Romulus, Gründer und Gesetzgeber Roms (Plutarch, Romulus 8 - 14. 28).

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Lebensbeschreibungen, Gesamtausgabe, übersetzt von Johann Friedrich Kaltwasser, in Neubearbeitungen von Hans Floerke und später Ludwig Kröner, Bd. 1 (Theseus-Romulus, Lykurgos - Numa, Solon-Poplicola, Themistokles - Camillus, Perikles - Fabius Maximus), mit einer Einletung von Otto Seel, München um 1965, S. 70 - 76 und 94.

(8.) ... Fabius und Diokles von Peparethos haben, wie man glaubt, zuerst die Erbauung Roms beschrieben. Manchen kommt [die Erzählung des Diokles] freilich verdächtig vor, weil sie so märchenhaft und dramatisch ist; allein man darf sie nicht so geradehin verwerfen, wenn man wahrnimmt, welch seltsame Ereignisse das Glück zu bewirken pflegt, und wenn man dabei bedenkt, daß Rom gewiß nicht zu dieser außerordentlichen Macht gelangt wäre, wenn es nicht einen göttlichen, mit wunderbaren Begebenheiten verbundenen Ursprung gehabt hätte.

9. Nachdem Amulius umgebracht und die Ruhe wiederhergestellt war, wollten die beiden Jünglinge [scil. Romulus und Remus] nicht ohne zu herrschen in Alba wohnen, jedoch nicht zu Lebzeiten ihres Großvaters. Sie gaben also diesem die Regierung wieder, setzten auch ihre Mutter in den ihr gebührenden Rang wieder ein und beschlossen dann, in der Gegend, wo sie erzogen worden waren, eine Stadt zu erbauen und da für sich allein zu wohnen. Dies scheint noch unter allen Ursachen, die man angibt, die einleuchtendste zu sein. Vielleicht war es auch bei der Menge von Sklaven und Landstreichern, die sie um sich hatten, eine Notwendigkeit für sie, mit diesen Leuten an einem Orte zusammen zu wohnen, wenn sie sich nicht durch deren Zerstreuung um Macht und Ansehen bringen wollten. Denn daß die Einwohner von Alba keine Lust hatten, sich mit diesen Landstreichern zu verbinden oder sie zu Mitbürgern aufzunehmen, ergab sich deutlich genug aus dem Weiberraub, der nicht aus Frevel, sondern aus Notwendigkeit unternommen wurde, weil ihnen niemand gutwillig eine Frau geben wollte; denn sie erwiesen ja den geraubten Mädchen alle Ehren.

Sobald die erste Anlage zu der neuen Stadt gemacht war, errichteten sie eine dem Gott Asylaeus geheiligte Freistätte und nahmen darin jedermann auf, so daß sie weder die Sklaven den Herren, noch den Gläubigern die Schuldner, noch den Obrigkeiten die Mörder auslieferten, sondern kraft eines Orakelspruchs Apollons allen, die kamen, völlige Unverletzbarkeit zusicherten. Auf solche Weise wurde die Stadt gar bald mit Einwohnern gefüllt; denn es sollen anfänglich nicht mehr als tausend Häuser gewesen sein. Doch davon nachher.

Kaum hatten sie den Entschluß gefaßt, eine Stadt zu erbauen, als sie schon des Platzes wegen miteinander in Streit gerieten. Romulus legte das sogenannte viereckige Rom an und wollte an diesem Orte die Stadt erbauen; Remus hingegen bestimmte dazu einen festen Platz auf dem aventinischen Berge, der von ihm Remonium genannt wurde, jetzt aber Rignarium heißt. Sie wurden einig, diesen Streit den Vögeln zur Entscheidung zu überlassen, und als sie sich zu diesem Zweck an zwei verschiedene Plätze gesetzt hatten, sollen dem Remus sechs, dem Romulus aber noch einmal so viele Geier erschienen sein. Einigen zufolge hat Remus die Geier wirklich gesehen, Romulus aber es erlogen, und die zwölf Geier erst gesehen, als Remus schon wieder zu ihm gekommen war. Daher pflegen die Römer noch jetzt bei ihren Augurien besonders auf die Geier achtzugehen. Herodoros, der Pontiker, sagt, auch Herakles habe sich immer gefreut, wenn ihm bei einer Unternehmung ein Geier erschienen wäre. Der Geier ist nämlich das unschädlichste Tier, das dem Menschen an der Saat, den Pflanzen und dem Vieh nicht den geringsten Schaden anrichtet. Er nährt sich bloß von toten Körpern und tötet oder verletzt nichts, was Leben hat, ja er berührt nicht einmal tote Vögel, weil er mit ihnen verwandt ist. Adler, Eulen und Habichte hingegen stoßen auch auf Tiere ihrer Art und töten sie. In der Tat sagt auch Aischylos:

"Wie ist ein Vogel rein, der andre Vögel frißt?"

Überdies schweben andere Vögel, sozusagen, uns immer vor Augen und lassen sich zu allen Zeiten sehen, der Geier aber ist in seltener Anblick, und niemand entsinnt sich leicht, junge Geier gesehen zu haben. Ja die seltene und ungewöhnliche Erscheinung derselben hat manche auf die ungereimte Vermutung gebracht daß sie aus andern ferneren Gegenden zu uns kommen. Und so muß auch, nach der Meinung der Wahrsager, das beschaffen sein, was nicht natürlicherweise oder von selbst, sondern durch göttliche Schickung erscheint.

10. Remus ward über den entdeckten Betrug sehr aufgebracht, und als Romulus einen Graben führen ließ, der um die Mauer gehen sollte, spottete er nicht nur über die Arbeit, sondern suchte sie auch zu verhindern. Endlich, da er gar über den Graben sprang, wurde er, wie einige sagen, von Romulus selbst, nach anderen aber von Celer, einem seiner Anhänger, erschlagen. In diesem Streite kamen auch Faustulus und Plistinus, ein Bruder des Faustulus, der den Romulus mit erzogen haben soll, ums Leben. Celer entwich nach Etrurien, und nach ihm nennen die Römer die Schnellen und Behenden Celeres. So bekam Quintus Metellus den Beinamen Celer, weil man die Geschwindigkeit bewunderte, mit welcher er wenige Tage nach dem Tode seines Vaters die üblichen Gladiatorenkämpfe zu veranstalten wußte.

11. Nachdem Romulus seinen Bruder mit seinen Erziehern auf dem Platze Remonia begraben hatte, setzte er den Bau der Stadt fort, ließ aber vorher Männer aus Etrurien kommen, die ihn, wie bei Mysterien, unterrichten und alles nach gewissen heiligen Gebräuchen und Vorschriften anordnen mußten. Es wurde nämlich auf dem jetzigen Comitium eine runde Grube gemacht und in diese Erstlinge von allen Dingen, deren Gebrauch entweder das Gesetz erlaubt oder die Natur notwendig macht, gelegt. Zuletzt warf jeder eine Handvoll Erde, die er aus dem Lande, woher er gekommen war, mitgebracht hatte, hinein und rührte alles durcheinander. Eine solche Grube heißt bei den Römern, ebenso wie das ganze Weltgebäude, 'mundus'. Hierauf beschrieb man um sie, wie um den Mittelpunkt eines Zirkels, den Umfang der Stadt. Der Erbauer befestigt an einem Pflug eine eiserne Pflugschar, spannt einen Ochsen und eine Kuh daran und zieht in eigener Person eine tiefe Furche um jene Grenzlinie. Einige gehen hinterdrein, deren Aufgabe es ist, die vom Pfluge aufwärts geworfenen Erdschollen einwärts zu kehren und keine außerhalb liegen zu lassen. Durch diese Linie bestimmt man den Umfang der Mauer, und sie wird mit Ausstoßung zweier Buchstaben 'Pomerium', das heißt der Raum hinter oder nach der Mauer, genannt. Wo man ein Tor einzusetzen gedenkt, nimmt man die Pflugschar ab und hebt den Pflug darüber weg, um einen Zwischenraum zu lassen. Aus dieser Ursache hält man die ganze Mauer, die Tore ausgenommen, für heilig; sollten aber auch die Tore für heilig gehalten werden, so mußte man religiöse Skrupel haben, Dinge, die zwar notwendig, aber nicht rein sind, durch sie ein- und auszuführen.

12. Es wird allgemein angenommen, daß der Anfang zur Erbauung der Stadt Rom am 21. April gemacht wurde; die Römer halten diesen Tag für den Geburtstag ihrer Stadt und feiern ihn als ein Fest. Anfänglich opferten sie, wie man sagt, an diesem Tag nichts Lebendiges, sondern hielten es für ihre Pflicht, den der Entstehung des Vaterlandes gewidmeten Tag rein und unbefleckt vom Blut zu erhalten. Es ist jedoch schon vor Roms Erbauung an diesem Tage ein Hirtenfest gefeiert worden, welches 'Palilia' hieß. Jetzt treffen zwar die römischen Neumonde nicht mit den griechischen überein; doch behauptet man, daß der Tag, an welchem Romulus die Stadt zu bauen angefangen hat, der dreißigste Tag des entsprechenden griechischen Monats gewesen sei, und daß an diesem eine Sonnenfinsternis war, eben die, von der man glaubt. daß sie auch der Epiker Antimachos von Teos kannte und die im dritten Jahr der sechsten Olympiade eingetreten sein soll (scil. im Jahre 753 v. Chr.).

Zu den Zeiten des Philosophen Varro, der unter allen Römern die meisten historischen Werke geschrieben hat, lebte Tarrutius, sein Freund, sonst auch ein Philosoph und Mathematiker, der aber auch zu seinem Vergnügen sich mit Horoskopen abgab und darin für sehr geschickt gehalten wurde. Diesem gab Varro auf, aus den Begebenheiten und Schicksalen, die man von Romulus erzählt, den Tag und die Stunde der Geburt dieses Mannes zu berechnen, nach der Art, wie geometrische Probleme gelöst werden; denn es sei wohl ein und dieselbe Kunst, aus der angegebenen Geburtszeit eines Menschen dessen Leben vorherzusagen und aus den gegebenen Lebensumständen die Geburtszeit ausfindig zu machen. Tarrutius führte diesen Auftrag aus, und nachdem er die Schicksale und Taten des Mannes, sowie seine Lebenszeit und Todesart genau erwogen und alle diese Umstände miteinander verglichen hatte, erklärte er dreist und mit größter Zuversicht, die Empfängnis des Romulus sei geschehen im ersten Jahre der zweiten Olympiade, am dreiundzwanzigsten Tage des ägyptischen Monats Chöak, in der dritten Stunde, da eben die Sonne total verfinstert worden; die wirkliche Geburt sei erfolgt am einundawanzigsten Tage des Monats Thoth, gegen Sonnenaufgang, Rom aber sei von ihm erbaut würden am neunten Tage des Monats Pharmuthi, zwischen der zweiten und dritten Stunde. Man glaubt nämlich, daß das Schicksal einer Stadt so gut als das Schicksal eines Menschen seine bestimmte Zeit habe, die durch die Vergleichung des ersten Ursprungs mit der Konstellation sich herausbringen lasse. Doch vielleicht werden derlei Dinge durch ihre Neuheit und Außergewönlichkeit die Leser mehr anziehen, als sie diesen durch das Mythenhafte lästig werden.

13. Das erste, was Romulus nach Erbauung der Stadt vornahm, war, daß er alle Mannschaft, die Waffen tragen konnte, in Abteilungen einteilte, deren jede aus dreitausend Mann Fußvolk und dreihundert Reitern bestand. Eine solche Schar hieß 'legio', weil die Wehrtüchtigen aus allen auserlesen waren. Die übrigen betrachtete er als die Gemeinde, und das gesamte Volk bekam den Namen 'populus'. Hierauf machte er hundert der Angesehensten zu Ratsherren und nannte sie selbst 'Patrizier', ihre Versammlung aber 'senatus'. Das Wort 'senatus' bedeutet unstreitig soviel wie 'Versammlung der Alten'; aber warum die Ratsherren Patrizier genannt worden, darüber sind die Meinungen verschieden. Einige sagen, weil sie Väter rechtmäßiger Kinder waren; andere, weil sie ihre eigenen Väter angeben konnten, ein Vorzug, den nur wenige von denen, die als erste in die Stadt zusammenflossen, hatten. Noch andere leiten diese Benennung von dem Worte 'patrocinium' ab, welches noch jetzt Schutz und Schirm bedeutet, und glauben dabei, daß ein gewisser Patron, der mit Euandros in diese Gegend gekommen war, besondes den Geringeren Schutz und Beistand geleistet und dadurch dieser Sache seinen Namen hinterlassen habe.

Das Wahrscheinlichste ist wohl, daß ihnen Romulus diesen Namen gegeben hat, teils weil er es für die Pflicht der Vornehmsten und Mächtigsten hielt, sich der Geringeren mit Sorgfalt und achtsamkeit anzunehmen, teils auch um die anderen zu belehren, daß sie sich vor den Mächtigeren nicht fürchten, noch über ihre Vorzüge neidisch sein, sondern sich mit Zutrauen an sie wenden und sie als Väter ansehen und verehren sollten. Noch gegenwärtig, wo Mitglieder des Senats von Auswärtigen 'Fürsten' genannt werden, heißen die Römer selbst sie nur 'patres conscripti', ein Name, mit der größten Ehre und Würde verbunden und doch dem Neide am wenigsten ausgesetzt ist. Anfänglich hießen sie bloß 'patres', Väter; in der Folge aber, als noch mehr in den Rat aufgenommen wurden, bediente man sich der Benennung 'patres conscripti'.

Außer diesen ehrenvollen Namen, wodurch er zwischen Senat und Volk einen Unterschied machte, bediente er sich noch eines anderen, um die Vornehmen von den Gemeinen abzusondern. Er nannte nämlich jene 'Patrone', das ist 'Schutzherren', diese aber 'Klienten', das ist 'Schutzgenossen', und flößte ihnen dadurch eine bewundernswürdige wechselseitige Zuneigung ein, die der Grund vieler wichtiger Rechte und Pflichten geworden ist. Die Patrone erklärten ihren Klienten die Gesetze, standen ihnen in Prozessen bei und waren in allen Fällen ihre Ratgeber und Beschützer; die Klienten hingegen dienten den Patronen und erwiesen ihnen nicht bloße Ehre, sondern unterstützten sie auch, wenn sie arm waren, bei Ausstattung ihrer Töchter oder bei der Bezahlung ihrer Schulden. Kein Gesetz, keine Obrigkeit konnte einen Patron zwingen, gegen seinen Klienten oder diesen, gegen jenen Zeugnis abzulegen. Alle diese Rechtsverhältnisse haben lange Zeit gegolten; nur wurde es in der Folge schimpflich und unedel gehalten, daß die Mächtigen von den Geringen Geld nahmen. Soviel von dieser Sache.

14. Im vierten Monat nach der Erbauung wurde, wie Fabius erzählt, der Weiberraub unternommen. Einige behaupten, Romulus selbst habe, teils aus natürlicher Neigung zum Kriege, teils einer, durch gewisse Orakel bewirkten Uberzeugung, daß es Roms Schicksal sei, durch Krieg zu wachsen und zu einer ungeheuren Macht zu gelangen, mit den Gewalttätigkeiten an den Sabinern begonnen und ihnen höchstens etwa dreißig Mädchen geraubt, mehr um Krieg anzufangen, als um seinen Leuten Weiber zu verschaffen. Allein dies ist nicht wahrscheinlich, sondern Romulus begann dieses Unternehnien, weil er sah, daß sich die Stadt zwar bald mit Bewohnern füllte, daß aber nur wenige Weiber hatten, und die meisten, als ein Haufe elender und dürftiger Leute, von denen man sich kein langes Dableiben versprechen konnte, überall verachtet wurden. Vielleicht machte er sich auch Hoffnung, daß er durch diesen Raub den Grund zu einer engeren Verbindung mit den Sabinern legen könne. ...

27. ... Wie [unter anderem] erzählt wird, hielt Romulus außerhalb der Stadt bei dem sogenannten 'Ziegensumpf' eine Volksversammlung ab, als sich plötzlich in der Luft die seltsamsten und unglaublichsten Veränderungen ereigneten. Die Sonne wurde ganz verdunkelt, und es brach eine schreckliche Finsternis herein, wobei der Donner und das Heulen des sturmwindes alles in Furcht und Schrecken versetzte. Sobald das Unwetter nachgelassen hatte und der Himmel wieder heiter war, fanden sich die meisten wieder auf dem Versammlungsplatze ein und fragten dringlich, wo ihr König wäre [scil. der unerklärbar verschwunden war und blieb, was allerlei Gerüchte, auch bösartiger Art, verursachte]. ...

28. In dieser Verwirrung begab sich ... ein Patrizier von vornehmstem Stande und erprobter Redlichkeit, Iulius Proculus, ein vertrauter Freund des Romulus selbst und einer von denen, die von Alba nach Rom gezogen waren, auf den Markt, und nachdem er auf die verehrtesten Heiligtümer einen Eid abgelegt hatte, erklärte er vor dem ganzen Volke, Romulus wäre ihm auf dem Heimwege nach Rom erschienen, aber viel größer und schöner, akls man ihn sonst gesehen, und mit glänzenden, feuerflammenden Waffen geschmückt. Über diesen Anblick erschrocken hätte er ihn angeredet: "Was haben wir dir getan, o König, oder was hast du für Absichten, daß du uns in so ungerechten, bösen Verdacht und die verwaiste Stadt in die tiefste Trauer geraten läßt?" Darauf habe Romulus ihm geantwortet:"Es ist der Wille der Götter, mein Proculus, daß wir, nachdem wir so lange unter den Menschen verweilt und eine Stadt, der größter Ruhm und höchste Herrschaft bestimmt ist, erbaut haben, in den Himmel, unsere eigentliche Heimat zurückkehren sollen. So lebe denn wohl und sage den Römern, daß sie durch Tapferkeit und Mäßigkeit die höchste Stufe menschlicher Macht erreichen werden. Ich will künftig euer huldreicher Gitt Quirinus sein." Der Charakter unnd der Eid des Erzählers bewopg die Römer, dies für die Wahrheit zu halten. ...


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002