Einleitung zum WWW-Skript 'Religion und Geschichte in der Bibel und in anderen antiken Quellen'. 

1. Zweck und Aufbau des Skripts.

Das vorliegende Skript faßt wichtige Elemente des Vortrags einer Vorlesung/Übung des Autors im WS 1998/99 zusammen und baut sie da, wo der Vortrag der begrenzten Zeit wegen unbefriedigend fragmentarisch blieb, etwas aus. Es versteht sich, daß nicht der gesamte Vorlesungsinhalt hier wiedergegeben werden kann und soll. Eine Ergänzung oder Verbesserung der einen oder anderen Passage des Skripts ist damit nicht ausgeschlossen. Entsprechende Leserhinweise sind willkommen.

Erst recht ist mit diesem Skript nicht eine eingehende Erörterung der Vielzahl der thematischen und fachlichen Aspekte beabsichtigt und möglich, die mit dem absichtlich weit gefaßten Rahmen der Lehrveranstaltung zusammenhängen. Vielmehr hat das Skript dieselbe Aufgabe, wie sie der Vortrag hatte:

Übersichten über die Religions- und die Allgemeingeschichte der Antike 'im Umfeld der Bibel' zu ermöglichen,

zentrale Fragen der antiken Religionsgeschichte im Verhältnis zu denen der Allgemeingeschichte anzusprechen,

auf die Vielzahl der dabei an sich zu berücksichtigenden Fachdisziplinen, Sprachen, Schriften und Quellenkomplexe hinzuweisen, die nicht nur kein Student, sondern auch kein Vertreter einer dieser Disziplinen alle beherrschen kann,

aber dennoch einen sinnvoll weitgefaßten Rahmen einer zusammenfassenden Erörterung für das immer wieder zu beobachtende Interesse der Studenten an an solchen Themen - ohne alllzu starke Behinderung durch fachdisziplinäre Kompetenzgrenzen - bereitzustellen und so

Anregungen für verschiedene denkbare Formen der eigenen wissenschaftsnahen Weiterarbeit der Studenten zu geben.

Es wäre ferner nach Auffassung des Autors falsch, auch in einer rein wissenschaftlich konzipierten Publikation entgegen den Tatsachen völlig davon absehen zu wollen, daß Fragen nach den religiösen oder generell nach 'Glaubens'-Formen - sei es der Vergangenheit der eigenen, sei es fremder - Kulturen, auf verschiedene Weise auch persönliche Orientierungen des heutigen Hörers oder Lesers betreffen und für sie sogar eine lebenspraktische Bedeutung insoweit haben können, als sie der Vergewisserung und Erklärung dessen, was heutigen Formen des 'Glaubens' - verstanden in einem weiten, nicht notwendig religiösen, aber im allgemeinen dennoch religiös gepägten Sinne - sind, dienen können. Auch für die Auseinandersetzug zwischen unterschiedlichen Formen des 'Glaubens', die ja immer wieder einmal, wie es in der Natur der Menschen zu liegen scheint, konfliktorientiert angelegt zu sein pflegen, hat die historische 'Relativierung' eigener Positionen, Bedeutung. Sie werden dadurch dennoch nicht etwa aufgehoben oder müssen dadurch gar gegenstandslos werden - eben weil sie Positionen des Glaubens sind. Allerdings sind dem Wissenschaftler von seiner Aufgabe her, die ihren eigenen Sinn hat, hier Grenzen gesetzt: er verkündigt nicht, sondern beschreibt und erklärt. Er tut dies auf seine Weise immer auch einmal in menschenfreundlicher Absicht und ohne Gott oder die Götter beleidigen zu wollen, die wenn es sie gibt, von seiner Einschätzung kaum abhängig sein dürften.

Dazu auch: S15 (Die Bibel und andere Zeugnisse antiken Glaubens als Gegenstand geistigen Interesses).

Ausgangs- oder Vergleichsbasisbasis für die Darlegungen ist in den einzelnen Kapiteln immer wieder die 'Bibel'. Sicherlich ist sie - nach der Fülle der heute vorliegenden Forschungsergebnisse zur Religionsgeschichte aller Epochen und Bereiche des Altertums - vom alten Sumer bis zum spätkaiserzeitlichen, noch-heidnischen Rom - nicht der einzige mögliche Einstieg in das Thema 'Religions- und Allgemeingeschichte des Altertums'. Aber die 'Bibel' ist angesichts der bis heute fortreichenden der Traditionen des Christentums und des Judentums ein naheliegender. Manche Anknüpfung an vorhandenes Wissen bei den Hörern ist möglich. Wo solches Wissen nicht vorhanden ist, läßt es sich sinnvoll ergänzen. Dabei läßt sich das historische Verständnis der in der Bibel mitgeteilten Glaubensinhalte und Kulturzustände, das zumeist auf eine gläubige jüdische oder christliche Tradition konzentriert ist, relatvieren, indem es auf die vielfältige und veränderliche geschichtliche 'Umwelt' teils anderer, teils ähnlicher Religions- und Kulturerscheinungen des Altertums bezogen wird, von denen das Christentum und das Judentum schließlich - wenn auch bei genauerem Zusehen sie keineswegs allein - im europäischen Bereich bis heute übrig blieben.

In den beiden ersten Kapiteln werden Übersichten zur Religionsgeschichte und zur Allgemeingeschichte vor allem des 'Alten Orients' gegeben, d. h. der Zeiten und Räume des Altertums, die man auch als 'Umfeld des Alten Testaments des Bibel' bezeichnen kann. Die Konzentration - wenn auch nicht Beschränkung - auf den Alten Orient in diesem Stelle des Skripts ergibt sich aus der Bedeutung des von christlicher Seite so gennannt 'Alten Testaments' als 'Einstiegs' in die 'älteren' Formen und Epochen der Religionsgeschichte des Altertums, von denen die Religionen des 'jüngeren', d. h. des hellenistischen und des römischen Altertums, einschließlich der damaligen Entwicklungsformen des Judentums und des Christentums einerseits stark geprägt sind und sich andrerseits ihrer Epoche entsprechend unterscheiden.

In den Kapiten 3 - 6 stehen dann - aus der Sicht des Historikers - zentrale Themen antiker Religionsgeschichte im Mittelpunkt:

Gott und Gottesvolk: Die politisch-konstitutive Gewalt des göttlichen Willens im Raum der biblischen Überlieferung.
Göttliches Gebot und menschliches Recht: Ermittlung und Deutung göttlichen Willens und letztgültiger Normen in religiös fundierten antiken Rechts- und Sittenordnungen.
Gottes altes und neues Wort: Abgrenzung, Verbreitung, Verbindung und Neubildung religiöser Glaubensformen in der Antike und später.
Gottes Fügung und Verheißung: Die Deutung der Geschichte und der Zukunft in der Antike.

Die Erörterung in diesen Kapiteln geht jeweils von Übungen aus, in denen biblische und nicht-biblische Quellentexte antiker Religions- und Allgemeingeschichte nebeneinander gestellt und im Vergleich analysiert werden. Hier ist , soll der Rahmen eines Skripts nicht gesprengt werden, jeweils nur eine sehr beschränkte Auswahl der Beispiele und auch nur deren knappe Kommentierung möglich, obschon die Erörterung sicherlich in die Weite drängt. Der Leser ist, wie erwähnt, ggf. aufgerufen, seine eigenen Wege weiterzugehen.

Die Literatur- und Quellenhinweise der einzelnen Kapitel und des Allgemeinen Verzeichnisses sollen ihm das erleichtern. Auch hier handelt es sich nicht um umfassende Aufstellungen, die dem Autor zumindest in diesem Zusammenhang weder möglich noch sinnvoll erschienen., sondern einerseits um Belege für seine Ausführungen und andrerseits um Leseanregungen. Sie sollen den Leser nicht entmutigen, sondern er sollte sie nutzen.

2. Zur allgemeingeschichtlichen Bedeutung des Themas und den verschiedenen an seiner Erforschung beteiligten wissenschaftlichen Disziplinen.

Die allgemeinhistorische Bedeutung des Gesamtthemas, d. h. auch seines weitgespannten Rahmens, welcher Vergleichsbetrachtungen in einem größeren altertumsgeschichtlichen Maßsstab erst ermöglicht, läßt sich genauer wie folgt zusammenfassen:

1) Aus Sicht der biblischen Überlieferung scheint das religiöse Moment als bestimmender Faktor des Lebens für das Volk Israel und für die ihm nachfolgende Christenheit eine ganz besondere Bedeutung zu haben. Doch erweist es sich im Vergleich der verschiedenen Religionen der altorientalischen ebenso wie der griechischen und der römischen Geschichte in Wirklichkeit als Allgemeingut der verschiedenen Altertumskulturen - zwar in unterschiedlichen Typen der Erscheinung, aber überall prinzipiell bestimmend für die Ideenwelt, die politische und rechtliche Ordnung oder die alltägliche Praxis des sozialen Lebens.

a) Der Religion pflegt in der Antike insbesondere - wenn auch auf verschiedene Weise - eine politisch-konstitutive Rolle im Selbstverständnis einzelner Gemeinwesen zuzukommen. In ihrer wert- und zieldefinierende Funktion erinnert sie sogar ein wenig an eine moderne 'Verfassung'.

b) Die Religion ist ferner eine allenthalben maßgebliche oder einflußreiche Basis der Rechts- und der Sittenordnung, d. h. auch dort, wo es - wie etwa im 'ius profanum des 'römischen Rechts- besonders definierte 'profane' Bereiche normativer Ordnung gibt.

c)) Die Religion pflegt in antiken Gemeinwesen schließlich ein Rahmen für wichtige Konzepte der Deutung der menschlichen Natur und ihrer gesellschaftlichen Ordnung, ihrer Vergangenheit und ihrer Zunkunft zu sein (wie z. B. im Typus einer eschatologischen Deutung der Geschichte) ; sie hat insoweit eine kardinale Stellung für jeweils darauf fußende Mentalitäten und geisteskulturelle Enwicklungen.

2) Der - dem eigenen Selbstverständnis prinzipiell widersprechenden - historisch-dynamische Charakter antiker Religionen wird erst bei vergleichender Betrachtung und über längere Zeiträume deutlich erkennbar. Das gilt für die israelitisch-jüdische Religion ebenso wie für ihre Nachbarreligionen im altorientalischen Raum, für die nicht-christlichen Religionen Griechenlands und Roms ebenso wie für das antike Christentum. Abgrenzung, Verbreitung, Verbindung und Neubildung religiöser Formen sind dabei von prinzipieller kultureller Bedeutung, weil sie Kernbereiche sozialer Systeme auf Dauer stellen oder neu definieren und insoweit ein wichtiges Moment allgemeingeschichtlicher Entwicklung darstellen.

3) All diese allgemeinhistorisch wichtigen Aspekte betreffen nicht nur den Alten Orient, sondern auch die Epochen des griechischen und des römischen Altertums und darüber hinaus- inbesondere durch Vermittlung des Christentums - auch der nachantiken Geschichte in Europa. Bis zur Gegenwart hin - und selbst bei Vorherrschen 'nicht-relegiöser' bzw. 'säkularisierten' Formen allgemeinen Bewußtseins - sind sie von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Erklärung historisch wirksamer Einstellungen und Sachverhalte (dazu eingehend etwa das WWW-Skript 'Moderne politische Ideenwelt und antike Tradition').

Die bei einem solchen Gesamtthema zu vermittelnden wissenschaftlichen Informationen müssen notwendigerweise von folgendem ausgehen: die heutige Spezialisierung der wissenschaftlichen Disziplinen im Bereich der Geschichte, der Sprachen und Schriften, der Religionen usw. des Alten Orients einschließlich der in diesem Rahmen gebildteten 'hilfswissenschaftlichen' Sonderentwicklungen (z. B. bei der Beherrschung der Kenntnisse über das archäologische und epigraphische Material) schließ es prinzipiell aus, daß ein einziger Wissenschaftler, auch wenn er für das Fachgebiet 'Alte Geschichte' fachlich zuständig ist, schon deshalb etwa - jedenfalls annäherungsweise - alle zu berücksichtigenden Aspekte aus eigenem wissenschaftlich fundierten Urteil angemessen selbst zu beurteilen vermöchte. Er vermag vielmehr nicht einmal mehr als wenige alte Sprachen und Schriften des Alten Orients angemessen zu beherrschen. Dieses Nichtwissen - nach strengen wissenschaftlichen Maßstäben - verbindet ihn also prinzipiell mit jedem Studenten oder interessierten Laien, der sich dem Gesamtthema nähert. Dies Problem betrifft im übrigen alle Fachdisziplinen, die es mit dem hier zu behandelnden Thema der Altertumsgeschichte zu tun haben.

Dennoch ist eine die Kenntnisse der hier beteiligten verschiedenern Disziplinen zu allgemeingeschichtlichen Orientierungszwecken zusammenfassende Darstellung wichtiger Ergebnisse verschiedener Disziplinen schon wissenschaftlich-grundsätzlich immer wieder erforderlich - im Hinblick auf die verständliche und wirksame wissenschaftliche Lehre ebenso wie im Hinblick auf das Forschungselbstverständnis der althistorischen Teildisziplin selbst: sie muß sich eben als Teil eines Gefüges verschiedener Arbeitsrichtungen ansehen und sich immer wieder auch auf das einstellen, was die Nachbarbereiche hervorbringen.

Das gilt in besonderem Maße etwa für die spezielle Frage, welche Bedeutung die Bibel als allgemein- und religionsgeschichtliche Quelle für den Alten Orient hat. Noch vor zweihundert Jahren, vor Beginn der Entwicklung der archäologischen und schriftbasierten Erforschung der verschiedenen Regionen des Nahen Ostens, für die etwa die Hieroglyphenentzifferung durch Francois Champollion i. J. 1822 als wichtige Marke gelten kann, mußte sie als singuläres Zeugnis dortiger Geschichte erscheinen - wegen dieser Einmaligkeit und wegen ihrer traditionellen theologischen Bedeutung darüberhinaus für einen quellenkritischen althistorischen Zugriff oft nur bedingt verwendbar. Doch bereits im Laufe des 19. Jhts. - mit der schnell fortschreitenden Entzifferung der verschiedenen Bild-, Keilschriften- und Alphabetsysteme des Alten Orients - hat sich über eine unüberschaubare Zahl von Inschriften und Papyri, welche die archäologische Forschung erschloß, ein immer weiter differenzierte und materialreicheres Kenntnis über Sprachen, Völker, Kulturen, Religionen und politische Systeme des Alten Orients ergeben - mit der Folge auch der Zunahme spezieller Disziplinen für ihre Betreuung und Fortentwicklung: Altorientalistik, Semististik, Ägyptologie, Hethististik, Iranistik, Arabistik - und innerhalb dieser wiederum etwa religions-, wirtschafts- oder rechts- oder geistes- und wissenschaftsgeschichtlicher Sonderbereiche der Forschung. Zwar ist die Bibel nach wie vor ein 'einmaliges' Zeugnis altorientalischer Geschichte, aber nur i. S. von 'inhaltlicher Bedeutung', nicht im Sinne von 'Singularität'.

Der fachlichen Differenzierung der 'Wissenschaften vom Altren Orient' standen immer wieder Versuche gegenüber, die Vielfalt zusammenzubringen und einprägsam darzustellen. Ein prominentes Beispiel dafür aus älterer Zeit ist etwa die 'Geschichte des Altertums ' von Eduard Meyer (Erstauflage der verschiedenen Bände zwischen 1884 und 1902) , die sich den weiten Räumen und der Jahrtausende umfassenden Extension der altorientalischen Geschichte zusammenhängend widmete und doch - auf eine von Eduard Meyer selbst als unvollkommen empfundene Weise - in ihren vielen Neuauflagen stets einer differenzierten Wissenschaftsentwicklung hinterhereilen oder sie ausdrücklich unberücksichtigt lassen mußte. Berücksichtigt man dies, so ist das Werk Meyers auch für heutige Orientierungszwecke empfehlenswert geblieben. Eine andere - und im vorliegenden Fall besonders wissenschaftsangemessene Vorgehensweise ist - wenn organisatorisch möglich - die interdisziplinären Kooperation bei thematischen Sondergebieten oder auch bei der Herausgabe von Quellen; eine solche liegt etwa vor in dem in seiner Fülle beeindruckenden und dennoch nur exemplarische auswählenden Werk 'Texte aus der Umwelt des Alten Testaments', hg. von O. Kaiser, Gütersloh 1982 - 1985 , aus dessen Bd. I und II weiter unten (unter P. 4. b) die Inhaltsverzeichnisse wiedergegeben werden. Für Zwecke der wissenschaftlichen Lehre aber auch vereinfachende Gesamtdarstellungen sinnvoll wie z. B. die Zusammenfassung wichtiger Elemente einer 'Umweltgeschichte des Alten Testaments' durch Martin Noth in: Die Welt des Alten Testaments'. Eine Einführung, Freiburg u. a. O. 1991.

Gilt schon für die eben angeführten Beispiele, daß ihre Autoren gelegentlich auf das Exemplarische oder Vorläufige ihrer Zusammenfassung hinweisen, so ist um so mehr für dieses Skript - z. B. die nachfolgenden Datenübersichten und Schemata - die Notwendigkeit zu betonen, daß unter Zurückstellung mancher Genauigkeitseinwände von komptenterer Seite lediglich eine kurze Einführung ermöglicht werden soll. Sie soll einige Elemente historischer und besonders auch religionsgeschichtlicher Allgemeinbildung mit verschiedenen Einstiegen in die Möglichkeit genauerer wissenschaftsangemessener Information verbinden und dabei zugleich dem WWW-Medium gerecht werden. Auf die angegebene Literatur, von deren Studium ein WWW-Skript nicht entbinden kann und will, sei deswegen nochmals ausdrücklich hingewiesen. 

Christian Gizewski, im April 1999.


 

Vl/Ue Gizewski WS 1998/99