Lykurg, der legendäre Gesetzgeber Spartas (Plutarch, Lykurgos 4 - 10. 13. 14. 24. 31).

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Lebensbeschreibungen, Gesamtausgabe, übersetzt von Johann Friedrich Kaltwasser, in Neubearbeitungen von Hans Floerke und später Ludwig Kröner, Bd. 1 (Theseus-Romulus, Lykurgos - Numa, Solon-Poplicola, Themistokles - Camillus, Perikles - Fabius Maximus), mit einer Einletung von Otto Seel, München um 1965, S. 108 - 114, 117, 118, 131, 139.

{4.}... Die Agypter glauben, daß Lykurg [scil. auf seinen Informationsreisen in andere Länder] auch zu ihnen gereist sei, daß er unter allen ihren Einrichtungen besonders die Absonderung des Soldatenstandes von den übrigen Ständen bewundert, sie nach Sparta verpflanzt, und indem er die Handwerker und Künstler gänzlich absonderte, einen wirklich reinen und vollkommenen Staat errichtet habe. Mehrere griechische Geschichtschreiber stimmen hierin den Agyptern bei. Daß aber Lykurg auch nach Libyen und Spanien gekommen, ja sogar in Indien herumgezogen sei, und da mit den Gymnosophisten Umgang gehabt habe, dies meldet meines Wissens sonst kein anderer Schriftsteller, als der Spartaner Aristokrates, Hipparchos Sohn.

5. Die Lakedaimonier vermißten Lykurg während seiner Abwesenheit sehr und schickten mehrmals an ihn, daß er zurückkommen mochte. Denn die Könige hatten vor dem Volke weiter keinen Vorzug als den Namen und die Ehre; Lykurg hingegen besaß ganz eigene Gaben, einen Staat zu regieren, und konnte die Menschen lenken, wie er wollte. Selbst den Königen war seine Rückkunft sehr erwünscht, und sie versprachen sich, daß sie, wenn er zugegen wäre, dem Trotz und Übermut des Pöbels weniger ausgesetzt sein würden. Bei solcher Stimmung der Gemüter kehrte er endlich nach Sparta zurück und nahm sich sogleich vor, die gegenwärtige Verfassung ganz aufzuheben und eine neue einzuführen, weil er wohl einsah, daß einzelne Gesetze nichts fruchten und ausrichten könnten, wenn er nicht, wie bei einem siechen und mit mancherlei Krankheiten behafteten Kürper, die verdorbene Mischung durch reinigende Arzneien gänzlich tilge und wegschaffe und die Bürger an eine neue Diät gewöhne.

Um dieses Vorhaben auszuführen, reiste er zuerst nach Delphi, opferte da und fragte den Apollon um Rat, worauf er denn jenes bcrühmte Orakel mit nach Hause nahm, in welchem ihn die Pythia einen Liebling der Götter nannte, der mehr ein Gott als ein Mensch sei. Und da er um gute Gesetze und Einrichtungen bat, antwortete sie, Apollon gebe und bewillige ihm die trefflichste unter allen Verfassungen. Dadurch ermutigt suchte er nun die angesehensten Bürger zu gewinnen und ermahnte sie, ihn bei seinem Vorhaben zu unterstützen. Anfangs ließ er nur seine vertrautesten Freunde um die Sache wissen, nach und nach aber brachte er mehrere auf seine Seite und vereinigte sie zu dieser Unternehmung.

Als die Stunde gekommen war, ließ er mit Anbruch des Tages dreißig der Vornehmsten bewaffnet auf den Markt treten, um die Gegner sogleich in Furcht und Schrecken zu setzen. Die Namen von zwanzig, welche die angesehensten waren, hat Hermippos aufgezeichnet; derjenige aber, der an Lykurgs Unternehmungen den größten Anteil nahm und ihn bei der Einführung der Gesetze besonders unterstützte, soll Arthmiadas geheißen haben. Gleich zu Beginn dieses Aufruhrs floh der König Charilaos aus Furcht, man habe es mit dem ganzen Unternehmen nur auf ihn abgesehen, in den Tempel der Athena Chalkinikos. Da er aber durch eidliche Versicherung beruhigt wurde, ließ er sich leicht bereden, den Tempel zu verlassen, und förderte nun selbst das Unternehmen. Er war überhaupt von sanftmütigem Charakter, so daß auch sein Mitregent Archelaos zu denen, die den jungen König lobten, gesagt haben soll: Wie sollte Charilaos nicht gut sein, da er nicht einmal gegen Übeltäter böse ist?

Die erste und wichtigste unter den von Lykurg getroffenen neuen Einrichtungen war die Einsetzung eines Senates, der, wie Platon sagt, die Wohlfahrt und Ruhe des Staates vorzüglich förderte, da er der übermäßigen Macht der Könige an die Seite gestellt und dieser an Rechten gleich gemacht wurde. Denn der Staat, der sonst hin und her geschwankt und sich bald auf die Seite der Könige zur willkürlichen Gewalt, bald auf die Seite des Volks zur Demokratie geneigt hatte, bekam jetzt an der Macht des Senats eine feste Stütze, die alles im Gleichgewicht erhielt und die sicherste Ruhe und Ordnung bewirkte. Die achtundzwanzig Alten verbündeten sich jedesmal mit den Königen, wenn es nötig war, der Volksgewalt entgegenzuarbeiten; ebenso traten sie auf die Seite des Volks, wenn die königliche Gewalt in eine Tyrannei auszuarten drohte. So viele Senatoren wurden, dem Aristoteles zufolge, ernannt, weil von den dreißig Männern, die zuerst auf Lykurgs Seite waren, zwei aus Furchtsamkeit wieder zurückgetreten sind. Sphairos aber sagt, es wären gleich anfangs nicht mehr gewesen, die um die Sache gewußt hätten. Vielleicht hat auch die Eigenschaft dieser Zahl dazu beigetragen, da sie durch Multiplikation der Sieben mit der Vier entsteht und nächst der Sechs der Summe ihrer Teile gleich, also vollkommen ist. Meines Erachtens aber sind so viele Senatoren ernannt worden, damit ihrer, wenn die zwei Könige zu den achtundzwanzig hinzukamen, in allem dreißig seien.

6. An dieser neu eingeführten Instanz war Lykurg so viel gelegen, daß er darüber ein besonderes Orakel von Delphi einholte, welches Rhetra genannt wird und also lautet:

"Wenn du dem Zeus Syllanios und der Athena Syllania einen Tempel erbaut, wenn du Stämme und Zünfte abgeteilt und einen Rat von Dreißig mit den Häuptern eingesetzt hast, dann versammle das Volk von Zeit zu Zeit zwischen Babyka und Knakion. Du schlägst vor und entläßt, aber dem Volke gehört das Recht, zu bestätigen oder zu verwerten."

In diesem Orakel sind unter den Häuptern die Könige zu verstehen, und das Volk zu versammeln heißt 'apellazein', weil Lykurg die Ursache und Veranlassung dieser Einrichtung dem pythischen Apollon zuschrieb. Babyka und Knakion heißen jetzt 'Oinus'; nach Aristoteles aber war Knakion ein Fluß und Babyka eine Brücke. Zwischen beiden hielten sie ihre Versammlungen, an einem Ort, wo weder Säulengänge noch andere Prachtgebäude waren. Denn Lykurg glaubte, daß dergleichen Dinge, welche die Versammelten zu sehr zerstreuen und mit eiteln, unnützen Vorstellungen beschäftigen, bei Beratungen mehr schädlich als nützlich wären, weil da jeder seine Aufmerksamkeit nur auf die Statuen, die Gemälde, die Vorhallen der Theater oder die prächtig verzierten Decken der Rathäuser richtet. Wenn das Volk versammelt war, durfte niemand außer dem Senat und den Königen etwas in Vorschlag bringen; dem Volke aber kam es zu, die von jenen gemachten Vorschläge zu bestätigen oder zu verwerfen.

Als später das Volk die Ratsbeschlüsse durch Zusätze oder Auslassungen verdrehte und verfälschte, fügten die Könige Polydoros und Theopompos zu jener Rhetra noch folgendes hinzu: Wenn aber das Volk einen verdrehten Beschluß annähme, sollen die Alten und Häupter abfallen, das heißt, es nicht bekräftigen, sondern sich entfernen und das Volk gleich auseinandergehen lassen, weil es den Ratschluß zum Nachteil des Staats geändert und verdreht habe. Auch beredeten sie die Bürger, daß dies auf Befehl des Apollon geschehen sei, wie der Dichter Tyrtaios in folgender Stelle erwähnt:

"Sie, die dort in Pytho des Phoibos Stimme vernahmen,
Brachten den göttlichen Spruch mit nach Hause zurück:
Herrschen sollen im Rat die gottgeehreten Häupter,
Welchen Spartas Wohl ist zur Sorge vertraut,
Und die beratenden Alten, und dann die Männer vom Volke,
Denen nach Recht und Gesetz immer zu sprechen geziemt."

7. So gut nun auch Lykurg die Regierungsgewalt gemischt zn haben glaubte, so fanden doch seine Nachfolger die Gewalt der Wenigen noch viel zu stark, trotzend und übermächtig, und legten ihr, wie Platon sagt, durch die Gewalt der Ephoren gleichsam einen Zügel an, ungefähr hundertunddreißig Jahre nach Lykurg, als Elatos zum ersten Ephoros oder Staatsaufseher ernannt wurde, unter der Regierung des Königs Theopompos. Dieser mußte auch, wie man sagt, von seiner Gemahlin Vorwürfe darüber hören, daß er die königliche Macht viel geringer, als er sie übernommen hätte, seinen Söhnen hinterlassen würde; aber er antwortete ihr: "Nein, sondern größer, da sie dauerhafter ist!" In der Tat verlor sie auch weiter nichts als das Übermaß und entging dadurch dem Neide und zugleidi einer Menge Gefahren. Daher blieben die spartanischen Könige von allen den Übeln verschont, welche die Messenier und Argeier ihren Königen zufügten, die in nichts nachgeben, noch zum Besten des Volks ihre Macht beschränken wollten. Nichts überzeugt uns besser von Lykurgs Weisheit und Vorsicht, als wenn man auf die Spaltungen der Messenier und Argeier, zweier benachbarter und verwandter Staatenas und die schlechte Verwaltung ihrer Könige einen Blick wirft. Diese hatten von Anfang an gleiche Teile erhalten, ja das Los schien sie noch mehr begünstigt zu haben als jene, aber dennoch blieben sie nicht lange im Besitz ihres Glückes. Der Übermut der Könige sowohl, als die Widerspenstigkeit der Bürger bewirkten bald in beiden Staaten die größte Zerrüttung, und dies dient zum Beweise, daß der Mann, der die spartanische Verfassung geordnet und eingerichtet hatte, für die Spartaner in der Tat ein göttliches Geschenk gewesen war. Doch dies gehört in die spätere Geschichte.

Die zweite und zugleich die gewagteste Einrichtung des Lykurg war die Verteilung der Ländereien. Es herrschte nämlich damals in Sparta eine außerordentliche Ungleichheit; eine Menge dürftiger und unbegüterter Leute fiel dem Staat zur Last, dagegen strömten die Reichtümer in einige wenige Familien zusammen, woraus nichts als Übermut, Neid, Betrug und Schwelgerei entstand. Um diese und die noch weit größeren und wichtigeren Gebrechen des Staats, Reichtum und Armut, gänzlich zu verbannen, überredete er die Bürger, alle ihre Ländereien herzugeben, sie aufs neue verteilen zu lassen und in völliger Gleichheit und Gemeinschaft der Güter miteinander zu leben, so daß sie nur durch die Tugend einen Vorrang suchten, und unter ihnen keine andere Ungleichheit oder Verschiedenheit bestünde, als diejenige, die das Lob guter und der Tadel schlechter Handlungen bestimmt.

Diesen Vorschlag setzte er nun ins Werk und verteilte ganz Lakonika unter dessen Bewohner in dreißigtausend, und die zur Stadt Sparta gehörigen Fluren in neuntausend Lose; denn so hoch war die Zahl der Bürger. Einige sagen, Lykurg hätte nur sechstausend Teile gemacht und Polydoros später die übrigen dreitausend hinzugefügt; nach anderen rührt die eine Hälfte der neuntausend Lose von Lykurg und die andere von Polydoros her. Jeder einzelne Teil war so groß, daß er für den Mann siebzig MedimnenGerste, für die Frau zwölf und eine verhältnismäßige Menge an flüssigen Früchten [scil. Wein und Öl] abwarf. So viel glaubte er, daß zu ihrer Unterhalte hinreichend wäre, und daß Sie, um gesund und bei Kräften zu bleiben, weiter nichts bedürften. Man erzählt, daß Lykurg einige Zeit nacher, als er, bei der Rückkehr von einer Reise, während der Ernte durch das Land zog und die gleich großen Getreidehaufen nebeneinander liegen sah, zu den Umstehenden lächelnd ge sagt habe, ganz Lakonika scheine ein Feld zu sein, das viele Brüder erst vor kurzem unter sich geteilt hätten.

9. Nunmehr nahm er sich vor, das Hausgerät ebenso zu verteilen und dadurch alle Ungleichheit vollends auszurotten; aber da er merkte, daß die Bürger, wenn man ihnen dies einfach wegnähme, leicht schwierig werden könnten, schlug er einen anderen Weg ein und suchte die Habsucht in solchen Dingen durch politische Maßregeln zu ersticken. Zuerst schaffte er alle Gold- und Silbermünze ab und führte an deren Statt den Gebrauch der eisernen Münze ein, der er bei der großen Schwere und Masse einen so geringen Wer tgab, daß schon eine Summe von zehn Minen zum Aufbewahre im Hause eine eigene Niederlage und zum Fortschaffen einen zweispännigen Wagen erforderte. Sobald diese Münze gangbar wurde, verschwanden auf einmal eine Menge Verbrecher aus Lakedaimon. Denn wer mochte nun wohl stehlen, sich bestechen lassen, rauben oder betrügen, um einer Sache willen, die sich nicht verbergen ließ, deren Besitz nicht glücklicher machte, und die, auch wenn sie zerstückt wurde, nicht den geringsten Ntitzen brachte? Denn Lykurk tauchte das Eisen glühend in Essig und benahm ihm dadurch die Härte, so daß es zu jeder anderen Verwendung untauglich wurde

Sodann verwies er auch aus Sparta alle unnützen und überflüssigen Künste, von welchen wohl die meisten schon von selbst, ohne daß man sie verbannte, zugleich mit der abgeschafften Münze ver schwunden sein würden, da Kunstwerke keinen Absatz mehr fanden; denn die eiserne Münze ließ sich nicht in andere griechisch. Länder bringen, wo sie verspottet wurde und gar keinen Wert hatte. Daher war auch in Sparta kein Handel mit fremden Modewaren, kein Handelsschiff kam in spartanische Häfen; ebensowenig betrat die Grenzen KLakoniens ein Sophist, ein herumziehender Wahrsager, ein Mädchenhändler oder ein Hersteller goldener und silberner Schmuckstücke, weil da kein Geld zu holen war. ...

10. Um den Luxus aber noch besser zu bekämpfen und das streben nach Reichtum vollends auszurotten, ordnete er die dritte und beste Einrichtung an, nämlich die gemeinsamen Mahlzeiten. alle Bürger mußten zusammenkommen und miteinander die vorgeschriebenen Speiesn und Gerichte essen; keiner durfte zu Hause für sich auf kostbaren Polstern und Tischen speisen, odre sich, nach Art gefräßiger Tiere, im Finstern aus der Hand der Köche oder Zuckerbäcker mästen lassen und mit den Sitten zugleich den Körper verderben...

13. Geschriebene Gesetze hat Lykurg nicht gegeben; solche seien vielmehr durch die Rhetra untersagt. Er glaubte nämlich, daß die wichtigsten und vorzüglichsten Anordnungen für das Glück und den Bestand des Staates nur dann, wenn sie dem Charakter der Bürger durch Erziehung tief eingeprägt worden seien, fest und unveränderlich bestünden ...

14. Bei der Erziehung, die er als die größte und wichtigste Aufgabe eines Gesetzgebers betrachtete, fing er ganz von vorm an und richtete sein Augenwerk auf die Ehen und die Erzeugung der Kinder ...

24. Die strenge Zucht erstreckte sich auch auf die Erwachsenen. Keiner durfte leben wie er wollte. Einem jeden war in Sparta, wie in einem Lager, eine bestimmte Lebensart und seine Beschäftigung für das Gemeinwohl vorgeschrieben, und jedermann, welches Alters auch immer, glaubte, daß er nicht sich selbst, sondern dem State gehöre ...

31. Es war nicht das Hauptziel Lykurgs, daß Sparta einst zu einer großen Herrschaft gelange. Er war vielmehr überzeugt, daß das Glück eines ganzen Staates so gut wie das eines Privatmannes nur in der Tugend und Eintracht mit sich selbst bestehe, und so zielten alle seine Verordnungen darauf ab, daß die Spartaner so lange wie möglich frei, genügsam und der Tugend ergeben bleiben sollten. Dies legte auch später Platon bei seiner 'Republik' zugrunde, desgleichen Zenon und alle, die wegen ihrer Versuche über diesen Gegenstand gelobt werden; nur mit dem Unterschiede, daß diese bloß Reden und Schriften hinterließen, Lykurg aber nicht in Reden oder Schriften, sondern in der Tat einen unnachahmlichen Staat ans Licht gebracht ... hat ...


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002