Zur Größe Alexanders: Plutarch, Bioi paralleloi, Alexander (Auszüge).

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Alexander - Caesar. Lebensbeschreibungen. Aus dem Griechischen übersetzt von Friedrich Salomon Kaltwasser. Überarbeitet von Wolgang Ritschel, Berlin, Weimar 1982, S. 42 - 47, 56 - 59.

... Als beide Heere einander gegenüber standen, ließ Dareios seine Macht unter den Waffen stehen und musterte die Reihen bei Fackelschein. Alexander hingegen war, während die Makedonier schliefen, mir dem Wahrsager Aristander vor seinem Zelte beschäftigt, gewisse geheime Zeremonien zu verrichten, und brachte dem Phobos ein Opfer. Die älteren unter seinen Vertrauten, besonders Parmenion, gerieten jetzt, da man die ganze Ebene zwischen dem Niphates und den Bergen der Gordynaier von feindlichen Feuern erleuchtet sah und ein verworrenes gräßliches Getöse und Lärmen aus dem gegnerischen Lager, wie aus einem unabsehbaren Meere, herüberschallte, über die Menge der Feinde in große Verwunderung und besprachen sich miteinander, wie schwer und mißlich es sein würde, ein so ungeheures Heer bei einem offenen Angriffe zu überwältigen.

Wie also der König mir dem Opfer fertig war, gingen sie zu ihm hin und gaben ihm den Rat, die Feinde bei Nachtzeit anzugreifen und durch die Finsternis das Furchtbarste bei dem bevorstehenden Kampfe zu verbergen. Allein er bediente sich der merkwürdigen Rede: "Ich will den Sieg nicht stehlen" - eine Antwort, die manchen ziemlich kindisch und eitel vorkam, da er bei einer drohenden Gefahr noch scherzte. Einige waren jedoch der Meinung, daß er nicht nur für die Gegenwart mit gutem Grunde ein solches Vertrauen hegte, sondern auch von dem Erfolge ganz richtig urteilte, wenn er dem Dareios nach einer erlittenen Niederlage keinen Vorwand lassen wollte, sich wieder zu einem andern Versuche zu ermannen. Denn Dareios würde in dem Falle alle Schuld auf die Nacht und Finsternis geschoben haben, so wie bei der vorigen Schlacht auf die Berge, die engen Pässe und das Meer; auch würde er bei der großen Macht und einem so ausgedehnten Reiche wohl nicht aus Mangel an Waffen und Soldaten vom Kriege abgestanden sein, wenn er nicht, durch eine offenbare Niederlage von seiner Ohnmacht überzeugt, allen Mut und alle Hoffnung hätte aufgeben müssen.

Nachdem diese weggegangen waren, legte sich Alexander in seinem Zelte zur Ruhe und fiel, wie man sagt, den übrigen Teil der Nacht wider Gewohnheit in einen so tiefen Schlaf, daß die bei Anbruch des Tages sich einstellenden Feldherren in große Verwunderung gerieten und einstweilen für sich selbst den Soldaten Befehl gaben, das Frühstück zu nehmen. Da jedoch die Umstände sehr dringend waren, ging Parmenion hinein, trat vör das Bett und rief ihn zwei- oder dreimal beim Namen, wovon er endlich erwachte. Parmenion fragte ihn nun, was ihm denn müßte begegnet sein, daß er so fest und ruhig schliefe, als wenn er schon wirklich gesiegt hätte und nicht soeben die wichtigste und entscheidendste Schlacht liefern wollte. Alexander versetzte mit lächelnder Miene: "Wie? Meinst du nicht, daß wir schon gesiegt haben, da wir endlich der Mühe überhoben sind, herumzuziehen und den Dareios, der jedem Treffen ausweicht, in einem so weiten und verheerten Lande aufzusuchen?"

Jedoch zeigte er sich nicht nur vor der Schlacht, sondern auch in der Gefahr selbst sehr groß durch seinen entschlossenen Mut und die besondere Gegenwart des Geistes. Denn in dem Gefechte fing der linke Flügel unter dem Parmenion schon an zu weichen und in Unordnung zu geraten, da die baktrianische Reiterei mit ungestümer Gewalt unter die Makedonier einbrach und Mazaios einen Haufen Reiter um die Phalanx herumschickte, um die Bedeckung des Gepäckes zu überfallen. Diese beiden Umstände beunruhigten den Parmenion so sehr, daß er einige Boten an Alexander schickte und ihm sagen ließ, das ganze Lager und Gepäck wäre verloren, wenn er nicht in aller Eile von der Front dem Hintertreffen ein starkes Korps zu Hilfe schickte. Alexander gab gerade seinem Flügel das Zeichen zum Angriffe. Als er daher den Auftrag des Parmenion vernahm, erteilte er den Boten die Antwort, Parmenion müsse nicht gescheit oder bei Verstande sein, müsse in der Bestürzung vergessen haben, daß den Siegern auch das, was den Feinden gehört, zufällt, Überwundene aber sich nicht um Güter und Sklaven, sondern nur darum bekümmern müssen, wie sie im Kampfe mir Ruhm und Ehre fallen mögen.

Mit dieser Antwort fertigte er die Boten des Parmenion ab und setzte sich dann den Helm auf. Die übrige Rüstung hatte er schon im Zelte angelegt, nämlich ein zugegürtetes Oberkleid von sizilischer Arbeit und darüber einen linnenen Doppelpanzer von der bei Issos gemachten Beute. Der Helm, ein Werk des Theophilos, war nur von Eisen, schimmerte aber wie reines Silber. Der Halskragen war ebenfalls von Eisen und mit vielen Edelsteinen besetzt. Er führte dabei ein Schwert von besonderer Härtung und Leichtigkeit, das ihm der König von Kition geschenkt hatte, wie er sich denn in Gefechten meistens des Schwertes zu bedienen pflegte. Außerdem trug er noch einen Reitrock, der sehr prächtig war und die übrige Rüstung weit übertraf, eine Arbeit des alten Helikon und ein Geschenk der Stadt Rhodos, welches sie ihm zur Bezeigung ihrer Ehrfurcht gemacht hatte; auch dessen bediente er sich gewöhnlich in Schlachten. Solange er die Truppen in Schlachtordnung stellte oder, um sie zu ermahnen und die nötigen Befehle zu erteilen, zwischen den Gliedern herumritt, hatte er ein anderes Pferd, um den schon ziemlich alten Bukephalos zu schonen; sobald es aber zum Treffen ging, ließ er sich diesen vorführen, setzte sich darauf und begann nun gleich den Angriff.

Jetzt hielt er noch eine lange Ansprache an die Thessalier und die übrigen Griechen, und da sie durch ihr Geschrei, er sollte sie nur gegen die Barbaren führen, sein Vertrauen stärkten, nahm er die Lanze in die linke Hand, hob die rechte gen Himmel und betete, wie Kallisthenes sagt, zu den Göttern, daß sie, wenn er wirklich Zeus' Sohn wäre, den Griechen im Kampfe beistehen und ihnen Kraft und Stärke verleihen möchten. Ihm zur Seite ritt der Wahrsager Aristander in einem weißen Kleide mit einer goldenen Krone auf dem Haupte und zeigte auf einen Adler, der über Alexander schwebte und durch seinen Flug das Heer gerade gegen die Feinde hin leitete. Dieser Anblick beseelte alle mit Mut und Vertrauen, so daß sie einander wechselseitig ermunterten und die Phalanx den gegen die Feinde ansprengenden Reitern gleich einer Meereswoge in vollem Laufe nachfolgte.

Allein ehe noch die Vordersten zum Handgemenge kamen, wichen schon die Barbaren, und man setzte ihnen eifrig nach, weil Alexander den besiegten Flügel auf das Zentrum, wo Dareios stand, zu werfen suchte. Denn er hatte ihn von ferne durch die vordersten Reihen in der Tiefe der königlichen Schar bemerkt, wo er sich als ein Mann von schönem Wuchse auf seinem hohen Wagen vor allen auszeichnete und von einer Menge Reiter in glänzender Rüstung gedeckt war, die sich dicht an den Wagen anschlossen und sich gefaßt hielten, die Feinde mutig zu empfangen. Aber Alexander ward ihnen, je näher er kam, immer furchtbarer, und da er die Fliehenden auf diejenigen warf, welche noch standhielten, setzte er die meisten in Schrecken und jagte sie auseinander. Nur die Tapfersten und Edelsten ließen sich über der Verteidigung ihres Königs niederhauen, fielen übereinander her und hinderten das Nachsetzen, indem sie sich noch sterbend um die Feinde und ihre Pferde schlangen. Dareios, dem alle diese schrecklichen Szenen vor Augen waren und der die vorstehenden Scharen auf sich hereinstürzen sah, fand es nicht mehr möglich, den Wagen umzuwenden und davonzufahren, da die Räder durch solche Haufen von Leichnamen gehemmt waren und die Pferde, mit Toten gleichsam eingeschlossen und überdeckt, sich in die Höhe bäumten und auch ihren Führer in Verwirrung setzten. Er ließ daher Wagen und Waffen zurück, bestieg, wie man sagt, eine Stute, die vor kurzem geworfen hatte, und begab sich auf die Flucht. Doch würde er allem Anscheine nach für diesmal nicht entkommen sein, wenn nicht wieder andere Reiter von Parmenion erschienen wären, um den Alexander auf jenen Flügel zu Hilfe zu rufen, wo noch eine ansehnliche Macht beisammen stand und die Feinde nicht zum Weichen gebracht werden konnten. Überhaupt beschuldigt man den Parmenion, daß er sich in dieser Schlacht sehr träge und kraftlos benommen habe, es sei nun, daß das Alter schon seinen sonst so kühnen Mut geschwächt hatte oder daß er, nach Kallisthenes' Vorgeben, über Alexanders zunehmende Macht und Größe eifersüchtig und mißgünstig war. Den König machte daher diese Abrufung sehr unwillig, doch ließ er, ohne seinen Truppen die Wahrheit zu sagen, zum Rückzuge blasen, wie er vorgab, um dem Blutvergießen Einhalt zu tun und weil die Nacht schon hereinbrach. Er wendete sich nun nach dem im Gedränge befindlichen Flügel, hörte aber unterwegs, daß auch dort die Feinde gänzlich geschlagen wären und die Flucht ergriffen hätten.

Durch den Ausgang, den diese Schlacht genommen hatte, schien nun die Herrschaft der Perser völlig vernichtet zu sein. Daher ließ sich Alexander zum Könige von Asien ausrufen, hielt den Göttern zu Ehren prachtvolle Opferfeste und beschenkte seine Freunde mit Reichtümern, Häusern und Statthalterschaften. Um sich den Griechen in seiner ganzen Größe zu zeigen, schrieb er an sie, daß jede tyrannische Regierung aufgehoben sein und alle frei nach ihren eigenen Gesetzen leben sollten. An die Plataier besonders schrieb er, sie sollten ihre Stadt wieder aufbauen, weil einst ihre Vorfahren den Griechen das Land eingeräumt hätten, um dort für die Freiheit zu kämpfen. Auch schickte er den Krotoniatern in Italien einen Teil der Beute und belohnte dadurch noch den Eifer und die Tapferkeit des Fechters Phayllos, welcher in dem persischen Kriege, da die übrigen Italier die Freiheit der Griechen verspielt gaben, mit einem auf eigene Kosten ausgerüsteten Schiffe nach Salamis gesegelt war, um an der Gefahr mit teilzunehmen. So huldreich bewies sich Alexander gegen jede Art von Verdienst, so sehr pflegte er rühmliche Handlungen zu schätzen und im Andenken zu behalten.

Auf seinem Zuge nach Babylonien, welches sich ihm unverzüglich ganz unterwarf, bewunderte er vornehmlich den Schlund bei Ekbatana, aus welchem beständig, wie aus einer Quelle, Feuer hervorsprudelt, und den Fluß des Naphtha, das wegen der Menge unweit des Schlundes eine Art von Teich bildet. Dieses Naphtha hat einige Ähnlichkeit mit dem Asphalt, ist aber gegen das Feuer so empfindlich, daß es, ehe die Flamme noch daran kommt, durch den bloßen Schein des Lichtes entbrennt und oft die dazwischen befindliche Luft mit entzündet. Um dem Könige die besondere Eigenschaft und Wirksamkeit des Naphtha zu zeigen, beträufelten die Barbaren die nach seinem Quartier führende Gasse nur ganz leicht mit dieser Materie, stellten sich dann, wie es finster geworden war, an das eine Ende und hielten Leuchten an die benetzten Teile. Der vorderste Platz fing sogleich Feuer, welches sich im Augenblick weiter verbreitete und, ehe man sich's versah, bis an das andere Ende fortlief, so daß die ganze Gasse auf einmal im Feuer stand.

Unter denjenigen, die den König beim Salben und Baden zu bedienen und durch scherzhafte Possen aufzuheitern pflegten, befand sich ein gewisser Athener Athenophanes. Da jetzt eben im Badezimmer ein Knabe namens Stephanos, der von häßlichem und possierlichem Ansehen war, aber vortrefflich sang, neben Alexander stand, sagte dieser Athenophanes zu ihm: ,,Willst du, o König, daß wir mit dieser Materie an Stephanos einen Versuch machen? Denn wenn sie an dem haftet und nicht verlischt, so will ich gern zugeben, daß ihre Kraft sehr groß und unwiderstehlich ist." Der Knabe selbst erbot sich bereitwillig zu dem Versuche; aber kaum hatte man ihn damit bestrichen und das Feuer nahe gebracht, als eine so heftige Flamme sich über den ganzen Körper verbreitete, daß Alexander in die größte Furcht und Bangigkeit geriet. Und wären nicht glücklicherweise viele Bediente, die Gefäße voll Wasser zum Baden in der Hand hielten, zugegen gewesen, so hätte man der um sich greifenden Flamme nicht mehr Einhalt tun können. Doch löschte man noch mit vieler Mühe den ganz in Feuer stehenden Körper des Knaben, der in der Folge viel davon zu leiden hatte.

Daher behaupten nun einige, die die Fabel der Wahrheit nahe zu bringen suchen, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit, dieses Naphtha sei das Giftmittel der Medeia gewesen, womit sie den durch die Tragödie berühmt gewordenen Kranz und Schleier bestrichen hätte. Denn das Feuer sei weder aus diesen Dingen selbst noch von freien Stücken ausgebrochen, sondern erst, nachdem eine Flamme daran gebracht worden, sei durch einen schnellen Zug eine unmerkliche Verbindung erfolgt. Die von fern kommenden Strahlen und Ausflüsse des Feuers, sagt man, teilen einigen Körpern bloß Licht und Wärme mit; in solchen hingegen, die eine geistige Trockenheit oder eine dichte, ölige Feuchtigkeit enthalten, sammeln sie sich, brechen dann in Feuer aus und verändern sehr schnell die Materie. Die Erzeugung des Naphtha hat zu manchen Streitfragen Anlaß gegeben ...

... Alexander gab, als er an den Ort [scil. der Ermordung des Dareios durch den Satrapen Bessos) kam, seinen Schmerz über das unglückliche Ende des Dareios auf das deutlichste zu erkennen, nahm seinen Mantel ab und bedeckte damit den Leichnam. Den Bessos ließ er in der Folge, als er ihn in seine Gewalt bekam, auf die Art zerreißen, daß zwei gerade Bäume mit Gewalt zusammengebogen und an jeden ein Teil des Körpers angebunden wurde. Man ließ sie dann in die Höhe fahren, und beim Zurückschnellen nahmen beide den an ihnen befestigten Teil mit sich fort. Für jetzt schickte Alexander den Leichnam des Dareios mit königlichem Schmucke versehen dessen Mutter zu, und den Oxathres, den Bruder desselben, nahm er unter seine Freunde auf.

Nunmehr zog Alexander mit dem rüstigsten Teile des Heeres nach Hyrkanien, wo er einen Meerbusen erblickte, der ihm nicht kleiner vorkam als der Pontos, dessen Wasser aber weit süßer war als das in andern Meeren. Er konnte davon nichts Zuverlässiges erfahren und vermutete bloß, daß es ein Arm vom Maiotischen See sein möchte. Gleichwohl waren die Naturforscher schon hinter die Wahrheit gekommen und hatten viele Jahre vor Alexanders Zuge gezeigt, daß von den vier Busen, die sich vom äußern Meere in das Land erstrecken, dieser der nördlichste ist, der den Namen des Hyrkanischen und zugleich auch des Kaspischen Meeres führt.

In diesen Gegenden überfiel ein Haufen Barbaren unerwartet diejenigen, die sein Pferd, den Bukephalos, führten, und nahmen es weg. Darüber ward er äußerst aufgebracht und ließ den Einwohnern durch einen Herold drohen, er wolle sie alle mit Weibern und Kindern töten, wenn sie ihm das Pferd nicht zurückschickten. Sie kamen aber sogleich und brachten ihm nicht nur sein Pferd, sondern übergaben ihm auch ihre Städte, wofür er sie denn sehr liebreich behandelte und sogar denen, die das Pferd genommen hatten, eine Art von Lösegeld bezahlte.

Von da nahm er seinen Weg nach Parthien, und bei der Muße, die er hier hatte, legte er zum erstenmal die Tracht der Barbaren an, entweder um sich nach den Landesgebräuchen zu bequemen, in der Meinung, daß die Gleichheit in den Sitten und der Lebensart viel zur Bezähmung dieser rohen Völker beitragen werde, oder vielleicht sollte dies, um die Anbetung einzuführen, ein Versuch für die Makedonier sein, däß sie allmählich gewöhnt würden, sich die Veränderung und Abweichung von der alten Lebensart gefallen zu lassen. Doch legte er sich nicht die völlige medische Tracht zu, die gar zu fremd und auffallend war, auch nahm er weder die langen Beinkleider noch das Oberkleid mit Ärmeln, noch den spitzig zulaufenden Turban, sondern wählte eine Kleidung, die aus der medischen und persischen geschickt zusammengesetzt war und weniger prunkvoll war als jene, aber etwas mehr in die Augen fiel als diese. Anfänglich machte er von derselben nur Gebrauch, wenn er mit Barbaren zu tun hatte und beim vertrauten Umgange mit seinen Freunden, nachher ließ er sich darin auch öffentlich beim Ausreiten und bei Audienzen sehen.

Dieser Anblick war für die Makedonier zwar sehr kränkend, aber aus Bewunderung seiner übrigen großen Eigenschaften glaubten sie, in Absicht auf Vergnügen und Eitelkeit ihm manches nachsehen zu müssen. Denn anderer Fälle nicht zu gedenken, hatte er erst neulich einen Schuß in das Schienbein bekommen, so daß ein Stück von dem Knochen abgesplittert wurde und herausgenommen werden mußte; auch war er mit einem Steine an den Hals getroffen worden, wovon er für eine geraume Zeit den Gebrauch des Gesichtes verlor. Dennoch ließ er nicht ab, sich ohne Schonung allen Gefahren auszusetzen; ja er ging sogar über den Fluß Orexartes, den er für den Tanais hielt, schlug die Skythen in die Flucht und verfolgte sie auf hundert Stadien weit, ungeachtet er viel von einem Durchfall litt.

Hier soll nun die Amazone zu ihm gekommen sein, wie viele Geschichtsschreiber melden, unter andern auch Kleitarchos, Polykritos, Onesikritos, Antigenes und Ister. Hingegen Aristobulos, Chares von Mytilene, Ptolemaios, Antikleides, Philon von Theben, Philippos von Theangela, außer diesen noch Hekataios von Eretria, Philippos von Chalkis und Duris von Samos erklären dies geradezu für ein Märchen, und Alexander selbst scheint für sie zu zeugen. Denn in einem Briefe an Antipater, worin er alles genau erzählt, sagt er bloß, daß ihm der König der Skythen seine Tochter zur Gemahlin habe geben wollen; der Amazone aber gedenkt er mit keinem Worte. Lange Zeit hernach, erzählt man, las Onesikritos dem Lysimachos, der schon König war, das vierte Buch seiner Geschichte vor, worin der Umstand von der Amazone vorkommt. Lysimachos sagte dabei mit ruhigem Lächeln: "Ei! wo muß ich denn damals gewesen sein?" Man mag nun die Sache für wahr annehmen oder verwerfen, so wird Alexander um deswillen weder mehr noch weniger bewundert werden.

Nunmehr besorgte er, die Makedonier möchten die Lust zu den ferneren Kriegsunternehmungen verlieren. Daher ließ er die übrigen Truppen stehen, wo sie waren, an den Kern des Heeres aber, den er bei sich in Hyrkanien hatte und der aus zwanzigtausend Mann Fußvolk und dreitausend Reitern bestand, wendete er sich mit den Vorstellungen, die Barbaren hätten sie bisher gleichsam nur im Traume gesehen, und wollten sie jetzt nach der bloßen Erschütterung Asiens wieder zurückkehren, so würden jene über sie als einen Haufen Weiber herfallen. "Indes", sagte er, "kann jeder, der Lust hat, nach Hause gehen, aber ich rufe die Götter zu Zeugen an, daß ich mitten in meinem Bestreben, für die Makedonier die ganze Welt zu erobern, mit meinen Freunden und einigen Freiwilligen im Stiche gelassen worden bin: Dies steht beinahe mit denselben Worten in einem an Antipater geschriebenen Briefe, wie auch, daß die Soldaten auf diese seine Ansprache einmütig geschrien hätten, er möchte sie immer hinführen, in welche Gegend der Welt er nur wollte. Da nun der Versuch bei diesen gelungen war, so hielt es nicht schwer, auch die übrige Menge zu gewinnen, und alle waren bereitwillig, ihm zu folgen.

Von der Zeit an richtete sich Alexander in seiner Lebensart immer mehr nach den Landesgebräuchen und suchte auch diese den makedonischen Sitten zu nähern, in der Meinung, daß er bei einer solchen Mischung und Gemeinschaft seine Macht mehr durch Liebe als durch Gewalt befestigen würde, im Fall er sich weit entfernen müßte. Zu dem Ende wählte er dreißigtausend Knaben aus und ließ sie durch eine Menge Aufseher, die er über sie setzte, nicht nur in den griechischen Wissenschaften unterrichten, sondern auch in dem Gebrauche der makedonischen Waffen üben. In ebender Absicht geschah auch seine Vermählung mit der Roxane, einer schönen und reizenden Perserin, die er in der Provinz des Chortanos bei einem Gastgebote kennenlernte. Und diese Handlung schien sich zu dem Zwecke, den er sich vorgesetzt hatte, nicht übel zu schicken. Denn die Barbaren faßten nun wegen der Gemeinschaft der Ehe ein großes Vertrauen und liebten Alexander um desto mehr, weil er in diesem Punkte die größte Enthaltsamkeit bewies und nicht einmal das einzige Frauenzimmer, welches auf ihn Eindruck gemacht harte, auf eine gesetzwidrige Art zu berühren wagte.

Da er bemerkte, daß unter seinen vertrautesten Freunden Hephaistion sein Benehmen guthieß und zugleich mit ihm die veränderte Lebensart annahm, Krateros hingegen den väterlichen Sitten treu blieb, so ließ er durch jenen die Geschäfte mit den Asiaten, durch diesen die mit den Griechen und Makedoniern abtun. Überhaupt pflegte er ersten mehr zu lieben, letzten mehr zu ehren, indem er bei vielen Gelegenheiten sagte, er hielte Hephaistion für einen Freund Alexanders, Krateros aber für einen Freund des Königs. ...


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002