Über Thales, den 'ersten Philosophen'. Diogenes Laertios, Leben und Meinungen berühmter Philosophen 1, 22 - 44.

Deutsche Übersetzung mit kleineren vom Hg. vorgenommenen Modifikationen nach: Diogenes Laertios, Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Aus dem Griechischen übersetzt von Otto Apelt. Unter Mitarbeit von Hans Günter Zekl neu herausgegeben sowie mit Vorwort, Einleitung und neuen Anmerkungen zu Text und Übersetzung versehen von Klaus Reich, (1921) Hamburg 1990 3, S. 13 -24.


22 Des Thales Vater war, wie Herodot, Duris und Demokrit berichten, Examyos, seine Mutter Kleobulina aus dem Hause der Theliden, eines phönizischen Geschlechtes von höchstem Ansehen, das von Kadmos und Agenor abstammte. Er gehörte zu den sieben Weisen, wie auch Platon bezeugt. Er war der erste, dem man den Namen eines Weisen gab zur Zeit des athenischen Archonten Damasias. Während dessen Archontats [582 v.Chr.] kam es auch zur Feststellung der Siebenzahl der sogenannten Weisen, wie Demetrios, der Phalereer in seinem Verzeichnis der Archonten berichtet. In die Bürgerliste von Milet wurde er eingetragen, als er dort in Begleitung des aus Phönizien verbannten Neileos eintraf, doch behaupten die meisten, er sei geborener Milesier aus vornehmem Hause gewesen .

23 Zunächst politisch tätig, wandte er sich dann der Naturbetrachtung zu, hinterließ aber, wie einige sagen, nichts Schriftliches. Denn die ihm zugeschriebene Sternkunde für Seefahrer soll ein Werk des Samiers Phokos sein. Kallimachos aber kennt ihn als Entdecker des kleinen Bärengestirns, worauf er mit folgenden Jamben hinweist:

"Man sagt, des Wagens Sternchen hat er auch entdeckt,
die Führer auf der See für die Phönizier."

Nach einigen hat er zwei Schriften verfaßt und nicht mehr, nämlich über die Sonnenwenden und über die Tag- und Nachtgleichen, überzeugt, daß das übrige für den Verstand unfaßbar sei. Nach einigen ist er der erste, der sich mit Sternkunde befaßt und Sonnenfinsternisse und Wendezeiten vorausgesagt habe, wie Eudemos in seiner Geschichte der Astronomie berichtet, weshalb ihn denn auch Xenophanes und Herodot bewundern. Es bezeugen dies auch Heraklit und Demokrit.

24 Einige bezeichnen ihn auch als ersten Vertreter der Ansicht, daß die Seele unsterblich sei. Zu diesen gehört der Dichter Choirilos. Thales war es, der zuerst den Sonnenlauf von Wendekreis zu Wendekreis feststellte, wie er denn nach einigen auch das Größenverhältnis der Sonne zum Sonnenkreise und so auch das Verhältnis des Mondes zum Mondkreise dahin bestimmte, daß es das von 1 zu 720 sei. Er war es auch, der zuerst den letzten Tag des Monats den dreißigsten nannte. Nach einigen legte er auch den Grund zur Naturphilosophie.

Aristoteles und Hippias berichten, er denke sich auch das Leblose beseelt, eine Ansicht, zu der ihn die Beobachtung des Magnetsteines und des Bernsteines führte. In der Geometrie ein Schüler der Ägypter, hat er, wie Pamphile berichtet, zuerst das rechtwinklige Dreieck in den Kreis [d. h. hier: Halbkreis] eingetragen und daraufhin einen Stier geopfert.

25 Andere schreiben dies dem Pythagoras zu; zu ihnen gehört der Mathematiker Apollodor. Er [Thales] förderte sehr erheblich die Entdeckungen, die, wie Kallimachos in seinem jambischen Gedicht sagt, der Phryger Euphorbos gemacht hatte, wie z. B. die sogenannten Skalenen [ d. h. die ungleichseitigen rechtwinkligen Dreiecke] und die Dreiecke überhaupt und was zur Theorie der Linien gehört .

Auch auf staatsmännischem Gebiet scheint er trefflich heschlagen gewesen zu sein. So wußte er es zu verhindern, daß das Bündnis zustande kam, um das sich Kroisos durch eine Gesandtschaft an die Milesier bemühte. Das rettete später, nach dem Siege des Kyros, den Staat. Und er selbst hehauptet, wie Herakleides berichtet, er sei menschenscheu und ein Sonderling gewesen.

26 Einige lassen ihn auch verheiratet und Vater eines Sohnes namens Kybisthos sein. Nach anderen dagegen ist er unverheiratet geblieben und hat den Sohn seiner Schwester adoptiert. Auf die Frage, warum er auf den Kindersegen verzichte, soll er erwidert haben: "Aus Liebe zu den Kindern.". Gegen das Drängen auf Verheiratung vonseiten seiner Mutter soll er sich zur Wehr gesetzt haben mit den Worten: "Noch ist es nicht Zeit dazu", und als sie ihn bei vorgeschrittenem Alter heftiger bestürmte, soll er entgegnet haben: "Nun ist die Zeit dazu vorüber." Ferner berichtet der Rhodier Hieronymos in dem 2. Buch seiner 'Vermischten Denkwürdigkeiten', er habe, um den Beweis zu liefern, daß es gar kein Kunststück sei, reich zu werden, in Voraussicht einer reichen Ölfruchternte alle Ölpressen gemietet und dadurch ein enormes Vermögen gewonnen.

27 Für den Urgrund aller Dinge erklärte er das Wasser. Die Welt hielt er für beseelt und für erfüllt von göttlichen Wesen. Er soll zuerst die genaue Scheidung der Jahreszeiten aufgebracht und das Jahr in 365 Tage eingeteilt haben.

Er war im [scil. in allem] im Grunde Autodidakt, sieht man davon ab, daß er eine Reise nach Ägypten machte, wo er in engen Verkehr mit den Priestern trat [scil. um sich bei ihnen zu unterrichten].

Auch berichtet Hieronymos, er habe die Höhe der Pyramiden gemessen vermittelst ihres Schattens, den er genau in dem Zeitpunkt abmaß' wo dieser Schatten und unser Leib die gleiche Länge haben. In Milet stand er in engem Verkehr mitThrasybul, dem Herrscher von Mi1et, wie Minyes berichtet. Allbekannt ist ferner die Geschichte von dem Dreifuß, der, von Fischern aus dem Meere gezogen, von dem Volke der Milesier an die [sieben] Weisen überwiesen wurde.

28 Man erzählt nämlich, einige ionische Jünglinge hätten milesischen Fischern einen Fischzug abgekauft. Als dabei der Dreifuß zu Tage kam, erhob sich ein Streit darüber, der erst geschlichtet wurde, als die Milesier darüber das Orakel zu Delphi befragten. Die Antwort des Gottes lautete folgendermaßen:

"Bürger Milets, du befragst den Phoibos über den Dreifuß?
Wer der Weiseste ist, dem gebührt, so sag' ich, der Dreifuß."

So wurd er denn dem Thales überreicht. Dieser übergab ihn einem andern der sieben Weisen, und dieser wieder einem andern bis auf Solon. Dieser aber erklärte für den Weisesten den Gott und sandte den Dreifuß nach Delphi. Kallimachos stellt die Sache in seinen Jamben anders dar und zwar so, wie er sie bei dem Milesier Maiandrios geschildert fand. Danach hat ein gewisser Bathykles, ein Arkadier, eine Schale hinterlassen mit der Anweisung, sie dem Trefflichsten unter den Weisen zu überreichen. So wurde sie dem Thales überwiesen; aus dessen Hand wanderte sie reihum von einem Weisen zum andern und kam so wieder zurück an Thales.

29 Dieser aber sandte sie an den didymäischen Apollon mit folgenden Begleitversen nach Kallimachos:

"Mich als ehrenden Preis empfing der Thales schon zweimal:
und so werd ich geweiht nun dem Haupte Athens."

In Prosa lautet es so: "Der Milesier Thales, des Examyos Sohn, weiht dem delphischen Apollon dies Ehrengeschenk der Hellenen, das er zweimal empfangen hat." Der Überbringer der Schale, der Sohn des Bathykles, hieß Thyrion, wie Eleusis in seinem Buch über Achilles und Alexander, der Myndier, im 9. Buch seiner mythischen Erzählungen sagt. Eudoxos aber, der Knidier, und Euanthes, der Milesier, berichten, einer von den Freunden des Kroisos habe von dem König ein goldenes Trinkgefäß erhalten, um es dem Weisesten unter den Griechen zu überreichen.

30 Dieser aber habe es dem Thales überreicht; durch diesen sei es weiterhin an Chilon gelangt, der den pythischen Gott befragt habe, wer weiser sei als er. Die Antwort habe gelautet: "Myson". Er soll später eingehender vorgestellt erörtert werden. Über ihn gab nun der Pythier folgende Auskunft:

"Myson in Chen am Oeta ist besser als du, so behaupt' ich:
fähig ist sein Geist hohen Gedankenflugs."

Zum Fragen beauftragt war Anacharsis. Dagegen berichten der Platoniker Daimachos und Klearchos, die Schale sei von Kroisos an Pittakos gesandt und so in Umlauf gesetzt worden. Andron wiederum behauptet in seinem Buch "Der Dreifuß", die Argiver hätten dem Weisesten der Hellenen einen Dreifuß als Tugendpreis bestimmt, und als solcher sei Aristodemos in Sparta anerkannt worden; dieser habe ihn an Chilon abgetreten.

31 Es gedenkt auch Alkaios des Aristodemos in folgenden Versen

"So hat denn, wie es heißt, in Sparta Aristodamos
früher einmal zurecht folgende Worte gesagt:
'Geld macht den rechten Mann, nichts sonst; ohne Ende ja sucht man
unter denen, die arm, einen, der Ehrenmann.' "

Einige erzählen, es sei von Periander an den milesischen Tyrannen Thrasybul ein reich beladenes Lastschiff gesandt worden. Dies habe bei Kos Schiffbruch erlitten, und einige Zeit darauf sei von einigen Fischern der Dreifuß hervorgezogen worden. Phanodikos dagegen behauptet, er sei in der Nähe von Athen im Meere gefunden, in die Stadt gebracht und auf Beschluß der Volksversammlung dem Bias übersandt worden.

32 Den Grund werden wir in dem Abschnitt über Bias mitteilen. Wieder andere behaupten, der Dreifuß sei ein Werk des Hephaistos und vom Gott dem Pelops als Hochzeitsgeschenk dargereicht worden; darauf sei er an den Menelaos gekommen, sei dann mitsamt der Helena von Paris geraubt und von der Lakonerin in das koische Meer geworfen worden mit den Worten: "Das würde der Grund zu vielem Streite werden." Als späterhin Leute aus Lebedos den Fischern dort einen Fang abkauften, sei auch der Dreifuß mit in ihre Hände gekommen. Darüber seien sie mit den Fischern in Streit geraten und hätten Kos [scil. als Gerichtsort] aufgesucht. Da sie es hier zu keiner Entscheidung brachten, erstatteten sie Meldung an ihre Mutterstadt Milet. Die Milesier schickten nun eine Gesandtschaft nach Kos, wurden abgewiesen und überzogen die Koer mit Krieg. Nach starkem Verlust an Menschenleben auf beiden Seiten verkündete ihnen ein Orakelspruch, sie sollten den Dreifuß dem Weisesten überreichen. Beide Parteien einigten sich auf Thales, dieser aber weihte ihn nach vollzogenem Umlauf [bei den Sieben] dem didymäischcn Apollon. Der Spruch an die Koer lautete so:

"Bürger Milets, du befrägst den Phoibos über den Dreifuß?
Nicht wird enden der Streit der Meroper und der loner,
bis das Werk des Hephäst, der Dreifuß von Gold, der versenkte,
euerer Stadt entzogen ins Haus des Mannes gelangt ist,
der mit Schärfe erkennt, was ist, was kommt, was gewesen."

Die Fortsetzung ist oben schon mitgeteilt. Darüber soviel.

Hermippos in seinen Lebensbeschreibungen überträgt einen von manchen dem Sokrates zugeschriebenen Ausspruch auf den Thales. Er legt ihm nämlich das Wort bei: "Drei Dinge sind es, die mich dem Schicksal zu Dank verpflichten: erstens, daß ich als Mensch zur Welt kam und nicht als Tier; zweitens, daß ich ein Mann ward und nicht ein Weib; drittens, daß ich ein Hellene bin und nicht ein Barbar."

34 Ferner läuft folgende Erzählung von ihm um: Als er einst, um die Sterne zu beobachten, begleitet von einem alten Weib, seine Wohnung verließ, fiel er in eine Grube. Da rief dem Aufschreienden das Weib die Worte zu: "Du kannst nicht sehen, Thales, was dir vor Füßen liegt, und wähnst zu erkennen, was am Himmel ist ?" Von seinen astronomischen Forschungen übrigens hat auch Timon Kenntnis, und er lobt ihn darob mit folgenden Worten:

"Zu den Weisen, den Sieben, zählt Thales, als kundig der Sterne."

Was Thales schriftlich hinterlassen hat, beläuft sich nach Lobon von Argos auf zweihundert Verse. Sein Bildnis soll folgende Inschrift getragen haben:

"Ihn, den Thales, erwies als ältesten Kenner der Sternwelt
seine Mutter Milet, diese ionische Stadt."

35 Zu seinen politischen Sprüchen sollen folgende gehören:

"Schwatzhafter Rede kann nie entstammen verständige Meinung.
Suche, was weise, für Dich, und, was trefflich ist, tu.
Dummes Gerede geschwätziger Menschen - nur so ist's zu hindern."

Als Aussprüche von ihm sind folgende bekannt: "Das älteste der Wesen ist Gott, der unerzeugte; das schönste die Welt, das Werk Gottes; das größte der Raum, der allumfassende; das schnellste der Geist, der alles durch-dringende; das stärkste die Notwendigkeit, die alles beherrschende; das weiseste die Zeit, die alles erfindende." Der Tod, sagte er, unterscheide sieh nicht vom Leben. "Warum also", erwiderte ihm einer, "stirbst du nicht?" Darauf er: "Eben weil es keinen Unterschied macht."

36 Auf die Frage, die einer an ihn richtete, was früher entstanden sei, die Nacht oder der Tag, erwiderte er: "Die Nacht um einen Tag früher." Es fragte ihn jemand, ob der Mensch sich bei frevelhafter Tat dem Auge Gottes entziehen könne "Nein," erwiderte er, " nicht einmal die bloße Absicht eines Verbrechens." Einem Ehebrecher, der fragte, ob er seine Unschuld beschwören dürfe, antwortete er: "Meineid ist nicht schlimmer als Ehebruch."

Weitere Fragen und Antworten: "Was ist schwer?" "Sich selbst erkennen." - "Was leicht?" "Einem andern einen Rat erteilen." - "Was das Willkommenste?" "Sein Ziel erreichen." - "Was das Göttliche? "Was weder Anfang noch Ende hat." - "Was hast du Erstaunliches gesehen?" - "Einen greisen Tyrannen." - Wie kann man ein Mißgeschick am leichtesten tragen?" "Wenn man die Feinde in schlimmer Lage sieht." - "Wie kann man am besten und gerechtesten leben? - "Wenn wir, was wir an andern tadeln, selber nicht tun."

37 "Wer ist glücklich?" "Wer gesunden Leibes, vom Schicksal begünstigt und mit trefflicher Seelenbildung ausgerüstet ist." - Ferner: "Sei eingedenk der Freunde, der anwesenden wie der abwesenden." - "Suche nicht äußerlich zu glänzen, sondern durch Streben und Tat Wohlgefallen zu erwecken." - " Suche nicht auf verwerfliche Weise reich zu werden." - "Mache dich keines Vertrauensbruches schuldig gegen solche, die dir in Treue verbunden waren." - " Was du an Unterstützungen deinen Eltern hast zuteil werden lassen, das darfst du auch von deinen Kindern erwarten."

Das Anschwellen des Nils erklärte er als Wirkung der Passatwinde, die, in ihrer Richtung der Strömung entgegengesetzt, diese zurückdrängen.

38 Apollodor setzt in seinen Chronika die Geburt des Thales in das erste Jahr der 35. Olympiade [d. h. 640 v. Chr.]. Er starb in einem Alter von 78 Jahren oder, wie Sosikrates sagt, von 90 Jahren. Denn er sei gestorben in der 58. Olympiade [d. h. 548 / 545 v. Chr.]. Er sei ein Zeitgenosse des Kroisos, dem er auch den Übergang über den Halys ohne Brücke, einfach durch Ablenkung des Stromes, zu ermöglichen versprochen habe .

Es hat auch noch andere Männer des Namens Thales gegeben, wie der Magnesier Demetrios in seinen 'Homonymen' [ d. h. 'Buch über gleichnamige Dichter und Schriftsteller'] sagt, und zwar sind es fünf: erstens ein kallatinischer Rhetor, der nichts weiter als eitel und gefallsüchtig war; sodann ein Maler aus Sikyon, ein geistvoller Mann; drittens ein Mann der ältesten Zeit, ein Zeitgenosse Hesiods, Homers und Lykurgs; viertens der, dessen Duris in seinem Werk über Malerei gedenkt; fünftens ein jüngerer und wenig bekannter, den auch Dionysios in seinen 'Kritik' erwähnt.

39 Unser Thales also, der Weise, starb, als er einem gymnischen Wettkampf zuschaute, infolge der gerade herrschenden Hitze, des Durstes und der Altersschwäche; denn er stand bereits in hohen Jahren. Seine Grabschrift lautet folgendermaßen:

"Schaue dies winzige Grab -doch es reicht der Ruhm bis zum Himmel:
Thales, der weiseste Mann, schläft hier den ewigen Schlaf."

Auch von mir gibt es ein Epigramm auf ihn im ersten Buch meiner 'Epigramme' oder 'Vermischten Gedichte'. Es lautet:

"Einem Wettkampf wohnte er bei, o strahlender Herrscher, als du
ihn von dannen riefst, Thales, den Weisen, den Greis.
Dank dir: Du hast ihn entführt in deine Nähe; er konnte
von dieser Erde nicht mehr schauen das Sternengezelt."

40 Von ihm stammt das Wort "Erkenne dich selbst", das Antisthenes in seinen 'Diadochae' ['Philosophenfolgen'] der Phemonoe zuschreibt; von ihr habe es Chilon sich zu eigen gemacht. Über die sieben Weisen - denn es ziemt sich hier im allgemeinen auch ihrer zu gedenken - liegen folgende Überlieferungen vor. Damon aus Kyrene, der Verfasser des 'Buches über die Philosophen', macht alle herunter, besonders aber die Sieben. Anaximenes rechnet sie alle zur Gattung der Dichter. Dikaiarch erklärt sie weder für Weise noch für Philosophen, wohl aber für kluge und zur Gesetzgebung befähigte Männer. Archetimos aus Syrakus hat ihre Zusammenkunft beim Kypselos geschildert, der er selbst beigewohnt haben will; Ephoros erwähnt ihre Zusammenkunft bei Kroisos, wo nur Thales fehlte. Manche wollen auch von einer Zusammenkunft in Panionion sowie in Korinth und in Delphi wissen. Was ihre Keriisprüche anlangt, so gehen die Ausichten darüber gleichfalls sehr auseinander, indem derselbe Spruch bald diesem, bald wieder jenem zugeschrieben wird. So z. B.

"Chilon war es, von Sparta, der Weise, der folgendes sagte:
'Nichts im Übermaß tu. Alles zur richtigen Zeit'."

Auch über ihre Zahl ist man widerspechender Auffassung. Leandrios [Maiandrios] setzt an die Stelle des Kleobulos und des Myson den Leophantos, des Gorgias Sohn aus Lebedos oder Ephesos, und den Epimenides aus Kreta; Platon im 'Protagoras' den Myson an die Stelle des Periander; Ephoros den Anacharsis an die Stelle des Myson. Andere rechnen auch den Pythagoras zu ihnen. Dikaiarch nennt vier als völlig sicher: Thales, Bias, Pittakos, Solon. Außerdem nennt er noch sechs, nämlich Aristodemos, Pamphylos, Chilon den Lakedaimonier, Kleobulos, Anacharsis, Periander, von denen er dreien den Vorzug gibt. Einige fügen noch den Akusilaos, des Kabas oder Skabras Sohn aus Argos, bei.

42 Hermippos aber in seinem Buch über die Weisen führt nicht weniger als siebzehn auf, aus denen der eine diese, der andere jene Auswahl treffe; es seien dies Solon, Thales, Pittakos, Bias, Chilon, Myson, Kleobulos, Periander, Anacharsis, Akusilaos, Epimenides, Leophantos, Pherekydes, Aristodemos, Pythagoras, Lasos, der Sohn des Charmantides oder Sisymbrinos oder nach Aristoxenos des Chabrinos aus Hermione, endlich Anaxagoras. Hippobotos dagegen führt in seinem 'Verzeichnis der Philosophen' folgende auf: Orpheus, Linos, Solon, Periander, Anacharsis, Kleobulos, Myson, Thales, Bias, Pittakos, Epicharmos, Pythagoras. Es sind von Thales auch folgende [heute als unecht geltende] Briefe in Umlauf:

Thales an Pherekydes.

43 "Wie ich höre, trägst du dich, als erster von den loniern, mit der Absicht, dich öffentlich vor den Griechen in einer Schrift über die göttlichen Dinge vernehmen zu lsssen. Und vielleicht tust du ganz recht daran, durch eine Schrift die Sache lieber zum Gemeingut zu machen, als sie ohne eigentlichen Nutzen irgendwelchen beliebigen Leuten anzuvertrauen. Ist es dir also recht, so will ich als Hörer mich von dem unterrichten lassen, worüber du schreibst; und gibst du mir deinen Willen kund, so will ich zu dir nach Syros kommen. Denn wir, ich und Solon von Athen, müßten doch alles Verstandes bar sein, wenn wir, die wir seinerzeit nach Kreta gefahren sind, um uns über die dortigen Verhältnisse zu unterrichten, sodann nach Ägypten, um mit den dortigen Priestern und Astronomen zu verkehren, es unterlassen wollten, uns zu dir zu begeben. Denn auch Solon wird sich bei dir einfinden, wenn du es erlaubst.

44 Kommst du ja doch, von Heimatliebe festgehalten, nur selten nach Ionien und fühlst dich nicht hingezogen zum Verkehr mit fremden Männern, sondern lebst, wie ich annehme, ganz der Arbeit an deiner Schrift, als deiner einzigen Beschäftigung. Wir dagegen, von Beruf keine Schriftsteller, durchwandern Griechenland und Asien."

Thales an Solon.

"Wenn du Athen verläßt, wirst du, wie mir scheint, deinen Wohnsitz am passendsten in Milet aufschlagen. Ist doch Milet eine Kolonie von euch; du hast also hier nichts Schlimmes zu befürchten. Wenn du es aber schwer empfindest, daß auch wir Milesier einem Tyrannen untertan sind - denn dir sind alle Gewalthaber verhaßt -, so würde es dir doch eine Freude sein, mit uns, deinen Genossen, zusammenzuleben. Auch Bias hat dir geschrieben, du möchtest nach Priene kommen. Wenn du dieser Stadt als Wohnort den Vorzug gibst, so werden auch wir unsern Wohnsitz neben dir aufschlagen."


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002