Grundorientierungen ethischer Philosophie: Platon, Apologie des Sokrates 30 a - 36 a ( 18 - 24).

Deutsche Übersezung aus: Platon, Apologie des Sokrates- Griechisch - deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Manfred Fuhrmann, Stuttgart1992, S. 51 - 69.

Aus der ersten Rede:

18. Werdet bitte nicht unruhig, ihr Männer von Athen, und bleibt bei dem, worum ich euch bat: euch durch meine Worte nicht in Unruhe versetzen zu lassen, sondern zuzuhören; denn ihr habt etwas davon, meine ich, wenn ihr zuhört. Ich werde nämlich euch noch anderes sagen, worüber ihr vielleicht in Rufe ausbrecht. Doch laßt euch dazu nicht hinreißen. Ihr müßt nämlich wissen: wenn ihr mich tötet, als den, der ich zu sein behaupte, dann werdet ihr nicht so sehr mir Schaden zufügen als vielmehr euch selbst. Denn mir würde keiner schaden, nicht Meletos und auch nicht Anytos - das könnten sie gar nicht; denn es geht meines Erachtens gar nicht, daß einem besseren Manne von einem schlechteren Schaden zugefügt wird. Natürlich kann er mich töten oder in die Verbannung schicken, oder er kann mir die bürgerlichen Ehren nehmen. Doch diese Dinge hält vielleicht er selber oder sonstwer für große Übel, ich hingegen halte sie nicht dafür. Übel ist viel eher das, was er jetzt tut: daß er es unternimmt, jemanden ungerechterweise ums Leben zu bringen. So bin ich denn, ihr Männer von Athen, weit davon entfernt, für mich selbst einzutreten, wie man eigentlich annehmen möchte; ich trete vielmehr für euch ein, daß ihr euch nicht an eurer Gottesgabe versündigt, indem ihr mich verurteilt. Wenn ihr mich nämlich tötet, dann werdet ihr nicht leicht einen anderen finden, der gleichsam - so lächerlich das klingt - durch göttlichen Ratschluß der Stadt beigegeben ist wie einem großen und edlen Pferde, das indes wegen seiner Größe etwas träge ist und von einem Sporn angestachelt werden muß. Denn so, glaube ich, hat mich der Gott dieser Stadt beigegeben: als jemanden, der euch unentwegt aufrüttelt und mahnt und schilt - jeden einzelnen von euch, indem er den lieben langen Tag überall an euch herantritt. Ein zweiter von dieser Art wird euch so leicht nicht erstehen, ihr Männer; wenn ihr also auf mich hören wollt, dann schont ihr mich. Doch ihr seid vielleicht verärgert, wie Schlummernde, die man weckt, und ihr schlagt dann wohl, indem ihr auf Anytos hört, zurück und verurteilt mich ohne Bedenken zum Tode. Aber dann werdet ihr gewiß den Rest eures Lebens im Schlaf verbringen - es sei denn, der Gott schickt euch in seiner Sorge um euch einen anderen. Daß gerade ich jemand bin, den die Gottheit der Stadt geschenkt hat, könnt ihr aus folgendem entnehmen: es sieht nicht nach Menschenart aus, daß ich mich um alles, was mich betrifft, nicht kümmere und mein Haus schon seit vielen Jahren verkommen lasse, dafür aber stets eure Angelegenheiten besorge, indem ich an jeden einzelnen herantrete und ihm wie der Vater oder ein älterer Bruder ins Gewissen rede, er solle sich darum bemühen, ein guter Mensch zu sein. Wenn ich irgendeinen Vorteil davon hätte und euch für Geld diese Ratschläge gäbe, dann wäre mein Verhalten vielleicht begreiflich. Nun seht ihr aber selbst, daß meine Ankläger, die doch in allen anderen Punkten so schamlos Vorwürfe gegen mich erhoben haben, nicht imstande waren, ihre Schamlosigkeit auf die Spitze zu treiben und einen Zeugen dafür beizubringen, ich hätte jemals Geld von jemandem angenommen oder erbeten. Ich bringe ja, meine ich, einen hinlänglichen Zeugen dafür bei, daß ich die Wahrheit sage: meine Armut.

19. Nun könnte befremdlich scheinen, daß ich meine Ratschläge nur einzelnen erteile, indem ich vom einen zum anderen gehe und viel Mühe dabei aufwende, daß ich hingegen nicht wage, öffentlich in der Volksversammlung vor euch aufzutreten und der Allgemeinheit zu raten. Der Grund dafür ist, wie ihr mich schon oft und vielerorts habt sagen hören, daß mir etwas Göttliches, etwas Dämonisches zu widerfahren pflegt, worüber sich ja auch Meletos in seiner Anklageschrift spöttisch geäußert hat. Mir wird dies seit meiner Jugend zuteil: eine Stimme, die zu mir spricht, die mir, sooft sie spricht, stets von dem abrät, was ich gerade zu tun beabsichtige, und die sich niemals zuratend vernehmen läßt. Diese Stimme ist's, die mich davon abhält, Politik zu treiben - und mit gutem Grund, glaube ich, hält sie mich davon ab. Ihr müßt nämlich wissen, ihr Männer von Athen: je früher ich mich darauf eingelassen hätte, Politik zu treiben, desto eher ware ich auch zu Tode gekommen und hätte dann weder euch noch mir selber von Nutzen sein können. Und nehmt mir's nicht übel, wenn ich euch die Wahrheit sage: Kein Mensch ist seines Lebens noch sicher, der euch oder sonst einer Volksmenge offen entgegentritt und die zahlreichen Verstöße zu verhindern sucht, die von Staats wegen gegen Recht und Gesetz begangen werden. Wer sich ernstlich für die Gerechtigkeit einsetzen will, muß unbedingt, wenn er auch nur kurze Zeit am Leben bleiben möchte, als Privatmann auftreten, nicht als Politiker.

20. Hierfür will ich euch schlagende Beweise nennen - nicht Worte, sondern, worauf ihr ja Wert legt, Tatsachen. Hört euch bitte an, was mir zugestoßen ist, damit euch klar wird, daß ich dem Recht zuwider vor niemandem zurückweiche, auch nicht aus Furcht vor dem Tode, und daß ich meine Unnachgiebigkeit unweigerlich mit dem Leben bezahlen müßte. Was ich sagen will, ist unerquicklich für euch und ermüdend, aber wahr. Ich habe ja, ihr Männer von Athen, sonst nie ein Amt in unserem Staate bekleidet, aber immerhin war ich damals Ratsherr. Und zufällig hatte meine Abteilung, die Antiochis, die laufenden Geschäfte zu besorgen, als ihr die zehn Feldherren, die die schiffbrüchigen Opfer der Seeschlacht nicht gerettet hatten, als Kollektiv aburteilen wolltet - wider das Gesetz, wie auch euch allen später klar geworden ist. Damals habe ich als einziger unter den diensttuenden Ratsherren davon abgeraten, etwas Gesetzwidriges zu tun, und dagegen gestimmt. Und während sich eure Wortführer schon anschickten, mich verhaften und abführen zu lassen, und ihr sie unter lautem Rufen dazu auffordertet, glaubte ich, im Bunde mit Gesetz und Recht aller Gefahr trotzen zu sollen, statt mich aus Furcht vor Haft oder dem Tode euch und euren Unrechtsbeschlüssen anzubequemen. Und dies trug sich zu, während unser Staat noch demokratisch regiert wurde. Als wir dann die Oligarchie bekommen hatten, zitierten die Dreißig mich und vier andere zu sich in den Rundbau; sie gaben uns den Befehl, den Salaminier Leon, der hingerichtet werden sollte, aus seiner Heimat herbeizuschaffen - wie sie ja auch sonst allerlei Leuten allerlei befohlen haben, um möglichst viele zu Mitschuldigen zu machen. Damals habe ich wohl wirklich nicht durch Worte, sondern durch die Tat bewiesen, daß ich um mein Leben - wenn's auch etwas grob klingt - keinen Deut besorgt bin, daß sich alle meine Sorge darauf richtet, kein Unrecht und keinen Frevel zu begehen. Denn ich habe mich ja durch dieses Regime nicht einschüchtern lassen, daß ich - so mächtig es war - etwas Unrechtes getan hätte: als wir den Rundbau verließen, da gingen die anderen vier nach Salamis und schafften Leon herbei, ich hingegen machte mich aus dem Staube und ging nach Haus. Und vielleicht hätte ich deswegen sterben müssen, wenn das Regime nicht bald darauf gestürzt worden wäre. Diesen Vorgang können euch viele bestätigen.

21. Glaubt ihr jetzt, ich hätte so viele Jahre überstanden, wenn ich politisch tätig geworden wäre und dabei, wie es sich für einen anständigen Menschen gehört, stets die gerechte Sache unterstützt und dies pflichtgemäß für meine wichtigste Aufgabe gehalten hätte? Weit gefehlt, ihr Männer von Athen, und bei keinem Menschen ware das anders gewesen. Von mir aber wird man annehmen, daß ich während meines ganzen Lebens der gleiche geblieben bin, bei meinen gelegentlichen politischen Betätigungen und ebenso im Umgang mit einzelnen: ich habe nie jemandem Zugeständnisse gemacht, die wider das Recht sind - weder sonstwem noch einem aus der Zahl derer, von denen meine Verleumder sagen, sie seien meine Schüler. Ich bin ja nie jemandes Lehrer gewesen. Wenn mir aber jemand zuhören wollte, wie ich redete und meinen Auftrag vollzog, ein Jüngerer oder ein Älterer, dann habe ich nie etwas dagegen gehabt, und es ist nicht so, daß ich, wenn ich dafür bezahlt werde, meine Gespräche führe, sonst aber nicht. Vielmehr bin ich in gleicher Weise bei Reich und Arm bereit, mich fragen zu lassen, und wenn jemand will, dann kann er auch antworten und hören, was ich dazu sage. Und ob nun jemand von denen ein ordentlicher Mensch wird oder nicht, dafür kann man mich billigerweise nicht verantwortlich machen - habe ich doch nie jemandem von ihnen ein bestimmtes Wissen versprochen oder ihm Unterricht darin erteilt. Wenn aber jemand behauptet, er habe je etwas von mir gelernt oder zu hören bekommen, was nicht auch alle die anderen erfahren konnten, dann seid versichert, daß er nicht die Wahrheit sagt.

22. Doch wie kommt es, daß manche ihre Freude daran haben, viel Zeit mit mir gemeinsam zu verbringen? Das habt ihr schon gehört, ihr Männer von Athen, ich habe euch die volle Wahrheit gesagt: es macht ihnen Freude, zuzuhören, wie Leute auf die Probe gestellt werden, die sich für weise halten, ohne es zu sein. Das ist nämlich recht vergnüglich. Mir aber ist, wie gesagt, vom Gotte auferlegt, dies zu tun: durch Orakelsprüche, durch Träume und auf jede Weise, in der irgendeine göttliche Instanz einem Menschen irgend etwas zu tun auferlegt hat. Dies, ihr Männer von Athen, ist wahr und leicht zu erweisen. Wenn ich nämlich die jungen Leute teils jetzt verdürbe, teils früher verdorben hätte, dann müßten doch wohl einige von ihnen, sobald sie, älter geworden, erkennen, daß ich ihnen, als sie noch jung waren, irgendwann einmal zu etwas Schlimmem geraten habe, nunmehr entweder selbst vor Gericht gehen, um mich anzuklagen und Vergeltung zu üben, oder es müßten, wenn sie das selbst nicht wollten, irgendwelche Angehörige von ihnen, die Väter oder Brüder oder andere Verwandte, wenn denn wirklich ihren Angehörigen Schlimmes von mir widerfahren wäre, nunmehr darauf zurückkommen und Vergeltung üben. Es sind ja auch viele von ihnen hier anwesend, wie ich sehe: zuerst Kriton dort, desselben Alters und aus demselben Bezirk wie ich, der Vater unseres Kritobulos, dann Lysanias aus Sphettos, der Vater des Aischines hier, ferner Antiphon aus Kephisos, der Vater des Epigenes, sowie folgende weitere Personen, deren Brüder zu meiner Umgebung gehört haben: Nikostratos, Sohn des Theozotides, der Bruder des Theodotos - der ist inzwischen verstorben, er hat also den Nikostratos nicht für mich einnehmen können - sowie Paralios, Sohn des Demodokos, dessen Bruder Theages war, Adeimantos, Sohn des Ariston, der Bruder des Platon dort, und Aiantodoros, der Bruder des ebenfalls anwesenden Apollodoros. Und ich könnte euch noch viele andere nennen, von denen Meletos in seiner Rede doch wenigstens diesen oder jenen als Zeugen hätte anführen müssen. Wenn er's vorhin vergessen hat, dann soll er jetzt einen anführen, ich erlaube es ihm, und sagen, ob er so jemanden hat. Nein - ihr werdet das genaue Gegenteil feststellen, Männer: alle sind bereit, mir zu helfen, mir, dem Verderber, der ihren Angehörigen Schlimmes angetan hat, wie jedenfalls Meletos und Anytos behaupten. Die Verdorbenen selbst hätten ja vielleicht einigen Grund, mir zu helfen; doch die nicht Verdorbenen, ältere Männer schon, die Verwandten dieser Leute: welchen anderen Grund, mir zu helfen, können sie haben als den einzig wahren und gerechten, daß, wie sie genau wissen, Meletos lügt, ich hingegen die Wahrheit sage?

23. Genug, ihr Männer: was ich zu meiner Verteidigung vorzubringen wüßte, ist ungefähr dies und vielleicht noch einiges mehr von dieser Art. Möglicherweise ist manch einer von euch ungehalten, wenn er an sich selber zurückdenkt: daß er auch, als er einen harmloseren Kampf vor Gericht zu kämpfen hatte als ich hier, die Richter unter vielen Tränen bat und anflehte und daß er seine Kinder mitbrachte, um möglichst viel Mitleid hervorzurufen, sowie andere Angehörige und zahlreiche Freunde - während ich nichts von alledem zu tun gedenke, obwohl bei mir, wie ich meinen möchte, das Außerste auf dem Spiele steht. Vielleicht fühlt sich mancher, wenn er dies bedenkt, in seiner Selbsteinschätzung desto mehr von mir gekränkt, so daß er, eben hierüber erzürnt, im Zorne seine Stimme abgibt. Falls nun jemand von euch so eingestellt ist - ich möchte es nicht annehmen, doch gesetzt den Fall -, zu dem sage ich doch wohl, scheint mir, etwas Richtiges, wenn ich sage: Auch ich, mein Bester, habe so etwas wie Angehörige. Denn auch auf mich trifft das Homerwort zu, ich stamme nicht von Eichen noch von Felsen ab, sondern von Menschen, so daß auch ich Angehörige habe, drei Söhne, ihr Männer von Athen, von denen einer schon halb erwachsen ist, und zwei noch kleine Kinder. Und trotzdem lasse ich keinen von denen hierher bringen, um einen Freispruch von euch zu erwirken. Warum will ich nichts von alledem tun? Nicht weil ich hochmütig bin, ihr Männer von Athen, noch weil ich euch geringschätze! Abgesehen davon, oh ich den Tod verachte oder nicht - das ist eine andere Frage - : wenn uns unser Ruf etwas gilt, dann ist es, glaube ich, für mich und für euch und für die ganze Stadt nicht gut, daß ich irgend etwas hiervon tue, in meinem Alter und bei meinem Namen, ob der zu Recht besteht oder nicht - man ist ja nun einmal überzeugt, daß sich Sokrates irgendwie von all den anderen Menschen unterscheidet. Wenn diejenigen unter euch, die sich, wie es scheint, durch Weisheit oder Mut oder eine andere gute Eigenschaft auszeichnen, so auftreten wollten, dann wäre das eine Schande. In dieser Weise habe ich bedauerlicherweise schon oft Leute vor Gericht stehen sehen, die, obwohl sie doch hohes Ansehen genossen, ganz sonderbare Dinge taten, als ob sie glaubten, etwas Schlimmes erdulden zu mussen, wenn sie stürben, und als ob sie unsterblich wären, wenn ihr sie nicht zum Tode verurteiltet. Die hängen, wie mir scheint, der Stadt nur Schande an, und so könnte wohl auch mancher Ausländer mutmaßen, daß sich selbst hervorragend tüchtige Athener, d. h. diejenigen, denen die eigenen Mitbürger bei den Ämtern und sonstigen Ehrenrechten den Vorzug geben, in nichts von Weibern unterscheiden. Dies also, ihr Männer von Athen, dürft weder ihr tun, die ihr doch einiges Ansehen genießt, noch dürft ihr's, wenn wir es versuchen, geschehen lassen. Ihr müßt vielmehr zeigen, daß ihr jemanden, der solche Rührstücke aufführt und die Stadt damit lächerlich macht, weit eher verurteilt als den, der darauf verzichtet.

24. Abgesehen von unserem Rufe, ihr Männer, scheint es mir nicht recht zu sein, daß jemand seinen Richter anfleht und, wenn er das tut, einen Freispruch erlangt: er soll vielmehr beweisen und überzeugen. Denn nicht dazu ist der Richter eingesetzt, nach Willkür Recht zu sprechen, sondern dazu, ein gerechtes Urteil zu finden, und er hat geschworen, sein Amt nicht, wie es ihm beliebt, zum Zwecke der Begünstigung, sondern nach Maßgabe der Gesetze auszuüben. Folglich dürfen weder wir euch daran gewöhnen, euren Eid zu brechen, noch dürft ihr euch daran gewöhnen lassen; das ware von keinem von uns recht getan. Mutet mir also nicht zu, ihr Männer von Athen, euch gegenüber zu tun, was ich weder für schön noch für gerecht noch für gottesfürchtig halte, zumal ich ja doch - ist's möglich? - von diesem Meletos wegen Gottlosigkeit angeklagt bin. Denn das ist klar. wenn ich euch zu beeinflussen suchte und durch Bittflehen nötigte, euren Eid zu verletzen, dann würde ich euch lehren, das Dasein von Göttern zu leugnen, und ich würde mich, indem ich mich verteidige, geradezu selbst bezichtigen, daß ich nicht an Götter glaube. Doch davon bin ich weit entfernt. Denn ich glaube an sie, ihr Männer von Athen, wie keiner meiner Ankläger, und ich stelle es euch und dem Gotte anheim, meinen Fall so zu entscheiden, wie es für mich und für euch das Beste ist. ...


Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)

LV Gizewski SS 2002