Pythagoräische Schulbildung und Diätetik. Diogenes Laertios, Leben und Meinungen berühmter Philosophen 8, 8 - 36.

Deutsche Übersetzung nach: Diogenes Laertios, Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Aus dem Griechischen übersetzt von Otto Apelt. Unter Mitarbeit von Hans Günter Zekl neu herausgegeben sowie mit Vorwort, Einleitung und neuen Anmerkungen zu Text und Übersetzung versehen von Klaus Reich, (1921) Hamburg 1990 3, S. 214 - 226.


8 ... Sosikrates sagt in den 'Philosophenfolgen', er [scil. Pythagoras] habe auf die Frage des Leon, des Tyrannen von Phlius, was er denn sei, geantwortet: "ein Philosoph".

Das Leben habe er mit einer Festversammlung verglichen; wie nämlich zu einer solchen die einen sich einfänden als Kämpfer um den Preis, die andern als Händler, die Besten aber als Zuschauer, so zeigten sich im Leben die einen als Sklavenseelen, als gierig nämlich nach Ruhm und Gewinn, die Philosophen aber als Forscher nach Wahrheit. Soviel hiervon.

9 Was aber die ... [scil. drei obengenannten] mutmaßlichen Schriften des Pythagoras anlangt, so findet sich in ihnen im allgemeinen folgender Lehrgehalt.

Der Mensch soll nicht die Erfüllung von Wünschen durch die Götter erflehen, da niemand weiß, was ihm wirklich nottut.

Indem er alles alles gehörig gegeneinander abwägt, erklärt er die Trunkenheit für schädlich. Überhaupt verurteilt er jede Übersättigung, indem er die Weisung gibt, niemand dürfe das rechte Maß überschreiten, weder in Getränken noch in Speisen.

Was die Liebesgenüsse anlangt, so äußert er sich darüber folgendermaßen: "Den Liebesgenüssen mag man sich im Winter hingeben, nicht im Sommer; im Herbst und Frühling sind sie weniger schädlich, schädlich aber zu jeder Jahreszeit und der Gesundheit nicht zuträglich." En andermal erwiderte er auf die Frage, wann man dem Liebesdrang folgen dürfe: "Dann, wenn du dich an deiner Kraft schwächen willst."

10 Das menschliche Leben teilte er in folgende Stufen: Knabe zwanzig Jahre, Jüngling zwanzig Jahre, junger Mann zwanzig Jahre, Greis zwanzig Jahre. Es entsprechen aber die Lebensalter den Jahreszeiten folgendermaßen: Knabe dem Frühling, Jüngling dem Sommer, junger Mann dem Herbst, Greis dem Winter; dabei ist ihm Jüngling soviel wie der Mannbare, junger Mann soviel wie der Mann in seiner Vollkraft.

Wie Timajos sagt, war er der erste, der den Satz verkündete, daß unter Freunden alles gemeinsam und daß Freundschaft Gleichheit sei. So legten denn seine Schüler ihr Vermögen zu gemeinsamem Besitz zusammen.

Fünf Jahre lang mußten sie schweigen und ausschließlich den Lehrvorträgen folgen als Hörer und ohne noch den Pythagoras zu Gesicht zu bekommen, bis sie sich hinreichend bewährt hätten; von da ab gehörten sie zu seinem Hause und durften ihn sehen.

Särge aus Zypressenholz waren ihnen untersagt, weil das Zepter des Zeus aus solchem Holze gefertigt wäre, wie Hermippos im zweiten Buche über Pythagoras sagt.

11 In seiner Erscheinung soll er etwas ungemein Ehrfurchtgebietendes gehabt haben und seine Schüler hielten ihn für den von den Hyperboreern hergekommenen Apollon. Als er sich einst an der Seite entblößt hatte, soll man seinen Schenkel als golden erkannt haben; auch ging vielfach die Rede um, beim Überschreiten des Flusses Nessos habe dieser ihn angeredet.

Timaios legt ihm im zehnten Buch seiner Geschichte die Äußerung hei, die den Männern beiwohnenden Weiber würden mit himmlischen Namen benannt, hießen Feen und Nymphen, weiterhin würden sie Mütter genannt.

Er soll auch die Geometrie zu ihrem Höhepunkt geführt haben, nachdem zuerst Möris die elementaren Grundlagen für sie aufgefunden habe, wie Antikleides im zweiten Buch über Alexander sagt.

12 Vor allem aber habe sich Pythagoras mit der Arithmetik beschäftigt und habe den Monochord auf einer Saite [scil. die Stimmsaite] gefunden.

Aber auch die ärztliche Kunst vernachlässigte er nicht. Der Mathematiker Apollodor berichtet, er habe eine Hekatombe geopfert nach Entdeckung des Satzes, daß das Quadrat der Hypotenuse im rechtwinkligen Dreieck gleich sei den Quadraten der beiden Seiten. Darauf gibt es auch folgendes Epigramm:

Als Pythagoras einst die berühmte Zeichnung efunden,

Brachte als Opfer er dar herrliche Stiere dem Gott.

Auch sagt man, er habe zuerst den Athleten Fleischnahrung zugeführt, und zwar zuerst dem Eurymenes, wie Favorin im dritten Buch seiner Denkwürdigkeiten berichtet, während sie früher sich zu ihrer Kräftigung mit getrockneten Feigen, weichem Käse und auch mit Weizen nährten, wie der nämliche Favorin im achten Buch seiner Vermischten Geschichten berichtet.

13 Andere dagegen behaupten, nicht dieser, sondern ein anderer Pythagoras, ein Einsalber nämlich, sei es gewesen, der die neue Ernährungsart eingeführt habe. Habe doch Pythagoras so gar schon das Töten von Tieren verboten, geschweige denn, daß er den Genuß ihres Fleisches gutgeheißen hätte, da sie doch in bezug auf Seele und Leben mit uns ganz gleichberechtigt wären. Das war allerdings nur ein Vorwand; in Wahrheit verbot er die Fleischnahrung deshalb, weil er die Menschen zu möglichster Genügsamkeit im Lebensunterhalt anhalten und an eine Lebensweise gewöhnen wollte, bei der die Beschaffung der Lebensmittel keine Sorge machte, indern man sich mit ungekochter Nahrung und einfachem Wasser zufrieden gebe; das würde auch, meinte er, dem Körper zur Gesundheit, dem Geiste zur Schärfe verhelfen. Soll er doch auch nur an dem Altare Apollons, des Erzeugers, in Delos seine Andacht verrichtet haben, der hinter dem Gehörnten steht, weil man auf demselben nur Weizen und Gerste und Opferkuchen niederlegte ohne Feuer und ohne ein Opfertier zu schlachten, wie Aristoteles in der delischen Staatsverfassung bemerkt.

14 Er ist, wie man sagt, der erste Verkünder der Lehre gewesen, daß die Seele, den Kreislauf der Notwendigkeit vollziehend, bald an diese bald an jene Körperform gebunden sei.

Er zuerst hat bei den Griechen Maße und Gewicht eingeführt, wie Aristoxenos, der Musiker, sagt. Auch soll er zuerst die Identität des Abendsterns und des Morgenstenis behauptet haben, während andere dies dem Parmenides zuschreiben.

Er wurde dermaßen bewundert, daß man seine Schüler Deuter der göttlichen Stimme nannte, und er selbst sagt in einer Schrift, er sei immer je nach Verlauf von zweihundertundsieben Jahren aus der Unterwelt wieder zu den Menschen gekommen. Darum hielten sie fest an ihm und seine Vorträge übten ihre Anziehungskraft aus auf Lukanier und Peucetier, auf Messapier und Römer.

15 Bis auf Philolaos aber war kein pythagoreischer Lehrsatz bekannt; dieser allein veröffentlichte die drei berühmten Bücher, die Platon für hundert Minen für sich kaufen ließ. Nicht weniger als sechshundert Zuhörer strömten zur Nachtzeit bei ihm zusammen, und wenn einige gewürdigt wurden ihn zu sehen, so schrieben sie darüber an die Ihrigen als über ein großes Glück, das ihnen widerfahren sei.

Die Metapontier nannten sein Haus ein Heiligtum der Demeter und den Zugang dazu ein Museum, wie Favorin in seinen 'Vermischten Geschichten' bemerkt. Auch die anderen Pythagoreer pflegten zu sagen, es dürfe nicht alles allen mitgeteilt werden, wie Aristoxenos im zehnten Buch seiner 'Erziehungsgesetze' sagt.

16 Dort findet sich auch die Bemerkung , der Pythagoreer Xenophilos habe auf die Frage eines Vaters, wie er seinen Sohn am besten erziehen könne, geantwortet: wenn er Mitglied eines musterhaft verwalteten Gemeinwesens würde. Noch viele andere in Italien soll er zu tüchtigen und braven Männern gemacht haben, vor allem auch die Gesetzgeber Zaleukos und Charondas. War er doch wie geschaffen zum Freundschaftsstifter, und erfuhr er vollends, daß einer seine 'Symbole' [i. S. von 'Lehrsätzen und Richtlinien'] mit ihm teilte, so trat er alsbald in enge Gemeinschaft mit ihm und machte ihn sich zum Freunde.

17 Seine 'Symbole' aber waren folgende:

Man soll Feuer nicht mit dem Schwerte schüren, soll die Waage nicht überschlagen lassen, nicht müßig auf dem Kornmaß sitzen, das Herz nicht essen, nicht beim Abnehmen sondern beim Aufsichnehmen der Last sich beteiligen, die Decken immer zusammengebunden haben, das Bild der Gottheit nicht auf dem Ringe mit sich herumtragen, die Spur des Topfes in der Asche verwischen, das Gesäß nicht mit der Fackel abwischen, nicht der Sonne zugewandt sein Wasser abschlagen, nicht auf der großen Heerstraße wandeln, nicht leicht mit der Rechten einschlagen, nicht Schwalben unter dem nämlichen Dache haben, Vögel mit krummen Klauen nicht bei sich züchten, auf abgeschnittene Nägel und Haare nicht pissen und nicht darauf treten, ein scharfes Schwert abseits kehren, wenn man verreist, nicht an der Grenze sich umwenden.

18 Was den Sinn dieser Sprüche anlangt, so bedeutete das Wort "Mit dem Schwerte nicht das Feuer schüren" so viel wie: "wecke nicht den Zorn und die schwellende Wut der Gewalthaber"; "die Wage nicht überschlagen lassen": "nicht Recht und Billigkeit überschreiten"; "nicht auf dem Kornmaß sitzen" : "für Gegenwart und Zukunft Fürsorge tragen", denn das Kornmaß ist die tägliche Nahrung. Der Spruch "das Herz nicht essen" bedeutete, "nicht durch Kummer und Leid die Seele auszehren". Der Spruch, "sich nicht umzuwenden, wenn man auf Reisen geht", enthielt die Mahnung an die aus dem Leben Scheidenden, "sich nicht sehnsüchtig ans Leben zu hängen und sich nicht von den irdischen Lüsten bestricken zu lassen". Hiernach mag man auch das weitere deuten, um uns bei der Sache nicht länger aufzuhalten.

19 Vor allen Dingen verbot er das Essen von Meerbarben und Schwarzschwänzen; des Herzens und der Bohnen sollte man sich strengstens enthalten; Aristoteles sagt, auch der Gebärmutter und Seebarbe mitunter. Er selbst aber begnügte sich, wie einige sagen, mit Honig oder Honigseim oder Brot. Wein habe er bei Tage nicht genossen. Seine Zukost bestand meist aus gekochtem oder rohem Kohl, nur ausnahmsweise aus Seefischen. Er trug ein langes, weißes, sauberes Gewand und bediente sich weißer Decken aus Wolle; denn Linnen gab es zu jener Zeit noch nicht in dortigen Gegenden. Niemals ward er dabei betroffen, daß er seine Notdurft verrichtete oder sich der Liebeslust hingab oder betrunken war.

20 Er enthielt sich sowohl des Lachens wie jeder Gefallsucht, sei es durch Scherzreden oder aufdringliche Geschichten. War er im Zorn, so züchtigte er weder einen Sklaven noch einen Freien. Für das verständige Mahnen brauchte er die Bezeichnung "Umformen".

Was die Wahrsagekunst anlangt, so beschränkte er sich auf Vorzeichen durch Laute oder Vogelflug, am wenigsten ließ er sich auf Wahrzeichen durch Feuer ein, ausgenommen den Weihrauch. Er opferte nur leblose Gegenstände; manche allerdings behaupten, er habe nur Hähne und Milchböckchen, sogenannte Zärtlinge, geopfert, aber gar keine Lämmer. Aristoxenos dagegen berichtet, er habe den Genuß aller übrigen lebenden Wesen erlaubt, nur des Ackerstieres und Widders solle man sich enthalten.

21 Eben derselbe [Aristoxenos] sagt , ... [wie bereits oben bemerkt] er habe seine Lehrsätze von der delphischen Priesterin Themistokleia empfangen. Und Hieronymos berichtet, er habe, in der Unterwelt angelangt, die Seele des Hesiod an einer ehernen Säule befestigt und knirschend, Homers Seele aber von einem Baume herunterhängend und von Schlangen umringt gesehen zur Strafe für ihre lästerlichen Reden über die Götter, auch habe er die Strafen derjenigen gesehen, die ihren Weibern nicht beiwohnen wollten; und eben deshalb sei er von den Krotoniaten geehrt worden. Aristipp von Kyrene sagt in dem 'Buch über die Physiologen', er sei Pythagoras genannt worden, weil er im Verkünden [griech. 'agoreuein‘] der Wahrheit nicht hinter dem pythischen Gott [griech. 'Pythios'] zurückstand.

22 Man sagt auch, er habe seine Schüler immer ermahnt, beim Eintritt ins Haus sich zu fragen:

"Worin habe ich gefehlt, was getan, welcher Pflicht mich entzogen?"

Blutige Opfer sollten den Göttern nicht gebracht werden, nur am unblutigen Altar sollte man seine Andacht verrichten. Auch dürfe man nicht bei den Göttern schwören; denn es sei Pflicht eines jeden, sich selbst vertrauenswürdig zu machen.

Die Älteren müsse man in Ehren halten, denn das was zeitlich vorangehe, verdiene die höheren Ehren, wie im Weltall der Aufgang vor dem Untergang, im Leben der Anfang vor dem Ende, in der Belebung, die Zeugung vor der Vernichtung.

23 So müsse man auch die Götter höher ehren als die Dämonen, die Heroen höher als die Menschen, unter den Menschen aber am meisten die Eltern.

Den gegenseitigen Umgang musse man so gestalten, daß man sich die Freunde nicht zu Feinden, dagegen die Feinde zu Freunden mache.

Nichts dürfe man für sein Eigentum halten.

Dem Gesetz müsse man beistehen, der Gesetzwidrigkeit die Stirne bieten.

Ein zahmes Gewächs dürfe man nicht zerstören oder schädigen, auch kein Tier, das den Menschen nicht schadet.

Sittsamkeit und Achtsamkeit bestehe darin, daß man weder sich ausgelassener Lachlust hingibt noch allzu finster dreinschaue.

24 Zu große Körperfülle müsse man meiden, auf Reisen Erholung und Anstrengung wechseln lassen, das Gedächtnis üben, im Zorn weder reden noch handeln, nicht jede Art von Wahrsagung hochhalten, die Leier mit Gesang begleiten und den Lobgesängen auf Götter und hochbegnadete Menschen gebührenden Beifall spenden.

Der Bohnen aber müsse man sich enthalten, weil sie infolge ihrer hauchartigen Beschaffenheit mehr Anteil am Seelenhaften hätten; überdies verheffe ihr Nichtgenuß dem Leibe zu größerer Bescheidenheit und Ruhe und mache dadurch auch die Traumbilder milder und weniger aufregend.

25 In den 'Philosophenfolgen'erzählt Alexander, er habe auch folgende Angaben in den Aufzeichnungen der Pythagoreer gefunden:

Der Anfang von allem sei die Einheit [greich. 'Monade']. Aus der Einheit aber stamme die unbestimmte Zweiheit, die gleichsam als Materie der Einheit, ihrer Ursache, zugrunde liege. Aus der Einheit ferner und der unbestimmten Zweiheit stammten die Zahlen; aus den Zahlen die Punkte, aus diesen die Linien, aus diesen die Flächengestaltungen, aus den Flächen die stereometrischen scil. [mathematischen] Körper.

Aus diesen enstünden die sinnlich wahrnehmbaren Körper, deren Elemente, vier an der Zahl, folgende seien: Feuer, Wasser, Erde, Luft. Die Elemente unterlägen der Veränderung und einer durchgängigen Wandelbarkeit, und es bildete sich aus ihnen eine beseelte Welt, vernunftbegabt kugelförmig, mit der Erde ihrem Mittelpunkt, die auch ihrerseits kugelrund und bewohnt sei.

26 Auch Antipoden gebe es, denen unser Unten das Oben ist.

In gleichen Massen über die Welt verteilt seien Licht und Finsternis, Wärme und Kälte, Trockenheit und Feuchtigkeit. Wenn und wo die Wärme das Übergewicht habe, trete Sommer ein, wo die Kälte, Winter, wo die Trockenheit, Frühling, und wo die Feuchtigkeit, Herbst. Wenn die Massen sich einander das Gleichgewicht hielten, gebe es die schönsten Zeiten des Jahres, dessen sprossender Frühling gesund, dessen welkender Herbst ungesund sei. Auch der Tag zeige den nämlichen Unterschied: der frühe Morgen sei sein frisch sprossender Teil, der Abend sein hinwelkender Teil; daher sei er auch ungesunder.

Die Luft um die Erde herum sei festgelagert und ungesund, und alles in ihr sei vergänglich.

Die oberste Luft hingegen sei in unausgesetzter Bewegung. Sie sei rein und gesund und alles in ihr unvergänglich und darum göttlich.

27 Sonne, Mond und die übrigen Gestirne seien Götter; denn es überwiege in ihnen die Wärme, welche die Erzeugerin des Lebens sei. Der Mond aber erhalte sein Licht von der Sonne.

Mit den Menschen seien die Götter verwandt, insofern der Mensch an der Wärme teil habe; daher die Fürsorge [i. S. von Vorsehung] Gottes für uns.

Das Schicksal sei die Ursache des festgeordneten Ganges des Ganzen wie der einzelnen Teile.

28 Der Sonnenstrahl dringe auch durch den kalten und dichten Äther. Sie nennen nämlich die Luft den kalten Äther, das Meer und das Feuchte den dichten Äther. Dieser Strahl also dringe auch in die Tiefe ein und belebe so alles. Es lebe nämlich alles, was der Wärme teilhaftig werde; daher seien denn auch die Pflanzen belebt. Doch habe nicht alles eine Seele. Es sei aber die Seele ein losgerissenes Stück sowohl des warmen wie des kalten Äthers, da sie auch Anteil am kalten Äther habe. Und es sei ein Unterschied zwischen Seele und Leben; denn die Seele sei unsterblich, da auch das, wovon sie losgerissen ist, unsterblich [d. h. unvergänglich] ist.

Die lebenden Wesen entstünden durch einander über eine Ergießung des Samens, die Entstehung aus der Erde dagegen sei unmöglich. Der Same aber sei ein Tropfen des Gehirns, der einen warmen Hauch in sich enthalte, und wenn dieser sich in die Gebärmutter ergieße, sondere sich vom Gehirn Lymphe, Feuchtigkeit und Blut ab, aus denen sich Fleisch, Sehnen, Knochen, Haare und der ganze Körper bilde; durch den Hauch aber entsünden Seele und Wahrnehmung.

29 Ihre Gestalt erhalte die erste Verdichtung in vierzig Tagen. Nach den bestimmten harmonischen Verhältnissen würde dann in sieben oder neun oder höchstens zehn Monaten das Kind in fertigem Zustand zur Welt gebracht; es habe aber in sich alle erforderlichen Verhältnismäßigkeiten des Lebens, deren Aufeinanderfolge das feste Band bilde, durch das es nach den bestimmten harmonischen Verhältnissen zusammengehalten werde, indem an bestimmten Zeitpunkten jedes Einzelne sich an das Vorige anschließe.

Die Wahrnehmung im allgemeinen wie insbesondere das Gesicht sei eine Art besonders warmen Hauches. Daher heiße es von ihm auch, daß es durch die Luft und durch das Wasser sehe. Denn das Warme erfahre einen Gegendruck vom Kalten. Wäre nämlich der Hauch in den Augen kalt, so würde er von der gleichartigen Luft getrennt bleiben; so aber finde sich gegensätzliche Luft in den Augen, welche er [scil. Pythagoras] Pforten der Sonne nennt. Dasselbe lehrt er vom Gehör und den übrigen Sinnen.

30 Die menschliche Seele teilt er in drei Teile: Vernunft, Verstand, Mut. Vernunft und Mut finde sich auch in den übrigen lebenden Wesen, Verstand aber nur beim Mensehen. Es erstrecke sich aber das Reich der Seele vom Herzen bis zum Gehirn, und der dem Herzen zugehörige Teil derselben sei der Mut, während Verstand und Vernunft ihren Sitz im Gehirn hätten; die Sinne seien Tropfen von diesen [scil. letzteren]. Der Verstand sei unsterblich, das übrige sterblich. Ihre Nahrung erhalte die Seele vom Blute; ihre inneren Verhältnismäßigkeiten seien Windhauche. Sie selbst wie auch ihre Verhältnismäßigkeiten seien unsichtbar, da auch der Äther unsichtbar ist. Bänder der Seele seien die Adern und die Arterien und die Sehnen.

31 Wenn sie aber bei Kraft und ruhig mit sich selbst beschäftigt sei, dann gäben ihr ihre Worte und ihre Werke den festen Halt. Aus ihrem Gefüge herausgerissen aber schweife sie über die Erde hin in der Luft, [insoweit, d. h. was ihre dann eintretende Ziellosigkeit betrifft] dem [scil. bloßen] Körper ähnlich.

Hermes aber sei der Hüter der Seelen, weshalb er denn Geleiter genannt werde und Torwächter, und Unterirdischer, da er die vom Leibe geschiedenen Seelen von Land und Meer nach ihrem Bestimmungsort bringe. Danei würden die reinen Seelen nach dem höchsten Platze gebracht, die unreinen dagegen dürften sich weder jenen nähern noch auch einander, sondern würden in unlösbaren Fesseln von den Erinnyen festgehalten.

32 Das ganze Luftreich sei voll von Seelen, und diese seien es, die man Dämonen und Heroen nenne. Von diesen würden den Menschen die Träume und die Vorzeichen von Krankheit und Gesundheit zugesandt, und nicht nur den Menschen, sondern auch den Schafen und dem sonstigen Hausvieh; auf sie bezögen sieh auch die Reinigungen und Sühnungen, sowie alle Wahrsagerei und Vorausverkündigung und anderes derartiges.

Am folgenreichsten für ein Menschenleben sei es, daß und wie die Seele zum Guten [scil. oder zum Bösen] gebbracht werde. Glücklich seien die Menschen, wenn ihnen eine gute Seele beiwohne, doch beharre diese niemals in völliger Ruhe und es herrsche nicht immer die gleiche Strömung.

33 Der Gerechte sei dem Eide treu, weshalb denn Zeus der Eideswahrer genannt werde.

Die Tugend sei eine Harmonie und ebenso auch die Gesundheit und alles Gute und die Gottheit; daher bestehe das Weltall durch Harmonie. Auch die Freundschaft sei eine harmonische Gleichheit.

Göttern und Heroen gebührten nicht die gleichen Ehren; den Göttern erweise man sie stets in heiliger Ehrfurcht, in weißem Gewande und keuschen Leibes, den Heroen vom Mittag ab.

Die Reinheit erlange man durch Sühnungen, Bäder, Besprengungen, sowie dadurch, daß man sich selbst unbefleckt erhalte von der Berührung mit Leichen, von Beischlaf und von Verunreinigung jeglicher Art, auch dadurch, daß man sich des Fleisches verreckter Tiere enthält sowie der Seebarben und Schwarzschwänze; der Eier und eierlegenden Tiere, der Bohnen und anderer dergleichen Dinge, deren Genuß die Priester verbieten, in den Tempeln die mystischen Weihen vollziehen.

34 Was aber die Bohnen anlangt, so sagt Aristoteles, Pythagoras mahne zur Enthaltung von den Bohnen entweder wegen ihrer Ähnlichkeit mit den Schamteilen oder mit den Hadespforten - denn sie seien alle ohne Schlußknoten - oder auch wegen ihrer Schädlichkeit oder wegen ihrer Ähnlichkeit mit dem Weltganzen oder wegen ihrer Beziehbarkeit auf die Oligarchie, denn die Oligarchen bedienen sich ihrer zum Losen.

Ferner [scil. wird Pythagoros so zitiert:]: Was vom Tische herunterfalle, dürfe man nicht aufheben, um sich daran zu gewöhnen, nicht unmäßig zu essen oder weil es auf den Tod von irgend jemand hinweise. Sagt doch Aristophanes in den Heroen, das zu Boden Fallende gehöre den Heroen:

"Was vom Tische fällt, laßt liegen, unberührt von eurem Mund."

An einem weißen Hahn solle man sich nicht vergreifen, weil er dem Monat heilig sei und ein Schutzflehender, d.h. einer, der Achtung verdient, und dem Monat heilig, weil er die Stunden verkündet.

An Fischen solle man sich nicht vergreifen, soweit sie heilig sind; denn man dürfe nicht Göttern und Menschen das nämliche vorsetzen, sowenig wie den Freien und den Sklaven.

35 Das Weiße gehöre seiner Natur nach zum Guten, das Schwarze zum Schlechten.

Brot solle man nicht brechen, weil in der Vorzeit Freunde sich bei einem [scil gemeinsamen] Brote zusammenfanden, wie noch jetzt die Barbaren: man dürfe nicht teilen, was sie zusammenführt.Andere beziehen es auf das Gericht im Hades, andere wieder darauf, daß es Entmutigung für den Krieg bewirke, und noch andere, weil damit das Ganze seinen Anfang nimmt.

Unter den Figuren sei von den stereometrischen die schönste die Kugel, von den Flächen der Kreis.

Alter habe Ähnlichkeit mit allem, was im Abnehmen begriffen sei, wie anderseits Wachstum und Jugend einander glichen.

Gesundheit sei festes Beharren der Gestaltung, Krankheit sei deren Verfall.

Vom Salz meinte er, man müsse es auf den Tisch setzen als Mahnung zur Gerechtigkeit; denn das Salz erhalte alles, was es unter seine Obhut nimmt, und entstehe aus dem Reinsten, was es gibt: aus Sonne und Meer.

36 Dies behauptet Alexander in den Aufzeichnungen der Pythagoreer gefunden zu haben, und Aristoteles bestätigt es. ...


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002