Ein Kanon maßstabsetzender Vertreter der höheren Literatur: Quintilian. Institutio oratoria 10, 1, 37 - 10, 2, 1.

Dt. Übersetzung nach: Quintilian, Über Pädagogik und Rhetorik. Eine Auswahl aus der 'Institutio oratoria. Übertragen, eingeleitet und erläutert von Marion Giebel, München 1974, S. 122 - 145.


10, 1

37. Die meisten meiner Leser werden, glaube ich, fordern, daß ich, wenn ich der Lektüre schon solchen Nutzen beimesse, auch meinem Werk einiges darüber beifüge, welche Autoren gelesen werden sollen und worin jeweils der Hauptvorzug eines Autors liegt. Wollte man alle einzeln durchgehen, dann würde das Werk kein Ende finden.

38. Man bedenke, daß Cicero in seinem 'Brutus' auf so vielen Seiten ausschließlich über die römischen Redner geschrieben und dabei doch alle seine Zeitgenossen, soweit sie noch lebten, mit Ausnahme von Caesar und Marcellus, mit keinem Wort erwähnt hat. Wo würde ich dann ein Ende finden, wenn ich diese sowie deren Nachfolger und gleichermaßen sämtliche Griechen erwähnen wollte?

39. Da scheint doch jener knappe Rat den sichersten Weg zu bieten, den Livius seinem Sohne in einem Brief gibt: Er solle Demosthenes und Cicero lesen und dann solche Autoren, die diesen am ähnlichsten seien.

40. Ich will freilich mit meiner eigenen Überzeugung nicht hinterm Berg halten. Ich glaube, es gibt nur wenige oder kaum einen von den Autoren, die das Ausleseverfahren durch die Zeit bestanden haben, die einem kritischen Leser nicht irgendwie von Nutzen sein könnten, zumal selbst Cicero bezeugt, er verdanke gerade diesen Autoren längst vergangener Zeiten, die zwar Talent, aber noch keine Kunstfertigkeit besaßen, sehr viel.

41. Nicht viel anders [scil. als Cicero] denke ich auch über die modernen Autoren. Wieviele von ihnen lassen sich finden, die so ganz und gar aberwitzig sind, einen leisen Hoffnungsschimmer zu hegen, sie könnten, und sei es nur mit einem Bruchteil ihres Werkes, einen Platz einnehmen im Gedächtnis der Nachwelt. Wann immer es einen solchen Autor gibt, so wird er schon zu Beginn der Lektüre entlarvt werden, und er wird schnell auf uns verzichten müssen, bevor uns das Experiment, ihn zu lesen, allzu viel Zeit gekostet hat.

42. Aber es wird ja auch nicht jede Stelle, die sich auf irgendein Wissensgebiet bezieht, ohne weiteres für die Stilbildung, die wir hier behandeln, geeignet sein. Bevor ich zu einzelnen Autoren übergehe, will ich noch einige allgemeine Bemerkungen über ihre unterschiedliche Beurteilung machen.

43. Da gibt es nämlich einige, die allein die Alten für lesenswert halten und glauben, nur in ihnen finde man ursprüngliche Beredsamkeit und männliche Kraft. Andere wieder schwelgen in dem gezierten, weichlichen Stil unserer Tage, der ganz und gar nur für das Vergnügen der ungebildeten Masse bestimmt ist.

44. Selbst von denen, die eine korrekte Redeweise erstreben, halten einige nur das für den gesunden und wahrhaf attischen Stil, was knapp und anspruchslos und möglichst im Umgangston ausgedrückt ist. Andere wieder fesselt eine Redeweise, die mehr Erhabenheit, Leidenschaftlichkeit und Feuer hat. Und es gib auch viele Anhänger eines ruhigen, eleganten und harmonische Stils. Auf diese Unterschiede werde ich noch genauer eingehen wenn ich über die einzelnen Stilarten spreche. Für den Augenblick will ich mich darauf beschränken, kurz anzuführen, was jemand, der sein rednerisches Können entwickeln will, aus seiner Lektüre gewinnen kann und was er lesen soll. Ich will nur einige wenige der hervorragendsten Autoren in Auswahl vorstellen.

45. Wer sich damit beschäftigt, wird leicht beurteilen können, welch anderen Autoren diesen am nächsten kommen; es sollte sich deshalb keiner beklagen, daß ich etwa seine Lieblingischriftiteller ausgelassen hätte. Denn ich gebe gern zu, daß noch weit mehr als die von mir Genannten es verdienen, gelesen zu werden. Doch nun will ich beginnen, die verschiedenen Gattungen der Literatur durchzugehen die mir für künftige Redner besonders passend erscheinen.

46. So wie Arat es für richtig hielt, "mit Juppiter den Anfang zu machen", so ist es wohl auch für uns das Rechte, wenn wir mit Homer beginnen. Wie dieser vom Ozean gesagt hat, er sei der Ursprungsort aller Ströme und Quellen, so ist er selbst auch Vorbild und Ausgangspunkt für alles, was mit der Rhetorik zusammenhängt. Niemand hat ihn jemals übertroffen in der Erhabenheit seiner großen Themen oder in der Natürlichkeit seiner alltäglichen Szenen. Er zeigt reiche Fülle ebenso wie Knappheit, Heiterkeit und Ernst, ist in seinem Überfluß wie in seiner Kürze gleichermaßen bewundernswert, und nicht nur seine dichterischen, sondern auch seine rednerischen Vorzüge machen ihn zum bedeutendsten Autor überhaupt.

47. Ich will gar nicht von seinen Lob-, Ermunterungs- oder Trostreden sprechen - aber zeigen nicht das neunte Buch mit der Gesandtschaft an Achill, das erste mit dem Streit der Führer und das zweite mit den Reden in der Heeresversammlung alle Kunstregeln für Streit- und Beratungsreden?

48. Was die Erregung der Gefühle angeht, und zwar der leidenschaftlichen wie auch der milden, so kann niemand so ungebildet sein zu leugnen, daß sie dieser Dichter meisterhaft beherrscht. Und hat er nicht in den wenigen knappen Einleitungsversen seiner beiden Epen die Regel, wie ein Prooemium aussehen soll, man kann nicht sagen eingehalten, nein, ein für allemal festgesetzt? Durch die Anrufung der Göttinnen, die man als die Schutzgottheiten der Dichter ansah, gewinnt er das Wohlwollen des Zuhörers, indem er ihm die Größe seiner Themen vor Augen stellt, macht er ihn aufmerksam, und indem er den Inhalt in wenig Worten umreißt, macht er ihn dafür empfänglich.

49. Wer könnte eine kürzere Erzählung eines Tatbestands bieten als der Held, der den Tod des Patroklos meldet, wer eine anschaulichere als der Mann, der den Kampf der Kureten und Ätoler beschreibt? Man beachte auch seine Gleichnisse, seine Szenensteigerung, seine Beispiele, seine Episoden, die Form seiner Beweise aus Indizien und Schlußfolgerungen sowie die übrigen Arten der Beweisführung und Widerlegung, die so zahlreich sind, daß sogar die meisten Fachautoren der Rhetorik ihre Beispiele für diese Dinge von Homer nehmen.

50. Und wo gibt es einen Epilog, der sich mit den Bitten des Priamos an Achill vergleichen ließe? Erhebt sich Homer nicht in der Wahl seiner Worte, seiner Sinn- und Redefiguren, in der ganzen Anlage seines Werkes über die Grenzen menschlichen Geistes? Daher muß man schon Geist besitzen, wenn man ihm nicht nachahmend - denn das ist unmöglich -, sondern verstehend nachfolgen will.

51. Er hat in Wahrheit auf dem gesamten Gebiet der Wortkunst alle weit hinter sich gelassen, vor allem die Ependichter. Der Vergleich innerhalb desselben Stoffgebiets zeigt dies mit größter Deutlichkeit.

52. Nur zuweilen nimmt Hesiod einen höheren Aufschwung. Ein großer Teil seines Werkes besteht aus einer Aufzählung von Namen, dennoch sind seine Lebensregeln in Spruchform von Nutzen, und der Fluß seiner Worte und ihre glatte Fügung wirken gefällig. Er nimmt den ersten Platz unter den Autoren des mittleren Stils ein.

53. Bei Antimachos lobt man dagegen seine Kraft und Würde und seine dem Alltagston ganz ferne Ausdrucksweise. Aber obwohl so ziemlich alle Literaturwissenschaftler ihm den zweiten Rang in der epischen Dichtung einräumen, fehlt ihm doch die Kraft, auf das Gemüt zu wirken, die Anmut, ein geordneter Aufbau und überhaupt jeder Kunstcharakter. Dadurch zeigt sich klar, was für ein großer Unterschied darin besteht, einem anderen besonders nahezukommen oder der zweite nach ihm zu sein.

54. Panyasis, der eine Mischung der beiden letztgenannten bildet, erreicht nach allgemeinem Urteil im Stil die Vorzüge keines von beiden, er übertrifft aber Hesiod, was den Stoff, und Antimachos, was den Aufbau angeht. Apollonios nimmt keinen Platz in dem von den Literaturhistorikern aufgestellten Kanon ein, denn die Kritiker der Dichtkunst, Aristarch und Aristophanes, haben keine Zeitgenossen darin aufgenommen. Er hat jedoch ein beachtliches Werk geschaffen, das sich durchweg auf der Höhe des mittleren Stils hält.

55. Der Stoff des Arat entbehrt jeder leidenschaftlichen Bewegtheit; es fehlt jede Abwechslung, jedes Pathos, jede Charakterschilderung und jede gestaltete Rede. Immerhin erfüllt er die Ansprüche der Aufgabe, der er sich gewachsen glaubte. Bewunderung verdient Theokrit in seinem Bereich, aber seine Muse des Land- und Hirtenlebens scheut nicht nur das Forum, sondern überhaupt das Stadtleben.

56. Ich höre förmlich, wie mir meine Leser von allen Seiten Dichternamen in großer Zahl zurufen. Wie? Hat Pisandros nicht den Heraklesmythos schön gestaltet? Hatten Vergil und Macer nicht guten Grund, sich Nikandros als Vorbild zu nehmen? Und wie? Wollen wir Euphorion übergehen? Hätte Vergil ihn nicht lobenswert gefunden, hätte er niemals in seinen Eklogen die 'Gedichte in der Weise des Mannes aus Chalkis' erwähnt. Wie? Horaz hätte ohne Grund Tyrtaios und Homer in einem Atem genannt?

57. Nun, ich meine, keiner wird so unbewandert sein in der Dichtung, daß er nicht einen Katalog aus einer Bibliothek abschreiben und in seine Lehrbücher einfügen kann. Es ist auch nicht so, als ob ich die Autoren etwa nicht kenne, die ich übergehe, oder als ob ich sie überhaupt verdamme; ich habe ja gesagt, daß sich bei einem jeden etwas Nützliches finden läßt.

58. Doch wir wollen uns zu diesen Schriftstellern erst wenden, wenn unsere Kräfte voll entwickelt und gefestigt sind, so, wie wir es auch bei opulenten Gastmählern machen, daß wir uns erst an den besten Gerichten sattessen und uns dann auch von der Vielfalt des Bescheideneren erfreuen lassen. Erst dann wird es auch Sinn haben, die Elegiendichter zu studieren, als deren bester Kallimachos gilt, während nach der Meinung der meisten Philetas den zweiten Rang einnimmt.

59. Doch wenn wir die sichere Gewandtheit erstreben, von der ich gesprochen habe, dann müssen wir uns mit den Allerbesten vertraut machen; wir müssen unsern Geist formen und ein eigenes Kolorit der Darstellung entwickeln, und dies, indem wir viel lesen, nicht vielerlei. Also wird uns von den drei Jambendichtern, die die Billigung des Aristarch gefunden haben, einzig Archilochos für die angestrebte Stilsicherheit von besonderem Nutzen sein.

60. Er hat den kraftvollsten Ausdruck, Kernsätze, die bald kräftig zupackend, bald knappgefaßt und geistsprühend sind, und er hat Saft und Kraft. Daher sind manche davon überzeugt, es sei nur seinem Stoff, nicht seinem Talent zuzuschreiben, wenn man ihn nicht an allererster Stelle nennt.

61. Von den neun Lyrikern ist Pindar bei weitem der erste in seinem geistigen Höhenflug, seiner Erhabenheit, seinen Wort-und Sinnfiguren, der überreichen Fülle seiner Themen wie seiner Sprache und im Fluß seiner Dichtung. Um dieser Vorzüge willen hielt ihn Horaz mit Recht für unnachahmlich.

62. Das starke Talent des Stesichoros zeigt sich schon bei der Wahl seines Stoffes, er besingt nämlich gewaltige Kriege und berühmte Feldherrn, und seine Lyrik ist den gewichtigen Themen der epischen Dichtung gewachsen. Im Sprechen und im Handeln stattet er seine Personen mit der Würde aus, die ihnen zukommt, und hätte er nur ein wenig mehr Maß gezeigt, so hätte er wohl mit Homer in ernsthafte Konkurrenz treten können. Aber er strömt über und ergießt sich allzuweit, ein Fehler, der zwar tadelnswert ist, sich aber aus der Fülle seines Talents ergibt.

63. Alkaios hat das Lob verdient, er spiele auf goldener Leier, und zwar in dem Teil seines Werkes, wo er seine Angriffe gegen die Tyrannen richtet und eine große moralische Wirkung entfaltet. In seiner Ausdrucksweise ist er knapp und erhaben und in der Kraft seiner Sprache dem Redner oft ähnlich Doch tändelt er auch und ist in die Gefilde der Liebesdichtung hinabgestiegen, obwohl ihm erhabenere Themen mehr liegen.

64. Simonides schreibt durchweg im schlichten Stil, die Natürlichkei und Anmut seiner Sprache macht ihn einer Empfehlung wert. Sein Stärke liegt jedoch in der Erregung des Mitgefühls, so daß ihn einige auf diesem Gebiet an die Spitze aller Autoren dieser Dichtgattung stellen.

65. Die alte Komödie ist ziemlich die einzige Form der Dichtung, die die berühmte Reinheit und den Reiz des Attischen bewahrt hat. Sie bietet eine überreiche Fülle freimütiger Außerungen und tut sich hervor, indem sie das Laster anprangert, doch entfaltet sie ihre Kraft ebenso stark auch in den übrigen Partien. Sie ist erhaben, geschmackvoll und anmutig zugleich; nehmen wir einmal Homer aus, der, wie Achill unter den Helden, stets unvergleichlich ist, so gibt es vielleicht keinen Stil, der dem des Redners ähnlicher oder für seine Schulung geeigneter ist.

66. Es gibt eine ganze Anzahl von Dichtern, doch sind Aristophanes, Eupolis und Kratinos die bedeutendsten. Die Tragödie hat Aischylos als erster zu hoher Geltung gebracht, er ist erhaben, würdig und pathetisch oft bis zum Schwulst, häufig aber weist er mangelnde Glätte und Harmonie auf. Daher gestatteten die Athener in späterer Zeit den Dichtern, seine Stücke in revidierter Form beim Wettstreit der Dramendichter zur Aufführung zu bringen, und auf diese Weise haben viele den Siegespreis davongetragen.

67. Zu weitaus glänzenderer Entfaltung brachten Sophokles und Euripides diese Kunstform. Da sie im Stil ganz verschieden sind, ist viel darüber gestritten worden, welcher der größere Dichter sei, eine Frage, die ich, da sie mit unserm jetzigen Thema nichts zu tun hat, unentschieden lasse. Es wird jeder eingestehen müssen, daß für jemanden, der sich auf die Tätigkeit als Gerichtsredner vorbereitet, Euripides bei weitem nützlicher ist.

68. Seine Sprache ist zwar von denen getadelt worden, für die die Würde, die tragische Hoheit und der volltönende Klang des Sophokles besser zum erhabenen Stil zu passen scheinen, aber er nähert sich mehr dem Stil der Rede, ist reich an Sentenzen, die beinahe denen der Philosophen gleichkommen, und was seine Rede und Gegenrede angeht, so läßt er sich ohne weiteres mit einem gewandten Gerichtsredner vergleichen. In der Erregung aller Affekte verdient er Bewunderung, in der Erweckung von Mitgefühl aber läßt er sich unbedenklich als Meister bezeichnen.

69. Ein großer Bewunderer, wie er oft bezeugt, und ein Nachahmer des Euripides, freilich auf einem ganz anderen Gebiet, ist Menander, meines Erachtens der einzige, dessen gründliche Lektüre ausreicht, um alle die Fähigkeiten zu entwickeln, die ich hier zur Vorschrift mache: So vollkommen ist seine Darstellung des wirklichen Lebens, so reich ist er in der Kunst der Gedankenfindung und im sprachlichen Ausdruck, so vollkommen paßt sich seine Darstellung jedem Gegenstand, jeder Person und Gefühlslage an.

70. Wahrhaftig nicht ohne Grund haben einige die Reden, die man dem Charisios zuschreibt, für Werke des Menander gehalten. Doch ich meine, er zeigt sich in seinen Komödien noch mehr als Redner, oder können die Rechtsstreitigkeiten in seinen Stücken 'Epitrepontes', 'Epikleros', 'Lokroi' oder die Deklamationen in den Komödien 'Psophodes', 'Nomothetes' und 'Hypobolimaios' nicht auf dem ganzen Gebiet der Rhetorik als hervorragend gelten?

71. Nach meiner Meinung ist er für die Deklamationsredner noch etwas mehr von Nutzen; denn sie müssen ja nach dem Thema ihrer Streitrede [i. e. controversia] viele verschiedene Personen darstellen: Väter, Söhne, Soldaten, Bauern, Reiche, Arme, Zornige und Bittflehende, Sanftmütige und Polterer. Und es ist zu bewundern, wie der Dichter jeden dieser Charaktere in der ihn angemessenen Form dargestellt hat.

72. Ja, er hat die Namen aller anderen Dichter dieser Kunstgattung in Vergessenheit geraten lassen, sein Ruhm strahlt so hell, daß sie im Dunkeln bleiben. Dabei kann man auch bei anderen Komödiendichtern, sofern man kein allzu kritischer Leser ist, manches Beachtenswerte finden, so zum Beispiel bei Philemon, der es zwar nur dem schlechten Geschmack seiner Zeitgenossen zu verdanken hatte, wenn er öfter dem Menander vorgezogen wurde, der aber nach dem einstimmigen Urteil aller den zweiten Platz verdient.

73. In der Geschichtsschreibung finden wir viele berühmte Namen, doch wird es für niemanden einen Zweifel geben, daß zwei von ihnen den Vorzug vor den anderen verdienen. Ihre Stärke liegt auf verschiedenem Gebiet, doch hat sie ihnen fast gleiche Ruhm eingebracht. Kompakt und knapp und immer vorwärtsdrängend, das ist Thukydides, gefällig, klar und ausführlich ist Herodot. Der erste ist stärker in der Darstellung heftiger Leidenschaften, der zweite wirkt mehr aufs Gemüt. Thukydides zeichnet sich aus in seinen politischen Reden, Herodot in seinen Gesprächen; bei dem einen spürt man die Kraft, bei dem andern empfindet man Vergnügen.

74. Theopomp kommt beiden am nächsten. Er ist zwar als Geschichtsschreiber geringer zu bewerten, dafür ist sein Stil dem des Redners ähnlicher - kein Wunder, denn er war lange Zeit Redner, bevor man ihn darauf brachte, sich dieser Gattung zuzuwenden. Philistos verdient es ebenfalls, aus der großen Zahl guter Schriftsteller der späteren Zeit hervorgehoben zu werden; er hat Thukydides nachgeahmt, ist zwar bedeutend schwächer, dafür aber ein gut Teil klarer. Ephoros brauchte nach der Meinung des Isokrates die Sporen. Kleitarchos hat Anerkennung gefunden durch sein Talent, seine Gläubwürdigkeit wird aber in Zweifel gezogen.

75. Lange Zeit später lebte Timagenes; er verdient Lob, da er die Geschichtsschreibung, die inzwischen vernachlässigt worden war, zu neuem Ruhm erweckte. Xenophon habe ich nicht vergessen, aber er gehört unter die Philosophen.

76. Nun folgt die ungeheure Schar der Redner - allein Athen hat in einer Generation zehn erwähnenswerte hervorgebracht. Bei weitem der größte unter ihnen und geradezu das Muster aller Beredsamkeit ist Demosthenes, so kraftvoll ist er, so festgefügt ist alles, so straff gespannt, ohne ein überflüssiges Wort, in seinen Reden herrscht eine solche Ausgewogenheit, daß man nichts finden kann, was fehlte oder was zuviel wäre.

77. Der Stil des Aischines ist voller und weitschweifiger, er scheint dem erhabenen Stil noch näher zu kommen, weil er nicht so kurz und bündig ist, er besitzt jedoch mehr Fleisch als sehnige Kraft. Einen besonders reizvollen und treffenden Stil besitzt Hypereides, doch eignet er sich besser für weniger bedeutende, um nicht zu sagen gleichgültige Fälle.

78. Lysias ist eine Generation älter, er besitzt Feinheit und Eleganz, und wenn es für den Redner ausreichte zu belehren, könnte man nichts Vollkommeneres finden. Da gibt es nämlich nichts Gehaltloses, nichts Weithergeholtes; einem klaren Quell ist er ähnlicher als einem breiten Strom.

79. Isokrates vertritt einen anderen Stil: Er ist schmuck und gefällig, und mehr für den Sport- als für den Kampfplatz geeignet. Er strebte er nach allen Reizen eines schönen Stils und tat recht daran, denn er übte sich für den Hörsaal, nicht fürs Gericht. In der Gedankenfindung ist er gewandt, auf das Ehrenhafte gerichtet, und in der Wortfügung ist er so sorgfältig, daß man diese Gründlichkeit schon wieder tadeln kann.

80. Ich bin nicht der Ansicht, daß die genannten Redner allein die Vorzüge besitzen, die ich besprochen habe, es sind nur ihre Hauptvorzüge, und die Redner, die ich nicht aufgeführt habe, sind keineswegs unbedeutend. Ich gebe gerne zu, daß der bekannte Demetrios von Phaleron, obgleich mit ihm der Niedergang der Redekunst begonnen haben soll, ein beachtliches Talent und eine reiche Redegabe besitzt, und sei es, daß man ihn nur deshalb erwähnt, weil er sozusagen der letzte aus der attischen Schule ist, den man einen Redner nennen kann. Cicero zieht ihn jedenfalls, was den mittleren Stil angeht, allen anderen vor.

81. Unter den Philosophen, von denen Cicero nach eigenem Geständnis den größten Teil seiner Beredsamkeit bezogen hat, ist Platont ohne Zweifel der größte, sowohl in seiner scharfsinnigen Argumentation als auch in seiner göttlichen, geradezu homerischen Redekunst. Er erhebt sich ja weit über den gewöhnlichen Gesprächston, den die Griechen Rede "zu Fuß" nennen, und macht auf mich den Eindruck, als inspiriere ihn kein menschliches Talent, sondern gewissermaßen das Orakel des delphischen Gottes.

82. Was soll ich noch Xenophon erwähnen mit seiner ungekünstelten Anmut, die mit keiner Bemühung zu erreichen ist? Die Grazien scheinen seinen Stil gebildet zu haben, und das Urteil über Perikles aus der alten Komödie, auf seinen Lippen habe die Göttin der Überredung ihren Sitz gehabt, läßt sich mit Fug und Recht auf ihn übertragen.

83. Was soll ich noch über den eleganten Stil der übrigen Sokratiker sagen, was über einen Aristoteles? Bei ihm schwanke ich, ob ich mehr seine Kenntnisse, die Fülle seiner Schriften, die Gefälligkeit seines Stils, den Scharfsinn seiner Gedanken oder die Vielfalt seiner Arbeitsgebiete rühmen soll.

84. Theophrast besitzt einen solch göttlichen Glanz in seiner Rede, daß man sagt, er habe seinen Namen daher. Die alten Stoiker haben der Beredsamkeit nicht viel Raum gegeben, doch erteilten sie Ratschläge für ein rechtes Leben, und ihre logischen Schlüsse und ihre Beweisführung sind von größter Bedeutung. Sie waren aber eher scharfsinnige Denker als, was sie auch gar nicht erstrebten, glänzende Redner.

85. Wir kommen jetzt zu den römischen Autoren und wollen sie nach derselben Reihenfolge behandeln. So wie wir mit Homer bei den Griechen den verheißungsvollsten Anfang machten, so ist es bei unseren Autoren mit Vergil. Von allen Dichtern seiner Gattung, ob Griechen oder Römer, kommt er Homer ohne Zweifel am nächsten.

86. Ich will mich der Worte bedienen, die ich als junger Mann von Domitius Afer hörte. Auf meine Frage, welcher Dichter seiner Ansicht nach Homer am nächsten komme, erwiderte er: Der zweite ist Vergil, doch ist er dem ersten näher als dem dritten. Und wenn wir auch unsere Hochachtung bezeugt haben vor dem himmlischen, unsterblichen Genius Homers, so hat Vergil doch mehr Sorgfalt und Gründlichkeit für sein Werk aufgebracht, einfach weil seine Aufgabe schwieriger war. Und wenn wir uns bei den Glanzstellen Homers geschlagen geben müssen, so können wir das vielleicht bei unserem Autor durch die künstlerische Ausgewogenhei wettmachen.

87. Alle übrigen folgen in weitem Abstand. Macer und Lukrez sind lesenswert, gewiß, aber nicht in dem Sinne, daß sie dei Stil, und das heißt den Körper der Beredsamkeit, bildeten; jede behandelt seinen Stoff mit Eleganz, aber der eine ist gewöhnlich und der andere schwierig. Varro Atacinus hat sich einen Name als Übersetzer gemacht und ist als solcher nicht zu verachten, doch um rednerische Fähigkeiten an ihm zu entdecken, ist sein Stil zu ärmlich.

88. Ennius wollen wir verehren wie Haine, die durch ihr Alter geheiligt sind und in denen riesige, uralte Bäume stehen, die wir eher mit ehrfürchtigem Schauder als mit Wohlgefallen betrachten. Andere Dichter stehen uns näher und sind für unsern Plan mehr von Nutzen. Ovid tändelt sogar bei seinen epischen Stoffen und ist allzu sehr in sein eigenes Talent verliebt, in einzelne Partien ist et dennoch zu loben.

89. Cornelius Severus ist zwar ein besserer Versemacher als Poet; hätte er, wie man einmal gesagt hat, seine Dichtung über den sizilischen Krieg bis zum Ende in dem gleichen Stil geschrieben wie das erste Buch, dann hätte er einen berechtigten Anspruch auf den zweiten Platz. Dem Serranus hat ein früher Tod die künstlerische Vollendung versagt. Seine Jugendwerke offenbaren jedoch eine große Begabung und ein in diesem Alter besonders bewundernswertes Empfinden für wahre Dichtung.

90. Einen großen Verlust haben wir vor kurzem durch den Tod des Valerius Flaccus erlitten. Saleius Bassus bewies ein leidenschaftliches und echt poetisches Talent, das durch das Alter nicht abgeklärt wurde. Rabirius und Pedo verdienen schon, daß man sie kennenlernt, falls man viel Zeit hat. Lucan besitzt Feuer und Heftigkeit, er ist ganz hervorragend in seinen allgemeinen Betrachtungen und, um meine Ansicht zu äußern, eher ein Muster für Redner als für Dichter.

91. Ich habe nur diese Dichter erwähnt; denn Germanicus Augustus [scil. der gelegentlich schriftstellernde Kaiser Domitian] mußte sich von seiner Beschäftigung mit der Dichtkunst abwenden und die Sorge um den Erdkreis übernehmen: es erschien den Göttern zu wenig, wenn er nur der größte Dichter würde. Was seine Werke angeht, die er als junger Mann in stiller Abgeschiedenheit schuf, nachdem er die höchste Macht abgetreten hatte, wo gibt es mehr Erhabenheit, Belesenheit, mehr Vollkommenheit auf allen Gebieten? Wer könnte besser den Krieg besingen als der, der ihn so erfolgreich geführt hat? Wen würden die Göttinnen, die über diesem Schaffen walten, wohlwollender anhören? Wen würde Minerva, die ihm verwandte Gottheit, eher in ihre Künste einführen?

92. Künftige Zeitalter mögen hierüber mehr berichten, heute wird sein Dichterruhm vom strahlenden Glanz seiner großen Taten den Schatten gestellt. Du magst es uns, die wir die Schätze literarischen Schaffens hüten, vergeben, Caesar, wenn wir dein dichterisches Werk nicht mit Stillschweigen übergehen konnten und auf das Zeugnis des Vergilischen Verses berufen:

"Laß um die Schläfe
Zwischen den Siegeslorbeeren dir auch diesen Efeu sich schmiegen."

93. Auch in der Elegie fordern wir die Griechen in die Schranken. In dieser Gattung hat, wir mir scheint, Tibull die meiste Glätte und Eleganz. Es gibt auch welche, die Properz bevorzugen. Ovid ist spielerischer als beide, während Gallus ernster ist. Die Satire ist ganz unser Eigentum. Als erster hat in ihr Lucilius besonderen Ruhm erworben, und er hat so begeisterte Anhänger, daß sie ihn nicht nur den anderen Satirendichtern, sondern allen Dichtern überhaupt ohne Zögern voranstellen.

94. Ich bin von ihrer Meinung ebenso weit entfernt wie von der des Horaz, der meinte, schlammig flösse seiner [scil. des Lucilius] Dichtung Strom dahin, und so manches könnte man tilgen. Doch ist seine Gelehrsamkeit bewundernswert, ebenso sein Freimut, die daraus entspringende Bíssigkeit und sein überaus reicher Witz. Weitaus geschliffener und stilreiner als er ist Horaz. Er ist der Meister, falls mich nicht meine Vorliebe für ihn blind macht. Eine hohe und verdiente Wertschätzung genießt auch Persius, obwohl er nur ein einziges Buch geschrieben hat. Berühmte Satirendichter gibt es auch zu unserer Zeit; sie wird einst die Nachwelt rühmend nennen.

95. Eine andere, noch ältere Form der Satire, die nicht nur mit dem Versmaß abwechselt, sondern auch Prosa beimischt, hat Terentus Varro begründet, der gelehrteste Mann Roms überhaupt. Er hat eine Vielzahl von höchst gelehrten Büchern geschrieben, war der beste Kenner der lateinischen Sprache, des gesamten Altertums und der griechischen und römischen Geschichte. Doch wird er eher zur Bereicherung der Kenntnisse als der Beredsamkeit beitragen.

96. Die Jambendichtung ist von den Römern nicht als eigene Gattung gepflegt worden, sondern in Verbindung mit anderen Versformen. In ihrer ganzen Schärfe findet man sie bei Catull, Bibaculus und Horaz, obwohl bei dem letztgenannten die Jamben jeweils von einem kürzeren jambischen Vers [i. e. epodos] unterbrochen werden. Von unseren Lyrikern ist es wieder Horaz, der nahezu als einziger lesenswert ist. Er nimmt zuweilen einen hohen Aufschwung, ist voller Lebhaftigkeit und Charme, reich an Redefiguren und in der Wahl seiner Worte bei aller Kühnheit sehr glücklich. Wenn man noch jemanden hinzufügen will, so wird dies Caesius Bassus sein, der vor einiger Zeit von uns gegangen ist, doch übertreffen ihn die noch Lebenden weit an Talent.

97. Von den älteren Tragödiendichtern sind Accius und Pacuvius die berühmtesten, wegen ihrer gewichtigen Sentenzen, bedeutungschweren Ausdrucksweise und ihrer würdevollen Charaktere. Doch es fehlt ihnen die Eleganz und der letzte Schliff, was aber eher ihrer Zeit als ihnen selbst zuzuschreiben ist. Accius gesteht man mehr Kraft zu, Pacuvius erscheint denen, die gerne gebildet erscheinen wollen, gebildeter.

98. Der 'Thyestes' des Varius kann es mit jeder griechischen Tragödie aufnehmen. Die 'Medea' des Ovid scheint mir zu zeigen, zu welcher Größe sich dieser Dichter hätte erheben können, wenn er es nur über sich gebracht hätte, seinem Talent zu gebieten statt ihm nachzugeben. Von meinen Zeitgenossen ist Pomponius Secundus bei weitem der erste; seine älteren Kritiker hielten ihn als Trägiker für zu schwach, gestanden aber Bildung und Eleganz zu.

99. In der Komödie hinken wir am ärgsten hinterher. Mag Varro auch, mit einem Ausspruch des Aelius Stilo, gesagt haben, die Musen bedienten sich der Sprache des Plautus, wenn sie lateinisch sprechen wollten, mögen die Alten auch Caecilius in den Himmel heben, mag man auch die Komödien des Terenz dem Scipio Africanus zuschreiben - sie sind die elegantesten Werke dieser Gattung und besäßen noch mehr Anmut, wenn sie in Trimetern geschrieben wären -, wir bringen es doch kaum zu einem Schattenbild der griechischen Stücke.

100. Freilich scheint mir auch die in Rom gesprochene Sprache nicht fähig zu sein, diesen witzigen Charme wiederzugeben, der allein Attika geschenkt wurde, zumal ihn die Griechen selbst nicht einmal in einem ihrer anderen Dialekte erreicht haben. In den Komödien mit römischem Inhalt ragt Afranius hervor, hätte er nur nicht die Handlungen seiner Stücke befleckt durch unschickliche Knabenliebe und damit seinen eigenen Lebenswandel offenbart.

101. In der Geschichtsschreibung jedoch bleiben wir nicht hinter den Griechen zurück. Ich scheue mich nicht, dem Thukydides Sallust gegenüberzustellen, und Herodot mag nicht unwillig darübe sein, wenn man Titus Livius mit ihm auf eine Stufe stellt. Denn dieser ist in seinen Schilderungen wunderbar ansprechend und klar, in seinen politischen Reden zeigt er eine Beredsamkeit, die sich nicht beschreiben läßt, so genau ist alles den Umständen wie den Charakteren angepaßt; die seelischen Regungen aber, besonders die sanfteren, hat, um mich bescheiden auszudrücken, kein anderer Historiker so angemessen und eindringlich den Lesern vor Augen gestellt wie er.

102. So hat er durch andere Vorzüge den gleichen Ruhm erlangt wie Sallust durch seine einmalige Art des raschen Vorwärtsdrängens. Mir scheint der Ausspruch des Servilius Nonianus sehr treffend zu sein, beide Geschichtsschreiber seien einander eher ebenbürtig als ähnlich. Servilius habe ich auch selbst noch gehört, er ist bemerkenswert durch die Kraft seines Geistes und seine vielen Sinnsprüche, doch ist er in seinem Stil nicht so knapp, wie es die Würde der Geschichtsschreibung erfordert.

103. Diese hat Aufidius Bassus, der etwas früher lebte, gerade durch seinen Stil hervorragend gewahrt, besonders in seinem Werk über den Germanenkrieg. Er ist zwar bemerkenswert in allem, doch bringt er sein Vorzüge nicht immer voll zur Geltung.

104. Es bleibt nun noch ein Mann übrig, der dem Ruhm unseres Zeitalters Glanz hinzufügt und des Gedächtnisses der Nachwelt wert ist. Heute kennt man ihn in seiner Bedeutung, die Nachwelt wird ihn mit Namen nennen. Die Freiheitsliebe des Cremutius hat zu Recht ihre Verehrer, obwohl die Passagen, die ihm den Untergang gebracht haben, daraus entfernt sind. Doch den Höhenflug seines Geistes und seine kühnen Aussprüche findet man auch noch in der jetzigen Form seiner Schriften. Es gibt auch noch andere gute Autoren, doch wollen wir ja nur Kostproben bieten von den einzelnen Literaturgattungen, nicht ganze Bibliotheken durchstöbern.

105. Vor allem unsere Redner waren es, die die lateinische Sprache der griechischen ebenbürtig an die Seite stellten. Cicero würde ich mit Bestimmtheit jedem Griechen gegenüberstellen. Jch weiß wohl, welchen Sturm der Entrüstung ich errege, zumal ich zu diesem Zeitpunkt nicht vorhabe, ihn mit Demosthenes zu vergleichen; das gehört auch gar nicht hierher; denn ich vertrete die Meinung, daß man Demosthenes zum besonderen Gegenstand der Lektüre machen und geradezu auswendiglernen sollte.

106. Ich glaube daß die beiden Redner sich in ihren meisten Vorzügen ziemlich ähnlich sind: in Bezug auf ihr kritisches Urteil, ihre Fähigkeit, eine Ordnung herzustellen, in der Vorbereitung der Argumente und der Beweisführung, kurz in allem, was zur Gedankenfindung gehört. In ihrem Stil besteht ein gewisser Unterschied: Demosthenes ist kompakter, Cicero ausführlicher, der eine bildet kürzere Perioden, der andere längere, der eine ficht immer mit dem Degen, der andere häufig auch mit dem Knüttel. Von Demosthenes kann man nichts wegnehmen, bei Cicero läßt sich nichts hinzufügen, dieser zeigt mehr Kunst, jener mehr Natur.

107. Im Witz sowie in der Erregung des Mitgefühls, den zwei wichtigsten Dingen auf dem Gebiet der Affekte, sind wir überlegen. Mag sein, daß Demosthenes durch die in seiner Stadt geltende Vorschrift um einen echten Epilog gebracht wurde, auf der anderen Seite hat uns der andersartige Charakter der lateinischen Sprache nicht die Feinheit gestattet, die die Anhänger des attischen Stils so bewundern. Bei den Briefen, die es von beiden gibt, und den theoretischen Schriften, die es bei Demosthenes nicht gibt, ist kein Vergleich möglich.

108. Es muß auch zugunsten des Demosthenes verbucht werden, daß er der frühere war und Cicero zu einem großen Teil erst zu dem gemacht hat, was er ist. Aber mir scheint, hätte sich Cicero völlig der Nachahmung der Griechen gewidmet, so hätte er die Kraft des Demosthenes, die Fülle Platons und die angenehme Sprache des Isokrates wiedergegeben.

109. Doch er hat wetteifernd nicht nur die Stärke eines jeden erreicht, er hat seine Vorzüge zum größten Teil oder besser gesagt ganz und gar aus sich selber hervor-gebracht kraft der glücklichen, überreichen Natur seines unsterblichen Talents. Denn er sammelt nicht, wie Pindar sagt, Regenwasser, sondern fließt dahin wie ein lebendiger Quell, geschaffen als Geschenk der Vorsehung, auf daß die Beredsamkeit alle ihre Künste an ihm zeige.

110. Wer unterrichtet den Hörer genauer, wer erschüttert ihn heftiger? Wer hat jemals eine so angenehme Sprache besessen? So glaubt man auch dort, wo er etwas mit kräftigem Zugriff entwindet, er erreiche es durch freundliches Zureden, und wenn er den Richter mit Gewalt aus seiner Bahn reißt, so scheint dieser doch nicht weggerissen, sondern scheint ihm zu folgen.

111. Ferner spricht er bei allem, was er sagt, mit einer solchen Autorität, daß man sich scheut, anderer Meinung zu sein; er wirkt nicht beflissen wie ein Advokat, sondern glaubwürdig wie ein Zeuge oder Richter. Und gleichzeitig ziehen all diese Feinheiten, von denen man selbst unter größter Anstrengung kaum eine erreichen kann, mühelos in einem Strom vorüber, und seine Rede, die das Schönste ist, was man überhaupt hören kann, entfaltet sich dennoch mit der allergrößten Leichtigkeit.

112. Daher haben seine Zeitgenossen nicht zu Unrecht von ihm gesagt, er herrsche wie ein König vor den Schranken des Gerichts, und bei der Nachwelt hat er es so weit gebracht, daß Cicero nicht als Name eines Menschen, sondern als Name der Beredsamkeit selbst gilt. Laßt uns daher auf ihn schauen, laßt ihn unser Vorbild sein, und der soll wissen, daß er echte Fortschritte gemacht hat, der an Cicero großen Gefallen findet.

113. Asinius Pollio verfügt über eine reiche Kunst der Gedankenfindung, sein Stil ist äußerst sorgfältig, so daß einige meinen, er habe des Guten etwas zuviel getan, kritisches Urteil und Geist besitzt er in ausreichendem Maße. Aber vom Glanz und Charme Ciceros ist er so weit entfernt, daß man meinen könnte, er sei ein Generation vor ihm geboren. Messalla dagegen besitzt Glanz und Klarheit und zeigt seinen Adel gewissermaßen in der Sprache, doch setzt er seine Kräfte nicht voll ein.

114. Hätte sich Gaius [Iulius] Caesar voll der Forumstätigkeit widmen können, so könnte er als einziger neben Cicero genannt werden. Soviel Kraft besitzt er, soviel geistige Klarheit und ein solches Feuer, daß man den Eindruck bekommt, er habe mit derselben Energie gesprochen, mit der er Krieg geführt hat. Und er schmückte dies alles dazu noch mit einer wunderbar erlesenen Sprache, um die er besonders bemüht war.

115. Caelius hat viel Talent und zeigt sich besonders in seinen Anklagereden sehr geistreich, ein beachtlicher Mann, wenn ihm eine bessere Gesinnung und ein längeres Leben beschieden gewesen ware. Ich bin auf Kritiker gestoßen, die Calvus allen anderen vorzuziehen, aber auch auf solche, die sich Ciceros Meinung anschließen, er habe sich durch allzu viel Selbstkritik seiner gesunden Kraft beraubt. Doch ist seine Rede feierlich, gewichtig und frei von Prunk, häufig sogar leidenschaftlich. Er ist ein Anhänger des attischen Stils; ein früher Tod hat ihn nicht zur Vollendung kommen lassen, wobei wir voraussetzen, er würde seinem Stil noch mehr Fülle gegeben haben.

116. Und Servius Sulpicius verdankt seinen großen und nicht unverdienten Ruhm nur drei Reden. Cassius Severus wird, mit Verstand gelesen, manches bieten, was man sich zum Muster nehmen kann. Hätte er seinen anderen Vorzügen noch die passende Färbung und die Würde des Stils hinzugefügt, dann müßte man ihm einen Platz unter den Größten zuweisen.

117. Denn er ist sehr reich an Talent, besitzt Galle, Witz und Feuer in staunenswerter Weise, doch folgte er mehr seinem Temperament als vernünftiger Überlegung. Zudem sind seine bissigen Bemerkungen zwar witzig, doch wirken sie eben in ihrer ätzenden Schärfe oft lächerlich.

118. Es gibt noch andere gewandte Redner, aber es wäre zu langwierig, sie alle durchzugehen. Von denen, die ich selbst erlebt habe, sind Domitius Afer und Iulius Africanus die hervorragendsten. Der eine ist der überragendere auf dem Gebiet der Kunst und in allem, was zum Stil gehört; man mag ihn ohne Bedenken in den Rang der alten Redner erheben. Der andere ist leidenschaftlicher, aber er übertreibt seine Sorgfalt in der Wahl der Worte und hat bisweilen zu lange Perioden und zu gewagte Metaphern.

119. Es gab auch große Talente vor nicht so langer Zeit. Zum Beispiel war Trachalus im allgemeinen erhaben und von hinreichender Klarheit, man merkte, daß er sich hohe Ziele steckte, aber wenn man ihn hörte, wurde dies noch deutlicher als beim Lesen. Denn mit seiner Stimme, die einen so herrlichen Klang besaß, wie ich es noch bei keinem sonst gehört habe, und mit seinem Vortrag hätte er den Ansprüchen der Bühne genügt. Dazu kam sein stattliches Aussehen kurz, er besaß alle äußeren Vorzüge in überreichem Maße. Vibius Crispus wiederum war gelassen und angenehm und der geborene Unterhalter, er war besser in Privat- als in Strafsachen.

120. Wäre Iulius Secundus ein längeres Leben zuteil geworden, so hätte er bei der Nachwelt den glänzendsten Namen als Redner gehabt. Er hätte seinen übrigen Vorzügen das Fehlende noch hinzugefügt, und damit hatte er schon begonnen, nämlich einen größeren Kampfgeist zu zeigen und seine Aufmerksamkeit öfter einmal von der Form au den Inhalt zu lenken.

121. Im übrigen aber nimmt er trotz seines frühen Todes einen hohen Rang ein: So gewandt war er im Reden, so gewinnend verlieh er seinem Wollen Ausdruck, so klar, sanft unt schön klang seine Rede, so natürlich wirkten seine Worte, selbst beim Gebrauch von Metaphern, und so treffend waren seine in der Hitze des Gefechtes geprägten Wendungen.

122. Wer nach uns über die Redner schreibt, wird reichen Stof zur Verfügung haben, um die zu preisen, die nun auf dem Höhepunkt ihres Wirkens sind. Es gibt nämlich heute eine große Fülle von Begabungen, die dem Forum Glanz verleihen. Unsere Gerichtsredner, die es zur Vollendung gebracht haben, können es mit den Alten aufnehmen, und junge Leute, die sich die höchsten Ziele gesteckt haben, nehmen sie sich mit Eifer zum Vorbild und versuchen in ihre Fußstapfen zu treten.

123. Nun bleiben noch die philosophischen Schriftsteller übrig, eine Gattung, in der Rom äußerst wenige hervorgebracht hat, die dazu auch noch beredt waren. Wieder tritt, wie überall, Cicero hervor, sogar auf diesem Gebiet kann er mit Platon in Weit streit treten. Ganz hervorragend und weitaus besser als in seinen Reden wird Brutus [scil. der 'Caesarmörder'] den gewichtigen Themen dieses Faches gerecht; man merkt, daß er das auch fühlt, was er sagt.

124. Nicht gerade wenig hat auch Cornelius Celsus geschrieben, ein Anhänger der Sextii, nicht ohne Glätte und Eleganz. Bei den Stoikern ist Plautus nützlich für die Kenntnis der Materie. Bei den Epikureern gibt es Catius, nicht gewichtig, aber auch nicht ohne Reiz.

125. Mit Absicht habe ich die Behandlung Senecas in den verschiedenen Literaturgattungen noch aufgeschoben, und zwar wegen der allgemein verbreiteten, aber falschen Meinung über mich, ich würde ihn verdammen und hätte sogar einen Haß auf ihn. In diesen Ruf kam ich, als ich mich darum bemühte, die Schüler der Rhetorik von einem verschrobenen, durch Fehler aller Art gleichsam brüchig gewordenen Stil wieder zu strengeren Maßstäben zurückzuführen. Damals aber war Seneca geradezu die einzige Lektüre aller jungen Leute.

126. Mein Bestreben ging nun nicht darauf hin, ihn ganz und gar zu verbannen, ich wollte nur nicht zulassen, daß man ihn den besseren Autoren vorzog, Autoren, die er nicht müde wurde herabzusetzen. Er war sich nämlich bewußt, daß sein eigener Stil sehr verschieden war von dem dieser Schriftsteller, und er befürchtete, denen nicht zu gefallen, denen diese gefielen. Liebhaber fand er aber mehr als Nachahmer, und diese blieben ebenso hinter ihm zurück wie er hinter den Alten.

127. Ich hätte im übrigen nur gewünscht, daß sie diesem Manne gleich oder doch wenigstens ähnlich geworden wären. Aber man fand nur Gefallen an ihm wegen seiner Fehler, und jeder stürzte sich auf diese und suchte sie nach Kräften nachzuahmen, und damit brachte er Seneca in Verruf, indem er sich rühmte, in derselben Manier zu sprechen.

128. Im übrigen besitzt Seneca viele große Vorzüge: Gewandtheit und Gedankenreichtum, sehr viel Fleiß, umfassende Kenntnisse, obwohl er dabei manchem Irrtum aufgesessen ist durch Leute, die er mit der Erforschung eines bestimmten Gegenstandes beauftragt hatte. Er hat ja sozusagen jedes wissenschaftliche Gebiet behandelt.

129. Denn es sind von ihm Reden, Dichtungen, Briefe und wissenschaftliche Abhandlungen im Umlauf. In der Philosophie ist er zu wenig gründlich gewesen, aber hervorragend ist er, wenn er das Laster anprangert. Seine Werke enthalten eine Vielzahl treffender Aussprüche, vieles ist auch lesenswert wegen seines moralischen Gehalts, aber sein Stil ist größtenteils schlecht und in höchstem Maße gefährlich, weil er so überreich ist an Fehlern, die die Augen blenden.

130. Man könnte wünschen, er hätte sich beim Schreiben von seinem eigenen Talent, aber auch vom kritischen Urteil anderer leiten lassen. Denn hätte er nur einiges verachtet, nicht gar zu wenig begehrt, hätte er all das Seine nicht zu sehr geliebt, seine gewichtigen Themen nicht in möglichst knappe Sentenzen zerstückelt, dann wäre ihm eher die einmütige Anerkennung der Gebildeten anstatt der Enthusiasmus von Knaben zuteil geworden.

131. Aber er muß auch so von Erwachsenen, von Leuten, die aufgrund strengerer Maßstäbe genügend gefestigt sind, gelesen werden, und zwar so, daß sie ihre kritische Unterscheidungsgabe üben, was Fehler und Vorzüge angeht. Es gibt ja, wie ich gesagt habe, vieles bei ihm, was wir billigen, vieles sogar, was wir bewundern müssen, wir haben nur eine sorgfältige Auswahl zu treffen, und es wäre zu wünschen gewesen, daß er das selbst auch getan hätte. Seine Natur wäre nämlich höherer Ziele wert gewesen; die, die er sich gesteckt hatte, hat er erreicht.

10, 2

1. Von diesen und anderen Autoren, die der Lektüre wert sind, müssen wir unsern Wortschatz beziehen sowie den abwechslungsreichen Gebrauch der Figuren und die Art des Aufbaus, dann muß sich unsere eigene Begabung nach dem Vorbild all dieser Meisterleistungen entwickeln.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002