Der griechische Charakter der Philosophie und ihrer berühmtesten Vertreter: Diogenes Laertios, Leben und Meinungen großer Philosophen 1, 12 - 21.

Deutsche Übersetzung nach: Diogenes Lartios, Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Aus dem Griechischen übersetzt von Otto Apelt. Unter Miarbeit von Günter Zekl neu herausgegeben sowie mit Vorwort, Einleitung und neien Anmerkungenzu Text und Übersetzung versehen von Klaus Reich, Hamburg 1990, S. 8 - 12.

Den Namen 'Philosophie' brachte zuerst Pyrhagoras auf. Er nannte sich selbst einen Philosophen in dem Gespräch, das er in Sikyon mit Leon, dem Tyrannen von Sikyon oder Phlius, führte, wie Herakleides, der Pontier, in seinem Buche 'Über die entseelte Frau' behauptet; denn kein Mensch sei weise, sondern nur die Gottheit. Ehedem wurde, was jetzt 'Philosophie' heißt, vielmehr 'Weisheit' ['sophia'] genannt, und ein Weiser hieß, wer sich mit ihr berufsmäßig beschäftigte, also ein durch besondere Geistesschärfe hervorragender Mann, während 'Philosoph' nur einen Liebhaber der Weisheit bezeichnet. Die 'Weisen' wurden aber auch 'Sophisten' genannt, und nicht nur sie, sondern auch die Dichter. So nennt sie etwa Kratinos in den 'Archilochern' in seinen Lobesworten auf Homer und Hesiod.

Für weise aber galten folgende Männer: Thales, Solon, Periander, Kleobulos, Chilon, Bias, Pittakos. Zugezählt werden ihnen Anacharsis der Skythe, Myson von Chen, Pherekydes von Syros und Epimenides von Kreta; von einigen auch noch der Tyrann Peisistratos. Das wären denn die Weisen.

Die Philosophie aber hat zwei Ausgangspunkte, den einen bei Anaxirnander, den andern bei Pythagoras. Der erstere war ein Schüler des Thales, Pythagoras dagegen hatte sich dem Pherekydes angeschlossen. Die eine Schule wurde die ionische genannt, weil Thales, ein lonier - er war nämlich Milesier -, des Anaximander Lehrer war; die andere die italische von Pythagoras her, weil er sich meist in Italien aufhielt. Es endigt aber die erstere, die ionische, mit Kleitomachos und Chrysippos und Theophrastos, die italische mit Epikur. Denn auf Thales folgen nacheinander Anaximander, Anaximenes, Anaxagoras, Archelaos, Sokrates, der Begründer der Ethik, auf ihn dann die Sokratiker und unter ihnen vor allem Platon, der Stifter der alten Akademie; auf diesen folgen dann Speusippos und Xenokrates, sodann Polemon, weiter Krantor und Krates, auf diesen Arkesilaos, der Begründer der mittleren Akademie; sodann Lakydes, der die neuere Akademie ins Leben rief; ihm folgte Karneades und diesem Kleitomachos. So bildet denn Kleitomachos den Schluß dieser Reihe.

Der Abschluß mit Chrysippos vollzieht sich in folgender Reihe: auf Sokrates folgt Antisthenes, auf diesen Diogenes, genannt 'der Hund' [und insoweit Namensgeber für die 'kynische' Schultradition], auf diesen Krates von Theben, auf diesen Zenon von Kition, auf diesen Kleanthes, auf diesen Chrysippos. Die auf Theophrast führende Reihe ist folgende: auf Platon folgt Aristoteles, auf diesen Theophrastos. So endigt denn die ionische Schule.

Die italische aber zeigt folgenden Verlauf: auf Pherekydes folgt Pythagoras, auf diesen sein Sohn Telauges, auf ihn Xenophanes, auf ihn Parmenides, auf ihn Zenon von Elea, auf ihn Leukippos, auf ihn Demokritos; auf diesen dann eine ganze Anzahl, unter ihnen vor allen namhaft Nausiphanes und Naukydes, an die sich Epikur anschließt. Für die hierhergehörigen Philosophen sind zwei Richtungen zu unterscheiden: die 'Dogmatiker' und die 'Ephektiker' [d. h. die 'Skeptiker']. Unter den 'Dogmatikern' sind alle diejenigen zu verstehen, die von der Voraussetzung ausgehen, daß die Dinge unserm Verstande erfaßbar sind; unter den 'Ephektikern' alle diejenigen, welche mit ihrem Urteil zurückhalten in der Voraussetzung, daß die Dinge für unsern Verstand unfaßbar sind. Unter ihnen gab es solche, die Schriften hinterließen, während andere überhaupt nichts schrieben, wie nach der Meinung einiger Sokrates, Stilpon, Philippos, Menedemos, Pyrrhon, Theodoros, Karneades, Bryson, nach einigen auch Pythagoras, Ariston aus Chios, abgesehen von einigen wenigen Briefen. Andere verfaßten nur je eine Schrift wie Melissos, Parmenides, Anaxagoras, wogegen Zenon [scil. wohl der Eleate] viele, Xenophanes noch mehr verfaßte, noch mehr Demokrit, noch mehr Aristoteles und noch mehr Epikur und Chrysipp.

Ihre Namen haben die philosophischen Schulen nach verschiedenen Gesichtspunkten erhalten; die einen sind genannt worden nach ihren Heimatstädten; so die Elier, die Megariker, die Eretrier und die Kyrenaiker; andere nach ihren Lehrstätten: so die Akademiker und Stoiker; wieder andere nach zufälligen Umständen: so die Peripatetiker. Auch boshafter Spott konnte mitsprechen: so bei den Kynikern [d. h. 'den Hundephilosophen']; bei andern wieder war es die Gemütsverfassung, die für den Namen den Ausschlag gab, so bei den 'Eudaimonikern' [d. h. 'denjenigen, die die Glückseligkeit in den Mittelpunkt ihrer philosophischen Überlegungen stellen'], bei andern auch der Hinweis auf eine gewisse Eitelkeit, wie bei den 'Philalethen' [d. h. den 'Wahrheitsliebhabern') und 'Elenktikern' [d. h. den 'Widerlegungsmeistern'] und 'Analogetikern' [ d. h. den 'Analogiebeflissenen']. Noch andere benannte man nach ihren Lehrern, wie die 'Sokratiker' und 'Epikureer' und weitere. Was aber den Gehalt ihres Philosophierens anlangt, so werden die mit den Naturerscheinungen sich Beschäftigenden 'Physiker' genannt, diejenigen, die es mit der Unterweisung für sittliche Bildung zu tun haben, 'Ethiker' [ d. h. 'Sittenlehrer'] und die, welche sich mit wortklauberischer Begriffsbearbeitung abgeben, 'Dialektiker'.Was die Teile der Philosophie anlangt, so unterscheidet man deren drei: Physik, Ethik und Dialektik. Die Physik handelt von dem Weltganzen und dem, was in ihm ist; die Ethik von der Lebensführung und dem, was uns Menschen betrifft; die Dialektik endlich behandelt eingehend die begrifflichen Verhältnisse für beide Gebiete.

Die das philosophische Interesse an der Natur [griech. 'physis'] herrschte bis auf Archelaos vor. Mit Sokrates, wie schon früher bemerkt, trat die Wendung zur Ethik ein, mit Zenon, dem Eleaten, die Wendung zur Dialektik. Von den ethischen Schulen gibt es zehn: die akademische, die kyrenaische, die elische, die megarische, die kynische, die eretrische, die dialektische, die peripatetische, die stoische, die epikureische. Der Vorsteher der alten Akademie war Platon, der mittleren Arkesilaos, der neuen Lakydes. Vorsteher der kyrenaischen Sekte war zuerst Aristipp aus Kyrene, der elischen Phaidon aus Elis, der megarischen Eukleides aus Megara, der kynischen Antisthenes aus Athen, der eretrischen Menedemos aus Eretria, der dialektischen Kleitomachos aus Karthago, der peripatetischen Aristoteles aus Stageira, der stoischen Zenon aus Kition; die epikureische trägt den Namen ihres Stifters selbst. Übrigens vertritt Hippobotos in seiner Schrift 'Über die Schulen' die Ansicht, es gebe nur neun philosophische Schulen und Lebensrichtungen: erstens die megarische, zweitens die eretrische, drittens die kyrenaische, viertens die epikureische, fünftens die annikereische, sechstens die theodoreische, siebentens die zenonische oder stoische, achtens die alte akademische, neuntens die peripatetische. Von einer kynischen ist bei ihm ebensowenig die Rede wie von einer elischen und dialektischen. Denn mit der pyrrhonischen Schulrichtung wollen die meisten überhaupt nichts zu tun haben unter Hinweis auf einen [ihr zugeschriebenen] Mangel an Klarheit und Deutlichkeit; einige allerdings behaupten, in gewisser Hinsicht sei sie zwar eine Schulrichtung , in anderer aber nicht. Was ihr den Schein einer solchen gibt, ist folgendes: 'Schule' nennen wir eine solche Gemeinschaft, die einer bestimmten Auffassung im Hinblick auf jeweils erkannte Erscheinungen [der Wirklichkeit] folgt oder zu folgen beabsichtigt; hiernach können wir die Skeptiker mit vollem Recht eine 'Schule' nennen. Denken wir uns aber unter einer 'Schule' eine Gemeinschaft, die sich an feste Lehrsätze hält, welche in voller Übereinstimmung miteinander stehen, dann paßt der Name 'Schule' nicht mehr auf sie; denn sie haben keine [scil. verbindlichen] Lehrsätze.

So viel also von den Prinzipien, von den Sukzessionsreihen, von den Teilen der Philosophie und von ihren Sekten. Übrigens tat sich erst vor kurzem noch eine eklektische Sekte auf unter Führung des Potamon aus Alexandreia, der sich aus den Lehren aller Sekten auswählte, was ihm gefiel. Er ist, wie er in seinem Lehrbuch erklärt, der Ansicht, daß es Kriterien der Wahrheit gibt: erstens die Geisteskraft, von der das Urteil ausgeht - sie ist die leitende Macht -, sodann das Mittel, durch welches die Wirkung erzielt wird - das ist die denkbar deutlichste Vorstellung. Prinzipien für die Gesamtheit der Dinge seien, so meint er, die Masse [d. h. Materie] und das Bewirkende, die Qualität und der Raum. Denn sie stellen das 'Woraus' dar und das 'Wodurch' und das 'Wie' und das 'Worin'. Endzweck aber, auf den alles sich bezieht, sei ein in jeder Beziehung vollendet tugendhaftes Leben, nicht ohne die Ausstattung mit den naturgemäßen körperlichen sowie äußeren Gütern. Nunmehr aber soll die Rede sein von den Männern [der Philosophie] selbst, und zwar zuerst von Thales. ...


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002