Zur Größe Caesars: Plutarch, Bioi paralleloi, Caesar (Auszüge).

Deutsche Übersetzung nach: Plutarch, Alexander - Caesar. Lebensbeschreibungen. Aus dem Griechischen übersetzt von Friedrich Salaomion Kaltwasser. Überarbeitet von Wolgang Ritschel, Berlin, Weimar 1982, S. 92 - 97, 114 - 118, 118 f., 142- 147.

... Anfänglich lachte er die Seeräuber, da sie nicht mehr als zwanzig Talente zum Lösegeld forderten, höhnisch aus, als wenn sie nicht wüßten, wen sie gefangen hätten, und erbot sich freiwillig, ihnen fünfzig zu bezahlen. Er schickte also seine Begleiter nach verschiedenen Städten herum, um das Geld herbeizuschaffen, und blieb indes mit einem Freunde und zwei Bedienten unter diesen mordsüchtigen Kilikiern zurück. Desungeachtet behandelte er sie so verächtlich, daß er, sooft er sich schlafen legte, ihnen befehlen ließ, stille zu sein. Achtunddreißig Tage lebte er unter ihnen auf eine solche Art, daß sie eher seine Leibwache als er ihr Gefangener zu sein schienen, und trieb mit ihnen Scherz und Spiel ohne die geringste Furcht. Er setzte zuweilen Gedichte und Reden auf und las sie ihnen vor; diejenigen nun, die sie nicht bewunderten, nannte er geradezu Tölpel und Barbaren, drohte ihnen auch oft mit Lachen, daß er sie wollte aufhängen lassen. Die Räuber hatten darüber eine große Freude und betrachteten diese freimütigen Reden bloß als unschuldige, lustige Schwänke.

Allein sobald das Lösegeld aus Milet angekommen und er nach geleisteter Bezahlung in Freiheit gesetzt war, bemannte er im Hafen der Milesier einige Fahrzeuge und lief gegen die Seeräuber aus. Er fand sie auch noch an der Insel vor Anker liegen und bekam die meisten in seine Gewalt. Die bei ihnen gefundenen Reichtümer betrachtete er als seine rechtmäßige Beute, sie selbst aber lieferte er in das Gefängnis nach Pergamos und begab sich dann zu Iunius, dem Statthalter von Asien, dem es als Prätor zukam, die Gefangenen zu bestrafen. Da aber dieser sein Augenmerk auf das [scil. ihnen abgenommene] Geld richtete, welches freilich eine ansehnliche Summe ausmachte, und daher die Antwort gab, er wollte, sobald er Zeit bekäme, die Sache der Gefangenen untersuchen, so ging Cäsar, ohne sich weiter an ihn zu kehren, nach Pergamos zurück und ließ die Seeräuber sämtlich ans Kreuz schlagen, wie er ihnen auf der Insel oft scherzweise vorhergesagt hatte.

Inzwischen fing die Macht des Sulla allmählich an zu sinken, und seine Freunde luden ihn daher ein, wieder nach Rom zu kommen. Er reiste aber vorher nach Rhodos, um die Schule des Apollonios, Molons Sohns, zu besuchen, den auch Cicero zum Lehrer hatte und der nicht nur mit vielem Ruhme die Redekunst lehrte, sondern auch als rechtschaffener Mann bekannt war. Cäsar hatte, wie man sagt, die trefflichste Anlage zur politischen Beredsamkeit und bildete auch diese Talente mit der größten Sorgfalt aus, so daß er ohne Widerspruch den zweiten Rang darin behauptete, den ersten aber, um lieber durch Macht und Waffen der erste zu sein, über den vielen Geschäften andern gutwillig überließ, weil er von den vielen Kriegs-und Staatsunternehmungen, durch die er sich die Oberherrschaft erwarb, es in der Beredsamkeit nicht bis zu dem von der Natur ihm angewiesenen Grade bringen konnte. Auch verbittet er selbst späterhin in der Widerlegung des von Cicero geschriebenen 'Cato', daß man den Vortrag eines Kriegsmannes ja nicht mit der Fertigkeit eines geschickten Redekünstlers, der auf solche Arbeiten viele Zeit wenden kann, in Vergleichung stellen möchte.

Bald nach seiner Rückkunft nach Rom zog er den Dolabella wegen Bedrückung und Mißhandlung der Provinz vor Gericht, und viele Städte Griechenlands legten dabei für ihn Zeugnis ab; aber Dolabella wurde dennoch losgesprochen. Um den Griechen den für ihn bewiesenen Eifer zu vergelten, vertrat sie Cäsar bei dem Prozesse, den sie gegen Publius Antonius wegen Bestechungen vor dem Marcus Lucullus, dem Prätor von Makedonien, führten, und trieb die Sache so weit, daß Antonius an die Volkstribunen in Rom appellierte, unter dem Vorwande, er könne in Griechenland gegen Griechen kein unparteiisches Recht erlangen.

In Rom selbst verschaffte dem Cäsar seine Beredsamkeit die er in gerichtlichen Verteidigungen bewies, einen glänzenden Beifall, und zugleich erwarb ihm sein höfliches und freundliches Benehmen im Umgange, da er gegen jedermann mehr, als sich von seinem Alter erwarten ließ, zuvorkommend war, beim gemeinen Volke große Liebe und Zuneigung. Auch seine Tafel, die Gastmahle, die er gab, und überhaupt seine prachtvolle Lebensart verhalfen ihr zu einem immer mehr zunehmenden Ansehen im Staat. Anfänglich glaubten seine Neider, daß dieses Ansehen, wenn erst sein Vermögen durchgebracht wäre, bald wieder verschwinden würde, und ließen es ungestört unter dem Volke aufblühen. Nachdem es aber eine solche Größe erreicht hatte, daß gar nichts mehr dagegen auszurichten war, und es nun offenbar auf den Umsturz des Staates abzielte, sahen sie zu spät ein, daß man nie den Anfang einer Sache für so gering und unbedeutend halten dürfe, daß er nicht durch anhaltende Betriebsamkeit groß werden und bei einer geringschätzigen Behandlung sich zuletzt über alle Hindernisse hinwegsetzen könne.

Cicero, der als erster die lächelnde Miene der Staatskunst Caesars, gleich der lächelnden Stille des Meeres, verdächtig und gefährlich gefunden zu haben scheint und hinter der Maske der Freundlichkeit und Heiterkeit einen kühnen, unternehmenden Charakter versteckt sah, sagte einst, er erblicke in allen Anschlägen und politischen Unternehmungen dieses Mannes nichts als tyrannische Absichten,"allein", setzte er hinzu, "wenn ich auf der andern Seite sehe, daß sein Haar immer so künstlich zurechtgelegt ist und er sich nur mit einem Finger kratzt, so scheint mir dieser Mann ein so großes Unheil, wie es der Umsturz der römischen Verfassung ist, sich gar nicht einmal in den Sinn kommen zu lassen." Doch dies gehört in spätere Zeiten.

Den ersten Beweis von der Liebe des Volks zu ihm erhielt er, als er sich zugleich mit dem Gaius Popilius um die Stelle eines Legionsobersten bewarb und eher als dieser dazu ernannt wurde; einen zweiten, noch weit auffallenderen aber, als er der Iulia, des Marius Gemahlin, der Schwester seines Vaters, nach ihrem Tode auf dem Markte eine treffliche Lobrede hielt und bei dem Leichenbegängnisse es wagte, die Bildet des Marius öffentlich auszustellen, die, weil Marius und seine Anhänger für Feinde des Vaterlands waren erklärt worden, seit der Herrschaft des Sulla jetzt zum erstenmal zum Vorschein kamen. Denn einige erhoben zwar darüber ein Geschrei gegen Cäsar, aber das Volk überschrie sie und bezeigte ihm durch lautes Händeklatschen seinen Beifall, daß er die Ehre des Manus nach einer so langen Zeit gleichsam aus der Unterwelt in die Stadt zurückführte.

Älteren Frauen öffentliche Leichenreden zu halten war in Rom schon eine alte Sitte; bei den jüngeren war es bisher nicht üblich, und Cäsar tat es zuerst seiner verstorbenen Gemahlin zu Ehren. Auch dadurch setzte er sich in Gunst, und die dabei bewiesene Rührung verschaffte ihm die Achtung des Volks, das ihn nun als einen humanen und gefühlvollen Mann desto mehr liebte.

Nach Beerdigung seiner Gemahlin ging er als Quästor mit dem Prätor Vetus nach Spanien; diesen Mann verehrte er seitdem beständig und dessen Sohn machte er nachmals, als er selbst Prätor wurde, wieder zu seinem Quästor. Als er aus der Provinz zurückkam, verheiratete er sich zum dritten Male mit der Pompeia; von der Cornelia hatte er nur eine Tochter, die in der Folge mit dem Pompeius Magnus vermählt wurde.

Bei seiner verschwenderischen Lebensart - bei welcher er für den ungeheueren Aufwand einen kurze, verganglichen Ruhm einzutauschen schien, im Grunde aber mit Kleinigkeiten die größten und wichtigsten Dinge erkaufte - zog er sich, wie man sagt, ehe er noch zu einem Amte gelangte, eine Schuldenlast von dreizehnhundert Talenten zu. Weil er jedoch auf der einen Seite bei der Ausbesserung der Via Appia, für die er zum Aufseher ernannt wurde, große Summen von seinem Vermögen zugesetzt, auf der andern als Ädil ein Paar Fechter aufgestellt und durch den übrigen Prachtaufwand bei Schauspielen, feierlichen Aufzügen und Gastmahlen die Anstrengung aller seiner Vorgänger ganz in Schatten gestellt hatte, so setzte er dadurch das Volk in solche Stimmung, daß jeder auf neue Ämter und neue Ehrenbezeigungen bedacht war, wodurch man ihm diese Freigebigkeit vergelten möchte.

In Rom befanden sich damals zwei Parteien, die des Sulla, die alle Gewalt in den Händen hatte, und die marianische, die ganz niedergebeugt, zerstreut und daher in sehr bedrängten Umständen war. Um die letztere etwas zu heben und wiederaufzurichten, ließ Cäsar jetzt, da seine während des Ädilenamtes bewiesene Freigebigkeit noch im frischen Andenken war, insgeheim einige Bildsäulen des Marius mit Siegesgöttinnen und Trophäen verfertigen, die er bei Nachtzeit auf dem Kapitol aufstellte. Am folgendee Morgen geriet man beim Anblick dieser von Gold schimmernden und mit ungemeiner Kunst gearbeiteten Bildet deren Aufschriften die kimbrischen Siege erwähnten. in großes Erstaunen über die Dreistigkeit des Mannes, der sie aufgestellt hatte; denn der Täter war nicht schwer zu erraten. Das Gerücht davon lief schnell durch die ganze Stadt und lockte jedermann herbei, um die Bilder in Augenschein zu nehmen. Einige schrien, Cäsar strebe nach der Tyrannei, da er die durch Gesetze und Dekrete längst verscharrten Ehrenzeichen wieder ans Licht bringe; dies sei weiter nichts als ein Versuch für das vorher gekirrte Volk, ob es von ihm durch seine prachtvollen Feste zahm genug gemacht worden, um sich solche Spiele und Neuerungen gefallen zu lassen. Die Marianer hingegen munterten einander auf, erschienen sogleich in außerordentlicher Menge und erfüllten das Kapitol mit Jubel und Händeklatschen. Vielen traten, als sie das Gesicht des Marius erblickten, Freudentränen in die Augen, und Cäsar wurde mit den größten Lobsprüchen erhoben, daß er vor allen andern verdiente, ein Verwandter des Manus zu heißen.

Der römische Senat mußte deshalb zusammenkommen, und hier trat Lutatius Catulus, der vornehmste und angesehenste Mann in Rom, öffentlich auf, um Cäsar anzuklagen, wobei er sich der merkwürdigen Worte bediente: "Cäsar greift unsere Verfassung nicht mehr mit verborgenen Minen, sondern mit Sturmmaschinen an." Indes wußte sich Cäsar dagegen so geschickt zu verteidigen, daß er den Senat selbst zufriedenstellte; dadurch aber wurden seine Anhänger noch dreister und ermahnten ihn, nun vor niemandem mehr den Mut sinken zu lassen, weil er durch Unterstützung des Volks gewiß noch obsiegen und sich über alle emporschwingen würde.

Inzwischen war der Oberpriester Metellus verstorben, und die beiden vornehmsten Männer, Isauricus und Catulus, die im Senate am meisten galten, bewarben sich zugleich um diese ansehnliche Priesterwürde. Cäsar ließ sich dadurch so wenig abschrecken, daß er vor dem versammelten Volke als Mitbewerber gegen sie auftrat. Weil nun jeder gleich viele Anhänger zu haben schien, ließ Catulus, der sich doch seiner höheren Würde wegen vor einem ungewissen Erfolge mehr zu fürchten hatte, Cäsar eine große Summe Geldes anbieten, wenn er von der Bewerbung abstehen wollte. Dieser aber gab zur Antwort, er würde die Sache ausfechten, und wenn er auch deswegen noch mehr Schulden machen müßte. An dem zur Wahl bestimmten Tage nahm er von seiner Mutter, die ihn weinend bis an die Tür begleitete, mit den Worten Abschied: "Heute wirst du, liebe Mutter, deinen Sohn entweder als Oberpriester oder als Verbannten sehen." Als es dann zur Abstimmung kam, behielt er nach einem hitzigen Streite die Oberhand und erregte dadurch beim Senat und Adel die Besorgnis, daß er noch das Volk zu den äußersten Ausschweifungen verleiten würde. Daher machten Piso und Catulus dem Cicero viele Vorwürfe, daß er Cäsar in den Händeln des Catilina, wo ihm so leicht beizukommen wat, mit so vieler Schonung behandelt hätte.

Catilina nämlich, der nicht bloß damit umging, die Verfassung zu verändern, sondern die Regierung gänzlich zu vernichten und alles in Verwirrung zu setzen, war, als nur noch geringe Beweise gegen ihn vorhanden waren, für seine Person aus der Stadt entflohen, ehe seine wichtigsten Anschläge an den Tag kamen, hatte aber den Lentulus und Cethegus zur Ausführung des entworfenen Plans zurückgelassen. Ob nun Cäsar diese heimlich aufgemuntert und unterstützt hat, läßt sich nicht mit Gewißheit sagen. Aber als sie im Senat völlig waren überführt worden und Cicero, als Konsul, wegen Bestrafung derselben jeden um seine Meinung fragte, stimmten alle für die Hinrichtung, bis die Reihe an Cäsar kam. Dieser trat nun auf und hielt eine schöne, ausgearbeitete Rede, worin er erklärte, solche vornehme und angesehene Männer ohne weitere Untersuchung hinzurichten sei weder Sitte in Rom noch der Gerechtigkeit gemäß; wenn sie aber in den Städten Italiens, die Cicero selbst bestimmen möchte, in Haft genommen würden, bis Catilina mit seiner Rotte unterdrückt wäre, so könne nachher der Senat in Ruhe und Frieden über jeden dieser Männer erkennen.

Dieser Vorschlag schien so menschenfreundlich zu sein und wurde durch eine so kraftvolle Rede unterstützt, daß ihm nicht nur die, welche nach ihm aufstanden, beipflichteten, sondern auch viele, die vorher gestimmt hatten, ihre Meinung zurücknahmen und der seinigen beitraten, bis die Reihe an den Cato und Catulus kam. Diese setzten sich nachdrücklich dawider; Cato suchte sogar in seiner Rede auch auf Cäsar Verdacht zu werfen und ließ sich mit ihm in einen hitzigen Wortwechsel ein. ...

... In Gallien fand er Briefe von seinen Freunden in Rom. ... In diesen Briefen wurde ihm der Todesfall seiner Tochter gemeldet, welche bei Pompeius im Kindsbett gestorben war. Pompeius sowohl als Cäsar empfanden darüber große Betrübnis, ihre beiderseitigen Freunde aber gerieten in Bestürzung, weil nun die Verwandtschaft, die den schon ziemlich kränkelnden Staat noch in Eintracht und Friede zu erhalten schien, zerrissen war. Denn auch das Kind starb gleich darauf und überlebte die Mutter nur wenige Tage. Das Volk nahm den Leichnam der Iulia wider den Willen der Volkstribunen und trug ihn auf das Marsfeld, wo er auch beerdigt liegt.

Cäsar sah sich nun gezwungen, seine Kriegsmacht, die ziemlich stark geworden war, der Winterquartiere wegen übermäßig weit zu verteilen, und begab sich dann, wie er immer zu tun pflegte, nach Italien. Indes brach aber in Gallien wieder ein allgemeiner Aufstand aus, und es zogen sich auf allen Seiten große Heere zusammen, welche die Winterquartiere der Römer aufzuheben suchten und sie selbst in ihren verschanzten Lagern angriffen. Der größte und stärkste Haufen unter Anführung eines gewissen Ambiorix hieb den Cotta und Titurius mit den unter ihnen stehenden Truppen zusammen. Hierauf schlossen sie die dem [Quintus Tullius] Cicero untergebene Legion mit sechzigtausend Mann ringsherum ein, und es fehlte nicht viel, daß sie das Lager erobert hätten, da die Römer fast alle verwundet waren und sich aus Eifer über ihre Kräfte verteidigten.

Sobald Cäsar, der jetzt weit entfernt war, davon Nachricht erhielt, kam er gleich zurück, brachte in allem siebetausend Mann zusammen und eilte, den Cicero von der Belagerung zu befreien. Die Feinde, die davon unterrichtet waren, gingen voll Verachtung für seinen kleinen Haufen entgegen, um ihn mit einem Male aufzureiben. Cäsar aber wich ihnen listigerweise immer aus, bis er einen bequemen Posten erreichte, wo er sich mit wenigen gegen viele verteidigen konnte. Hier verschanzte er sich und hielt seine Truppen von jedem Gefecht zurück, zwang sie aber, den Wall höher als gewöhnlich aufzuführen und die Tore zu verrammeln, in der Absicht, daß sie von den Feinden wegen ihrer Furchtsamkeit und Verzagtheit sollten verachtet werden. Als diese schließlich in kühnem Vertrauen ohne alle Ordnung anrückten, tat er einen Ausfall, schlug sie in die Flucht und machte einen großen Teil von ihnen nieder.

Dieser Sieg beugte sicherlich in jenen Gegenden den häufigen Empörungen der Gallier vor, wozu noch kam, daß sich Cäsar selbst mitten im Winter überall hin begab und auf die entstehenden Unruhen ein wachsames Auge hatte. Überdies stießen jetzt, um den erlittenen Verlust zu ersetzen, drei Legionen aus Italien zu ihm; zwei derselben hatte ihm Pompeius von denen, die unter ihm standen, geliehen, und die dritte war erst neulich in Gallien am Padus angeworben worden.

Allein nun kam in der Ferne der schon längst von den mächtigsten Männern [Galliens] heimlich angelegte und unter den streitbarsten [gallischen] Völkern verbreitete Plan des größten und gefährlichsten Krieges in diesem Lande zum Ausbruch, der durch eine zahlreiche junge Mannschaft, durch überall angelegte Magazine von Waffen, durch große zu diesem Zwecke zusammengeschossene Geldsummen, durch eine Menge fester Städte und unzugänglicher Posten eine furchtbare Stärke erhielt. Da jetzt zur Winterszeit alle Flüsse mit Eis belegt, die Wälder in Schnee vergraben, die Ebenen von wilden Strömen unter Wasser gesetzt, hier die Wege durch tiefen Schnee verdeckt, dort die Zugänge durch Sümpfe oder ausgetretene Wasser versperrt waren, so hatte es allerdings das Ansehen, daß Cäsars Unternehmungen gegen die Empörer völlig scheitern würden. Daher fielen auch mehrere Völkerschaften zugleich ab, der Hauptsitz der Empörung aber fand sich bei den Arvernern und Carnutinern. Zum Oberbefehlshaber für diesen Krieg wurde Vercingetorix erwählt, dessen Vater die Gallier, weil er nach der höchsten Gewalt zu streben schien, umgebracht hatten.

Dieser verteilte nun seine Macht in mehrere Haufen, setzte darüber besondere Feldherren und brachte das ganze umliegende Land bis an den Araris hin auf seine Seite, wobei er die Absicht hatte, ganz Gallien zum Kriege aufzuwiegeln, während man sich schon in Rom gegen Cäsar verband. Hätte er dies etwas später unternommen, zu der Zeit, da Cäsar in den Bürgerkrieg verwickelt war, so würde Italien mit keiner geringeren Gefahr als vormals von den Kimbern bedroht worden sein. Allein Cäsar, der im Kriege alle Vorteile geschickter als jeder andere zu brauchen und die sich ihm darbietenden Gelegenheiten bestens zu benutzen wußte, brach gleich auf die erste Nachricht von dem Abfall der Gallier mit seinem Heer auf und gab den Barbaren schon durch die Wege, durch die er zog, sowie durch die Schnelle und Eilfertigkeit des Marsches einen Beweis, daß ein unbesiegtes und unüberwindliches Heer gegen sie im Anzuge wäre. Denn wo man nicht glaubte, daß ein Abgeordneter oder ein Bote mit Briefen von ihm in langer Zeit durchkommen konnte, da erschien er auf einmal mit seinem ganzen Heer, verwüstete zugleich das platte Land, zerstörte die Dörfer, eroberte die Städte und nahm diejenigen gütig auf, die wieder zu ihm übertraten, bis endlich auch die Äduer, die sich sonst Brüder der Römer genannt und einer vorzüglichen Ehre genossen hatten, sich gegen ihn feindlich erklärten und durch ihre Verbindung mit den abgefallenen Völkern Cäsars Heer in große Mutlosigkeit setzten. Deswegen brach er denn auch von dort auf und nahm seinen Marsch durch das Land der Lingoner, um sich zu den Sequanern zu begeben, die seine Freunde waren und Italien gegen das übrige Gallien zum Schutzwall dienten.

Auf diesem Zuge wurde er von den Feinden überfallen, und da sie ihn mit einem ungeheuren Heere umringten, entschloß er sich, es auf eine Schlacht ankommen zu lassen. Hier trug er endlich einen vollkommenen Sieg davon und schlug die Barbaren nach einem hartnäckigen Widerstande und vielem Blutvergießen völlig in die Flucht. Doch schien es anfangs mißlich um ihn zu stehen, und die Arverner zeigen noch in einem ihrer Tempel ein kurzes Schwert, das als eine dem Cäsar abgenommene Beute dort aufgehängt worden. Cäsar selbst sah in der Folge dieses Schwert dort hängen und lächelte darüber; seine Freunde wollten es wegnehmen lassen, er erlaubte es aber nicht, weil er es als ein Heiligtum betrachtete.

Diejenigen, die aus der Schlacht entkommen waren, retteten sich indes größtenteils mit ihrem Könige in die Stadt Alesia. Cäsar unternahm sogleich die Belagerung derselben, ungeachtet sie sowohl wegen der Höhe der Mauern als wegen der Menge der Verteidiger unüberwindlich zu sein schien, geriet aber dabei von außen in eine unbeschreiblich große Gefahr. Der Kern von allen Völkerschaften Galliens zog sich schleunig zusammen und rückte wohlbewaffnet, an die dreihunderttausend Mann stark, vor die Stadt Alesia, da der darin befindlichen Streiter nicht weniger als hundertundsiebzigtausend waren. Cäsar, von solchen Heeren eingeschlossen und belagert, sah sich gezwungen, zu seiner Verteidigung eine doppelte Mauer aufzuführen, die eine gegen die Stadt, die andere gegen die zum Entsatz angekommenen Feinde, weil es sicher um ihn und die Seinigen wäre geschehen gewesen, wenn die beiden Heere sich miteinander vereinigt hätten. Daher erlangte auch die Belagerung von Alesia aus mehrern Gründen und mit allem Rechte einen außerordentlichen Ruhm, indem kein anderer Kampf so viele herrliche Beweise von Kühnheit und Geistesgröße darbot. Am meisten aber muß man sich wundern, daß Cäsar sich mit dem so zahlreichen Heere vor der Stadt herumschlug und es überwältigte, ohne daß die Feinde in der Stadt, ja was noch mehr ist, selbst die Römer, welche die gegen die Stadt gerichtete Mauer zu verteidigen hatten, das geringste davon wahmahmen. Diese erfuhren nicht eher etwas von dem Siege, als bis sie aus Alesia her das Heulen und Klagen der Männer und Weiber vernahmen, welche die Römer von der andern Seite viele mit Gold und Silber geschmückte Schilde, viele blutige Harnische und eine Menge gallischer Trinkgeschirre und Zelte in ihr Lager tragen sahen. So schnell, so plötzlich war die ganze ungeheure Macht, wie ein Schattenbild oder Traum, verschwunden und auseinandergestoben und der größte Teil derselben im Gefechte selbst niedergehauen worden.

Endlich ergaben sich denn auch die, welche in der Stadt eingeschlössen waren, nachdem sie sowohl sich selbst als dem Cäsar viel zu schaffen gemacht hatten. Vercingetorix, der Hauptanführer in diesem Kriege, legte seine schönsten Waffen an und sprengte auf einem schöngeschmückten Pferde zum Tore hinaus. Nachdem er um den Cäsar, der auf seinem Tribunal saß, im Kreise herumgeritten war, sprang er vom Pferde, warf die Rüstung ab und setzte sich zu Cäsars Füßen, wo er ruhig blieb, bis man ihn in Verwahrung brachte, um bis zum Triumphe gefangen gehalten zu werden.

Schon längst war Cäsar entschlossen, den Pompeius zu stürzen, so wie auch dieser damit umging, jenem ein Gleiches zu tun. Nachdem Crassus, der beide von ferne beobachtete, im Kriege gegen die Parther seinen Tod gefunden hatte, blieb dem einen, um der Mächtigste zu werden, weiter nichts übrig, als den, der es wirklich war, zu unterdrücken, dem andern aber, damit ihn dieses Schicksal nicht träfe, denjenigen, vor dem er sich fürchtete, zuvor aus dem Wege zu räumen. Erst seit kurzem war es dem Pompeius eingefallen, so etwas zu besorgen; bisher hatte er den Cäsar nur verachtet, weil es ihm etwas Leichtes zu sein schien, den Mann wieder zu vernichten, der seine Größe ihm allein zu verdanken hätte. Cäsar hingegen, der von jeher mit diesem Vorhaben umgegangen war, entfernte sich weislich, wie ein Athlet, aus den Augen seiner Nebenbuhler, übte sich in den gallischen Kriegen, härtete dabei seine Soldaten ab und vermehrte durch große Taten seinen Ruhm so sehr, daß er den Siegen des Pompeius völlig das Gleichgewicht halten konnte.

So benutzte er nun jeden Vorwand, den ihm einesteils Pompeius selbst, andernteils auch die Zeitumstände und die damalige schlechte Verfassung in Rom an die Hand gaben, da diejenigen, die sich um Ämter bewarben, auf öffentlichem Markte Tische hinsetzten, die Bürger ohne Scheu bestachen und das gedungene Volk dann hinging, um für die Geber sich nicht mit Stimmen, sondern mit Pfeilen, Schwertern und Schleudern zu verwenden. Ja oft gingen sie nicht eher auseinander, als bis sie die Rednerbühne mit Blut und Leichnamen besudelt hatten, und gaben so die Stadt wie ein Schiff ohne Steuermann einer völligen Anarchie preis.

Aus dieser Ursache hielten es die verständigsten Männer noch für ein Glück, wenn bei einem solchen Wahnsinn und Wirrwarr die Dinge nur auf nichts Schlimmeres als die Monarchie hinausliefen, und viele erkühnten sich schon öffentlich zu sagen, die Gebrechen des Staats könnten durch nichts anderes als eine monarchische Verfassung geheilt werden, und man müßte sich dieses Arzneimittel von dem glimpflichsten Arzte beibringen lassen, womit sie [allerdings] den Pompeius meinten. Da nun auch dieser zwar zum Schein und der Ehre halber einen solchen Antrag ablehnte, im Grunde aber es am meisten betrieb, daß man ihn zum Diktator ernennen sollte, so machte endlich Cato, der seinen Plan durchschaute, dem Senate den Vorschlag, den Pompelus allein zum Konsul zu ernennen, damit er, durch eine gesetzmäßigere Monarchie befriedigt, die Diktatorwürde nicht mit Gewalt an sich reißen möchte. Auch beschloß man, ihm seine Provinzen noch auf längere Zeit zu lassen. Er hatte nämlich deren zwei, ganz Spanien und Afrika, die er durch seine Legaten verwalten ließ, und zum Unterhalt der unter ihm stehenden Heere erhielt er jährlich tausend Talente aus dem öffentlichen Schatze.

Hierauf bewarb sich auch Cäsar durch einige Vertraute, die er abschickte, um das Konsulat und forderte, daß man ihm ebenfalls seine Statthalterschaft verlängern solle. Pompeius schwieg anfangs dazu still; allein Marcellus und Lentulus, die den Cäsar aus andern Ursachen haßten, setzten sich dawider und taten außer dem, was die Umstände erheischten, ohne Not manche Schritte, die Cäsar zur Kränkung und Beschimpfung gereichten. So nahmen sie den Einwohnern von Neocomum in Gallien, die Cäsar angesiedelt hatte, das Bürgerrecht, und Marcellus ließ, als Konsul, einen der dortigen Ratsherren, der nach Rom gekommen war, mit Ruten schlagen, indem er dabei sagte, er hänge ihm dies als ein Denkzeichen an, daß er kein römischer Bürger sei; er könne hingehen und es dem Cäsar erzählen.

Cäsar jedoch ließ nach diesem Verfahren des Marcellus seine in Gallien erworbenen Reichtümer allen, die an der Staatsverwaltung teilhatten, in reichlichem Maße zufließen und befreite nicht nur den Volkstribun Curio von seinen vielen Schulden, sondern gab auch dem jetzigen Konsul Paulus fünfzehnhundert Talente, wovon dieser nahe am Markte die berühmte und prachtvolle Basilika statt der alten, die Fulvia hieß, erbaute. ...

... Während nun im Mittelpunkte das Fußvolk im Handgemenge miteinander begriffen war, sprengte auf dem Flügel Pompeius' Reiterei trotzig heran und dehnte schon ihre Schwadronen aus, um den rechten des Feindes einzuschließen. Aber ehe sie noch zum Einbauen kam, brachen die von Cäsar dahin gestellten Kohorten hervor, und anstatt, wie sonst gewöhnlich war, die Wurfspieße abzuwerfen oder nach den Schenkeln und Schienbeinen der Feinde zu stoßen, zielten sie bloß nach den Augen und verwundeten die Reiter im Gesicht. Dazu hatte ihnen nämlich Cäsar Anweisung gegeben, in der Rücksicht, daß diese jungen Römer, die mit Krieg und Wunden wenig bekannt und dabei auf ihre schöne, reizende Figur stolz waren, sich vor dergleichen Hieben am meisten scheuen und aus Furcht sowohl vor der gegenwärtigen Gefahr als auch vor der nachherigen Häßlichkeit nicht standhalten würden. Dies traf auch richtig ein. Die Reiter erschraken vor den emporgehaltenen Wurfspießen, und das ihnen vor den Augen schwebende Eisen schlug auf einmal ihren Mut so danieder, daß sie sich wegwendeten und, um ihr Gesicht zu schonen, die Hände vorhielten. Dadurch brachten sie sich selbst in Unordnung, ergriffen endlich auf die schimpflichste Art die Flucht und bewirkten die Niederlage des ganzen Heeres. Denn die Kohorten, welche diese besiegt hatten, schlossen sogleich das Fußvolk ein und fielen demselben in den Rücken.

Als Pompeius auf dem andern Flügel die Reiterei davonfliehen und sich zerstreuen sah, blieb er nicht mehr derselbe Mann. Ohne daran zu denken, daß er der große Pompeius wäre, ging er, als hätte ihn ein Gott seines Verstandes beraubt oder eine göttliche Stimme in Betäubung gesetzt, stumm und sprachlos in sein Gezelt. Hier setzte er sich nieder und erwartete den Erfolg, bis die Feinde, nach völliger Besiegung seines Heeres, das Lager bestürmten und die darin stehende Bedeckung angriffen. Nun kam er erst wieder zur Besinnung, sagte aber, wie man erzählt, weiter nichts als die Worte: "Auch sogar ins Lager!" Hierauf wechselte er die prächtige Feldherrenkleidung mit einer andern, die sich besser zur Flucht schickte, und machte sich heimlich davon. Welche Schicksale dieser Mann nachher gehabt hat und wie er von den Ägyptern, denen er sich in die Hände lieferte, umgebracht worden ist, wird in meiner Lebensbeschreibung desselben erzählt.

Als Cäsar in das Lager des Pompeius kam und sah, daß so viele von den ,Feinden teils schon tot dalagen, teils noch niedergehauen wurden, sagte er seufzend: "Das haben sie gewollt, in diese Notwendigkeit haben sie mich versetzt, da ich, Gaius Cäsar, nach ruhmvoller Beendigung der größten Kriege, hätte ich mein Kriegsheer entlassen, wohl gar noch zum Tode wäre verdammt worden." Asinius Pollio meldet, Cäsar habe damals diese Worte auf lateinisch gesagt, er aber sie griechisch aufgezeichnet. Nach ihm soll der größte Teil der Toten aus Sklaven bestanden haben, die bei Eroberung des Lagers niedergemacht wurden, an Soldaten aber nicht mehr als sechstausend gefallen sein. Von dem gefangenen Fußvolk steckte Cäsar die meisten unter seine Legionen, schenkte auch vielen vornehmen Männern die Freiheit, unter welchen sich Brutus, sein nachmaliger Mörder, befand. Um diesen soll er, als er nicht gleich gefunden wurde, sehr bekümmert gewesen sein und, als er darauf sich unverletzt einstellte, eine große Freude bezeigt haben.

Unter den vielen Vorbedeutungen dieses Sieges wird die in Tralles als die merkwürdigste angeführt. Daselbst stand in dem Tempel der Siegesgöttin eine Bildsäule Cäsars, und der Platz um dieselbe war nicht nur von Natur hart und fest, sondern auch oben mit einem harten Steine belegt. Aus diesem Boden soll nun an dem Fußgestelle der Bildsäule ein Palmbaum aufgeschossen sein.

In Patavium saß gerade an diesem Tage Gaius Cornelius, ein wegen der Wahrsagerkunst berühmter Mann, ein Freund und Landsmann des Geschichtsschreibers Livius, um die Auspizien zu beobachten. Dieser ersah daraus zuerst die Stunde der Schlacht und sagte zu den Anwesenden, die Sache ginge jetzt vor sich und die beiden Männer schritten zum Kampfe. Als er darauf von neuem beobachtete und die Zeichen bemerkte, sprang er voller Begeisterung auf und schrie:"Caesar, du siegst!". Alle waren darüber bestürzt, er aber nahm den Kranz vom Kopfe und beteuerte mit einem Schwure, er wolle ihn nicht eher wieder aufsetzen, als bis seine Kunst durch den Erfolg bestätigt würde. Livius versichert, daß sich dies wirklich so zugetragen habe. ....

.... Als er aus Afrika nach Rom zurückgekommen war, hielt er vorerst seines Sieges wegen eine hochtönende Rede an das Volk, worin er sagte, er habe einen so großen Strich Landes erobert, daß davon dem Staate jährlich zweihunderttausend attische Scheffel Getreide und drei Millionen Pfund Öl zufließen würden. Hierauf hielt er seine Triumphe über Ägypten, über Pontus und über Afrika; den lerzteren freilich nicht über den Scipio, sondern zum Schein über den König Juba. Dabei wurde auch der Sohn dieses Königs, der noch sehr junge Juba, mit aufgeführt, dem aber die Gefangenschaft zum großen Glücke gereichte, weil er dadurch aus der Zahl der Barbaren und Numidier unter die gelehrtesten Geschichtsschreiber der Griechen versetzt wurde.

Nach diesen Triumphen gab er den Soldaten reichliche Belohnungen und ergötzte das Volk mit Schauspielen und Gastmahlen. So bewirtete er alle Bürger zusammen an zweiundzwanzigtausend Tischen zu drei Betten und gab noch zu Ehren seiner schon lange verstorbenen Tochter Iulia Fechterspiele und die Vorstellung eines Seetreffens. Bald nach diesen Spielen wurde eine Schätzung gehalten, und statt daß man vorher dreihundertundzwanzigtausend Bürger gezählt hatte, wurden deren jetzt nicht mehr als in allem hundertundfünfzigtausend gefunden. Einen solchen Verlust hatte der Zwiespalt bewirkt und einen so großen Teil des Volks aufgerieben, ohne noch die vielen Unglücksfälle in Anschlag zu bringen, die das übrige Italien und die auswärtigen Provinzen betroffen hatten.

Nach Beendigung dieser Feierlichkeiten wurde Cäsar zum vierten Male zum Konsul ernannt und zog nun nach Spanien gegen Pompelus' Söhne, die, so jung sie auch noch waren, ein unglaublich großes Heer zusammengebracht hatten und eine Kühnheit zeigten, die sie der Anführung eines solchen Heeres würdig machte, weswegen denn auch Cäsar selbst in die äußerste Gefahr geriet. Die große Schlacht fiel bei der Stadt Munda vor, wo Cäsar, als er sah, daß seine Truppen zum Weichen gebracht wurden und nur geringen Widerstand leisteten, durch die Glieder lief und den Soldaten zuschrie, ob sie sich nicht schämten, ihn mit ihren Händen den Knaben zu überliefern? Endlich schlug er jedoch mit großer Anstrengung die Feinde in die Flucht und machte über dreißigtausend derselben nieder, verlor aber auch tausend seiner besten Soldaten. Beim Weggehen vom Schlachtfelde sagte er zu seinen Freunden, er habe oft um den Sieg, jetzt aber zum erstenmal um sein Leben gestritten. Diesen Sieg gewann Cäsar am Bacchusfeste, an welchem auch Pompeius Magnus vier Jahre vorher zum Kriege soll ausgezogen sein. Der jüngere von Pompeius' Söhnen rettete sich noch durch die Flucht, der Kopf des ältern aber wurde wenige Tage hernach von Didius überbracht.

Und dies war der letzte Krieg, den Cäsar führte. Der deswegen gehaltene Triumph schmerzte die Römer mehr als irgend etwas anders. Denn da er für diesmal keine Heerführer fremder Völker, keine barbarischen Könige überwunden, sondern die Kinder und das Haus des größten Mannes unter den Römern, der vom Unglück verfolgt war, gänzlich ausgerottet hatte, so war es gar nicht fein, über die Unfälle des Vaterlands zu triumphieren und sich mit Taten zu brüsten, für die ihm bei Göttern und Menschen zu seiner Rechtfertigung nur dies einzige übrigblieb, daß er durch die Not dazu gezwungen worden war; zumal da er vorher bei allen seinen Siegen in den Bürgerkriegen nie einen Boten oder Brief öffentlich nach Rom geschickt, sondern aus Ehrgefühl einen solchen Ruhm verschmäht hatte.

Bei dem allen fügten sich die Römer ganz in das Glück des Mannes, nahmen das Joch willig an und ernannten ihn, weil sie in der Monarchie eine Erholung von den Bürgerkriegen und den bisherigen Drangsalen zu finden hofften, zum Diktator auf Lebenszeit. Dies war denn eine ausgemachte Tyrannei, da die Alleinherrschaft mit der unumschränkten Gewalt auch noch die beständige Dauer verband. Im Senate brachte Cicero für ihn die ersten Ehrenbezeigungen, die sich nur irgend für die menschliche Größe schicken, in Vorschlag. Andere aber gingen dann hierin noch weiter, wetteiferten gleichsam miteinander, die Sache zu übertreiben, und machten den Mann durch die anstößigen, ungereimten Beschlüsse selbst den gutmütigsten Bürgern verhaßt. Auch glaubt man, daß Cäsars Feinde diese Übertreibung nicht weniger befördert haben als seine Schmeichler, um zu einem Angriff auf ihn den scheinbarsten Vorwand zu bekommen und die Tat durch die wichtigsten Beschwerden rechtfertigen zu können. Denn in andern Stücken benahm er sich, nachdem die Bürgerkriege einmal geendigt waren, ganz untadelhaft, und die Römer widmeten, wie es scheint, mit gutem Grunde der Göttin Clementia [d. h. Gnade] einen Tempel, aus Dankbarkeit für seine Güte und Sanftmut, da er vielen, die gegen ihn die Waffen geführt hatten, verzieh, einigen sogar Ämter und Ehrenstellen erteilte, wie dem Brutus und Cassius, die beide zu Prätoren ernannt wurden.

Überdies ließ er die umgeworfenen Bildsäulen des Pompeius nicht außer acht, sondern richtete sie alle wieder auf, wobei Cicero sagte, Cäsar habe dadurch, daß er des Pompeius Statuen aufstellte, die seinigen desto mehr befestigt. Da seine Freunde ibm anrieten, er sollte sich eine Leibwache zulegen, verwarf er dies geradezu und sagte: "Es ist besser, einmal zu sterben, als dessen immer gewärtig zu sein." Um sich aber durch Liebe und Zuneigung, als die schönste und sicherste Wache, zu schützen, suchte er aufs neue das Volk durch Gastmahle und Austeilung von Getreide, die Soldaten aber durch Anlegung von Kolonien an sich zu ziehen, unter denen Karthago und Korinth die vorzüglichsten waren. Diese beiden Städte hatten also das Schicksal, daß sie jetzt zusammen und zur selben Zeit wieder aufgebaut wurden, so wie sie vormals waren eingenommen und zerstört worden.

Den Vornehmen versprach er zum Teil für die Folge das Konsulat und die Prätur, zum Teil begütigte er sie durch andere Würden und Ehrenstellen, alle aber tröstete er mit Hoffnungen, weil er gern das Ansehen haben wollte, daß er mit ihrem Willen über sie herrschte. Als der Konsul Maximus gestorben war, ernannte er für den einzigen noch übrigen Tag dieses Amtes den Gabinius Rebilus. Viele gingen nun hin, um dem Manne, wie gewöhnlich, Glück zu wünschen und ihn auf das Rathaus zu begleiten. Cicero sagte daher zu ihnen: "O laßt uns eilen, damit wir noch hinkommen, ehe der Mann das Konsulat niederlegt."

Cäsar gestatteten indes die ihm angeborne Ehrbegierde und sein Hang zu großen Unternehmungen keineswegs, auf den schon erworbenen Lorbeeren zu ruhen oder die Früchte seiner Taten zu genießen; im Gegenteil befeuerte ihn der bisherige glückliche Erfolg mit festem Vertrauen auf die Zukunft und erzeugte Entwürfe zu noch größeren Unternehmungen, ein Streben nach neuem Ruhme, gleich als wäre der alte schon völlig verbraucht und abgenutzt. Diese Leidenschaft war nichts änders als eine Eifersucht gegen sich selbst wie gegen einen Nebenbuhler, eine hartnäckige Begierde, die vorigen Taten durch die zukünftigen noch zu übertreffen. Daher rührte denn der Entschluß, wozu schon alle Anstalten getroffen wurden, gegen die Parther einen Kriegszug zu unternehmen, nach deren Besiegung durch Hyrkanien an dem Kaspischen Meere und dem Kaukasus hin um das Schwarze Meer herumzuziehen und in Skythien einzudringen, dann die an die Germanen grenzenden Länder und Germanien selbst zu bezwingen, durch Gallien nach Italien zurückzukehren und in diesem Zirkel der römischen Herrschaft auf allen Seiten den Ozean zur Grenze zu geben.

Während dieses Zuges aber war er willens, die Landenge bei Korinth zu durchgraben, worüber er schon dem Anienus die Aufsicht gegeben hatte. Auch wollte er den Tiber gleich von der Stadt an in einem tiefen Graben auffassen, nach Circei herumleiten und bei Terracina ins Meer fallen lassen, um denen, die des Handels wegen nach Rom reisten, eine sichere und bequeme Fahrt zu verschaffen. Überdies gedachte er, die Sümpfe bei Pometium und Setia abzuleiten und dadurch eine schöne Ebene für viele tausend Menschen urbar zu machen. Ferner wollte er dem Meere zunächst bei Rom durch angelegte Dämme Schranken setzen, die Reede bei Ostia von allen gefährlichen Klippen und Untiefen reinigen und dann Häfen und Ankerplätze anlegen, welche so der großen, ausgedehnten Schiffahrt die nötige Sicherheit gewähren könnten. Zu dem allen wurden auch wirklich schon Vorkehrungen gemacht.

Auch die neue Einrichtung des Kalenders und die Verbesserung der eingeschlichenen Ungleichheit der Zeiten, die von ihm mit ungemeiner Genauigkeit behandelt und ausgeführt wurde, war von großem und mannigfaltigem Nutzen. Bei den Römern herrschte nicht nur in ältern Zeiten [in denen man sich des Mondenjahres bediente] viel Verwirrung in dem Verhältnisse der Mondperioden zum Jahre, so daß die Feste sich nach und nach verrückten und in die entgegengesetzten Jahreszeiten fielen; sondern auch damals noch konnte sich fast niemand in das nun eingeführte Sonnenjahr finden. Die Priester, die allein von der Zeit einige Kenntnis hatten, setzten oft plötzlich, ehe sich jemand dessen versah, den Schaltmonat an, den sie Mercedonius nennen und den der König Numa zuerst soll angeordnet haben, wodurch er aber nur eine geringe und nicht weitreichende Hilfe für die Fehler in der Wiederkehr der Zeiten erfand, wie in dessen Lebenbeschreibung bemerkt wurde.

Cäsar ließ die Sache von den größten Philosophen und Mathematikern untersuchen und führte nun nach den ihm vorgelegten Berechnungen eine eigene, mit größerer Genauigkeit gemachte Verbesserung ein, deren sich die Römer noch bis jetzt bedienen, wobei sie mehr als andere Völker vor Fehlern in der Zeitbestimmung gesichert zu sein scheinen. Gleichwohl gab auch dies seinen Neidern und Feinden, denen seine Macht ein Dorn im Auge war, zu allerhand Vorwürfen und Spöttereien Anlaß. So soll der Redner Cicero jemandem, der zu ihm sagte: "Morgen wird die Leier aufgehen", geantwortet haben: "Ja freilich, der Verordnung zufolge" - als wenn die Leute sich auch darein nur zwangsweise gefügt hätten.

Allein den sichtbarsten Haß, der ihm endlich auch den Tod zuzog, erregte gegen ihn sein Streben nach der Königswürde, welches für das Volk die erste Ursache, für diejenigen aber, die ihm schon lange gram waren, der scheinbarste Vorwand wurde. Wirklich sprengten auch einige, die Cäsar diese Würde gern verschaffen wollten, unter dem Volke das Gerücht aus, es ergäbe sich aus den Sibyllinischen Büchern, daß das parthische Reich von den Römern nur dann bezwungen werden könnte, wenn sie es unter Anführung eines Königs angriffen, sonst aber demselben nicht beizukommen wäre. Eines Tages nun, da eben Cäsar von Alba in die Stadt zurückkehrte, wagten sie es, ihn laut als König zu begrüßen. Weil aber das Volk darüber in Bestürzung geriet, sagte er unwillig, er heiße nicht König, sondern Cäsar, und bei der darauffolgenden tiefen Stille ging er mit finsterm, verdrießlichem Gesichte fort.

Bald darauf wurden ihm im Senate wieder einige übertriebene Ehrenbezeigungen zuerkannt, und er saß eben auf der Rednerbühne, als die Konsuln und Prätoren in Begleitung des ganzen Senats vor ihm erschienen [um ihm die gemachte Verordnung anzukündigen]. Cäsar aber stand nicht vor ihnen auf, sondern fertigte sie, als wenn er mit den gemeinsten Bürgern zu tun hätte, mit der Antwort ab: "Die Ehrenbezeigungen bedürfen eher einer Einschränkung als einer Vermehrung." Dies kränkte nicht nur den Senat, sondern auch das Volk, weil in dem Senate der ganze Staat beschimpft zu sein schien. Auch gingen alle, die eben nicht dazubleiben brauchten, traurig und niedergeschlagen weg. Er begab sich also, da er dies merkte, sogleich nach Hause, zog das Kleid vom Halse herab und schrie seinen Freunden zu, er wolle jedem, dem es beliebte, die Kehle hinhalten. Nachher aber entschuldigte er sich deshalb mit seiner gewöhnlichen Krankheit, indem er sagte, wer mit diesem Übel behaftet sei, verliere leicht den Gebrauch seiner Sinne, wenn er stehend zu einer Menge Volks reden müsse; jede Erschütterung und heftige Bewegung verursache ihm Schwindel, und dann sei er vor einem Anfalle nicht sicher. Allein die Sache verhielt sich nicht so. Im Gegenteil war er, wie man sagt, wirklich willens, vor dem Senat aufzustehen, wurde aber von einem seiner Freunde oder vielmehr Schmeichler, dem Cornelius Balbus, zurückgehalten, welcher zu ihm sagte: ,,Vergiß doch nicht, daß du Cäsar bist; du mußt dich als ein höheres Wesen verehren lassen!" ...


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LV Gizewski SS 2002