1) Der Friedensschluß mit den Puniern i. J. 202 und der Triumph des Scipio Africanus Maior (Livius, 30, 43 - 45).

Deutsche Übersetzung aus: Livius, Römische Geschichte, Buch XXVI - XXX. Der zweite punische Krieg, III. Übersetzt von Walther Sontheimer, Stuttgart 1969, S. 232 - 235.

33. ... So aus Rom entlassen, schlossen die Karthager nach ihrer Ankunft bei Scipio in Afrika Frieden unter den oben angeführten Bedingungen. Die Kriegsschiffe, die Elefanten, die Uberläufer, die entlaufenen Sklaven und viertausend Gefangene wurden ausgeliefert. Unter ihnen war der Senator Q. Terentius Culleo. Die Schiffe ließ Scipio auf die hohe See hinausführen und in Brand stecken. Einige überliefern, es seien fünfhundert Ruderschiffe jeglicher Art gewesen. Als die Punier diese plötzlich in Flammen aufgehen sahen, habe dieses Bild sie mit solcher Trauer erfüllt, wie wenn Karthago selbst brennen würde. Die Überläufer traf härtere Strafe als die geflohenen Sklaven. Die Latiner wurden mit dem Beile hingerichtet, die Römer ans Kreuz geschlagen.

44. Vor vierzig Jahren war zum letzten Male Friede mit den Karthagern geschlossen worden unter dem Konsulat von Q. Lutatius und A. Manlius. Dreiundzwanzig Jahre später nahm der Krieg seinen Anfang unter dem Konsulat des Cn. Cornelius und P. Aelius. Oft soll Scipio später gesagt haben, zuerst habe ihn die Ehrsucht des Ti. Claudius, dann die des Cn. Cornelius daran gehindert, diesen Krieg mit der Zerstörung Karthagos zu beendigen.

Als in Karthago die erste Geldzahlung der durch den langen Krieg erschöpften Bevölkerung schwierig erschien und in der Kurie Niedergeschlagenheit herrschte, wobei alles Tränen vergoß, sah man, wie erzählt wird, Hannibal lachen. Als ihm Hasdrubal Haedus wegen seines Lachens Vorwürfe machte, wo man doch überall Tränen vergieße und er persönlich der Anlaß zu diesen Tränen sei, sagte er: "Könnte man doch so, wie man mit den Augen die Stimmung im Gesicht sieht, auch in das Herz schauen, dann würde euch leicht klarwerden, daß dieses Lachen, über das ihr scheltet, nicht der Ausdruck eines frohen, sondern eines vor Schmerz fast wahnsinnigen Gemütes ist. Und doch ist dieses Lachen keineswegs so abwegig wie diese eure albernen und abgeschmackten Tränen. Damals wäre Weinen am Platze gewesen, als man uns die Waffen genommen hat, als unsere Schiffe in Flammen aufgingen, als uns verboten wurde, auswärtige Kriege zu führen. Das ist ja die Wunde, mit der uns der Todesstoß versetzt worden ist. Und es liegt für euch kein Grund vor, zu glauben, die Römer hätten euch für ein geruhsames Dasein verschont. Keine große Bürgergemeinde kann lange Ruhe halten. Wenn sie auswärts keinen Feind hat, findet sie ihn im Innern, wie kraftstrotzende Körper gegen Anfechtungen von außen sicher erscheinen, aber der Last ihrer eigenen Kräfte ausgesetzt sind. Aber freilich merken wir von dem Unglück der Allgemeinheit nur so viel, als dieses in unsere persönlichen Verhältnisse eingreift, und nichts bringt uns dabei mehr in Harnisch als der Verlust an Geld. Als man daher dem besiegten Karthago seine Rüstung entzog, als ihr gesehen habt, wie es nunmehr waffen- und wehrlos zwischen so vielen bewaffneten Völkern Afrikas preisgegeben wurde, da hat niemand aufgeseufzt. Weil man aber jetzt den Tribut aus dem Privatbesitz aufbringen muß, jammert ihr, wie wenn der Staat zu Grabe getragen würde. Wie sehr befürchte ich, ihr werdet demnächst merken, daß das Unglück, über das ihr heute geweint habt, das leichteste gewesen ist." So sprach Hannibal vor den Karthagern.

Scipio berief eine Soldatenversammlung, in der er Massinissa zu seinem väterlichen Reiche die Stadt Cirta und die übrigen Städte und Landstriche, die aus dem Reich des Syphax in die Gewalt des römischen Volkes gekommen waren, hinzufügte. Dem Cn. Octavius befahl er, die Flotte nach Sizilien zu führen und dem Konsul Cn. Cornelius zu übergeben, den karthagischen Gesandten, nach Rom zu reisen, damit die von ihm im Einvernehmen mit den zehn Gesandten geschlossenen Abmachungen durch das Gutachten des Senats und das Geheiß des Volkes bestätigt würden.

45. Als der Friede zu Wasser und zu Land geschlossen war, wurde das Heer eingeschifft und Scipio fuhr nach Lilybäum in Sizilien hinüber. Von da schickte er einen großen Teil seiner Truppen zu Schiff weiter und gelangte selbst durch das nicht weniger über den Frieden als über den Sieg jubelnde Italien, wobei die Bevölkerung nicht nur aus den Städten zu Ehrenerweisungen herbeiströmte, sondern auch die Landbevölkerung die Straßen umsäumte, nach Rom. Dort zog er in einem alle bisherigen an Glanz überragenden Triumphe ein. An Silber brachte er in den Staatsschatz einhundertunddreiundzwanzigtausend Pfund. An die Soldaten verteilte er aus der Beute je vierhundert As. Mehr der Schaulust der Menge als dem Ruhm des Triumphators wurde Syphax durch seinen Tod entzogen. Er war kurz zuvor in Tibur gestorben, wohin er von Alba gebracht worden war. Doch zog er auch noch im Tode die Blicke auf sich, da er ein öffentliches Leichenhegängnis erhielt. - Daß dieser König im Triumph aufgeführt wurde, überliefert Polybius, eine durchaus beachtliche Quelle. - Hinter dem triumphierenden Scipio ging Q. Terentius Culleo mit einem Hut auf dem Kopf. In seinem ganzen weiteren Leben verehrte er, wie es billig war, Scipio als den Mann, der ihm die Freiheit verschafft hatte. Ob Scipio den Beinamen Africanus zuerst die Zuneigung der Soldaten oder die Volksgunst verschafft oder ob ihn, wie zu unserer Väter Zeiten bei Sulla, dem ,"Glücklichen", und Pompeius, dem "Großen", die Schmeichelei seiner engeren Umgebung aufgebracht hat, darüber kann ich keine sichere Auskunft geben. Sicherlich war Scipio der erste Feldherr, der durch den Namen des von ihm besiegten Volkes verherrlicht wurde. Nach seinem Beispiel haben in der Folge andere, die keineswegs gleich große Siege errungen hatten, auszeichnende Inschriften unter ihre Bildnisse gesetzt und so berühmte Beinamen ihren Familien verschafft.


2) Scipios Selbstbewußtsein und die Angriffe auf ihn in Rom (Aulus Gellius, Noctes Atticae 4, 18).

Lat. Text aus: Das alte Rom. Auswahl aus dem lateinischen Schrifttum. Für den Schulgebrauch herausgegeben und erläutert von Hermann Schulz, Frankfurt M. u. a. O. um 1955 2 , S. 83 f. Dt. Übersetzung: Christian Gizewski.

Deutsche Übersetzung:

In welchem Maße der ältere Scipio Africanus einerseits durch den auf seinen Verdiensten beruhenden Ruhm hervorragte, wie hochgemut und anspuchsvoll er andererseits auftrat und welches Selbstbewußtsein er dabei an den Tag legte, geht aus dem meisten, was er gesagt und getan hat, mit aller Deutlichkeit hervor. Davon verdienen jedoch zwei Beispiele eines übermäßigen Selbstvertrauens und eines darauf beruhenden übersteigerten Anspruchs auf Ehre doch noch besondere Erwähnung.

Als der Vollkstribun M. Naevius gegen ihn vor der Volksversammlung Anklage erhob und ihn beschuldigte, vom König Antiochos Geld angenommen zu haben, damit diesem [scil. nach dem 'Syrischen Kriege d. J. 192 - 188 v. Chr.] im Namen des römischen Volkes ein Frieden zu angenehmeren und milderen Bedingungen gewährt werde, und ihm gleichermaßen andere derartige Vorwürfe machte, die eines solchen Mannes unwürdig waren, da entgegenete Scipio, nachdem er einige notwendige Vorbemerkungen gemacht hatte, die seine durch Lebensleistung erworbene Würde und seinen Ruhm betrafen: "Ich erinnere mich noch wie heute, liebe Mitbürger, an den Tag, an dem ich den Punier Hannibal, den Todfeind eures Reiches, in einer großen Schlacht auf dem afrkanischen Festlande schlug und euch damit einen völlig unerwarteten Sieg und Frieden bescherte. So wollen wir nun doch nicht undankbar sein. Lassen wir, so schlage ich vor, diesen Schwätzer hier [scil. den anklageerhebenden Volkstribunen] einfach stehen und begeben uns schnell zu Jupiter, um ihm Dank zu sagen." Mit diesen Worten wandte er sich ab und schlug den Weg zum Capitol ein. Unnd die gesamte Versammlung, die zur Beratung des gegen Scipio in Frage kommenden Urteils zusammengekommen war, ließ den Tribun stehen und begleitete Scipio auf das Capitol und danach zu seinem Haus, und zwar mit Freude und feierlicher Danksagung. Es ist auch eine Rede überliefert, welche von Scipio an diesem Tage gehalten worden zu sein scheint; diejenigen, die ihre Echtheit bestreiten, leugnen dennoch nicht, daß die Worte, die ich zitierte, von Scipio stammen.

Ein gleichermaßen einschlägiges anderes Verhalten von ihm ist ebenfalls überliefert. Die Petilii, [zwei gleichnamige und verwandte] Volkstribunen, von M. Cato [Censorius], dem Intimfeind des Scipio, entsprechend instruiert und auf ihn angesetzt, drängten im Senat darauf, er solle wegen des von von Antiochos erhaltenen Geldes und der Beute, die in jenem Kriege gemacht wurde, Rechenschaft ablegen. Scipio war nämlich seinem Bruder L. Scipio Asiaticus, dem Befehlshaber in der Kriegsregion, als Legat [scil. mit Geschäftsführungsaufgaben] zugeordnet gewesen. Da sprang [P.] Scipio auf, zog aus seinem Gewand eine Buchrolle hervor und erklärte, dort seien die Abrechnungen über alles in Empfang genommene Geld und alle gemachte Beute zu dem Zwecke schriftlich aufgeführt, daß daraus öffentlich zitiert und danach mit dem Staatsschatz abgerechnet werden könne. "Aber", so sagte er, "das werde ich nun gerade nicht mehr tun. Ich werde mich auf gar keinen Fall selbst verächtlich behandeln." Daraufhin zerriß er das Buch eigenhändig und sammelte die Schnippsel ein. Er konnte es einfach nicht ertragen, daß man von ihm, dem man Dank für die Rettung des Reiches und Staates hätte abstatten müssen, Rechnung wegen irgendwelcher Beutegelder forderte.

Lateinischer Text:

Scipio Africanus antiquior quanta virtutum gloria praestiterit et quam fuerit altus animi atque magnificus et qua sui conscientia subnixus, plurimis rebus, quae dixit quaeque fecit, declaratum est. ex quibus sunt haec duo exempla eius fiduciae atque exsuperantiae ingentis:

Cum M. Naevius tribunus plebis accusaret eum ad populum diceretque accepisse a rege Antiocho pecuniam, ut condicionibus gratiosis et mollibus pax cum eo populi Romani nomine fieret, et quaedam item alia crimini daret indigna tali viro, tum Scipio pauca praefatus, quae dignitas vitae suae atque gloria postulabat: "memoria", inquit, "Quirites, repeto diem esse hodiernum, quo Hannibalem Poenum imperio vestro inimicissimum magno proelio vici in terra Africa pacemque et victoriam vobis peperi inspectabilem. non igitur simus adversum deos ingrati et, censeo, relinquamus nebulonem hunc, eamus hinc protinus Iovi Optimo Maximo gratulatum!" id cum dixisset, avertit et ire ad Capitolium coepit. tum contio universa, quae ad sententiam de Scipione ferendam convenerat, relicto tribuno Scipionem in Capitolium comitata atque inde ad aedes eius cum laetitia et gratulatione sollemni prosecuta est. fertur etiam oratio, quae videtur habita eo die a Scipione, et qui dicunt eam non veram, non eunt infitias, quin haec quidem verba fuerint, quae dixi, Scipionis.

Item aliud est factum eius praeclarum. Petillii quidam tribuni plebis a M., ut aiunt, Catone, inimico Scipionis, comparati in eum atque immissi desiderabant in senatu instantissime, ut pecuniae Antiochinae praedaeque in eo bello captae rationem redderet; fuerat enim L. Scipioni Asiatico fratri suo imperatori in ea provincia legatus. ibi Scipio exsurgit et prolato e sinu togae libro rationes in eo scriptas esse dixit omnis pecuniae omnisque praedae, illatum, ut palam recitaretur et ad aerarium deferretur. "sed enim id iam non faciam", inquit, "nec me ipse afficiam contumelia', eumque librum statim coram discidit suis manibus et concerpsit, aegre passus, quod, cui salus imperii ac rei publicae accepta ferri deberet, rationem pecuniae praedatae posceretur.


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LV Gizewski SS 2002