Aristoteles Wissenschaftskonzept: Metaphysik, 1. Buch, 980 a - 983 a.

Deutsche Übersetzung mit kleineren Modifikationen d. Hg. nach: Aristoteles, Metaphysik. Schriften zur Ersten Philosophie. Übersetzt und herausgegeben von Franz F. Schwarz, Stuttgart 1974, S. 17 - 23.

[ Sinneswahmehmung, Erfahrung, Kunst, Wissen, Weisheit]

Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen. Ein deutliches Zeichen dafür ist die Liebe zu den Sinneswahrnehmungen. Denn abgesehen vom Nutzen werden diese um ihrer selbst willen geliebt, und von allen besonders die Sinneswahmehmung, die durch die Augen zustande kommt. Denn nicht nur, um zu handeln, sondern auch, wenn wir keine Handlung vorhaben, geben wir dem Sehen sozusagen vor allem anderen den Vorzug. Das ist darin begründet, daß dieser Sinn uns am meisten befähigt zu erkennen und uns viele Unterschiede klarmacht. Es verfügen zwar von Natur aus die Lebewesen über Sinneswahmehmung, aber bei einem Teil von ihnen entsteht daraus keine Erinnerung, beim anderen aber schon. Daher sind diese verständiger und gelehriger als die, die sich nicht erinnern können. Verständig ohne zu lernen sind diejenigen, die keine Töne hören können - so etwa die Biene, und wenn es sonst noch derartige Lebewesen gibt ; es lernen aber all diese, die neben der Erinnerung noch über diesen Sinn verfügen. So leben die übrigen Lebewesen mit Vorstellungen und Erinnerungen, haben aber an Erfahrung nur geringen Anteil. Doch das Menschengeschlecht lebt mit Kunst und Nachdenken. Es entsteht aber den Menschen aus der Erinnerung die Erfahrung; denn viele Erinnerungen an ein und denselben Sachverhalt bewirken das Vermögen einer Erfahrung. Und es scheint die Erfahrung nahezu etwas Ahnliches wie Wissenschaft und Kunst zu sein. Wissenschaft und Kunst aber ergeben sich für die Menschen durch Erfahrung. 'Erfahrung nämlich bewirkte die Kunst', wie Polos sagt, 'Unerfahrenheit hingegen den Zufall'. Und Kunst entsteht dann, wenn sich aufgrund von vielen Beobachtungen der Erfahrung eine allgemeine Auffassung von ähnlichen Sachverhalten entwickelt. Denn die Auffassung zu vertreten, daß dem Kallias, als er an der und der Krankheit litt, das und jenes geholfen hat, ebenfalls dem Sokrates und jeweils noch vielen, das ist Sache der Erfahrung. Daß aber all denen von einer bestimmten Beschaffenheit - wobei man sie nach einer Art abgrenzt -, die an der und der Krankheit litten, gerade das geholfen hat - denen etwa, die an Verschleimungen, an der Galle oder an Fieber erkrankten -, ist Sache der Kunst. Was das Handeln betrifft, so scheint sich die Erfahrung nicht von der Kunst zu unterscheiden, vielmehr beobachten wir, daß die Erfahrenen eher das Richtige treffen als diejenigen, die ohne Erfahrung nur über den Begriff verfügen. Ursache dafür ist, daß die Erfahrung ein Erkennen der Einzelfälle darstellt, die Kunst aber ein Erkennen des Allgemeinen, daß sich jedoch alle Handlungen und alle Entstehungen um ein Einzelnes drehen. Denn es heilt der Arzt ja nicht den Menschen - oder doch nur in akzidentellem Sinne -, sondern den Kallias, den Sokrates oder einen anderen von den so Benannten, für den es ein Akzidens bedeutet, ein Mensch zu sein. Sollte nun jemand über den Begriff verfügen ohne Erfahrung und das Allgemeine kennen, aber über das darin enthaltene Einzelne in Unkenntnis sein, so wird er oft die richtige Heilung verfehlen; heilen muß man nämlich den Einzelfall. Trotzdem meinen wir, daß das Wissen und Verstehen mehr der Kunst zuzurechnen ist als der Erfahrung, und halten die Künstler für weiser als die Erfahrenen, als folge bei allen die Weisheit in höherem Grade nach Maßgabe des Wissens. Doch das ist deshalb so, weil die einen die Ursache kennen, die anderen aber nicht. Die Erfahrenen wissen zwar das 'Daß', doch das 'Weshalb' wissen sie nicht; jene hingegen kennen das 'Weshalb' und die [allgemeine] Ursache. [30] Daher schätzen wir auch die leitenden Künstler in jeder Hinsicht höher ein und glauben, daß sie mehr wissen und weiser sind als die Handwerker, weil sie die Ursachen dessen, was hervorgebracht wird, kennen. Die Handwerker dagegen gleichen manchen unbelebten Dingen, die zwar etwas hervorbringen, aber nicht wissen, was sie hervorbringen. z. B. wie etwa das Feuer brennt. Wie nun die unbelebten Dinge zufolge ihrer bestimmten Natur das Einzelne hervorbringen, so die Handwerker zufolge der Gewohnheit. Und wir glauben, daß sie [scil. die leitenden Künstler] nicht im Hinblick auf ihre Fähigkeit zum Handeln weiser sind, sondern weil sie über den Begriff verfügen und die Ursachen kennen. Überhaupt ist das Vermögen zu lehren ein Zeichen des Wissenden gegenüber dem Nicht-Wissenden, weshalb wir auch meinen, daß die Kunst mehr Wissenschaft sei als die Erfahrung. Denn die Künstler vermögen zu lehren, die [bloß] Erfahrenen aber nicht. Weiter meinen wir, daß keine von den Sinneswahrnehmungen eine Weisheit sei, obgleich diese hauptsächlich die Kenntnisse der Einzelfälle liefern. Doch sie sagen nichts über das 'Weshalb' eines Dinges aus, zum Beispiel nicht, weshalb das Feuer warm ist, sondern lediglich, daß es warm ist. Ganz natürlich wurde [daher] derjenige, der zuerst eine Kunst erfand, die die allgemeinen Sinneswahrnehmungen überstieg, von den Menschen bewundert, und zwar nicht nur, weil sich an seiner Erfindung etwas Nützliches fand, sondern weil er weise war und sich von den anderen unterschied. Und werden dann mehrere Künste erfunden, die einen für die unumgänglichen Notwendigkeiten des Lebens, andere aber für eine gehobenere Lebensführung, so halten wir die letzteren gerade deshalb, weil ihr Wissen nicht auf den Nutzen abzielt, für weiser als die ersteren. Erst als bereits alle derartigen Künste entwickelt waren, entdeckte man die Wissenschaften, die sich nicht allein auf die Lust und die Lebensnotwendigkeiten bezogen, und das erstmals in diesen Gebieten, wo man sich Muße leisten konnte. Daher entstanden auch die mathematischen Wissenschaften in Agypten; denn dort gestattete man dem Priesterstand, der Muße zu pflegen. In der 'Ethik' ist [von mir schon] gesagt worden, welcher Unterschied zwischen Kunst, Wissenschaft und anderem Gleichartigen besteht. Weswegen ich jetzt [nochmals] darüber rede, hat seinen Grund darin, daß man allgemein der Ansicht isr, die sogenannte Weisheit drehe sich um die ersten Ursachen und Prinzipien. Deshalb gilt - wie vorhin dargelegt - der Erfahrene für weiser als der, der lediglich über eine Sinneswahmehmung verfügt; der Künstler für weiser als der Erfahrene; der leitende Künstler für weiser als der Handwerker, und schließlich gelten die betrachtenden Wissenschaften mehr als die bewirkenden. Es ist also klar, daß die Weisheit eine Wissenschaft von gewissen Prinzipien und Ursachen ist.

[Die Merkma1e der Weisheit]

Da wir nun diese Wissenschaft [ihrem Wesen nach zu bestimmen] suchen, muß man überlegen, mit welchen Ursachen und Prinzipien sich die Wissenschaft befaßt, die Weisheit ist. Wenn man nun die Auffassungen, die wir über den Weisen haben, zusammenstellt, dürfte das, worum es geht, dadurch klarer werden. Als erstes nehmen wir an, daß ein Weiser - soweit das möglich ist - alles wisse, ohne über die Wissenschaft vom Einzelnen zu verfügen. Weiter glauben wir, daß der ein Weiser ist, der imstande ist, schwierige Dinge zu erkennen, Dinge, die der Mensch nicht leicht erkennt; denn Sinneswahmehmung ist allen gemeinsam, deshalb auch leicht und keinesfalls Zeichen eines Weisen. Ferner halten wir den in jeder Wissenschaft für weiser, der genauer ist und der besser die Ursachen zu lehren versteht. Weiterhin wir sind der Meinung, daß die Wissenschaft, die um ihrer selbst willen und des Wissens wegen erstrebt wird, eher Weisheit sei als die, die ihrer Resultate wegen gewählt wird. Und schließlich: die beherrschendere Wissenschaft ist eher Weisheit als die untergeordnete. Denn man soll nicht dem Weisen Anordnungen erteilen, sondern er selbst soll anordnen; nicht er soll einem anderen gehorchen, sondern der weniger Weise ihm.

Dergestalt sind die Auffassungen, und das sind alle, die wir über die Weisheit und die Weisen hegen. Notwendigerweise trifft darunter das Merkmal, alles zu wissen, auf den zu, der am meisten über die Wissenschaft vom Allgemeinen verfügt; denn dieser kennt gewissermaßen alles, was dem Allgemeinen untergeordnet ist. Doch gerade dies, das Allgemeinste, ist für die Menschen am schwierigsten zu erkennen; ist doch der Abstand zu den Sinneswahrnehmungen am weitesten. Die genauesten Wissenschaften aber sind die, welche sich am meisten auf 'das Erste' beziehen; die nämlich, welche sich auf weniger Prinzipien beziehen, sind genauer als die, welche noch Zusätze beinhalten: so ist die Arithmetik genauer als die Geometrie. Die Wissenschaft aber, die die 'Ursachen' betrachtet, ist in höherem Maße zur Belehrung befähigt. Denn es belehren die, welche die Ursachen jeder Sache angeben. Doch Wissen und Verstehen um ihrer selbst willen trifft am meisten bei der Wissenschaft des im höchsten Grade Wißbaren zu. Denn wer das Verstehen um seiner selbst willen wählt, wird am meisten die höchste Wissenschaft wählen - das ist aber die Wissenschaft des im höchsten Grade Wißbaren; und im höchsten Grade wißbar sind 'das Erste' und 'die Ursachen'; denn gerade durch diese und aus diesen wird das andere erkannt, nicht aber diese aus dem Untergeordneten. Die Wissenschaft aber, die erkennt, weswegen das Einzelne geschehen muß, ist die beherrschendste und steht höher als die ihr untergebene. [5] Und dies [s. h. das was im Einzelfalle geschehen muß] ist in jedem Einzelnen 'das Gute' und generell 'das Beste' in der gesamten Natur.

Aufgrund all dessen, das nun erörtert worden ist, fällt die gesuchte Benennung auf eine ganz bestimmte Wissenschaft. Diese muß nämlich 'die ersten Prinzipien und Ursachen' betrachten, da doch auch 'das Gute' und das 'Weswegen' zu den Ursachen gehört. Daß es sich aber dabei nicht um eine bewirkende Wissenschaft handelt, ergibt sich aus den Lehren der frühesten Philosophen. Weil sie sich nämlich wunderten, haben die Menschen zuerst wie jetzt noch zu philosophieren begonnen; sie wunderten sich anfangs über das Unerklärliche, das ihnen entgegentrat. Allmählich machten sie auf diese Weise Fortschritte und stellten sich über Größeres Fragen, [15] etwa über die Affektionen des Mondes und die von Sonne und Sternen und über die Entstehung des Alls. Der jedoeh, der voller Fragen ist und sich wundert, vermeint, in Unkenntnis zu sein. So ist auch ein Liebhaber von Mythen in gewisser Hinsieht ein Philosoph, setzt sich doch ein Mythos aus Wunderbarem zusammen. Philosophierte man also, um der Unwissenheit zu entkommen, so suehte man offenbar das Verstehen, um zu wissen, keineswegs aber um eines Nutzens willen. Das beweist aueh der Gang der Dinge; denn erst, als alle Lebensnotwendigkeiten vorhanden waren und alles, was der Erleichterung und einem gehobenen Leben dient, begann man eine derartige Einsicht zu suehen. Es ist klar, daß wir diese nieht um eines anderen Nutzens willen suchen. Sondern, wie unserer Meinung nach der ein freier Menieh ist, der um seiner selbst und nicht um eines anderen willen lebt, so ist aueh diese Wissenschaft als einzige von allen frei. Ist sie doeh allein um ihrer selbst willen da. Daher könnte man mit Reeht annehmen, ihr Besitz gehe über mensehliehe Kraft hinaus. Vielfach nämlich ist die Natur des Menschen gebunden, so daß, wie Simonides sagt, 'Gott allein wohl dieses Vorreeht genießt'. Dennoch, so meint er, ist des Menschen unwürdig, nicht nach der ihm zukommenden Wissenschaft zu suchen. Wäre es aber so, wie die Dichter behaupten, nämlich daß die Götter neidisch seien, dann müßte das hier besonders zutreffen und alle, die in dieser Wissenschaft hervorragten, müßten unglücklich sein. Doch in Wirklichkeit kann die Gottheit [ihrem Wesen nach] gar nicht neidiseh sein, und hier trifft das Sprichwort zu

"Vieles lügen die Sänger":

vielmehr ist keine andere Wissenschaft höher einzuschätzen als diese. Die göttlichste Wissensehaft nämlich ist auch die ehrbarste, und dafür sprechen schon die folgenden beiden Gründe: einmal ist eine Wissenschaft, die die Gottheit am meisten besitzen dürfte, eine göttliche Wissensschaft; zum anderen gilt das für eine Wissenschaft, die vom Göttlichen handelt. Die hier [begrifflich bestimmte Wissenschaft] allein aber umfaßt beides. Denn Gott gilt allen als eine 'Ursache' und ein 'Prinzip', und Gott besitzt wohl diese Wissensehaft allein oder doch am meisten. Freilich sind alle anderen Wissenschaften [für die menschliche Praxis] notwendiger als diese, aber keine ist besser. In gewisser Hinsieht allerdings muß ihr Besitz gegenüber den anfängliehen Untersuchungen für uns ins Gegenteil umschlagen. Alle nämlieh beginnen, wie gesagt, mit der Verwunderung, daß die Dinge so sind, wie sie sind, wie zum Beispiel angesichts sich selbst bewegender Marionetten, der Sonnenwende oder der Inkommensurabilität der Diagonale. Bei letzterem Problem scheint es etwa allen verwunderlich, die noch nicht 'die Ursache' betrachtet haben, daß es etwas gibt, das nicht mit dem kleinsten Maß gemessen werden kann. Doch es muß sich nach dem Spriehwort zum Gegenteil und zum besseren Ende umkehren, auch in diesem Fall, wenn man die Ursache zu verstehen gelernt hat. Über nichts geriete nämlich ein Geometer mehr in Erstaunen, als wenn die Diagonale kommensurabel wäre. Somit ist gesagt, welches die Natur der zu definierenden Wissenschaft ist und was das Ziel ist, das die Untersuehung und das gesamte Verfahren erreichen muß.


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002