Die göttliche Bestimmung des großen Menschen: Cicero, Somnium Scipionis (De Republica, Fragment aus dem 6. Buch).

Lat. Text und deutsche Übersetzung nach: Marcus Tullius Cicero, De republica. Übersetzt und herahsugegeben von Karl Büchner, Lateinisch-deutsch, Stuttgart 1981, S. 334 - 353. Hervorhebungen im Hinblick auf den thematischen Zusammenhang der Quellenpräsentation vom Hg.


9 (9) (Scip.) "Als ich nach Afrika gekommen war als Militärtribun, wie ihr wißt, zur vierten Legion zum Konsul Manius Manilius, hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als Masinissa aufzusuchen, den König, der unserer Familie aus gerechten Gründen besonders befreundet war. Als ich zu ihm gekommen war, umarmte mich der Greis und weinte, und ein Geraumes danach blickte er zum Himmel empor und sagte: <Ich sage dir Dank, erhabener Sol und euch, ihr übrigen Himmlischen, daß ich, bevor ich aus dem Leben gehe, in meinem Reich und unter diesem Dach den Publuus Cornelius Scipio erblicke, bei dessen Namen schon ich auflebe: so wenig schwindet je das Andenken an jenen so überaus vortrefflichen und unbesieglichen Mann aus meinem Herzen.> Dann fragte ich ihn nach seinem Königtum, er mich nach unserem Gemeinwesen aus, und, nachdem er viele Worte hin und her gegeben hatte, wurde so der Tag von uns verbracht.

10 (10) Danach aber, mit königlichem Aufwand aufgenommen, zogen wir das Gespräch bis tief in die Nacht hin, wobei der Greis nur über Africanus sprach und sich nicht nur auf alle seine Taten, sondern auch Worte besann. Darauf, als wir zum Schlafengehen aufgebrochen waren, umfing mich ein tieferer Schlaf als gewöhnlich, da ich von der Reise ermüdet und bis tief in die Nacht munter gewesen war. Da zeigte sich mir - ich glaube, infolge des Gespräches, das wir geführt; es geschieht nämlich wohl, daß unsere Gedanken und Gespräche etwas Ähnliches im Schlaf hervorbringen, wie es Ennius über Homer schreibt, über den er natürlich im Wachen sehr häufig nachzudenken und zu sprechen pflegte - Africanus in der Gestalt, die mir von seinem Bild her mehr als von ihm selbst bekannt war. Als ich ihn erkannte, schrak ich zusammen. Aber jener sagte: <Sei getrost, Scipio, und laß die Furcht, und was ich dir sagen werde, präge dir ins Gedächtnis.

11 (11) Siehst du jene Stadt, die von mir gezwungen, dem romischen Volke zu gehorchen, die früheren Kriege erneuert und nicht ruhen kann? Er zeigte aber auf Karthago von seinem hohen und sternebesäten, strahlenden und hellen Orte. Sie, zu deren Bestürmung du jetzt, fast noch einfacher Soldat, kommst, wirst du in zwei Jahren als Konsul zerstören, und es wird dir dein Beiname durch dich selber erworben sein, den du jetzt noch nur als Erbe von uns trägst. Wenn du aber Karthago zerstörst, den Triumph gefeiert hast, Zensor gewesen bist und als Gesandter Agypten, Syrien, Asien und Griechenland bereist hast, wirst du ein zweites Mal in deiner Abwesenheit zum Konsul gewählt werden und wirst den größten Krieg beenden, Numantia zerstören. Wenn du aber auf dem Wagen aufs Kapitol gefahren bist, wirst du das Gemeinwesen in Verwirrung durch die Pläne meines Enkels antreffen.

12 (12) Hier wirst du, Africanus, dem Vaterland das Licht deines Geistes, deiner Begabung, deines Rates zeigen müssen. Aber für diese Zeit sehe ich gleichsam eine doppelte Straße deines Schicksals. Denn wenn dein Alter achtmal sieben Kreise und Kehren der Sonne erfüllt hat und dir diese zwei Zahlen, deren jede aus anderem Grunde als voll gilt, in natürlichem Umlauf die schicksalhafte Summe bewirkt haben, wird sich die ganze Bürgerschaft zu dir allein und deinem Namen hinwenden, auf dich werden der Senat, auf dich alle Guten, auf dich die Bundesgenossen, auf dich die Latiner schauen, du wirst der eine sein, auf dem das Leben des Staates ruht und, um nicht viele Worte zumachen: als Diktator mußt du das Gemeinwesen ordnen, wenn du den ruchlosen Händen der Verwandten entflohen bist.>" Als hier Laelius einen Ausruf getan und die anderen heftiger geseufzt hatten, sagte Scipio lächelnd: "St! bitte, weckt mich nicht aus dem Schlafe und hört das übrige noch ein Weilchen an!

13 (13) <Aber damit du um so feuriger bist, Africanus, das Gemeinwesen zu schützen, sollst du so glauben: allen, die die Heimat bewahrt, ihr geholfen, sie gefördert haben, ist ein fester Platz im Himmel bestimmt, dort selig ein ewiges Leben zu genießen. Nichts nämlich ist jenem Götterfürsten, der die ganze Welt lenkt, wenigstens soweit es auf Erden geschieht, willkommener als die Versammlungen und Gemeinschaften von Menschen, die durchs Recht geeint sind, die man Staaten nennt; ihre Lenker und Bewahrer kehren, nachdem sie von hier aufgebrochen sind, hierher zurück.>

14 (14) Hier fragte ich, wenn ich auch erst erschreckt war, nicht so sehr durch die Furcht vor dem Tode als vor den Nachstellungen von seiten der Meinen, danach, ob er selbst lebe und mein Vater Paulus und andere, die wir erloschen wähnten. <Freilich>, sagte er, <die leben, die aus den Fesseln der Körper gleich wie aus einem Kerker entflohen sind, euer sogenanntes Leben aber ist der Tod. Warum schaust du nicht auf deinen Vater Paulus, der zu dir kommt?> Als ich den sah, vergoß ich einen Strom Tränen, jener aber umfing mich, und mich küssend hinderte er mich zu weinen.

15 (15) Und ich sage, als ich das Weinen unterdrückt und wieder sprechen zu können begonnen hatte: <Ich bitte dich, heiligster und bester Vater, da ja dies das Leben ist, wie ich Africanus sagen höre, was verweile ich mich auf Erden? Warum eile ich nicht, hierher zu euch zu kommen?> <So ist es nicht>, sagte jener. <Nur wenn dich der Gott, dem dieser ganze Tempel gehört, den du schaust, aus diesem Kerker des Körpers befreit, kann dir der Zugang hierher offenstehen. Die Menschen nämlich sind unter dem Gesetz gezeugt, daß sie jenen Ball, den du in diesem Tempel in der Mitte siehst, Erde genannt, schützen sollen, und es ist ihnen Geist gegeben aus jenen ewigen Feuern, die ihr Gestirne und Sterne heißt, die kugellörmig und rund mit göttlichem Geist beseelt, ihre Kreise und Bahnen mit wunderbarer Schnelligkeit erfüllen. Daher müßt ihr, Publius und alle Frommen, den Geist in dem Kerker des Körpers zurückhalten und dürft nicht ohne Geheiß dessen, von dem er euch gegeben wurde, aus dem Leben der Menschen gehen, damit ihr nicht die menschliche Aufgabe, die euch von Gott bestimmt wurde, zu fliehen scheint.

16 (16) Aber so, Scipio, wie dieser dein Großvater, wie ich, der ich dich gezeugt, übe Gerechtigkeit und fromme Liebe, die etwas Großes bei Eltern und Verwandten, beim Vaterland das allergrößte ist. Dieses Leben ist der Weg zum Himmel, in diesen Kreis hier derer, die schon gelebt haben und vom Körper gelöst jenen Ort bewohnen, den du siehst> - es war dies aber ein Kreis zwischen den Flammen in strahlendstem Schimmer erglänzend - , <den ihr, wie ihr es von den Griechen vernommen, Milchstraße nennt.> Worauf ich mir alles betrachtete und das übrige herrlich und wunderbar schien. Es waren aber die Sterne, die wir nie von diesem Ort aus gesehen haben, und alle von der Größe, wie wir es nie vermutet. Von ihnen aus war der der Kleinste, der als letzter vom Himmel aus gesehen, als nächster von der Erde aus, in fremdem Lichte leuchtete. Die Kugeln der Sterne aber übertrafen leicht die Größe der Erde. Die Erde gar selber erschien mir so klein, daß mich unser Reich, mit dem wir gleichsam nur einen Punkt von ihr anrühren, fast ein wenig leid tat.

17 (17) Als ich sie weiter anschaute, sagte Africanus: <Ich bitte dich, wie lange wird dein Geist am Boden haften bleiben? Schaust du nicht, in welche Tempel du gekommen bist? In neun Kreisen oder besser Kugeln ist alles verbunden. Der eine von ihnen ist der himmlische, der äußerste, der alle übrigen umfaßt, der höchste Gott selber, die übrigen einschließend und umfassend. An ihm sind angeheftet jene ewig kreisenden Bahnen der Sterne. Unter ihm liegen sieben, die sich rückwärts drehen in entgegengesetzter Bewegung zum Himmel. Eine Kugel von ihnen hat jener Stern besetzt, den sie auf Erden den saturnischen heißen. Darauf folgt jener Glanz, dem Menschengeschlecht günstig und heilsam, der Jupiter gehört, wie man sagt. Dann der rötliche und der Erde schreckliche, den ihr den Mars heißt. Darauf hat darunter etwa die Mitte die Sonne inne, die Führerin, die Fürstin und Lenkerin der übrigen Sterne, die Seele und Regierung der Welt, von solcher Größe, daß sie alles mit ihrem Lichte bescheint und erfüllt. Ihr folgen wie Begleiter die Bahnen, die eine der Venus, die andere des Merkur, und in dem untersten Kreis dreht sich der Mond, von den Strahlen der Sonne angesteckt. Darunter aber gibt es schon nur noch Sterbliches und Hinfälliges, außer den Seelen, die durch das Geschenk der Götter dem Menschengeschlecht gegeben sind, oberhalb des Mondes ist alles ewig. Denn sie, die die Mitte und neunte ist, die Erde, bewegt sich nicht und ist die unterste und zu ihr streben alle Gewichte durch eigene Schwere.>

18 (18) Als ich dies voll Staunen betrachtete, sagte ich, während ich mich faßte: <Was ist hier? Was ist dieser so gewaltige und süße Ton, der meine Ohren erfüllt?> <Das ist jener Ton, der, verbunden in ungleichen, aber doch in bestimmtem Verhältnis sinnvoll abgeteilten Zwischenräumen, durch Schwung und Bewegung der Kreise selber bewirkt wird und, das Hohe mit dem Tiefen mischend, verschiedene Harmonien ausgeglichen bewirkt; denn so gewaltige Bewegungen können nicht in Stille angetrieben werden, und die Natur bringt es mit sich, daß das Äußerste auf der einen Seite tief, auf der anderen Seite hoch tönt. Daher bewegt sich jene höchste sternentragende Bahn des Himmels, deren Umdrehung schneller ist, mit einem hohen und aufgeregten Ton, die des Mondes aber und unterste mit dem tiefsten. Denn die Erde als neunte und unbeweglich bleibend hängt immer an einem Sitz, die Mitte des Weltalls einnehmend. Jene acht Bahnen aber, von denen zwei dieselbe Kraft besitzen, bewirken sieben durch Zwischenräume unterschiedene Töne, eine Zahl, die der Knoten fast aller Dinge ist; das haben gelehrte Männer mit Saiten und Stimmen nachgeahmt und haben sich damit die Rückkehr zu diesem Ort erschlossen, wie andere, die mit überragender Geisteskraft im menschlichen Leben göttliche Studien gepflegt haben. (19) Von diesem Ton sind die Ohren der Menschen erfüllt und dafür taub geworden; und kein Sinn in euch ist abgestumpfter; wie dort, wo der Nil zu den sogenannten Catadupa von den höchsten Bergen herabstürzt, das Volk, das jene Gegend bewohnt, wegen der Größe des Geräusches des Gehörsinns entbehrt. Dieser Ton aber ist durch die überaus rasche Umdrehung des ganzen Weltalls so gewaltig, daß ihn die Ohren der Menschen nicht fassen können, so wie ihr die Sonne nicht direkt anschauen könnt und eure Sehschärfe und euer Gesicht durch ihre Strahlen besiegt wird.>

19 (20) Das bewunderte ich, richtete aber dennoch die Augen beständig auf die Erde. Da sagte Africanus: <Ich merke, daß du auch jetzt noch den Sitz und das Heim der Menschen betrachtest. Wenn es dir klein scheint, wie es auch ist, schaue immer auf diese himmlischen Dinge, jene menschlichen schätze gering. Denn welche Berühmtheit im Gespräch der Menschen und welch erstrebenswerten Ruhm kannst du erreichen? Du siehst, man wohnt auf der Erde an spärlichen und engen Plätzen, und zwischen den, ich möchte sagen, Flecken, wo man wohnt, liegen weite Einöden, und die, welche die Erde bewohnen, sind nicht nur so unterbrochen, daß nichts unter ihnen selber von den einen zu den anderen dringen kann, sondern sie liegen auch teils beiseite, teils quer zu euch, teils auch auf der Gegenseite. Von denen könnt ihr sicherlich keinen Ruhm erwarten.

20 (21) Du siehst aber, wie die Erde auch wie von gewissen Gürteln umschlungen und umgeben ist, von denen zwei, wie du siehst, die am meisten voneinander entfernt sind und zu beiden Seiten unter dem Scheitel des Himmels selbst ruhen, in Eis erstarrt sind, jener mittlere aber und größte von der Glut der Sonne ausgedörrt wird. Zwei sind bewohnbar, von denen jener südliche, deren Bewohner euch die Füße entgegenkehren, euer Geschlecht nichts angeht, dieser andere aber gegen Norden gelegene, den ihr bewohnt, sieh, zu welch schmalem Teil er euch berührt. Das ganze Land nämlich, das von euch bebaut wird, an den Spitzen verengt, an den Seiten breiter, ist eine kleine Insel, die von jenem Meer umspült ist, das ihr das atlantische, das große, den Ozean nennt auf Erden und bei dem du doch siehst, wie klein er bei so großem Namen ist.

(22) Hat etwa aus diesen bebauten und bekannten Ländern dein Name oder der eines von uns den Kaukasus, den du hier siehst, übersteigen können, oder den Ganges dort durchschwimmen? Wer wird in den übrigen äußersten Teilen der auf- oder untergehenden Sonne oder des Nordens und Südens deinen Namen hören? Schneidest du das weg, so erkennst du in der Tat, in welcher Enge euer Ruhm sich verbreiten will. Sie selber aber, die über uns sprechen, wie lange werden sie sprechen?

21 (23) Ja, sogar wenn jene Generation der zukünftigen Menschen das Lob eines jeden von uns, von den Vätern überkommen, den Nachkommen der Reihe nach weitergeben wollte, können wir dennoch wegen der Überschwemmungen und Verbrennungen der Erde, die zu bestimmter Zeit eintreten müssen, nicht nur keinen ewigen, sondern nicht einmal einen lange dauernden Ruhm erreichen. Was aber liegt daran, daß von denen, die später geboren werden, von dir geredet wird, wo doch nicht von denen über dich geredet wird, die vorher geboren worden sind, die nicht geringer an Zahl und gewiß bessere Männer waren,

22 (24) zumal da eben bei denen, von denen unser Name gehört werden kann, niemand auch nur das Gedächtnis eines Jahres erreichen kann? Gewöhnlich nämlich messen die Menschen ein Jahr nach der Rückkehr der Sonne, das heißt eines Gestirnes. In Wirklichkeit aber kann erst, wenn alle Sterne zu demselben Punkte, von wo sie einmal aufbrachen, zurückgekommen sind und dieselbe Stellung des ganzen Himmels nach langen Zwischenräumen wieder mit sich gebracht haben, das ein sich wahrhaft wendendes Jahr genannt werden. Ich wage kaum zu sagen, wie viele Generationen von Menschen in ihm enthalten sind. Denn wenn, wie einst die Sonne den Menschen zu vergehen und zu erlöschen schien, als des Romulus Seele eben in diese Bereiche hier drang, einmal die Sonne an derselben Stelle und zu derselben Zeit ein zweites Mal sich verfinstert, dann erst, wenn alle Sternbilder und Sterne zum selben Ausgangspunkt zurückgeführt sind, ist ein Jahr erfüllt, glaube mir; und wisse, daß von diesem Jahr noch nicht der zwanzigste Teil abgelaufen ist.

23 (25) Wenn du daher an der Rückkehr an diesen Ort verzweifelst, in der für große und überragende Männer alles beschlossen liegt, wieviel ist denn dann dieser Ruhm der Menschen wert, der sich kaum auf den geringen Teil eines einzigen Jahres zu erstrecken vermag? Wenn du also in die Höhe schauen willst und diese Wohnstatt und ewige Heimat betrachten, darfst du dich nicht dem Gerede der Masse ergeben noch in menschlichen Lohn die Hoffnung deiner Dinge setzen; mit ihren eigenen Lockungen muß dich die Vollkommenheit selber zu wahrem Glanze ziehen. Was andere über dich reden, sollen sie selber sehen, reden freilich werden sie schon. All dies Gerede aber wird in die Enge der Gebiete, die du siehst, eingeschlossen, ist niemals über irgendeinen ewig gewesen, wird durch den Tod der Menschen erstickt und vom Vergessen der Nachwelt ausgelöscht.>

24 (26) Als er das gesagt hatte, sagte ich: <Ich aber will, Africanus, wofern ums Vaterland wohlverdienten Männern eine Straße zum Tor des Himmels offensteht, obwohl ich von Kindheit an in die Spuren des Vaters und die deinen trat und eurem Glanz nicht fehlte, jetzt, wo ein so hoher Lohn ausgesetzt ist, noch viel wachsamer mich bemühen.> Und jener sagte: <Du bemühe dich und halte das fest: nicht du bist sterblich, sondern dein Körper hier; denn du bist nicht der, den diese Form anzeigt, sondern der Geist eines jeden, das ist er, nicht die Gestalt, die mit den Fingern gezeigt werden kann. Wisse also, daß du Gott bist, wofern Gott ist, was lebt, was empfindet, was sich erinnert, was voraussschaut, was den Körper so lenkt, leitet und bewegt, an dessen Spitze er gesetzt ist, wie jener fürstliche Gott dies All hier; und wie das All, das zu gewissem Teile sterblich ist, der ewige Gott selber, so bewegt diesen gebrechlichen Körper der ewige Geist.

25 (27) Denn was sich immer bewegt, ist ewig; was aber einem Bewegung bringt und was selber von irgendwoher getrieben wird, muß notwendig, da es ein Ende der Bewegung hat, auch ein Ende des Lebens haben. Allein das also, was sich selbst bewegt, hört, weil es nie von sich im Stich gelassen wird, nie auf, sich zu bewegen; ja auch dem übrigen, das bewegt wird, ist dies der Quell, dies der Ursprung der Bewegung. Für einen Ursprung aber gibt es kein Entstehen; denn aus dem Ursprung entsteht alles, selber aber kann er aus keiner anderen Sache entstehen; wäre es doch kein Ursprung, was anderswoher entstünde; wenn es aber niemals entsteht, geht es auch niemals zugrunde. Denn ein erloschener Ursprung wird weder selber von einem anderen wiedergeboren werden, noch wird er einen anderen aus sich selbst heraus schaffen, wofern es nötig ist, daß alles aus dem Ursprung entsteht. So kommt es, daß der Ursprung der Bewegung aus dem stammt, was sich selbst von sich aus bewegt: das aber kann weder geboren werden noch sterben; oder es würde der ganze Himmel mit Notwendigkeit zusammenstürzen, und die ganze Natur würde zum Stillstand kommen und würde keine Kraft finden, von der sie am Anfang angestoßen würde.

26 (28) Da also am Tage liegt, daß ewig das ist, was sich selbst bewegt: wen gibt es da, der bestritte, daß dies Wesen den Seelen zugewiesen ist? Unbeseelt nämlich ist alles, was durch Stoß von außen getrieben wird; was aber ein Lebewesen ist, das wird durch innere und eigene Bewegung erregt. Denn dies ist die eigentümliche Natur und Kraft der Seele. Wenn sie die einzige von allen Naturen ist, die sich selber bewegt, ist sie sicher nicht geboren und ewig.

(29) So übe in den besten Dingen! Es sind aber die Mühen um das Heil des Vaterlandes die besten. Von ihnen getrieben und geübt, wird die Seele schneller zu diesem Sitz und in ihre Heimat hinfliegen; und das wird sie schneller tun, wenn sie schon, während sie noch im Körper eingeschlossen ist, nach außen ragt und das, was außerhalb ist, betrachtend sich sosehr wie möglich vom Körper löst. Denn deren Seelen, die sich den Genüssen des Körpers ergeben, sich gleichsam als ihre Diener zur Verfügung gestellt und durch den Trieb der Gelüste, die den Genüssen gehorchen, die Rechte der Götter und Menschen verletzt haben, wälzen sich, wenn sie aus dem Körper geglitten sind, um die Erde selber und kehren zu diesem Ort hier erst zurück, nachdem sie in vielen Jahrhunderten umhergetrieben worden sind.> Jener ging davon; ich löste mich aus meinem Schlaf."

Lateinischer Text

9) (Scip.) "Cum in Africam venissem M'. Manilio consuli ad quartam legionem tribunus ut scitis militum, nihil mihi fuit potius quam ut Masinissam convenirem, regem familiae nostrae iustis de causis amicissimum. Ad quem ut veni, conplexus me senex conlacrimavit aliquantoque post suspexit ad caelum, et: <Grates> inquit <tibi ago, Summe Sol, vobisque reliqui caelites, quod ante quam ex hac vita migro, conspicio in meo regno et his tectis P. Cornelium Scipionem, cuius ego nomine recreor ipso: ita [que] numquam ex animo meo discedit illius optimi atque invictissimi viri memoria.> Deinde ego illum de suo regno, ille me de nostra republica percontatus est, multisque verbis ultro citroque habitis ille nobis consumptus est dies.

10 (10) Post autem apparatu regio accepti, sermonem in multam noctem produximus, cum senex nihil nisi de Africano loqueretur, omniaque eius non facta solum sed etiam dicta meminisset. Deinde ut cubitum discessimus, me et de via fessum, et qui ad multam noctem vigilassem, artior quam solebat somnus complexus est. Hic mihi credo equidem ex hoc quod eramus locuti - fit enim fere ut cogitationes sermonesque nostri pariant aliquid in somno tale quale de Homero scribit Ennius, de quo videlicet saepissime vigilans solebat cogitare et loqui - Africanus se ostendit ea forma quae mihi ex imagine eius quam ex ipso erat notior. Quem ubi agnovi, equidem cohorrui; sed ille <ades> inquit <animo et omitte timorem Scipio, et quae dicam memoriae trade.

11 (11) Videsne illam urbem, quae parere populo Romano coacta per me renovat pristina bella nec potest quiescere?> Ostendebat autem Karthaginem de excelso et pleno stellarum, illustri et claro quodam loco. <Ad quam tu oppugnandam nunc venis paene miles, hanc hoc biennio consul evertes, eritque cognomen id tibi per te partum quod habes adhuc hereditarum a nobis. Cum autem Karthaginem deleveris, triumphum egeris censorque fueris, et obieris legatus Aegyptum Syriam Asiam Graeciam, deligere iterum consul absens bellumque maximum conficies, Numantiam excindes. Sed cum eris curru in Capitolium invectus, offendes rem publicam consiliis perturbatam nepotis mei.

12 (12) Hic tu Africane ostendas oportebit patriae lumen animi ingeniique tui consiliique. Sed eius temporis ancipitem video quasi fatorum viam. Nam cum aetas tua septenos octiens solis anfractus reditusque converterit, duoque hi numen, quorum uterque plenus alter altera de causa habetur, circuitu naturali summam tibi fatalem confecerint, in te unum atque in tuum nomen se tota convertet civitas, te senatus te omnes boni te socii te Latini intuebuntur, tu eris unus in quo nitatur civitatis salus, ac ne multa: dictator rem publicam constituas oportet, si impias propinquorum manus effugeris.> Hic cum exclamasset Laelius ingemuissentque vehementius ceteri, leniter arridens Scipio:<St!quaeso> inquit <ne me e somno excitetis, et parum peraudite cetera.

13 (13) Sed quo sis Africane alacrior ad tutandam rem publicam, sic habeto: omnibus qui patriam conservaverint adiuverint auxerint, certum esse in caelo definitum locum, ubi beati aevo sempiterno fruantur; nihil est enim illi principi deo qui omnem mundum regit quod quidem in terris fiat acceptius, quam concilia coetusque hominum iure sociati, quae civitates appellantur; harum rectores et conservatores hinc profecti huc revertuntur.>

14 (14) Hic ego etsi eram perterritus non tam mortis metu quam insidiarum a meis, quaesivi tamen viveretne ipse et Paulus pater et alii quos nos extinctos esse arbitraremur. <Immo vero> inquit <hi vivunt qui e corporum vinculis tamquam e carcere evolaverunt, vestra vero quae dicitur vita mors est. Quin tu aspicis ad te venientem Paulum patrem?> Quem ut vidi, equidem vim lacrimarum profudi, ille autem me complexus atque osculans flere prohibebat.

15 (15) Atque ego ut primum fletu represso loqui posse coepi, <quaeso> inquam <pater sanctissime atque optime, quoniam haec est vita ut Africanum audio dicere, quid moror in terris? Quin huc ad vos venire propero?> <Non est ita> inquit ille. <Nisi enim deus is, cuius hoc templum est omne quod conspicis, istis te corporis custodiis liberaverit, huc tibi aditus patere non potest. Homines enim sunt hac lege generati, qui tuerentur illum globum, quem in hoc templo medium vides, quae terra dicitur, iisque animus datus est ex illis sempiternis ignibus quae sidera et stellas vocatis, quae globosae et rotundae, divinis animatae mentibus, circos suos orbesque conficiunt celeritate mirabili. Quare et tibi Publi et piis omnibus retinendus animus est in custodia corporis, nec iniussu eius a quo ille est vobis datus, ex hominum vita migrandum est, ne munus humanum adsignatum a deo defugisse videamini.

16 (16) Sed sic Scipio ut avus hic tuus, ut ego qui te genui, iustitiam cole et pietatem, quae cum magna in parentibus et propinquis, tum in patria maxima est; ea vita via est in caelum et in hunc coetum eorum qui iam vixerunt et corpore laxati illum incolunt locum quem vides> - erat autem is splendidissimo candore inter flammas circus elucens -, <quem vos, ut a Grais accepistis, orbem Iacteum nuncupatis.> Ex quo omnia mihi contemplanti praeclara cetera et mirabilia videbantur. Erant autem eae stellae quas numquam ex hoc loco vidimus, et eae magnitudines omnium quas esse numquam suspicati sumus, ex quibus erat ea minima quae ultima a caelo citima terris luce lucebat aliena; stellarum autem globi terrae magnitudinem facile vincebant. lam vero ipsa terra ita mihi parva visa est, ut me imperii nostri quo quasi punctum eius attingimus paeniteret.

17 (17) Quam cum magis intuerer, <quaeso>, inquit Africanus, <quousque humi defixa tua mens erit? Nonne aspicis quae in templa veneris? Novem tibi orbibus vel potius globis conexa sunt omnia, quorum unus est caelestis, extimus, qui reliquos omnes complectitur, summus ipse deux arcens et continens ceteros; in quo sunt infixi illi qui volvuntur stellarum cursus sempiterni. Huic subiecti sunt septem qui versantur retro contrario motu atque caelum. Ex quibus unum globum possidet illa quam in terris Saturniam nominant. Deinde est hominum gente salutaris ille fulgor qui dicitur lovis. Tum rutilus horribilisque terris quem Martium dicitis. Deinde subter mediam fere regionem Sol obtinet, dux et princeps et moderator luminum reliquorum, mens mundi et temperatio, tanta magnitudine ut cuncta sua luce lustret et compleat. Hunc ut comites consequuntur Veneris alter, alter Mercurii cursus, in infimoque orbe Luna radiis solis accensa convertitur. Infra autem iam nihil est nisi mortale et caducum praeter animos munere deorum hominum generi datos, supra Lunam sunt aeterna omnia. Nam ea quae est media et nona, Tellus, neque movetur et infima est, et in eam feruntur omnia nutu suo pondera.>

18 (18) Quae cum intuerer stupens, ut me recepi, <quid hic?> inquam, <quis est qui conplet aures meas tantus et tam dulcis sonus?> <Hic est> inquit <ille qui intervallis coniunctus inparibus, sed tamen pro rata parte ratione distinctis, inpulsu et motu ipsorum orbium efficitur, et acuta cum gravibus temperans varios aequabiliter concentus efficit; nec enim silentio tanti motus incitari possunt, et natura fert ut extrema ex altera parte graviter ex altera autem acute sonent. Quam ob causam summus ille caeli stellifer cursus, cuius conversio est concitatior, acuto et excitato movetur sono, gravissimo autem hic Lunaris atque infimus; nam terra nona inmobilis manens una sede semper haeret, complexa medium mundi locum. Illi autem octo cursus, in quibus eadem vis est duorum, septem efficiunt distinctos intervallis sonos, qui numerus rerum omnium fere nodus est; quod docti homines nervis imitati atque cantibus, aperuerunt sibi reditum in hunc locum, sicut alii qui p raestantibus ingenüs in vita humana divina studia coluerunt. (19) Hoc sonitu oppletae aures hominum obsurduerunt; nec est ullus hebetior sensus in vobis, sicut ubi Nilus ad ilIa quae Catadupa nominantur praecipitat ex altissimis montibus, ea gens quae illum locum adcolit propter magnitudinem sonitus sensu audiendi caret. Hic vero tantus est totius mundi incitatissima conversione sonitus, ut eum aures hominum capere non possint, sicut intueri solem adversum nequitis eiusque radiis acies vestra sensusque vincitur.>

19 (20) Haec ego admirans, referebam tamen oculos ad terram identidem. Tum Africanus: <Sentio> inquit <te sedem etiam nunc hominum ac domum contemplari; quae si tibi parva ut est ita videtur, haec caelestia semper spectato, illa humana contemnito. Tu enim quam celebritatem sermonis hominum aut quam expetendam consequi gloriam potes? Vides habitari in terra raris et angustis in locis, et in ipsis quasi maculis, ubi habitatur, vastas solitudines interiectas, eosque qui incolunt terram non modo interruptos ita esse ut nihil inter ipsos ab aliis ad alios manare possit, sed partim obliquos partim transversos partim etiam adversos stare vobis. A quibus expectare gloriam certe nullam potestis.

20 (21) Cernis autem eandem terram quasi quibusdam redimitam et circumdatam cingulis, e quibus duos maxime inter se diversos et caeli verticibus ipsis ex utraque parte subnixos obriguisse pruina vides, medium autem illum et maximum solis ardore torreri. Duo sunt habitabiles, quorum australis ille, in quo qui insistunt adversa vobis urgent vestigia, nihil ad vestrum genus; hic autem alter subiectus aquiloni quem incolitis cerne quam tenui vos parte contingat. Omnis enim terra quae colitur a vobis, angustata verticibus, lateribus latior, parva quaedam insula est circumfusa illo mari quod Atlanticum quod magnum quem Oceanum appellatis in terris, qui tamen tanto nomine quam sit parvus vides.

(22) Ex his ipsis cultis notisque terris num aut tuum aut cuiusquam nostrum nomen vel Caucasum hunc quem cernis transcendere potuit vel illum Gangen tranatare? Quis in reliquis orientis aut obeuntis solis ultimis aut aquilonis austrive partibus tuum nomen audiet? Quibus amputatis cernis profecto quantis in angustiis vestra se gloria dilatari velit. Ipsi autem, qui de nobis loquuntur, quam loquentur diu?

21 (23) Quin etiam si cupiat proles illa futurorum hominum deinceps laudes unlus cuiusque nostrum a patribus acceptas posteris prodere, tamen propter eluviones exustionesque terrarum, quas accidere tempore certo necesse est, non modo non aeternam sed ne diuturnam quidem gloriam adsequi possurnus. Quid autem interest ab iis qui postea nascentur sermonem fore de te, cum ab iis nullus fuerit qui ante nati sunt, qui nec pauciores et certe meliores fuerunt viri,

22 (24) praesertirn cum apud eos ipsos a quibus audiri nomen nostrurn potest, nemo unius anni mernoriarn consequi possit? Homines enim populariter annum tantum modo solis, id est unius astri, reditu metiuntur; cum autem ad idem unde semel profecta sunt cuncta astra redierint, eandemque totius caeli descriptionem longis intervallis rettulerint, tum ille vere vertens annus appellari potest; in quo vix dicere audeo quam multa hominum saecla teneantur. Namque ut olim deficere sol hominibus exstinguique visus est, curn Rornulo animus haec ipsa in ternpla penetravit, quandoque ab eadern parte sol eodemque tempore iterum deficerit, tum signis omnibus ad idem principium stellisque revocatis expletum annum habeto; cuis quidem anni nondum vicesimam partem scito esse conversam.

23 (25) Quocirca si reditum in hunc locum desperaveris, in quo omnia sunt magnis et praestantibus viris, quanti tandem est ista hominum gloria, quae pertinere vix ad unius anni partem exiguam potest? Igitur alte spectare si voles atque hanc sedem et aeternam domum contueri, neque te sermonibus vulgi dedideris, nec in praemiis humanis spem posueris rerum tuarum; suis te oportet inlecebris ipsa virtus trahat ad verum decus, quid de te alii loquantur, ipsi videant, sed loquentur tamen. Sermo autem omnis ille et angustiis cingitur his regionum quas vides, nec umquam de ullo perennis fuit, et obruitur hominum interitu, et oblivione posteritatis extinguitur.>

24 (26) Quae cum dixisset, <ego vero> inquam <Africane, siquidem bene meritis de patria quasi limes ad caeli aditum patet, quamquam a pueritia vestigiis ingressus patris et tuis decori vestro non defui, nunc tamen tanto praemio exposito enitar multo vigilantius.> Et ille: <Tu vero enitere et sic habeto, non esse te mortalem sed corpus hoc; nec enim tu is es quem forma ista dedarat, sed mens cuiusque is est quisque, non ea figura quae digito demonstrari potest. Deum te igitur scito esse, siquidem est deus qui viget qui sentit qui meminit qui providet, qui tam regit et moderatur et movet id corpus cui praepositus est, quam hunc mundum ille princeps deus; et ut mundum ex quadam parte mortalem ipse deus aeternus, sic fragile corpus animus sempiternus movet.

25 (27) Nam quod semper movetur, aeternum est; quod autem motum adfert alicui quodqueipsum agitatur abunde, quando finem habet motus, vivendi finem habeat necesse est. Solum igitur quod sese movet, quia numquam deseritur a se, numquam ne moveri quidem desinit; quin etiam ceteris quae moventur hic fons hoc principium est movendi. Principio autem nulla est origo; nam ex principio oriuntur omnia, ipsum autem nulla ex re alia nasci potest; nec enim esset id principium quod gigneretur aliunde; quodsi numquam oritur, nec occiditquidem umquam. Nam principium exstinctum nec ipsum ab alio renascetur, nec ex se aliud creabit, siquidem necesse est a principio oriri omnia. Ita fit ut motus principium ex eo sit quod ipsum a se movetur; id autem nec nasci potest nec mori; vel concidat omne caelum omnisque natura consistat necesse est nec vim ullam nanciscatur qua a primo inpulsa moveatur.

26 (28) Cum pateat igitur aeternum id esse quod a se ipso moveatur, quis est qui hanc naturam animis esse tributam neget? Inanimum est enim omne quod pulsu agitatur externo; quod autem est animal, id motu cietur interiore et suo; nam haec est propria natura animi atque vis; quae si est una ex omnibus quae sese moveat, neque nata certe est et aeterna est.

(29) Hanc tu exerce in optimis rebus! sunt autem optimae curae de salute patriae, quibus agitatus et exercitatus animus velocius in hanc sedem et domum suam pervolabit; idque ocius faciet, si iam tum cum erit inclusus in corpore, eminebit foras, et ea quae extra erunt contemplans quam maxime se a corpore abstrahet. Namque eorum animi qui se corporis voluptatibus dediderunt, earumque se quasi ministros praebuerunt, inpulsuque libidinum voluptatibus oboedientium deorum et hominum iura violaverunt, corporibus elapsi circum terram ipsam volutantur, nec hunc in locum nisi multis exagitati saeculis revertuntur.> hic discessit; ego sommo solutus sum."


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LV Gizewski SS 2002