Kap. 3: Gott und Gottesvolk: Die politisch-konstitutive Gewalt des göttlichen Willens in der Antike.

  INHALT

1. Einleitung und Übersicht: Die Erscheinungsformen Gottes als Garanten für menschliche Gemeinschaften und Gemeinwesen. Heiligung, Reinheit und Auserwähltheit als Formen der Gemeinschaftsbildung auch im politischen Raum. Der 'Gotttesvolk'-Begriff.

2. Gott als Gott eines Staates und Volkes in anderen Bereichen des Alten Orient (Ägypten, Assyrien, Babylonien, Iran).

3. Gott als Garant des Gemeinwesens in der israelitisch-jüdischen Geschichte.

4. Griechische und römische politische Religion.

5. Gott als Garant des Gemeinwesens in der christlich-antiken Geschichte.

6. Literatur, Medien, Quellen.

1. Einleitung und Übersicht: Die Erscheinungsformen Gottes als Garanten für menschliche Gemeinschaften und Gemeinwesen. Heiligung, Reinheit und Auserwähltheit als Formen der Gemeinschaftsbildung auch im politischen Raum. Der 'Gottesvolk'-Begriff.

ÜBUNG.

Gottgewollte und durch das Schicksal vorherbestimmte Territorialherrschaft.  

Untersuchen Sie den Bibel-Text 5. Mos. Kap. 6, 13 - Kap. 7, 13 und den Text Vergil 6. Gesang, 753 - 853 unter folgenden Aspekten:

1) In welcher Weise ist dem jeweiligen antiken Volke ein eigenes Existenzrecht garantiert und eine eigene politisch-historische Mission durch göttlichen Willen übertragen? Wo liegen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der göttlich gewollten Rechte und Pflichten des Volkes?

2) Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten bestehen in der schriftlichen Wiedergabe des göttlichen Willens?

Zu den Texten siehe: Uebung_B.

Zur Lösung der Übungsaufgaben: Loesung_B.

Religionen, zumal der Antike, haben im allgemeinen Bedeutung nicht nur für persönliche-individuelle Formen der Frömmigkeit und Überzeugung, sondern auch für Kultformen und -traditionen im Bereich des Hauses, der Familie, generell der Verwandtschaft i. w. S. und vor allem für Zeremonien, Kulthandlungen und Entscheidungsprozesse der öffentlichen Sphäre, d. h. sie haben Bedeutung auch für für Herrschaftsausübung und Politik. Gegenüber der heutigen Gegenwart, in der das religiöse Moment - zumindest in der Verfassungsordnung europäisch geprägter Staaten - im Hinblick etwa auf die Prinzipien einer grundsätzlich verbürgten plural angelegten Religions- und Meinungsfreiheit in seiner Wirksamkeit zurücktritt - wenn auch nicht aufgehoben ist -, ist in den Staaten und politischen Gemeinschaften der Antike durchweg irgendeine jeweils - zumeist von traditionswegen, gelegentlich auch nach Neueinführung - dominante Religion festzustellen, die, selbst wenn andere Religionsformen neben ihr zugelassen sind, wichtige Funktionen des öffentlichen Lebens mitbestimmt. Diese Mitbestimmung kann sich in verschiedenen Zusammenhängen auswirken, nämlich :

I. bei der Legitimation der Herrschaft, politischer Statusrechte und wichtiger politischer Entscheidungen,
II. bei der Definition der tragenden sozialen Gruppen und Stände und einer 'richtigen Ordnung' des gesellschaftlichen Lebens,
III. bei der Abgrenzung eines sich als Gemeinschaft oder Gemeinwesen organisierenden Volkes gegenüber anderen Völkern einschließlich seiner Territorialherrschafts- und Reichsbildungsansprüche und
IV. bei den Verfahren der öffentlichen Ermittlung göttlichen Willens und der Deutung göttlich offenbarter Wahrheit für Zwecke des öffentlichen Lebens.

So pflegen etwa in solchen ZusammenhängenVorstellungen von einer gottgewollten Herrschaft oder dem besonderen Schutz, den eine Gottheit einem Gemeinwesen zuteilwerden läßt, zu bestehen und ihnen korrespondierende über eine Annäherung oder Anteilnahme der Herrschaft an die göttliche Sphäre. Herrscherliche Tugenden erscheinen im allgemeinen auch als gottgefällig und als insoweit segensreich für den Herrschaftsbereich. Politische Entscheidungen - nicht nur über Krieg und Frieden, sondern auch über politische Alltagsangelegenheiten - erfahren oft in vorgeschalteten Verfahren zur Befragung der Gottheit eine Stützung durch den göttlichen Willen.

Ferner können Vorstellungen von Gottnähe und sittlicher Gottwohlgefälligkeit, kultischer Reinheit und gott- oder schicksalsbestimmter Auserwähltheit und Mission einzelner Menschen, Stände oder auch eines ganzen Volkes in der Welt eine politische Abgrenzungsfunktion erhalten, die sie im Rahmen individuell-persönlicher Frömmigkeit oder privat-häuslichen Kults nicht zu haben pflegen. Der Begriff des 'Gottesvolks' des Alten und des Neuen Testaments der Bibel , wie er in Judentum und Christentum ein wichtige Rolle spielt, ist dafür ein Beispiel.

Zu einem politisch-öffentlichen Kultuswesen pflegen etwa Priesterschaften und Götterbefragungsverfahren zu gehören, die öffentlichen Zwecken dienen, wie z. B. der Versöhnung einer dem Gemeinwesen zürnenden Schutzgottheit des Staates durch Opfer, der Vergegenwärtigung einer staatsnahen Gottheit in Tempelkult und Prozessionen oder der Befragung der Gottheit nach ihrem - überspitzt gesprochen - 'politischen Willen'.

Solche - zumeist auch in unpolitischer Form denkbaren und ursprünglich angelegten , aber politisch trächtigen - Vorstellungen gibt es nicht nur im Bereich biblisch basierter Religion, sondern in ähnlicher Form auch in anderen Religionen des Altertums, wie der Vergil-Text der obigen Übung zeigt. Solche Denkmuster sind generell nichts, was einer bestimmten Religion eigen wäre, sondern ergeben sich fast notwendig aus der funktionellen Bindung einer Religion an die politische Sphäre, wo immer sie stattfindet. Eine solche ist einer Religion auch nicht etwa wesensfremd, wie man aus der Perspekive indviduell-persönlicher Frömmigkeit urteilen könnte. Vielmehr ist im Altertum - um nur von diesem zu reden - auch die öffentliche Sphäre der Herrschaft und der Politik für ihr Handeln auf die Orientierungen und Normen angewiesen, die ihr eine Religion zu geben vermag. Es wäre daher falsch, bei den Äußerungsformen öffentlich-politischer Religion stets nur an politische Manipulation religiöser Ideen oder religiös verbrämte Argumentation zu denken. Vielmehr ist es dem historischen Verständnis angemessen, prinzipiell alle Äußerungsformen politischer Religion - d. h. von Fällen nachweislichen oder wahrscheinlichen Religionsmißbrauchs abgesehen - inhaltlich ernst zu nehmen, wie wir sie gleichermaßen im Alten Ägypten, im Alten Mesopotamien, in Griechenland und im vorchristlichen Rom - und natürlich auch in Israel und im christlich gewordenen spätantiken römischen Reich vor uns haben. In der Antike spielen religiöse Formen politischen Denkens funktionell eine ähnlich wichtige Rolle wie in 'säkularisierten' politischen Gesellschaften unserer Zeit Verfassungsordnungen und 'Ideologien'.

Um die hier abstrakt skizzierten Gedanken etwas zu erläutern, werden in den folgenden Abschnitten zu 2. - 5. dieses Kapitels nur einige exemplarische Hinweise auf bestimmte staatsreligiöse Züge in einigen Religionen des Altertums gegeben. Eine komplexe Erörterung der hier angesprochenen Fragen für alle wichtigen antiken Religionen scheidet hier naturgemäß völlig aus. Dem Charakter dieses Skripts entsprechend - siehe dazu ggf. die Einleitung - können aber nicht einmal die gegebenen Hinweise eingehend ausgeführt werden. Es muß deshalb in allen Punkten auf die unten zu 6. und im Allgemeinen Literaturverzeichnis angegebenen Titel verwiesen werden, die - auch durch ihre fachwissenschaftlich ausgearbeiteten Literatur- und Quellenangaben - ggf. angemessen detailliertere Auskunft zu geben vermögen

2. Gott als Gott eines Staates und Volkes in größeren Reichsbildungen des Alten Orient (Ägypten, Assyrien, Babylonien, Iran).

Der israelitisch-jüdische Bereich, der sich in der Bibel widerspiegelt, ist - in seinem Verhältnis zu den großen Reichsbildungen der nähöstlichen Nachbarschaft - eine territorial und nach politischem Einfluß zumeist gering-, höchstens einmal mittelgewichtige, im übrigen auch historisch relativ junge Struktur. Die auch politisch zentrale Stellung, die Jahwe im israelitisch-jüdischen Bereich hat, findet sich auf ihre jeweilige Weise - teilweise schon erheblich früher - in den politisch-religiösen Ordnungen der großen Nachbarreiche für andere staatstragende Gottheiten und Göttergruppen.

Für das Ägypten des 'Alten', 'Mittleren' und 'Neuen Reiches' - während des letzteren tritt der Name Israel erstmalig in einer historischen Quelle, der 'Merenptah-Stele' (d. J. 1220 v. Chr.) hervor - sei hier nur auf drei wichtige staatsreligiöse Aspekte hingewiesen:

  1. auf die gottähnliche - wenn auch nach neueren Erkenntnissen wohl nicht ganz gottgleiche - Stellung des Pharao als Mittlers zwischen göttlicher und menschlicher Welt und Garanten der kosmischen Ordnung in der menschlichen Gemeinschaft,
  2. auf das besondere, zwar nach Epochen wechselnde, aber im allgemeinen starke Gewicht der Priesterschaften im staatlichen Aufbau und
  3. auf die Gottheiten bzw. Göttermehrheiten (Triaden bis Enneaden) der im Laufe der Epochen wechselnden Regierungssitze, die in besonderem Maße als 'Staatsgötter' verehrt werden.

Der Veranschaulichung mögen die nachfolgenden Karten dienen, die den Tempelkomplex der Göttertrias Amun, Mut und Chons sowie die Totenstadt von Theben abbilden, zwei räumlich und staatsreligiös- inhaltlich zusammengehörige Komplexe am Orte eines in der Epoche des 'Mittleren' und des 'Neuen Reiches' zumeist benutzten Regierungssitzes.

Theben.GIF

Abb. entnommen aus: H. E. Stier u. a. (Hg.), Großer Atlas zur Weltgeschichte, Westermann-Schulbuch-Verlag Braunschweig 1990 (Sonderausgabe des Orbis-Verlags; eine Neuauflage ist 1998 erschienen), S. 7.

Zur altägyptischen Religion, speziell zu ihren politisch-religiösen Aspekten, sei auf die unten zu 6. und im Allgemeinen Literaturverzeichnis genannten Titel, etwa von J. Assmann und H. Kees, verwiesen.

Für die im mesopotamischen Bereich - mit seinen vielfältigen Stadt- und Flächenreichsbildungen, etwa Sumers, Akkads, Assurs und Babylons, vom 3. bis zum 1. Jahrtausend vor Chr. - kann hier nur auf eine vom ägyptischen Bereich abweichende Form des Herrscherverständnisses hingewiesen werden : der Herrscher tritt im allgemeinen nicht als vergöttlichter oder gottähnlicher auf, sondern als Auftragsempänger vonseiten einer oder mehrerer seine Herrschaft und den Staat schützenden Gottheiten, der zwar gelegentlich priesterliche Funktionen ausübt und die Sache der Gottheiten aktiv vertritt, aber dennoch seinen menschlichen und nicht-priesterlichen Charakter behält. Auch diese Form politischer Religion unterstützt aber in vollem Umfang die religiösen Legi timationsbedürfnisse der Herrschaft.

Der Illustration diene der in Kap. 4 wiederegebene Textauszug aus der Hammurapi-Stele d. 18. Jhts. v. Chr., insbesondere mit seinem Prolog und Epilog (Uebg_C.htm).

Zur den Religionen Sumers, Akkads, Assurs und Babylons, speziell zu ihren politisch-religiösen Aspekten, sei auf die unten zu 6. und im Allgemeinen Literaturverzeichnis genannten Titel, etwa von E. Otto und L. Leipoldt, verwiesen.

Die dominante Religion des dem Ursprung nach iranischen Achämenidenreiches, in deren Mittelpunkt der oberste - und nach der zoroastrischen Reform einzige - Gott Ahuramazda steht, nimmt, was ihre politisch-religiösen Aspekte betrifft, Traditionen der polytheistischen mesopotamischen Religiosität auf. Dies gilt auch für die Betonung gottgefälliger Herrschertugenden, auch wenn hier die Wahrheits- und Treuepflichten einen spezifisch iranisch-religiösen Akzent haben, und für die Identifikation von politisch-militärischem Erfolg eines Herrschers mit der Gottgewolltheit seiner Herrschafts- und Reichsbildung.

Als Beispiel diene der in Kap. 5 wiedergegebene Textauszug aus der dem Beginn des 5. Jhts. v. Chr. entstammenden Behistun-Inschrift des Großkönigs Darius (Uebg_D.htm, dort Text 1 b).

Zu den religiösen Entwicklungen im alten Iran und ihren politschen Aspekten sei auf die unten zu 6. und im Allgemeinen Literaturverzeichnis genannten Titel, etwa von E. Otto, L. Leipoldt und R. Frye, verwiesen.

 

3. Gott als Garant des Gemeinwesens in der israelitisch-jüdischen Geschichte.

Was die politisch-religiösen Aspekte der Religion im israelitisch-jüdischen Bereich im Verlaufe ihrer historisch über etwa anderthalb Jahrtausende belegbaren Altertums-Geschichte betrifft, so kann hier nur auf zwei Aspekte der frühen israelitischen Religion hingewiesen werden.

Bereits in Kap. 1 wurde bei der Erörtertung der '10 Gebote' anhand des Textes 2. Mos. 19, 16 - 20, 26 die Bedeutung Gottes als Gesetzgeber- und Volks-Gottes Israels deutlich. Modernisierend könnte man ihn auch 'Verfassungsgeber' für das Volk Israel bezeichen, wobei es sich allerdings um eine essentiell religiöse und auch in anderen Aspekten nicht-moderne, sondern antike Form politisch-normativer Grundordnung handelt. Ein modern-konstitutioneller Begriff trifft allerdings auch Gottes politisches Wirken in der israelischen Frühgeschichte genau, nämlich der der 'konstitutiven Gewalt': Gott fügt in seiner Allmacht das Gemeinwesen Israel zusammen und gibt ihm seine Form.

Ein weiterer Aspekt ist die Eigenschaft Gottes als Zuweisers eines Territoriums an sein Volk und als Garanten seiner dortigen Existenz, wie der Text 4. Mos. 6, 13 - 7, 13 der obigen Übung B deutlich macht. Die Inbesitznahme größerer von kanaanäischen Völkerschaften lange zuvor besiedelter Landstriche durch die israelitischen Stämme aufgrund ausdrücklicher Anordnung Gottes und nach Kriegssieger-Recht ist ein in der Antike immer wieder beobachtbarer Typus der Verbindung göttlichen Willens mit ethnischen oder imperialen Besitz- und Herrschaftsansprüchen. Der Vergleichstext der Übung macht das etwa für die politisch-religiöse Ideenwelt des augusteisch-römischen Imperiums deutlich.

Zur religiösen Entwicklung und ihren politischen Aspekten im israelitisch-jüdischen Bereich sei auf die unten zu 6. und im Allgemeinen Literaturverzeichnis genannten Titel, etwa von R. de Vaux und G. Maier, verwiesen.

 

 Kartenbilder zur Rekonstruktion der vorisraelitischen Siedlungen in Kanaan und zur ersten Besiedlungsepoche nach der israelitischen Landnahme in Palästina.


Entnommen aus: Yohanan Aharoni, Michel Avi-Yonah, Der Bibel-Atlas. Die Geschichte des Heiligen Landes von 3000 v. Chr. bis 200 n. Chr. 264 Karten mit kommentiernden Texten, ins Deutsche übersetzt von W. Hertenstein, Hamburg 1990, S. 34 und 68. - Zur Vergrößerung in die Bilder klicken.

4. Griechische und römische politische Religion.

Aus der mehr als fünfzehnhundertjährigen Religionsgeschichte der griechischsprachigen Völkerschaften - vor der Übernahme des Christentums - sei hier nur auf drei Aspekte politischer Religion hingewiesen, nämlich

die besondere Bedeutung bestimmter Schutzgötter (wie z. B. Athene) für das öffentliche Leben und die politischen Institutionen der Stadtstaaten, wie sie sich etwa bereits aus zwei Kartenbildern der Akropolis und der Agora des klassischen Athen ergibt
 Athen.GIF

Abb. entnommen aus: H. E. Stier u. a. (Hg.), Großer Atlas zur Weltgeschichte, Westermann-Schulbuch-Verlag Braunschweig 1990 (Sonderausgabe des Orbis-Verlags; eine Neuauflage ist 1998 erschienen), S. 12.

  • die besondere Bedeutung von Schutzgöttern (wie z. B. Zeus oder Apollon) für Bundes- und Vertragsbeziehungen unter griechischen Stämmen und Stadtstaaten, wie sie aus Aufbau und Funktion solcher außerstädtischen Heiligtümer wie Olympia oder Delphi hervorgeht,
     Delphi.GIF

    Abb. entnommen aus: H. E. Stier u. a. (Hg.), Großer Atlas zur Weltgeschichte, Westermann-Schulbuch-Verlag Braunschweig 1990 (Sonderausgabe des Orbis-Verlags; eine Neuauflage ist 1998 erschienen), S. 17.

  • die erst in hellenistischer Zeit - in Übernahme altorientalischer Muster - auftretende 'Vergöttlichung' griechischer Herrscher der hellenistischen Reichsbildungen.

    Zur griechischen Religionsgeschichte sei auf die unten zu 6. und im Allgemeinen Literaturverzeichnis genannten Titel, etwa von M. P. Nilsson und L. Leipoldt, verwiesen.

    Für die seit ihren historisch (archäologisch) belegbaren Anfängen bis zur Übernahme des Christentums etwa tausend Jahre währende nicht-christliche römische Religionsgeschichte sei hier , was ihre politische Seite betrifft, nur auf drei Aspekte hingewiesen:

    1. die zumindest in der früheren römischen Geschichte zentrale Bedeutung der Auspizien und der Befragung der sibyllinischen Bücher bei wichtigen Staatsaktionen,
    2. die Bedeutung- zumindest in der früheren römischen Geschichte - einer sakral abgesicherten Kriegserklärung bei der Kriegführung und
    3. die in augusteischer Zeit voll entwickelte politisch-religiöse Überzeugung von einer göttlich gewollten Weltherrschaftsmission des römischen Volkes.

    Zur Illustration des letzten Punktes sei auf den in der obigen Übung C präsentierten Text Vergil, Aeneis 6, 753 - 853 hingewiesen.

    Zur römischen Religionsgeschichte kann darüberhinaus hier nur auf die unten zu 6. und im Allgemeinen Literaturverzeichnis genannten Titel, etwa von K. Latte und G. Radke, verwiesen werden.

    5. Gott als Garant des Gemeinwesens in der christlich-antiken Geschichte.

    Die unter Abbruch religionspolitischer Tradition erfolgende Zulassung und Förderung des Christentums als 'religio licita' und seine endliche Übernahme als auschließlich im römischen Reich dominierender Staatsreligion durch die römischen Kaiser des 4. Jhts. n. Chr. hat eine Veränderung auch der politischen Religion im römischen Reich zur Folge. Die Stellung des Kaisers wird in der schließlich offiziellen chrstlich-religiösen Doktrin aller göttlichen oder gottähnlichen Elemente entkleidet, die alten vorchristlichen Priesterkollegien und -ämter (einschließlich der kaiserlichen Stellung eines 'pontifex maximus') und die Ordnungen des öffentlichen Auspizien-, Opfer und Festwesens verschwinden, und auch das frühere politisch-religiöse Selbstverständnis von einer gottgewollten Sendung des römischen Volkes oder Reiches tritt zurück gegenüber einet amtlich-theologischen Trennung zwischen 'civitas terrena' und 'civitas Dei', wie sie etwa in dem Werk des Augustinus 'De civitate Dei' (um 420 n. Chr.) Ausdruck findet. Dennoch wirken fort oder bilden sich im christlichen Raum neu Vorstellungen

    1. von einer besonderen religionspolitischen Kompetenz des Kaisers - z. B. bei der Einberufung von Konzilien oder bei der Herstellung allgemeiner rechtgläubiger Frömmigkeit im Interesse des sonst von Gottes Zorn bedrohten Staatsganzen-,
    2. von seiner gottgewollten Herrscherbegabung mit Glück, Sieg und Tugend oder
    3. von einem gottgewollten chistlichen Missionsauftrag des römischen Reiches unter den nicht-christlichen Völkern.

    Diese Elemente christlich-römischer Staatsreligion sind , obschon im Bereich der christlichen Theologie immer wieder einmal heftig umstritten, für die christlichen Herrschaften und Reiche des Mittelalters und darüberhinaus von vielfältiger wirkungsgeschichtlicher Bedeutung gewesen.

    Zur politischen Religion der christlichen Spätantike und späterer Epochen ist auf die unten zu 6. und im Allgemeinen Literaturverzeichnis genannten Titel, etwa von P. Kawerau, K. Baus und A. (v.) Harnack, zu verweisen.

    6. Literatur, Medien, Quellen.

     Hinweis auch auf die Angaben des Allgemeinen Verzeichnisses: LitQVerz.htm

    Literatur:

    (Alle Aspekte)

    Martin Noth, 'Die Welt des Alten Testaments. Eine Einführung, Freiburg u. a. O. 1991.

    Eduard Meyer, Geschichte des Altertums, 5 Bde., Stuttgart 1884 und 1902 (1. Auflage); mehrfache Neuauflagen mit teilweise erheblichen Umarbeitungen, so z. B. des 1. Bandes; letzte (4.) Aufl. hg. von E. Stier 1939 - 1958).

    (Zu Ägypten)

    Erik Hornung, Einführung in die Ägyptologie. Stand, Methoden, Aufgaben, Darmstadt 1993 4 .

    H. Kees, Der Götterglaube im alten Ägypten, Berlin 1956 2 .

    M. Lurker, The Gods and Symbols of Ancient Egypt, London 1980.

    Jan Assmann, Ägypten. Theologie und Frömmigkeit einer frühen Hochkultur, Berlin, Köln 1991 2 .

    Hartwig Altenmüller u. a., [Altägyptische] Literatur, Handbuch der Orientalistik 1. Bd. (Ägyptologie), 2. Abschnitt, Leiden, Köln 1970 2 (Religiöse Literatur, S. 82 - 168).

    (Zum Alten Orient, schwerpunktmäßig außerhalb Ägyptens)

    Wolfram von Soden, Einführung in die Altorientalistik, Darmstadt 1985.

    H. W. F. Saggs, Mesopotamien, Assyrien, Babylonien, Sumer, Zürich 1966, S.445 ff. [Religionsgeschichte des alten Mesopotamien].

    E. Otto, O. Eisfeldt, H. Otten, M. Moyce, Religionsgeschichte des Alten Orients, in: Handbuch der Orientalistik (Naher und Mittlerer Osten), 8. Bd.: Religion, 1. Abschnitt . in mehreren Teilbänden (Religionsgeschichte Ägyptens. Kanaan- Ugarits. Kleinasiens und Irans, Leiden 1964, 1975 und 1982.

    L. Leipoldt. G. Wildengren u. a., Religionsgeschichte des Orients in der Zeit der Weltreligionen, in: Handbuch der Orientalistik, 8. Bd., 2. Abschnitt (Beiträge zum Mithras- Attis-Kybele- und Isis-Osiris-Kult, zum Mandäismus, Manichäismus, zentral-asiatischen Buddhismus, frühen Islam sowie zu den verschiedenen Fntwicklungen des Christentums außerhalb der Orthodoxie'), Leiden 1961. Religionen dieser Zeit), Leiden 1961.

    Richard Frye, Persien bis zum Einbruch des Iran, übersetzt von P. Bausdisch, Essen 1975, S. 57 ff. und 188 ff.

    (Zum israelitisch-jüdischen Bereich)

    R. de Vaux, Das Alte Testament und seine Lebensordnungen, 2 Bde., Freiburg 1960 2 .

    J. Maier, Das Judentum. Von der biblischen Zeit bis zur Moderne, Bindlach 1988.

    (Zum griechischen und römischen Bereich)

    M. P. Nilsson, Geschichte der griechischen Religion, 2 Bde., (Vom Beginn des 2. Jts. v. Chr. bis in die römische Zeit), München 1955.

    G. Radke, Die Götter Altitaliens, Münster l979 2 .

    K. Latte. Römische Religionsgeschichte, München 1960.

    Friedrich Klingner, Römische Geisteswelt, München 1965, S. 239 - 326 (u. a. 'Vergil und die geschichtliche Welt').

    R. von Ranke-Graves, Griechische Mythologie. Quellen und Deutung, 2 Bde., Hamburg 1974.

    (Zum Christentum)

    K. Baus. Handbuch der Kirchengeschichte, 7 Bde., Freiburg 1962 - 1979, Bd. l (Jedin).

    P. Kawerau, Geschichte der Alten Kirche, Marburg 1967.

    C. Schneider, Geistesgeschichte der christlichen Antike, 2 Bde., München 1954.

    A. (v.) Harnack, Dogmengeschichte, Leipzig 1898.

    A. v. Harnack, Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten, Leipzig 1924 11.

    G. Alberigo (Hg.), Geschichte der Konzilien. Vom Nicaenum bis zum Vaticanum II, Übersetzung ins Deutsche von A. Berz u. a., Düsseldorf 1993. 

    Medien:

    Yohanan Aharoni, Michel Avi-Yonah, Der Bibel-Atlas. Die Geschichte des Heiligen Landes von 3000 v. Chr. bis 200 n. Chr. 264 Karten mit kommentiernden Texten, ins Deutsche übersetzt von W. Hertenstein, Hamburg 1990, S. 34 und 68.

    H. E. Stier u. a. (Hg.), Großer Atlas zur Weltgeschichte, Westermann-Schulbuch-Verlag Braunschweig 1990 (Sonderausgabe des Orbis-Verlags; eine Neuauflage ist 1998 erschienen), S. 7, 12 und 17.

    Quellen:

    5. Buch Mose (Deuteronomium), Kap. 6, 13 - Kap. 7, 13. Deutsche Übersetzung des Bibeltextes aus: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments [Grosse Familien-Bibel; mit Einleitungen zu allen Büchern und erklärenden Anmerkungen], hg. von P. Thoedor Schwerk und F. A. Herzog, Zürich 1974 4, S. 230). Dt. Übersetzung und wiss. Kommentierung bei: B. E. Kautzsch, A. Bertholet u. a., Die Heilige Schrift des Alten Testaments [wissenschaftliche, kommentierte Übersetzung mit kritischem Apparat], 2 Bde., Tübingen 1922 4 , Bd. 1, S. 271 ff.

    Vergil, Aeneis 6, 753 - 853 (Lat. Text aus: P. Vergilii Maronis Aeneis, in usum scholarum recognovit Otto Ribbeck, Leibzig 1978, S. 212 - 214. Deutsche Übersezung aus: Vergil, Aeneis, verdeutscht von Thassilo von Scheffer, Wiesbaden, um 1943, S. 182 - 187). Kommentierung: Eduard Norden, Vergil, Aeneis, Buch 6, Darmstdt 1963 5 ; zu Vergils Werken generell Friedrich Klingner, Römische Geisteswelt, München 1965, S. 239 - 326 (u. a. 'Vergil und die geschichtliche Welt').

    E. Schmalzriedt (Hg.), Hauptwerke der antiken Literaturen. Einzeldarstellungen zur griechischen, lateinischen und biblisch-patristischen Literatur, München 1976.


     

    Vl/Ue Gizewski WS 1998/99

    Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)