Zur antiken Verehrung Homers: Thukydides, Peloponnesischer Krieg 3, 104.

Deutsche Übersetzung aus: Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges. Herausgegeben und übersetzt von Georg Peter Landmann, München 1973, 2. Bde., Bd. 1, S. 266 f.

[104] Im gleichen Winter [d. J. 426/425] reinigten die Athener auch Delos, wohl irgendeinem Götterspruch zufolge. Zwar hatte sie schon früher einmal der Tyrann Peisistratos gereinigt, aber nicht ganz, sondern nur soweit man vom Tempel aus die Insel übersehen konnte; nun aber wurde sie ganz geheiligt, und zwar so: die Gräber, die es von Toten auf der Insel gab, hoben sie alle aus und erließen für die Zukunft ein Gesetz, wonach man auf der Insel nicht sterben noch dort gebären durfte, sondern übersetzen mußte nach Rhenaia. Der Abstand zwischen Rhenaia und Delos ist so gering, daß Polykrates, der Tyrann von Samos, der für eine Zeit mit seiner Flotte das Meer beherrschte, die Inseln ringsumher unterworfen und so auch Rhenaia erobert hatte, es dem delischen Apollon weihte, indem er es mit einer Kette an Delos festband. Auch das Vierjahresfest feierten die Athener jetzt nach der Reinigung zum erstenmal. Es gab aber schon einmal in der Frühzeit auf Delos eine große Versammlung der Ionier und von den Nachbarinseln; mit Weibern und Kindern kamen sie zum Festgepränge, wie jetzt die Ionier zu den Ephesien, gymnische und musische Wettkämpfe wurden hier abgehalten, und die Städte ließen Chöre tanzen. Daß es so war, bezeugt am besten Homer in diesen Versen aus dem Apollonhymnus:

Dann wieder freut sich dein Herz am meisten, Phoibos, an Delos,

Wo sich in schleppenden Röcken die lonier zum Feste versammelt

Samt ihren Kindern und Weibern zu deinen Wohnungen strömend.

Allda messen sie sich im Faustkampf, tanzen und singen

Dir zum Ruhm und zur Freude, sooft sie sich stellen im Ringe.

Daß es auch einen musischen Wettkampf gab und sie hingingen, um den Preis zu gewinnen, ergibt sich dann aus folgender Stelle desselben Gedichtes: wo er den delischen Frauenchor rühmt, schließt er das Lob mit diesen Versen ab, in denen er auch seiner selbst gedenkt:

Nun denn, es sei uns Apollon gnädig und Artemis mit ihm

Und lebt froh, ihr Jungfrauen alle; denket in Zukunft

Auch noch an mich, wenn einer vielleicht von den Menschen auf Erden

Hierher käme von fern, in Leiden erfahren, und fragte:

Mädchen, saget, wer ist euch der süßeste Sänger von allen,

Die hier kommen und gehn? Wes Lieder liebt ihr am meisten?

Ihr aber gebt einhelligen Munds ihm alle zur Antwort:

Das ist der Blinde, der drüben wohnt im zackigen Chios.

Soweit das Zeugnis Homers, daß auch in der Frühzeit eine große Versammlung und ein Fest auf Delos war; später schickten die Inseln und Athen wohl Chöre mit den Opfern, aber die Wettkämpfe gingen fast ganz ein, in den Stürmen der Zeiten vermutlich, bis also jetzt die Athener die Spiele einrichteten und sogar ein Wagenrennen, was es vorher nicht gab.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002