1) Biographischer Vergleich des Demosthenes mit Cicero. Plutarch, Bioi paralleloi: Demosthenes - Cicero.

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Lebensbeschreibungen, Gesamtausgabe, mit der Übersetzung von Johann Friedrich Kaltwasser (1799 - 1806) in der Bearbeitung von Hans Flörke (1913) in der Revision von Ludwig Kröner, München um 1960, Bd. 5, S. 227 - 320 (hier 307 - 310, 318 - 320).


1. Dies sind nun die denkwürdigsten Begebenheiten im Leben des Demosthenes und Cicero, von denen ich Kenntnis erlangt habe. Ohne mich an einen Vergleich ihrer rednerischen Talente wagen wollen, glaube ich doch den Umstand nicht mit Stillschweigen übergehen zu dürfen, daß Demosthenes alle Gaben, die er von Natur oder durch Übung besaß, den Aufgaben der Rhetorik dienstbar machte und nicht nur an Nachdruck und Stärke alle, die in gerichtlichen Kämpfen und Prozessen gegen ihn auftraten, sondern auch an Erhabenheit und Würde des Ausdrucks die, welche mit ihrer Geschicklichkeit prahlten, und an Genauigkeit und Kunst selhst die Sophisten übertroffen hat; daß hingegen Cicero durch seinen außerordentlichen Fleiß mit vielerlei Gebieten der Gelehrsamkeit bekannt war und viele philosophische, im Stil der Akademiker ausgearbeitete Schriften hinterlassen hat, ja auch sogar in den für Prozesse und Gerichte geschriebenen Reden seine gelehrten Kenntnisse überall anzubringen und sichtbar zu machen sucht.

Dabei liegt auch in den Reden der beiden Männer ihr Charakter ganz deutlich vor Augen. Der Vortrag des Demosthenes ist frei von gesuchtem Schmuck und scherzhaften Einfällen, immer nur auf Ernst und Nachdruck angelegt; er riecht nicht, wie Pytheas spöttisch sagte, nach dem Lampendocht, wohl aber nach dem Wassertrinken, nach dem Tiefsinn, nach der ihm zugeschriebebenen Herbe und Strenge des Charakters. Dagegen verfällt Cicero durch seinen Hang zum Spotten oft in niedrige Spaßmacherei, behandelt bei Prozessen die ernsthaftesten Dinge mit Scherz und Lachen und läßt dabei nicht selten das Geziemende außer acht. So sagt er in der Rede für Caelius, dieser tue nichts Unrechtes, wenn er bei der allgemeinen Wohlstandssucht das Genießen suche; es sei unsinnig, sich Dinge zu versagen, deren Genuß freisteht, zumal die berühmten Philosophen die Glückseligkeit im Genießen sehen. Als Consul, erzählt man, übernahm er die Verteidigung des von Cato angeklagten Murena und machte in seiner Rede um Catos willen die stoische Schule wegen der Absurdität ihrer sogenannten paradoxen Sätze höchst lächerlich. Als sich nun unter den Umstehenden ein lautes Gelächter erhob und bis zu den Richtern drang, sagte Cato ruhig lächelnd zu denen, die bei ihm saßen: "Was haben wir für einen witzigen Consul!"

Überhaupt scheint Cicero von Natur sehr zum Scherzen und Lachen aufgelegt gewesen zu sein, und auf seinem Gesicht sah man stets ein Lächeln und Heiterkeit; auf dem des Demosthenes hingegen lag immer ein finsterer Ernst, und nicht leicht wichen Tiefsinn und Versonnenheit von seiner Stirn. Daher nannten ihn auch, wie er selbst sagt, seine Feinde einen mürrischen und grämlichen Menschen.

2. Aus ihren Schriften ist ferner zu ersehen, daß der eine das Selbstlob auf eine feine und unanstößige Art anwendet, wenn es eine höhere Absicht notwendig macht, sonst aber die größte Mäßigung und Bescheidenheit zeigt; Cicero hingegen in seinen Reden bei aller Gelegenheit mit Gefallen von sich selbst spricht und durch übertriebenes Selbstlob eine grenzenlose Ehrsucht verrät, wenn er zum Beispiel ruft; "Der Toga müssen die Waffen, der Beredsamkeit der Triumphlorbeer weichen!" Ja er lobt nicht bloß seine Taten und Staatshandlungen, sondern auch die von ihm geschriebenen und gehaltenen Reden, als wenn er sich wie ein Jüngling mit Isokrates, mit Anaximenes oder andern solchen Sophisten messen müßte, nicht aber die Römer, ein Volk voll Kraft im Waffenkampf der Feinde Schrecken,zu leiten und zu regieren hätte. Ein Staatsmann muß sich freilich durch die Beredsamkeit Macht und Ansehen zu verschaffen suchen; aber nach dem Ruhm, den die Redekunst gewährt, begierig zu haschen, ist niedrig und unedel. Daher zeigt Demosthenes in dieser Beziehung mehr Gesetztheit und Seelengröße, wenn er seine Stärke nur für eine Geschicklichkeit hält, die noch sehr der Nachsicht der Zuhörer bedürfe, diejenigen aber für niedrigdenkende Handwerker erklärt, wie sie es auch wirklich sind, welche sich deswegen mit Stolz aufblähen.

3. Beide waren also in der Geschicklichkeit, durch Reden auf das Volk zu wirken und Politik zu machen, einander so ziemlich gleich, so daß auch die, welche über Waffen und Kriegsheere zu gebieten hatten, sie nicht entbehren konnten, den Demosthenes nämlich Chares, Diopeithes und Leosthenes, den Cicero Pompeius und der junge Caesar, wie Caesar selbst in seinen Denkschriften an Agrippa und Maecenas gesagt hat. Was aber, nach der Meinung und Behauptung vieler, den Charakter eines Mannes am besten prüfen und sichtbar machen kann, nämlichMacht und Gewalt,wodurch alle Leidenschaften erregt, alle noch so sehr verborgenen Laster aufgedeckt werden, das wurde dem Demosthenes nicht zuteil, und er gab in dieser Beziehung keine Probe von sich, da er nie eins der höhern Amter verwaltet, auch nicht die von ihm gegen Philipp aufgebotene Macht angeführt hat. Cicero hingegen wurde als Quaestor nach Sizilien und als Proconsul nach Kilikien und Kappadokien geschickt, zu einer Zeit, wo die Habsucht blühte, wo die ausgeschickten Feldherren und Statthalter, als wenn das Stehlen für sie zu gering ware, sich offene Räubereien erlaubten, wo das Nehmen für nichts Schändliches gehalten, sondern derjenige noch gepriesen wurde, der darin Maß hielt; und dennoch bewies er in diesen Amtern eine ebenso große Verachtung des Geldes wie Menschenliebe und Rechtschaffenheit. In Rom selbst wurde er dem Namen nach zum Consul ernannt, erhielt aber die unbeschränkte Gewalt eines Diktators gegen die Rotte des Catilina und bestätigte die Weissagung Platons, daß die Staaten von allen Drangsalen Erholung finden würden, wenn einmal durch ein günstiges Geschick große Macht und Klugheit mit Gerechtigkeit in einer Person sich vereinigten.

Demosthenes macht man es zum Vorwurf, daß er aus der Beredsamkeit ein Gewerbe machte und für Phormio wie für Apollodoros, die einen Prozeß gegeneinander hatten, heimlich Reden verfertigte. Auch kam er wegen der vom persischen König erhaltenen Gelder in üblen Ruf, und wegen der Bestechung durch Harpalos wurde er sogar verurteilt. Wenn wir nun auch annehmen wollten, daß die Schriftsteller, die dieses von ihm melden, und deren sind nicht wenige, eine Unwahrheit gesagt haben, so läßt sich doch auf keine Weise leugnen, daß Demosthenes viel zu schwach gewesen ist, die ihm von Königen aus Gunst oder um ihn zu ehren angebotenen Geschenke großmütig auszuschlagen, und daß sich so etwas von einem Manne, der sein Geld im Seehandel auf Zins anlegte, gar nicht einmal erwarten läßt. Von Cicero hingegen ist schon bemerkt worden, daß er alle Geschenke, die ihm als Aedil von den Sizilianern, als Proconsul von dem König der Kappadokier, und als er Rom verlassen mußte, von seinen Freunden aufgedrängt wurden und die sehr ansehnlich waren, standhaft abgelehnt hat.

4. Die Verbannung gereichte dem einen zur Schande, weil er wegen Unterschlagung dazu verurteilt wurde, dem andern machte sie die größte Ehre, weil er sie für die Ausrottung einer dem Vaterlande verderblichen Verbrecherbande erlitt. Daher nahm man auf jenen, als er ins Exil ging, nicht die geringste Rücksicht; bei diesem hingegen änderte der Senat die Kleidung, zeigte tiefe Trauer und beschloß, nichts zu unternehmen, bis die Zurückberufung Ciceros beschlossen wäre.

Zur Zeit seiner Verbannung in Makedonien war Cicero völlig untätig, während für Demosthenes diese Zeit ein bedeutender Abschnitt seiner politischen Tätigkeit war. Denn er arbeitete, wie oben erzählt wurde, mit großem Eifer für die Griechen, reiste von einer Stadt zur andern, um die makedonischen Gesandten zu verdrängen, und bewies weit mehr Vaterlandsliebe als ehedem unter gleichen Umständen Themistokles und Alkibiades. Auch nach seiner Rückkehr trat er wieder in ebendieselben politischen Verhältnisse und kämpfte ohne Unterlaß gegen Antipatros und die Makedonier. Dem Cicero machte Laelius öffentlich im Senat Vorwürfe, daß er tatenlos zusah, als Caesar in jungen Jahren gesetzeswidrig an das Konsulat kam. Und Brutus führte in seinen Briefen über ihn Beschwerde, daß er eine weit härtere und drückendere Tyrannei als diejenige, die von ihnen zerstört worden sei, großgezogen habe.

5. Was zuletzt noch das Ende der beiden Männer betrifft, so muß man den einen bedauern, daß er, ein so betagter Mann, sich aus Feigheit von seinen Sklaven hin und her tragen ließ und, um dem Tode zu entrinnen, sich von denen, die der Natur eben nicht viel zuvorkamen, versteckte und dann doch noch den Tod erlitt. Bei Demosthenes aber verdient, wenn er auch einige Versuche machte, sein Leben zu fristen, das Bereithalten wie die Anwendung des Giftes bewundert zu werden, daß er, weil ihm Poseidon keine Sicherheit mehr gewähren konnte, gleichsam zu einem höheren Altar seine Zuflucht nahm, sich den Waffen und Trabanten entriß und der Grausamkeit des Antipatros spottete.


2) Ludwig Kröner, Kurzcharakterisierung des Demosthenes und des Cicero aus heutiger historischer Perspektive.

Entnommen aus: Plutarch, Lebensbeschreibungen, Gesamtausgabe, mit der Übersetzung von Johann Friedrich Kaltwasser (1799 - 1806) in der Bearbeitung von Hans Flörke (1913) in der Revision von Ludwig Kröner, München um 1960, Bd. 5, S. 318 - 320.

Zu Demosthenes.

Demosthenes, der berühmteste Redner Attikas, wurde 384 v. Chr. geboren. Mit 7 Jahren verlor er seinen Vater, der ihm als Besitzer einer Waffen- und Stuhlfabrik ein Vermögen von 14 Talenten hinterließ. Die von seinem Vater bestellten Vormünder veruntreuten jedoch das ganze Vermögen und zwangen so den jungen Demosthenes zum Studium des Rechts und der Rhetorik, um sich sein Recht zu verschaffen. Ohne diese Fügung des Schicksals hätte Demosthenes wahrscheinlich nie eine Zeile geschrieben oder in die Politik Athens eingegriffen, sondern Waffen für die Hopliten Athens und Wohnungseinrichtungen für die Villen der Athener hergestellt. Die Beschäftigung mit diesem zunächst fremden Sachgebiet veranlaßte Demosthenes nach teils verlorenen, teils durch Vergleich beendigten Prozessen gegen seine Vormünder, den Beruf eines Logographen (Rechtsanwalt) zu ergreifen. Obschon er von schwächlicher Natur und kleiner Statur war und einen Sprachfehler hatte, brachte er es durch Selbstdisziplin und die Schulung durch große Lehrer -neben Isaios soll er auch Platon gehört und die Schriften des Isokrates studiert haben - zu vollendeter Meisterschaft und Beherrschung der Sprache. Zeitgenossen berichten, daß seine Sprachgewalt, seine Überzeugungskraft, seine Gestik und Mimik alle in seinen Bann gezogen habe; selten nur soll er aus dem Stegreif gesprochen, seine Reden vielmehr stets sorgfältig vorbereitet und einstudiert haben. Um das Ende des Bundesgenossenkrieges, 355 v. Chr., der Athens Traum von der Vorherrschaft zur See endgültig zunichte gemacht hatte, trat Demosthenes erstmals als Staatsanwalt auf. In der 'Symmorienrede' verfocht er die Interessen des Staates zur Wahrung der Unabhängigkeit und forderte, daß die Zahl der für den Ausbau der Flotte steuerpflichtigen Bürger von 1200 auf 2000 erhöht wurde. Die Absicht Philipps II., Griechenland unter der Vorherrschaft Makedoniens zu einigen, machte Demosthenes zu dem, als den ihn die Nachwelt bewundert, zum unbeugsamen und wortgewaltigen Verfechter griechischer Macht und Freiheit. In den olynthischen und philippischen Reden, den sog. 'Philippika', versuchte er, den kriegsmüden Athenern die Augen zu öffnen und sie zum Kampf zu überreden, riet dann jedoch angesichts der Machtlosigkeit Athens zum Frieden des Philokrates, der 346 v. Chr. geschlossen wurde; er selbst mußte mit seinem politischen Gegner, dem makedonienfreundlichen Aischines, als Unterhändler zu Philipp reisen. Später griff er Aischines in der 'Rede von der Truggesandtschaften' scharf an. 340 v. Chr. war Demosthenes der führende Politiker Athens, das sich mit Byzanz verbündete und in den Krieg gegen Philipp eintrat, nachdem Demosthenes durch unermüdliche Arbeit, Reden und Reisen die Meinung der Athener geändert und andere Städte für das Bündnis gewonnen hatte. 338 v. Chr. vernichtete Philipp das Heer der Verbündeten bei Chaironeia. Demosthenes, der selbst an der Schlacht teilgenommen hatte, hielt in Athen die Leichenrede auf die Gefallenen und wurde für seine Verdienste von den Athenern mit dem goldenen Kranz geehrt; in seiner 'Kranzrede' gab er noch einmal Rechenschaft von seinem politischen Wollen und Wirken. Nach Philipps Tod, 336 v. Chr., hoffte Demosthenes vergebens auf eine Befreiung von der makedonischen Herrschaft. 324 v. Chr. wurde er wegen der Annahme von Bestechungsgeldern von Alexanders geflüchtetem Schatzmeister Harpalos zur Zahlung von 50 Talenten verurteilt, mußte aber, da er nicht zahlen konnte, nach Ägina fliehen. Nach Alexanders Tod wurde er begnadigt und kehrte in Ehren nach Athen zurück. Nachdem Antipatros 322 v. Chr. bei Krannon gesiegt und Athen besetzt hatte, fand Demosthenes keine Gnade mehr und wurde zum Tode verurteilt. Er floh auf die kleine Insel Kalaureia und suchte im Tempel des Poseidon Zuflucht; entgegen dem Asylrecht, das ein Altar jedem Flüchtigen gewährte, ergriffen ihn die Häscher des Antipatros, Demosthenes entzog sich jedoch der Hinrichtung durch Gift.

Zu Cicero.

Marcus Tullius Cicero ist der Klassiker der lateinischen Sprache. Sein Werk, das poetische Versuche, rhetorisch-juristische und philosophisch-politische Schriften und über tausend Briefe enthält, zeichnet uns das Bild eines römischen Politikers, wie wir es sonst nicht besitzen, und erschließt uns eine Persönlichkeit als Denker, Redner und Staatsmann; zugleich ist es uns eine unschätzbare Quelle für die politischen und kulturellen Verhältnisse dieses letzten Jahrhunderts vor Christus. Nur die Gesamtschau seines Werkes wie auch seines Handelns ergeben eine gerechte Beurteilung dieses bedeutenden Menschen. 106 v. Chr. wurde Cicero in Arpinum, einer Provinzstadt im südöstlichen Lanum, geboren. Seine Herkunft aus der Familie eines mittelständischen Ritters, der nicht der Senatsnoblität angehörte, erschwerte ihm als homo novus den Aufstieg zu den höchsten Staatsämtern, die er jedoch dank seiner außergewöhnlichen Redebegahung, seiner enormen Arbeitskraft und durch die von Catilina heraufbeschworenen wirren Zeitumstände erreichte.

In Rom, Athen und Rhodos suchte er sich die bedeutendsten Lehrer der Rhetorik, Staatsverwaltung und Philosophie. Mit 26 Jahren verteidigte er glanzvoll den Marianer S. Roscius und galt seitdem als der gesuchteste Anwalt auf dem Forum, benutzte aber seinerseits diese Tätigkeit nur als Sprungbrett für seine politische Laufbahn. Aus Gesundheitsgründen ging er für zwei Jahre (79 - 77 v. Chr.) nach Griechenland, fand dort in Athen Atticus, seinen treuen, langjährigen Freund, und erwarb sich bei Apollonios Molon, dem Meister der bedeutendsten Rhetorikschule auf Rhodos, die vollendete Beherrschung der Sprache. 76 v. Chr. wurde er als Quaestor nach Sizilien geschickt. Dort nahm er sich der von dem römischen Statthalter Verres schamlos ausgenützten Sizilianer an und siegte in dem Repetundenprozeß über den damals berühmten Hortensius, den Staranwalt des Verres. Mit diesem Sieg sicherte er sich neben der Achtung und Dankbarkeit der Sizilianer zugleich den Ruf als bester Anwalt und Redner. 69 v. Chr. war er Aedil, und 67 v.Chr. wurde er einstimmig zum Praetor gewählt. Sein Ansehen, seine tadellose Amtsführung und die Wirren der von Catilina angezettelten Unruhen, dessen Pläne er erkannte und aufdeckte, ebneten dem homo novus im Jahre 63 v. Chr. den Weg zum Konsulat. Jn der Aufdeckung der Verschwörung des Catilina und der Vernichtung der Staatsfeinde sah Cicero selbst den Höhepunkt seines Lebens, den er auch in einem Epos 'Über mein Konsulat' verherrlichte. 58 v. Chr. setzte Publius Clodius, gegen den Cicero im Prozeß wegen Religionsfrevel der Bona Dea ausgesagt hatte, seine Verbannung durch. Gekränkt und gebrochen begab sich Cicero, der wegen seiner Verdienste um den Staat "Retter des Vaterlandes" genannt wurde, nach Makedonien; viele seiner Briefe, die er aus der Verbannung an Atticus und seine in Rom verbliebene Familie schrieb, zeugen von dem Schmerz, den ihm diese undankbare Haltung der Römer und die Trennung von Heim und Herd bereiteten. Doch bereits ein Jahr später, 57 v. Chr., wurde er auf Betreiben des Pompeius, für den er einst (66 v. Chr.) in der Rede 'De imperio Cn. Pompei' eingetreten war, nach Rom zurückgeholt. Die Veränderungen auf der politischen Bühne - Cicero konnte als Anhänger der Republik das Machtstreben des von ihm im Catilina-Prozeß verdächtigten Caesar, der sich inzwischen mit Pompeius und Crassus im 1. Triumvirat 60 v. Chr. verbunden hatte, nicht teilen -zwangen ihn, sich aus dem aktiven politischen Leben zurückzuziehen. Auf seinen Landgütern wandte er sich erneut philosophischen Studien zu. Zu dieser Zeit entstanden die großen Werke 'De re publica', ' De oratore', 'De legibus'.

Ciceros Bestreben war es, das Gedankengut der griechischen Philosophie in allgemeinverständlicher Sprache den Römern mitzuteilen. Nur ungern übernahm der gesundheitlich labile Cicero im Jahre 51 v. Chr. das Prokonsulat in Kilikien, das er vorbildlich verwaltete. Nach seiner Rückkehr, 49 v. Chr., war durch Caesars Mißachtung des Senatsbefehls und nach seinem mißglückten Vermittlungsversuch zwischen Caesar und Pompeius der Bürgerkrieg unvermeidbar geworden. Cicero, schwankend zwischen dem politischen Ideal altrömischer republikanischer Freiheit und der Einsicht in politisch-historische Gegebenheiten und Notwendigkeiten, folgte dem vom Senat berufenen Pompeius nach Griechenland. Nach der Niederlage des Senatsheeres bei Pharsalos, 48 v. Chr., kehrte er, von Caesar rehabilitiert, nach Rom zurück. Doch erst nach Caesars Ermordung (Iden desMärz 44 v.Chr.) schien ihm eine neue Möglichkeit für eine politische Tätigkeit im Sinne seines republikanisch-platonischen Staatsideals gegeben. Aber bereits das am 11. 11. 43 v. Chr. zwischen Antonius, Lepidus und dem Caesar-Erben Octavianus geschlossene 2. Triumvirat machte seine Pläne zunichte und brachte ihn in die Opposition. Nachdem er vorher als Führer und Sprecher des Senats in seinen 'Philippika' gegen Marcus Antonius, den er für den Ausbruch des Bürgerkrieges verantwortlich gemacht hatte (II, 55), losgezogen war, wurde er ein Opfer der Dreierkoalition. Der vom Senat und von Cicero erst für lenkbar gehaltene und geförderte Octavian wandte dem Senat den Rücken und ließ Cicero für das Bündnis mit dem mächtigen und einflußreichen Antonius fallen. Am 7. Dezember 43 v. Chr. ereilten den geächteten Cicero die Schergen seines Mörders Antonius bei Formiae und töteten ihn. Das von seinem Privatsekretär Tiro gesammelte und von seinem Freund Atticus herausgegebene Werk ließ, trotz zeitweilig zu Tage tretender Schwächen des Menschen Cicero, den erhabensten und gebildetsten Redner und Denker römischen Geistes fortleben bis in unsere Tage. ...


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002