohne Unterlaß auf seine Urne gerichtet, als rollten sie darin gemeinsam mit den Losen. Dann blicken sie in ängstlicher Erwartung gebannt auf das Startzeichen. Ein einziger Schrei verrät einen einzigen Wahnsinn! (3) Du kannst ihre Verrücktheit an ihrem überflüssigen Tun erkennen: "Er hat es geworfen!", rufen sie und melden sich gegenseitig, was zur gleichen Zeit von allen gesehen worden ist. Ich halte das als Beweis für ihre Verblendung fest: Sie sehen nicht, was wirklich geworfen worden ist; sie halten es für das Starttuch, aber es ist ein Symbol für den aus der Höhe herabgestürzten Teufel. (4) Von diesem Augenblick an geht es also los mit Raserei, Zorn, Streiterei und allen möglichen Verhaltensweisen, die den Priestern des Friedens [scil. den Christen] nicht erlaubt sind. Von daher kommt es zu Schmähungen, zu Schimpfwörtern ohne wirklichen Grund für Haß, auch zu Anfeuerungsrufen ohne wirklichen Grund für eine Zuneigung. (5) Denn was wollen sie damit für sich erreichen, die sich dort so aufführen - Menschen, die ihrer selbst nicht mächtig sind? Doch allenfalls nur das, weshalb sie ihrer selbst nicht mächtig sind: Sie sind traurig über fremdes Unglück und freuen sich über fremdes Glück. Was immer sie wünschen und was immer sie nicht wünschen - nichts davon hat mit ihnen zu tun; so ist sowohl die Zuneigung bei ihnen nutzlos als auch ihr Haß ungerecht. (6) Oder ist es vielleicht eher erlaubt, ohne Grund zu lieben, als ohne Grund zu hassen? Gott verbietet auf jeden Fall, sogar mit einem Grund jemanden zu hassen; er, der befiehlt, man solle seine Feinde lieben. Gott läßt es nicht zu, selbst mit Grund jemanden zu verfluchen, er, der uns aufträgt, die Fluchenden zu segnen.(7) Was aber ist erbarmungsloser als der Circus, wo sie nicht einmal ihre höchsten Würdenträger und ihre Mitbürger schonen! Wenn sich irgendeine Form von Raserei, in der der Circus tobt, an einem anderen Orte für Heilige schickt, dann wird sie auch im Circus erlaubt sein; wenn aber nirgendwo anders, dann auch nicht im Circus.

17 (1) Auf ähnliche Weise wird uns befohlen, jede Unzüchtigkeit von uns fernzuhalten. Dadurch werden wir also auch vom Theater ausgeschlossen, das der ureigene Tummelplatz der Unzüchtigkeit ist, wo nichts Beifall findet, was anderswo nicht auf Ablehnung stößt. (2) So wird die außerordentliche Beliebtheit des Theaters vor allem durch eine Unflätigkeit erzielt, die der Atellanen-Schauspieler in seiner Gestik zum Ausdruck bringt, die der Mimen-Schauspieler sogar durch Frauenkleider darstellt - womit er das Gefühl für Geschlecht und Scham völlig aulhebt, so daß sie leichter zu Hause als auf der Bühne erröten - und die schließlich der Pantomimen-Darsteller von Jugend auf an seinem Körper erduldet, damit er ein Künstler sein kann. (3) Selbst auch die Dirnen läßt man als Opfer öffentlicher Wollust auf der Bühne auftreten - noch elendere Geschöpfe in Gegenwart der [scil. ehrbaren] Frauen, denen allein sie unbekannt waren -, und sie werden vor den Augen von Zuschauern jeden Alters und Standes vorgeführt; ihre Adresse, ihre Preise und ihre besonderen Eigenschaften werden auch für diejenigen, die es nicht zu hören bräuchten, laut vorgetragen; sogar Angaben - über die Einzelheiten schweige ich -, die in der Dunkelheit und in ihren Lasterhöhlen verborgen bleiben sollten, damit sie das Licht des Tages nicht besudeln. (4) Der Senat sollte vor Scham erröten, alle Stände sollten vor Scham erröten! Selbst jene Mörderinnen ihres eigenen Schamgefühls schrecken - man sieht es an ihren Gesten -vor dem Tageslicht und der Öffentlichkeit zurück und erröten einmal im Jahr! (5) Wenn wir aber jede Art von Unzüchtigkeit verfluchen sollen, warum sollte es uns da erlaubt sein zu hören, was wir nicht aussprechen dürfen, da wir doch wissen, daß auch Possenreißerei und jedes überflüssige Wort von Gott gerichtet wird? Warum sollte es uns - ein ähnlicher Fall - erlaubt sein anzusehen, was zu tun eine Schande ist? Warum sollten Dinge, die, vom Munde ausgesprochen, den Menschen erniedrigen, ihn nicht erniedrigen, wenn sie durch Ohren und Augen zugelassen werden, da doch Ohren und Augen dem Geiste dienen und der sich nicht rein halten kann, dessen Diener sich besudeln. (6) Damit hast du auch den Beweis für das Verbot des Theaters vom Verbot der Unzüchtigkeit her. Wenn wir darüber hinaus die Gelehrsamkeit der heidnischen Literatur verachten, weil sie hei Gott als Dummheit eingestuft wird, dann wird uns unsere Haltung hinreichend deutlich auch im Hinblick auf jene Arten von Schauspielen vorgeschrieben, die in der heidnischen Literatur in komische und tragische Bühnenstücke unterteilt werden.(7) Wenn aber Tragödien und Komödien blutrünstige und unzüchtige, ruchlose und ausschweifende Beispiele sind, die zu Verbrechen und Wollust anstiften, dann kann auch die Aufführung einer entweder gräßlichen oder gemeinen Sache nicht besser sein; was als Tat zurückgewiesen wird, ist auch in Worten nicht akzeptabel.

18 (1) Wenn du aber behaupten solltest, das Stadion komme auch in der Heiligen Schrift vor, dann wirst du gewiß recht behalten. Was aber im Stadion vor sich geht, da wirst du nicht bestreiten, daß es deines Zuschauens unwürdig ist: Fausthiebe und Fußtritte, Ohrfeigen sowie jede Art von dreistem Verhalten der Hände und jegliche Verunstaltung des menschlichen Antlitzes, das heißt des Ebenbildes Gottes. (2) Bei keiner Gelegenheit wirst du überflüssige Läufe, Würfe und noch überflüssigere Sprünge gutheißen, nirgendwo werden dir Kraftanstrengungen gefallen, die entweder gewalttätig oder unsinnig sind, aber auch nicht eine Sorgfalt, die auf die Schaffung einer unnatürlichen Körperfülle verwandt wird, da sie Gottes Bildnerkunst übertreffen will; und die um des Müßiggangs Griechenlands willen gemästeten Menschen wirst du hassen. (3) Auch die Ringkunst ist ein Werk des Teufels: Die ersten Menschen hat der Teufel zu Boden gedrückt. Die Bewegung selbst ist die Kraft, wie eine Schlange sie besitzt: zäh zum Festhalten, gewunden zum Umschlingen und glatt zum Entschlüpfen. Du brauchst keine Siegeskränze; wieso solltest du von Siegeskränzen Vergnügen erstreben?

19 (1) Sollen wir jetzt auch noch eine ausdrückliche Ablehnung des Amphitheaters aus der Heiligen Schrift erwarten? Wenn wir behaupten können, daß uns Grausamkeit, daß uns Ruchlosigkeit, daß uns Bestialität erlaubt ist, dann mögen wir getrost ins Amphitheater gehen. Wenn wir so sind, wie man es von uns sagt, dann wollen wir uns daran ergötzen, wenn menschliches Blut vergossen wird. (2) "Es ist doch etwas Gutes, wenn Schuldige bestraft werden." Wer wird das außer dem Schuldigen bestreiten? Und doch schickt es sich für Unschuldige nicht, sich über die harte Bestrafung eines anderen zu freuen, steht es doch einem Unschuldigen besser an, Schmerz darüber zu empfinden, daß ein Mitmensch, jemand wie er selbst, sich so in Schuld verstrickt hat, daß er derart grausam geopfert wird. (3) Wer aber verbürgt sich mir dafür, daß es immer Schuldige sind, die zum tödlichen Kampf mit wilden Tieren oder zu irgendeiner anderen Todesstrafe verurteilt werden, daß eine solche Strafe nicht auch einen Unschuldigen trifft, sei es aufgrund der Rachsucht des Richters, sei es wegen der Schwäche der Verteidigung, sei es infolge der Heftigkeit der mittels Foltern durchgeführten gerichtlichen Untersuchung? Um wieviel besser ist es demnach, nichts davon zu wissen, wenn Schuldige bestraft werden, um auch nichts davon wissen zu müssen, wenn Gute bestraft werden - wenn denn Heiden überhaupt Einsicht in das Gute haben. (4) Sicher ist wenigstens, daß [auch] Unschuldige für die Spiele verkauft werden, um zu Opfern eines öffentlichen Vergnügens zu werden. Und auch was die betrifft, die zu den Spielen verurteilt werden: Was ist das für eine Praxis, daß man sie zur Strafe von einem leichteren Vergehen zum Mord an Menschen fortschreiten läßt! (5) Aber dies war meine Antwort an die Heiden. Was im übrigen die Christen angeht, so verhüte Gott, daß sie über den Abscheu, der von dieser Art von Schauspiel ausgeht, weitere Belehrungen brauchen. Freilich vermag niemand alle diese Einzelheiten ausführlicher darzulegen als der, der dort immer noch zuschaut. Ich aber will lieber Lücken lassen, als weiter daran zu denken.

20 (1) Wie hohl, ja geradezu verzweifelt ist daher die Beweisführung derer, die - ohne Zweifel als bloße Ausflucht, um ihr Vergnügen nicht einzubüßen - als Argument vorschützen, es sei in der Heiligen Schrift weder speziell noch in bestimmten Zusammenhängen eine Stelle ausfindig zu machen, in der das Fernbleiben von diesem Schauspiel Erwähnung finde, wodurch es dem Diener Gottes direkt untersagt werde, an Zusammenkünften dieser Art teilzunehmen. (2) Noch neulich hörte ich eine neue Verteidigungsversion von einem dieser Schauspiel-Enthusiasten. "Die Sonne", sagte er, "vielmehr sogar Gott selbst schaut vom Himmel herab zu und befleckt sich dadurch nicht." Gewiß, die Sonne schickt ihre Strahlen auch in eine Kloake, ohne sich dadurch zu beschmutzen. (3) Wenn Gott doch nur gar keine Schandtaten der Menschen anschauen würde, damit wir alle seinem Urteil entgingen! Aber er schaut sie an, Raubüberfälle ebenso wie Fälschungen, wie Ehebrüche, wie Betrügereien, wie Götzendienst und eben auch die Schauspiele! Und gerade deshalb also wollen wir ihnen nicht zuschauen, damit wir nicht von ihm gesehen werden, der alles sieht. (4) Mensch, du stellst Angeklagten und Richter auf eine Stufe, einen Angeklagten, der deshalb Angeklagter ist, weil er gesehen wird, und einen Richter, der deshalb Richter ist, weil er sieht. (5) Geben wir uns also etwa auch außerhalb der Circusschwellen blinder Raserei hin, sind wir auch außerhalb der Gänge des Theaters der Schamlosigkeit ergeben, außerhalb des Stadions frechem Übermut, außerhalb des Amphitheaters unbarmherziger Grausamkeit, da Gott doch auch außerhalb der Sitzreihen, der Stufen und der 'apuliae' [Bedeutung wiss. nicht geklärt] seine Augen hat? Wir irren: Nirgendwo und niemals gibt es Entschuldigungen für etwas, das Gott verurteilt; nirgendwo und niemals ist erlaubt, was immer und überall nicht erlaubt ist. (6) Das ist die volle, unverfälschte Wahrheit, das macht die Werte vollendeter christlicher Lebensführung, gleichbleibender Gottesfurcht und treuen Gehorsams aus, die wir der Wahrheit schulden: unsere Meinung nicht zu ändern und in unserem Urteil nicht zu schwanken. Was ganz sicher gut ist, kann nicht anders als gut sein; was ganz sicher schlecht ist, kann nicht anders als schlecht sein. Alle Dinge aber sind bei der göttlichen Wahrheit unveränderbar fest.

21 (1) Die Heiden, die nicht im Besitz der vollen Wahrheit sind, weil sie auch Gott nicht als Lehrer der Wahrheit haben, legen die Begriffe schlecht und gut willkürlich nach Lust und Laune aus: Was einmal als schlecht gilt, gilt ein anderes Mal als gut, und was hier als gut gilt, gilt dort als schlecht. (2) So kommt es also dazu, daß derselbe, der in der Öffentlichkeit kaum seine Tunica zu lüften wagt, wenn ihn der Druck seiner Blase quält, sie im Circus nur in der Weise auszieht, daß er sein Schamteil völlig frei den Augen aller entgegenhält; daß derselbe, der die Ohren seiner jungfräulichen Tochter vor jedem unflätigen Wort schützt, sie von sich aus ins Theater mitnimmt, wo genau solche Worte und Gesten üblich sind; (3) daß derselbe, der handgreifliche Auseinandersetzungen schlichtet oder wenigstens verabscheut, wenn sie sich auf der Straße ereignen, im Stadion schwereren Faustschlägen Beifall zollt; daß derselbe, der beim Anblick des Leichnams eines Menschen, der auf natürliche Weise gestorben ist, erschaudert, sich im Amphitheater mit völlig unempfindlichen Augen herabbeugt, um angefressene, in Stücke zerrissene, von verkrustetem Blut starrende tote Körper zu sehen; (4) ja, es geht sogar so weit, daß derselbe, der zu einem Schauspiel kommt, um seine Billigung für die Bestrafung eines Mörders zum Ausdruck zu bringen, einen Gladiator gegen dessen Willen mit Peitschen und Rutenhieben zu einer Mordrat anstacheln läßt, und daß derselbe, der für jeden etwas bekannteren Mörder als Strafe den Kampf mit einem Löwen fordert, für einen grausamen Gladiator die Freilassung beantragt und ihm zur Belohnung die Filzkappe des Freigelassenen überreichen lassen möchte, dessen getöteten Gegner aber sogar noch als Augenweide verlangt, um ihn sich lieber aus nächster Nähe noch gründlich anzuschauen, den er von ferne hat töten lassen wollen ein um so hartherzigeres Verhalten, wenn er dessen Tod nicht gewollt hat.

22 (1) Ist das wirklich verwunderlich? Das ist das widersprüchliche Verhalten von Menschen, die die Stellung des Guten und Schlechten durch die Unbeständigkeit ihres Gefühls und die Wankelmütigkeit ihres Urteils durcheinanderbringen und austauschen. (2) Denn diejenigen, die die Schauspiele veranstalten und verwalten, sind dieselben, die jene ungemein beliebten Wagenlenker, Schauspieler, Athleten und Gladiatoren - denen die Männer ihre Seelen unterwerfen, die Frauen aber sogar auch noch ihre Körper preisgeben und derentwegen sie Dinge tun, die sie [sonst] tadeln - abwerten und herabsetzen, und zwar aufgrund derselben Tätigkeit im Spielewesen, derentwegen sie sie rühmen. Mehr noch: Sie verurteilen diese Leute ganz offen zu einer schimpflichen sozialen Stellung und zu bürgerlichem Ehrverlust, indem sie sie von der Curia, der Rednertribüne, dem Senat, dem Ritterstand und von allen anderen Ehrenstellen ebenso ausschließen wie von mancherlei Auszeichnungen. (3) Welch eine verkehrte Welt! Sie lieben die, die sie erniedrigen, würdigen die herab, denen sie Beifall spenden; sie feiern die Kunst und brandmarken den Künstler! (4) Was ist das für eine Art von Urteil, daß jemand wegen der Tätigkeiten mit Schmach bedeckt wird, durch die er sich gleichzeitig Verdienste erwirbt! Vielmehr: Was ist das für ein deutliches Eingeständnis, daß es sich dabei um eine schlechte Sache handelt! Eine Sache, deren Hauptpersonen auf dem Höhepunkt ihrer Beliebtheit nicht ohne Schande sind.

23 (1) Wenn also menschliches Nachdenken sogar trotz der Beliebtheit des Vergnügens, die lärmend dagegen ankämpft, zu dem Urteil gelangt, man müsse diesen Leuten die Vorzüge ehrenhafter Stellungen entziehen und sie gewissermaßen auf eine Klippe des üblen Leumundes verbannen - um wieviel mehr wird da die göttliche Gerechtigkeit gegen Künstler dieses Schlages strafend einschreiten? (2) Oder wird Gott jener Wagenlenker gefallen, der so viele Gemüter in heftige Unruhe versetzt, der als Helfershelfer so vieler Rasereien bei so vielen Geschschaftsschichten auftritt, der wie ein Priester bekränzt oder bunt gekleidet ist wie ein Kuppler und den der Teufel als Gegenstück zu Elias ausstaffiert auf seinem Wagen dahinrasen läßt? (3) Und wird jener ihm gefallen, der seine Gesichtszüge mit Hilfe des Rasiermessers verändert untreu gegenüber seinem Gesicht, das er, nicht zufrieden damit, es dem des Saturn, der Isis und des Bacchus möglichst ähnlich zu machen, obendrein noch der Schande von Ohrfeigen aussetzt, so als wollte er mit dem Gebote des Herrn spöttisch sein Spiel treiben? (4) Ja natürlich, auch der Teufel lehrt, die Wange geduldig zum Schlag hinzuhalten. Auf ähnliche Weise hat er auch die Tragödienschauspieler mit Hilfe der Kothurne größer gemacht; denn niemand kann seiner Gestalt eine einzige Elle hinzufügen: Er will Christus zum Lügner machen. (5) Und überhaupt frage ich, ob das ganze Maskenzeug Gott gefallen kann, der die Anfertigung jeder Nachbildung untersagt, und erst recht die seines eigenen Ebenbildes! Der Urheber der Wahrheit liebt nichts Falsches; bei ihm gilt alles, was nachgebildet wird, als Fälschung. (6) Daher wird jemand, der eine andere Stimme, ein anderes Geschlecht oder ein anderes Alter vortäuscht, der Liebe, Zorn, Schmerz und Tränen eindringlich vorschwindelt, nicht seinen Beifall finden; denn er verurteilt jede Art von Heuchelei. Wenn er im übrigen in seinem Gesetz vorschreibt, daß derjenige, der sich in Frauenkleider hüllt, verflucht sein soll, welches Urteil wird er da über den Pantomimen-Darsteller fällen, der sogar dazu ausgebildet wird, sich wie eine Frau zu verhalten? (7) Bestimmt wird auch jener Künstler der Fausthiebe ungestraft davonkommen? Denn seine von den Schlagriemen herrührenden Narben, seine von Schlägen verursachten Schwielen und seine Geschwülste an den Ohren hat er [kaum] erhalten, als er [von Gott] erschaffen wurde. Seine Augen hat Gott ihm [kaum] geliehen, damit sie durch die Prügelei erblinden. (8) Ich schweige von jenem, der einen anderen Menschen vor sich einem Löwen entgegenwirft, um nicht weniger ein Mörder zu sein als derjenige, der ihn selbst nachher erdrosselt.


Lateinischer Text:

16 (1) Cum ergo furor interdicitur nobis, ab omni spectaculo auferimur, etiam a circo, ubi proprie furor praesidet. Aspice populum ad id spectaculum iam cum furore venientem, iam tumultuosum, iam caecum, iam de sponsionibus concitatum. (2) Tardus est illi praetor, semper oculi in urna eius cum sortibus volutantur. Dehinc ad signum anxii pendent, unius dementiae una vox est. (3) Cognosce dementiam de vanitate: "misit", dicunt et nuntiant invicem quod simul ab omnibus visum est. Teneo testimonium caecitatis: non vident missum quid sit; mappam putant, sed est diaboli ab alto praecipitati figura. (4) Ex eo itaque itur in furias et animos et discordias et quicquid non licet sacerdotibus pacis. Inde maledicta, convicia sine iustitia odii, etiam suffragia sine merito amoris. (5) Quid enim suum consecuturi sunt, qui illic agunt, qui sui non sunt? Nisi forte hoc solum, per quod sui non sunt: de aliena infelicitate contristantur, de aliena felicitate laetantur. Quicquid optant, quicquid abominantur, extraneum ab iis est; ita et amor apud illos otiosus et odium iniustum. (6) An forsitan sine causa amare liceat quam sine causa odisse? Deus certe etiam cum causa prohibet odisse, qui inimicos diligi iubet; deus etiam cum causa maledicere non sinit, qui maledicentes benedici praecipit. (7) Sed circo quid amarius, ubi ne principibus quidem aut civibus suis parcunt? Si quid horum, quibus circus furit, alicubi conpetit sanctis, etiam in circo licebit, vero nusquam, ideo nec in circo.

17 (1) Similiter impudicitiam omnem amoliri iubemur. Hoc igitur modo etiam a theatro separamur, quod est privatum consistorium impudicitiae, ubi nihil probatur quam quod alibi non probatur. (2) Ita summa gratia eius de spurcitia plurimum concinnata est, quam Atellanus gesticulatur, quam mimus etiam per muliebres repraesentat, sensum sexus et pudoris exterminans, ut facilius domi quam scaenae erubescant, quam denique pantomimus a pueritia patitur ex corpore, ut artifex esse possit. (3) lpsa etiam prostibula, publicae libidinis hostiae, in scaena proferuntur, plus miserae in praesentia feminarum, quibus solis latebant, perque omnis aetatis, omnis dignitatis ora transducuntur; Iocus, stipes, elogium, etiam quibus opus non est, praedicatur, etiam - taceo de reliquis - quae in tenebris et in speluncis suis delitescere decebat, ne diem contaminarem. (4) Erubescat senatus, erubescant ordines ornnes! Ipsae illae pudoris sui interemptrices de gestibus suis ad lucem et populum expavescentes semel anno erubescunt. (5) Quodsi nobis omnis impudicitia exsecranda est, cur liceat audire quod loqui non licet, cum etiam scurrilitatem et omne vanum verbum iudicatum a deo sciamus? Cur aeque liceat videre quae facere flagitium est? Cur quae ore prolata communicant hominem, ea per aures et oculos admissa non videantur hominem communicare, cum spiritui appareant aures et oculi nec possit mundus praestari cuius apparitores inquinantur? (6) Habes igitur et theatri interdictionem de interdictione impudicitiae. Si et doctrinam saecularis litteraturae ut stultitiae apud deum deputatam aspernamur, satis praescribitur nobis et de illis speciebus spectaculorum, quae saeculari litteratura lusoriam vel agonisticam scaenam dispungunt. (7) Quodsi sunt tragoediae et comoediae scelerum et libidinum auctrices cruentae et lascivae, impiae et prodigae, nullius rei aut atrocis aut vilis commemoratio melior est: quod in facto reicitur, etlam in dicto non est recipiendum.

18 (1) Quodsi stadium contendas in scripturis nominari, sane obtinebis. Sed quae in stadio geruntur, indigna conspectu tuo non negabis, pugnos et calces et colaphos et omnem petulantiam manus et quamcumque humani oris, id est divinae imaginis, depugnationem. (2) Non probabis usquam vanos cursus et iaculatus et saltus vaniores, nusquam tibi vires aut iniuriosae aut vanae placebunt, sed nec cura facticii corporis, ut plasticam dei supergressa, et propter Graeciae otium altiles homines oderis. (3) Et palaestrica diaboli negotium est: primos homines diabolus elisit. Ipse gestus colubrina vis est, tenax ad occupandum, tortuosa ad obligandum, liquida ad elabendum. Nullus tibi coronarum usus est; quid de coronis voluptates aucuparis?

19 (1) Exspectabimus nunc ut et amphitheatri repudium de scripturis petamus? Si saevitiam, si impietatem, si feritatem permissam nobis contendere possumus, eamus in amphitheatrum. Si tales sumus quales dicimur, delectemur sanguine humano. (2) "Bonum est, cum puniuntur nocentes." Quis hoc nisi nocens negabit? Et tamen innocentes de supplicio alterius laetari non oportet, cum magis competat innocenti dolere, quod homo, par eius, tam nocens factus est, ut tarn crudeliter impendatur. (3) Quis autem mihi sponsor est, nocentcs semper vel ad bestias vel ad quodcumque supplicium decerni, ut non innocentiac quoque inferatur aut ultione iudicantis aut infirmitate defensionis aut instantia quaestionis? Quam melius ergo est nescire cum mali puniuntur, ne sciam et cum boni pereunt, si tarnen bonum sapiunt. (4) Certe quidem gladiatores innoccntes in ludum veneunt, ut publicac voluptatis hostiae fiant. Etiam qui damnantur in ludum, quale est ut de leviore delicto in homicidas emendatione profidant? (5) Sed haec ethnicis respondi. Ceterum absit ut de istius spectaculi aversione diutius discat Christianus. Quamquam nemo haec omnia plenius exprimere potest nisi qui adhuc spectat. Malo non implere quam meminisse.

20 (1) Quam vana igitur, immo desperata argumentatio eorum, qui sine dubio tergiversatione amittendae voluptatis optendunt nullam eius abstinentiae mentionem specialiter vel localiter in scripruris determinari, quae directo prohibeat eiusmodi conventibus inseri servum dei. (2) Novam proxime defensionem suaviludii cuiusdam audivi. Sol, inquit, immo ipse eriam deus de caelo spectat nec contaminatur. Sane, sol et in cloacam radios suns defert nec inquinarur. (3) Utinam autem deus nulla flagitia hominum spectaret, ut omnes iudicium evaderemus. Sed spectat et latrocinia, spectat et falsa et adulteria et fraudes et idololatrias et spectacula ipsa. Et idcirco ergo nos non spectabimus, ne videamur ab uillo, qui spectat omnia. (4) Comparas, homo, reum er iudicem, reum, qui, quia videtur, reus est, iudicem, qui, quia videt, iudex est. (5) Numquid ergo et extra limites circi furori studemus et extra cardines theatri impudicitiae intendimus et insolentlae extra stadium et immisericordiae extra amphitheatrum, quoniam deus etiam extra cameras et gradus et apulias oculos habet? Erramus: nusquam et numquam excusatur quod deus damnat, nusquam et numquam licet quod semper et ubique non licet. (6) Haec est veritatis integritas et, quae ei debetur, disciplinae plenitudo et aequalitas timoris et fides obsequii, non inmutare sententiam nec variare iudicium. Non potest aliud esse, quod vere quidem est bonum seu malum. Omnia autem penes veritatem dei fixa sunt.

21 (1) Ethnici, quos penes nulla est veritatis plenitudo, quia nec doctor veritatis deus, malum et bonum pro arbitrio et libidine interpretantur: alibi bonum quod alibi malum, et alibi malum quod alibi bonum. (2) Sic ergo evenit, ut qui in publico vix necessitate vesicae tunicam levet, idem in circo aliter non exuat, nisi totum pudorem in faciem omnium intentet, ut et qui filiae virginis ab omni spurco verbo aures tuetur, ipse eam in theatrum ad ilIas voces gesticulationesque deducat, (3) et qui in plateis litem manu agentem aut compescit aut detestatur, idem in stadio gravioribus pugnis suffragium ferat, er qui ad cadaver hominis communi lege defuncti exhorret, idem in amphitheatro derosa et dissipata et in suo sanguine squalentia corpora parientissimis oculis desuper incumbat, (4) immo qui propter homicidae poenam probandam ad spectaculum veniat, idem gladiatorem ad homicidium flagellis et virgis compellat invitum, et qui insigniori cuique homicidae leonem poscit, idem gladiatori atroci petat rudem er pilleum praemium conferat, illum vero confectum etiam oris spectaculo repetat, libentius recognoscens de proximo quem voluit occidere de longinquo, tanto durior, si non voluit.

22 (1) Quid mirum? Inaequata ista hominum miscentium er commutantium statum boni er mali per inconstantiam sensus et iudicii varietatem. (2) Etenim ipsi auctores et administratores spectaculorum quadrigarios scaenicos xysticos arenarios illos amatissimos, quibus viri animas feminae autem illis etiam corpora sua substernunt, propter quos se in ea committunt quae reprehendunt, ex eadem arte, qua magnifaciunt, deponunt et deminuunt, immo manifeste damnant ignominia et capitis minutione, arcentes curia rostris senatu equite ceterisque honoribus omnibus simul et ornamentis quibusdam. (3) Quanta perversitas! Amant quos multant, depretiant quos probant, artem magnificant, artificem notant. (4) Quale iudicium est, ut ob ea quis offuscetur, per quae promeretur? Immo quanta confessio est malae rei! Cuius auctores, cum acceptlssimi sint, sine nota non sunt.

23 (1) Cum igitur humana recordatio etiam obstrepente gratia voluptatis damnandos eos censeat ademtis bonis dignitatum in quendam scopulum famositatis, quanto magis divina iustitia in eiusmodi artifices animadvertit? (2) An deo placebit auriga ille tot animarum inquietator, tot furiarum minister [korrumpierte Stelle, wahrscheinlich ist hier 'tot statuum' zu lesen], ut sacerdos coronatus vel coloratus ut leno, quem curru rapiendum diabolus adversus Elian exornavit? (3) Placebit et ille, qui voltus suos novacula mutat, infidelis erga faciem suam, quam non contentus Saturno et Isidi et Libero proximam facere insuper contumeliis alaparum sic obicit, tamquam de praecepto domini ludat? (4) Docet scilicet et diabolus verberandam maxillam patienter offerre. Sic et tragoedos cothurnis extulit, quia nemo potest adicere cubitum unum ad staturam suam : mendacem facere vult Christum. (5) lam vero ipsum opus personarum quaero an deo placeat, qui omnem similitudinem vetat fieri, quanto magis imaginis suae? Non amat falsum auctor veritatis; adulterium est apud illum omne quod fingitur. (6) Proinde vocem sexus aetates mentientem, amores iras gemitus lacrimas asseverantem non probabit: omnem enim hypocrisin damnat. Ceterum cum in lege praescribit maledictum esse qui muliebribus vestietur, quid de pantomimo iudicabit, qui etiam muliebribus curatur? (7) Sane et ille artifex pugnorum impunitus ibit? Tales enim cicatrices caestuum et callos pugnorum et aurium fungos a deo cum plasmaretur accepit; ideo illi oculos deus commodavit, ut vapulando deficiant. (8) Taceo de illo, qui hominem leoni prae se opponit, ne parum sit homicida quam qui eundem postmodum iugulat.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002