Kap. 4: Göttliches Gebot und menschliches Recht: Ermittlung und Deutung göttlichen Willens und letztgültiger Normen in religiös fundierten antiken Rechts- und Sittenordnungen.

   INHALT

1.Einleitung und Übersicht: Offenbarungsweisen des göttlichen Willens, Deutungsverfahren und Typen göttlichen und profanen Rechts.

2. Zum Verhältnis zwischen göttlichen Gesetzen und obrigkeitlichem Recht in größeren Reichsbildungen des Alten Orient.

3. Zum Verhältnis zwischen Gottes Geboten und den Anordnungen menschlicher Herrschaft im iraelitisch-jüdischen Bereich.

4. Zum Verhältnis zwischen göttlichen Gesetzen und obrigkeitlichem Recht in Griechenland und Rom.

5. Literatur, Medien, Quellen.

1.Einleitung und Übersicht: Offenbarungsweisen des göttlichen Willens, Deutungsverfahren und Typen göttlichen und profanen Rechts.

Wie in den anderen Kapiteln, so ist es auch in diesem nur möglich, die Fülle der historischen Phänomene in einem Einleitungsabschnitt nach einer illustrierenden Übung typologisch zu ordnen und dann in den folgenden zu 2. - 4. in kurzen Hinweisen einige wichtige Aspekte des Themas für verschiedene Räume der Antike anzusprechen. Auf die Literatur- und Quellenhinweise unten zu P. 5 und im Allgemeinen Literatur_und_Quellen-Verzeichnis sei daher auch hier ausdrücklich aufmerksam gemacht.

 

ÜBUNG.

Herrschaftsgewalt und Rechtsordnung aufgrund göttliche Willens.

Untersuchen Sie die aus dem Codex Hammurapi ausgewählten Textstellen unter folgenden Aspekten:

1) Wie begründet der Herrscher seine Herrschaftsgewalt im einzelnen und welche Bedeutung hat sein Verhältnis zu den Göttern dabei.

2) Welcher Art sind die Rechtsregeln ('Urteilssprüche') des Königs und in welchem Maße sind in diesen relgiöse Motive und Ordnungen spürbar?

3) Verschaffen Sie sich einen Überblick über das 2. Buch Mose ab Kap. 19 (im einzelnen: Bundesbuch, Opfer, Heiligkeits- und Reinheitsgesetze) und das 3. Buch Mose ('Leviticus'). Vergleichen Sie unter den o. a. Aspekten die Bibeltexte mit den wiedergegebenen Passagen aus dem Codex Hammurapi und stellen Sie Unterschiede oder Gemeinsamkeiten fest.

Text des Codex Hammurapi siehe: Uebung C.


Zur Illustration:

Abb. entnommen aus: A. Sherratt (Hg.). Die Cambridge-Enzyklopädie der Archäologie, deuschsprachige Ausgabe, München 1980, S. 127.


Zur Lösung der Übungsaufgaben: Loesung_C.

Wo, wie in den religiös fundierten antiken Gemeinwesen aller Art, Gottheiten nach fester Überzeugung aller eine so maßgebliche Rolle im öffentlichen und privaten Leben spielen, stellen sich im Zusammenhang damit zwei grundsätzliche Probleme, nämlich:

I. das der Zuverlässigkeit der Ermittlung eines für das Gemeinwesen maßgeblichen göttlichen Willens, d. h. nach einer verfahrensmäßig abgesicherten Entscheidung zwischen wirklichem und nur scheinbarem göttlichen Willen und

II. das des Verhältnisses eines normativen und zweifellos letztgültigen göttlichen Willens zu einer anderen Form normativer Letztgültigkeit, die durch nicht primär religiöse, sondern im Verfahrenskern herrschaftliche oder politisch-konsensuelle oder - Rechtsfeststellung oder -setzung hergestellt wird. 

Zu P.I.

Es lassen sich folgende Typen der Offenbarung, Ermittlung und Deutung göttlichen Willens unterscheiden:

1. Die aus einem von der Gemeinschaft autorisierten oder als erstzunehmend anerkannten Kontakt mit einer Gottheit unmittelbar hervorgehenden Erkenntnisse über göttlichen Willen, nämlich

1.1 solche aus Verfahren zur Befragung einer Gottheit mit einer konkreten Fragestellung (z. B. bei den Untertypen 'Orakel' oder 'Totenbefragung'),

2.1 solche aus Verfahren zu einer geordneten Beobachtung göttlicher Bekundungen in einem definierten Rahmen ohne konkrete Fragestellung (z. B. bei den Untertypen 'Vogelschau', 'Eingeweideschau', 'Beobachtung eines Opfervorgangs', 'astrologische Gestirnsbeobachtung'),

2.3 solche aus Verfahren zur Deutung ungewöhnlicher, göttlichem Mitteilungswillen zugeschriebener natürlicher Phänomene (Katastrophen, seltener Naturerscheinungen, symbolträchiger Zufälle),

2.4 solche aus Verfahren zur Deutung ungewöhnlicher, einer Nähe zu göttlichem Geist zugeschriebener menschlicher passiver Erlebniszustände (z. B. bei göttlich bewirkten Visionen, Traumeingebungen, Geisteingebungen / Enthusiasmen),

2.5 solche aus Verfahren aktiv unternommener, in Frömmigkeit und Reinheit vollzogener geistiger Versenkung in einen angenommenen göttlichen Untergrund menschlichen Geistes (Mystik) bzw. eines Aufsteigens zu einer göttlichen Geistphäre zur 'Schau' (Theorie) ihrer 'Ideen'.

2. Die aus unbestrittenen, festen Anschauungsgewohnheiten innerhalb einer Bevölkerung und ihrer religiösen Institutionen hervorgehenden, komptenet ausgelegten Annahmen und schriftlichen Berichte über früher offenbarten und gegenwärtig anzunehmenden Willen einer Gottheit; dazu gehören:

2. 1 die kompetente Ermittlung göttlichen Willens aus Formen mündlicher Überlieferung, die als verläßlich gelten, wie z. B. aus sakral oder auch religionsnah-dichterisch übermittelten Mythen bzw. den in ihnen enthaltenen 'Wahrheiten',

2. 2 die kompetente Ermittlung aus Sammlungen von Erkenntnissen aus verbürgtem direktem Umgang mit der Gottheit (z. B. aus Orakelsammlungen wie den 'sibyllinischen Büchern'),

2.3 die kompetente Deutung des segensreichen oder strafenden Wirkens der Gottheit im Schicksal einzelner Menschen oder menschlicher Gemeinschaften, insbesondere im Schicksal von Herrschern, Völkern und Staaten (Geschichtstheologie i. w. S., wie z. B. in der in Uebung C wiedergegeben 'Inschrift von Behistun'),

2. 4 die komptente Deutung von Weisungen und Geboten sittlicher und rechtlicher Art für die menschliche Gemeinschaft, die als von einer Gottheit direkt oder in ihrem Auftrag gegeben verbürgt sind (wie z. B. der 'Zehn Gebote').

In allen Fällen ist nicht nur ein allgemeiner und feststehender Konsens über die Richtigkeit der Verfahrensweise Voraussetzung, sondern jeweils auch ein Deutungsvorgang impliziert, im Rahmen dessen autorisierte Personen oder Instanzen die von ihnen gewonnenen Erkenntnisse über göttlichen Willen im Hinblick auf das öffentliche Handeln der Gegenwart abwägen, auslegen und/oder verbindlich formulieren. Erkennen und Auslegen göttlichen Willens für die öffentliche Zwecke ist in religiös verfaßten Gesellschaften zumeist Aufgabe priesterlicher Beamter und Kollegien, ggf. auch anderer unbestritten der Gottheit als nah geltender Personen (z. B. Propheten).

Die Notwendigkeit, bei Fragen nach dem Willen der Gottheit zumindest für den öffentlichen Bereich zu klaren Entscheidungen zu gelangen, führt notwendigerweise auch zu einer politischen Absicherung bestimmter dafür nötiger Verfahren und Grundannahmen, d. h. zu ihrer politischen Dominanz zumindest bestimmter religiöser Auffassungen und damit auch zur Entstehung solcher Kerne einer 'Staatsreligion'. Unter den historisch belegten Arten des Umgangs mit der Gottheit oder der Überlieferung ihres Willens gibt es zwar kaum eine, die nicht in irgendeinem Zusammenhang als 'öffentlich-dominant', in anderem als 'privat-superstitiös' denkbar und nachweisbar wäre. Dennoch pflegen sich im öffentlichen Religionswesen verschiedenere Völker und Reiche der Antike die für die Ermittlung politisch maßgeblichen Willens der Gottheit anerkannten Verfahrensweisen auf wenige zu beschränken - unter praktischem oder sogar rechtlichem Ausschluß anderer.

Im privaten Bereich dagagen und besonders in der individuell-persönlichen Frömmigkeit erfolgt der Zugang zur Gottheit, wenn auch zumeist in den traditionellen Bahnen eines religiösen Kultes, so doch nicht unter demselben Druck zur eindeutigen Entscheidung wie im öffentlichen Bereich. Aus diesem Grunde gibt es hier auch andere - aus der Perspektive öffentlichen Kults manchmal als superstitiös geltende - Verfahrensweisen, die Religionen zugehören können, die öffentlich nicht dominieren.

Für die politische Geschichte der antiken Völker und Staaten sind die staatsreligiös sanktionierten Verfahren der Ermittlung göttlichen Willens von besonderer Bedeutung, weil sie unmittelbaren Einfluß auf politische Entscheidungen haben können. 

Zu P. II.

Neben dem göttlichen Willen kann es eine andere Art 'letztgültiger' Willensbildung für antike Reiche und Gemeinwesen geben, nämlich die herrschaftliche, beschlußkörperschaftliche, gerichtliche oder amtliche Rechtsetzung oder Rechtsfeststellung. 'Letztgültig' ist diese im Kern nicht-religiöse politische Willensbildung dann und insoweit, als sie eine Entscheidung bewirkt, der die Adressaten ohne legitime Widespruchsmöglichkeit - zumindest auf längere Dauer - unterworfen zu sein pflegen. Beide Formen der Normgeltung pflegen in allen Kulturräumen der Antike bewußt zu sein, allerdings in unterschiedlichem Verhältnis zueinander. Theoretisch können sich praktische Konsequenzen aus ermitteltem göttlichen Willen und aus primär nicht-religiöser politischer Regierungs-, Gesetzgebungs-, Gerichts- und Verwaltungstätigkeit widersprechen. Aus diesem Grunde gibt es mehrere Harmonisierungsmodelle, die beide Geltungsgründe jedenfalls praktisch zumeist in Übereinstimmung zu halten vermögen. Drei Typen lassen sich unterscheiden:

1. Prinzipiell wird alle Sitten- und Rechtsordnung als gottgegeben und folglich auch als von Menschen nicht veränderbar betrachtet. Herrschaftliche, administrative, gerichtliche Rectsanordnungen können sich nur in einem Rahmen betätigen, der ihnen von der religiösen Rechtsordnung als obrigkeitliche Eigenverantwortung eingeräumt ist - allerdimgs verbunden mit einer Respektsüflicht gegenüber dem höherrangigen göttlichen Recht ('gottesstaatliches' Modell, wie es z. B. im israelitisch-jüdischen Bereich der vorrömischen Zeit auszumachen ist).

2. Herrschaftliche oder sonstige Instanzen, die Recht festzustellen oder zu setzen imstande sind, sehen sich unter dem Schutz und im Auftrag einer Gottheit tätig, aber weithin ohne inhaltliche Anweisung durch diese für die Gestaltung der rechtlichen Ordnung, d. h. abgesehen vielleicht nur von den Angelegenheiten, die die von der Gottheit gewollten Prinzipien der Gerechtigkeit und Sittlichkeit unter Menschen oder ihren eigenen Kultus durch die Menschen betreffen ('Ermächtigunsmodell', wie es etwa der Text der Hammurapi-Stele in Übung C zeigt).

3. Die Rechtsordnung des öffentlichen Lebens wird als deutlich als in zwei Teile aufgeteilt begriffen, nämlich in einen Bereich 'sakralen' und in einen solchen 'profanen' Rechts ('Sphärentrennungsmodell', wie es etwa in der römisch-rechtlichen Nebeneinanderstellung eines öffentlichen Rechts der Heiligtümer und Pristerschaften einerseits und der Magistrate andrerseits (Dig. 1, 1, 1, 2) zum Ausdruck kommt.

Aus dem Buch des Juristen Ulpian 'Institutiones' (3. Jht. n. Chr.) entnommenes Zitat in der justinianischen Rechtssammlung 'Digesten' (d. 6. Jhts. n. Chr.) - Dig 1, 1, 1, 2: "... publicum ius est quod ad statum rei Romanae spectat, privatum, quod ad singulorum utilitatem: sunt enim quaedam publice utilia, quaedam privatim. publicum ius in sacris, in sacerdotibus, in magistratibus consistit ... ." 

Ein vierter denkbarer Typ, nämlich die weitgehende Verdrängung eines als nichtfeststellbar oder als Privatsache angesehenen göttlichen Willens aus einer politischen Willensbildung, wie er heutige als primär nicht-religiös verstandene Rechtsordnungen - zwar nicht in jeder Hinsicht, aber doch weitgehend - prägt, ist für die Antike nicht nachweisbar. 

2. Zum Verhältnis zwischen göttlichen Gesetzen und obrigkeitlichem Recht in größeren Reichsbildungen des Alten Orient.

Der oben im Rahmen der Übung C erörterteText der Hammurapi-Stelle bringt ein Modell von Rechtsordnung zum Ausdruck, das bereits erhaltene Rechtstexte aus sumerischer und akkadischer Zeit aufweisen, und er ist beispielhaft für teilweise sehr viel spätere Gesetzgebungstexte des mesopotamischen Bereichs gewesen. Grundlage auch der politischen Ideenwelt in Mesopotamien ist eine traditionsreiche, ursprünglich von der sumerischen Religion ausgehende Mythologie eines Götterpantheons und götternaher großer Menschen (wie z. B. Gilgamesch), in der die jeweiligen besonderen Stadt- und Reichsgötter (wie z. B. Assur oder Marduk) eine zwar hervorragende, aber doch immer in das Ganze der Götterwelt eingebundene Bedeutung haben. Der staatsreligiöse Kult verbindet sich also mit einem differenzenzierten Tempelkult einer Göttervielfalt. Deren Verehrung ist nicht kanonisiert, wenn auch Gegenstand vielfätiger schriftlicher - priesterlicher oder herrschaftlicher - Erörterung. Ihre Befragung, etwa in Orakel-Verfahren oder über astrologische Spekulation, ist auch in öffentlichen Angelegenheiten üblich. Auch Propheten, die in öffentlichen Angelegenheiten Gottes Willen verkünden, sind zeitweilig oder regional nachweisbar. Für das Verhältnis von göttlichen Willensbekundungen für das Gemeinwesen und herrschaftlichen Momenten seiner Gestaltung scheint aber der Hammurapi-Text charakteristisch zu sein. Er ist Ausdruck des o. e. 'Legitimationsmodells', bei der die eigentliche Rechtssetzung Sache des Herrschers ist, der allerdings dabei nach allgemein - auch in der Priesterschaft - herrschender Auffassung unter göttlichem Schutz steht und in einem nicht spezifizierten göttlichen Auftrag handelt.

Im altägyptischen Bereich ist dagegen wegen der zentralen Stellung des Pharao ('Herr des Rituals') bei der theologischen Deutung der wie in Mesopotamien traditionsreichen, einem Götterpantheon geltenden Mythologie und wegen der weitgehenden Einbeziehung der Priesterschaften der vielen Götter u d Göttergruppen in den Staatsaufbau von einem 'gottesstaatlichen' Modell der Rechtsordnung auszugehen. 

3. Zum Verhältnis zwischen Gottes Geboten und den Anordnungen menschlicher Herrschaft im iraelitisch-jüdischen Bereich.

In den älteren Epochen der iraelitisch-jüdischen Geschichte gibt es mehrere - in den Mode-, Richter- und Königsbüchern der Bibel häufig erwähnte - Verfahren zur unmittelbaren Befragung Gottes durch Priester, Richter und Könige. Diese Verfahren verlieren aber schon in der Königszeit für die Findung politischer oder militärischer Entscheidungen zunehmend an Bedeutung. An ihrer Stelle gewinnen oder behalten im Laufe der Entwicklung Verfahren priesterlicher Deutung des göttlichen Wirkens in der geschichtlichen Überlieferung des israelitischen Volkes Bedeutung, wie sie sich allmählich in den später zusammengefügten Textschichten der Bibel verschriftlicht, und prophetische Formen des unmittelbaren Zugangs zum Willen Gottes und seiner öffentlichen Verkündigung. Die königliche Herrschaft bleibt zwar - trotz gelegentlicher priesterlicher Handlungen der Könige - deutlich vom Priesteramt unterschieden und hat, wie z. B der Text 1. Sam. 8, 10 - 22 deutlich macht, eigene nicht-religiöse Kompetenzen - der Rechtsprechung, der Steuererhebung, der Dienstverpflichtung, der Kriegführung. Dennoch ist das königliche Handeln immer einegbunden in die von Gott gegebene, priesterlich gedeutete, in der Rechtsprechung smaßgebliche und ggf. prophetisch in Erinnerung gebrachte von Gott stammende Rechts- und Sittenordnung. Das gilt nicht nur für die Zeit bis zur babylonisschen Gefangenschaft (587 - 539 v. Chr.), sonder auch für die jüdischen Ethnarchen und Könige späterer Epochen. Insoweit kann man für den israelitisch-jüdischen Bereich von einem gottesstaalichen Modell der Rechtsordung sprechen, aber dem mespotamischen 'Legitimationsmodell' etwas näher steht als die ägyptische Ordnung. - Dies Modell des biblischen Bereichs ist später - in der christlichen Spätantike und im christlich-europäischen Mittelalter - neben und in Konkurrenz mit dem römischen 'Sphärentrennungsmodell' für die Gestaltung der Rechtsordnungen wirkungsgeschichtlich prägend gewesen.

4. Zum Verhältnis zwischen göttlichen Gesetzen und obrigkeitlichem Recht in Griechenland und Rom.

In der langen Zeit der Religionsgeschichte griechisch sprechender Stämme und Volksgruppen der Antike vor dem Maßgeblichwerden des Christentums im römischen Reich verändert sich mit dem Charakter der Religion naturgemäß allmählich auch das Verhältnis des in ihr vorausgesetzten göttlichen Rechts zu den primär herrschaftlichen oder politisch-gemeinschaftlichen Rechtssetzungen. In archaischer und klassischer Zeit ist das öffentliche Leben griechischer Stadt- und Stammenstaaten auf einer staatsinternen ebenso wie auf den verschiedenen Bundes-Ebenen in starkem Maße religiös bestimmt. Das zeigen u. a. die Kalender der Gemeinwesen mit ihren zahlreichen religiös motivierten öffentlichen Feiern, Prozessionen und Spielen. Von besonderer, in den Quellen (z. B. Herodot, hist. 7, 139 - 142 ; vgl. Übung D) immer wieder anschaulich werdender Bedeutung, auch für wichtige politische Entscheidungen, ist das Orakelwesen. Allerdings sind in der Verfassungen eines Stadtstaates wie Athen im Rahmen ihrer um Deutlichkeit bemühten Abgrenzungen die Kompetenz der administrativen und militärischen Ämter - von einigen Anordnungsrechten abgesehen (z. B. bei Opfern oder Orakelbefragung) - klar von solchen der priesterlichen Ämter unterschieden, und die politische Entscheidungszuständigkeit der Polis ist eine Hoheit auch über religiös-kultische Fragen. Man kann hier von einem 'Sphärentrennungsmodell' der Rechtsordnung sprechen. In hellenistischer Zeit kommen in den Herrschaftsbereichen der Diadochen zu den eingeführten griechisch-religiösen Tradidionen der Oberschicht auch einheimische hinzu, die etwa im Ptolemäer- und im Seleukidenreich zu einem Herrscherkult führen. In Ägypten verbindet sich das mit einer gewissen, in der Pharaonentradition begründeten Divinisierung des herrschaftlich gesetzten Rechts; im seleukidischen Bereich wird traditionell der göttliche Auftrag des Herrschers zu eigenverantwortlicher Gesetzgebung unterstrichen.

Die römisch-rechtlichen Verhältnisse sind bis zum 3. Jht. noch in stark priesterlich geprägt. Erst im Jahre 304 v. Chr. geht etwa mit der Veröffentlichung des Kalenders der Gerichtstage und der gerichtlichen Klageformeln die Auslegung des Rechts vom priesterlichen Pontifikalkollegium in die fachliche Kompetenz des neu entsehehenden Berufsstandes der 'iuris consulti', der römischen Juristen über. Alte priesterliche Zuständigkeiten des römischen Königs, wie das 'auspicium' werden in republikanischer Zeit von den höchsten römischen Magistrate stets weitergeführt, die vor allen wichtigen politischen Entscheidungen - mithilfe des Priesterkollegiums der Auguren - eine Vogelschau durchführen. Der römische Jahreskalender ist ein ausschließlich religiös geordneter. Vor wichtigen politischen Entscheidungen können auch die sibyllinischen Bücher befragt werden. Dennoch ist im stadtsstaatlichen Rom ähnlich wie in Athen eine Trennung zwischen priesterlichem und magistartischem Amtsbereich festzustellen, die beide zwar dem 'ius publicum' zugerechnet, aber deutlich voneinander getrennt werden (vgl. etwa Dig. 1, 1, 1, 2 ; siehe auch oben zu P. 1). Entsprechend läßt sich ein 'ius profanum' von einem 'ius sacrorum' oder 'ius sacrum' unterscheiden, wobei das 'ius profanum' als das von den Juristen verwaltete und gedeutete Recht wegen seiner reichen literarischen Hinterlassenschaft gegenüber dem nur fragmentarisch überlieferten Sakralrecht ganz offensichtlich eine von priesterlicher Deutung völlig unabhänige Entwicklung durchgemacht hat. Bei diesem 'Sphärentrennungsmodell' der römischen Rechtsordnung bleibt es auch in der Kaiserzeit, selbst wenn der römische Kaiser im Osten des Reiches an die Stelle der hellenistischen Herrscher getreten ist und die Rechtstraditionen ihrer Herrschaftsbereiche im römischen Reich fortwirken. Aber diese provinzialen Besonderheiten ändern an der römischen Rechtsordnung prinzipiell nichts, nicht einmal mit Beginn des sog. 'Dominats'-Kaisertums, als Kaiser wie Diokletian auch nach einer religiöser Legitimation ihrer Herrschaft suchen. Im Rechtsverständnis der christlich-römischen Spätantike entwickeln sich gewisse gottesstaatliche Momente insoweit, als die Kaiser sich nun im Interesse des allgemeinen Wohls berufen fühlen, eine allgemein verbindliche Kirchen- und generell Religionsgesetzgebung zur Förderung und Durchsetzung der christliche Lehre zu entwickeln und ständig zu verfeinern. Doch bleibt auch diese - etwa im systematischen Aufbau der spätantiklen Rechts-Codices deutlich getrennt von einem 'profanen', d. h. nicht primär religiösen oder religiös begründeten Recht. 

5. Literatur, Medien, Quellen.

 Hinweis auch auf die Angaben des Allgemeinen Verzeichnisses: LitQVerz.htm .

Literatur:

(Zu Ägypten)

Erik Hornung, Einführung in die Ägyptologie. Stand, Methoden, Aufgaben, Darmstadt 1993 4 , S. 55 ff. (Zur religiösen Welt) und 74 ff. (Zur Staats- und Rechtsordnung). Vielfältige fachliche , auch aktuelle Literaturhinweise.

H. Kees, Der Götterglaube im alten Ägypten, Berlin 1956 2 .

E. Otto, O. Eisfeldt, H. Otten, M. Moyce, Religionsgeschichte des Alten Orients, in: Handbuch der Orientalistik (Naher und Mittlerer Osten), 8. Bd.: Religion, 1. Abschnitt . in mehreren Teilbänden (Religionsgeschichte Ägyptens, Kanaan- Ugarits, Kleinasiens und Irans, Leiden 1964, 1975 und 1982.

Hartwig Altenmüller u. a., [Altägyptische] Literatur, Handbuch der Orientalistik 1. Bd. (Ägyptologie), 2. Abschnitt, Leiden, Köln 1970 2 (Religiöse Literatur, S. 82 - 168).

Wolfgang Helck, Geschichte des Alten Ägypten, Handbuch der Orientalistik 1. Bd. (Ägyptologie), 3. Abschnitt, Leiden, Köln 1968.

Ernst Seidl u. a., Orientalisches Recht, Handbuch der Orientalistik, Ergänungsband III, Leidem, Köln 1964 (u. a.: Ägyptisches Recht und Keilschriftenrechte).

(Zum Alten Orient, schwerpunktmäßig außerhalb Ägyptens)

Wolfram von Soden, Einführung in die Altorientalistik, Darmstadt 1985, S. 59 ff. (zu Staat und GesellschaftI, 125 ff. (Zur Rechtsordnung) und 165 ff. (Religion und Magie). Vielfältige fachliche, auch aktuelle Literaturhinweise)

H. Schmökel, H. Otten, V. Maag, T. Beran, Kulturgeschichte des Alten Orients: Mesopotamien, Herthiterreich, Syrien-Palästine, Urartu, Stuttgart 1961.

E. Otto, O. Eisfeldt, H. Otten, M. Moyce, Religionsgeschichte des Alten Orients, in: Handbuch der Orientalistik (Naher und Mittlerer Osten), 8. Bd.: Religion, 1. Abschnitt . in mehreren Teilbänden (Religionsgeschichte Ägyptens, Kanaan- Ugarits, Kleinasiens und Irans, Leiden 1964, 1975 und 1982.

G. R. Driver, J. C. Mills, The Babylonian Laws, 2 Bde., Oxford 1952 und 1955.

Ernst Seidl u. a., Orientalisches Recht, Handbuch der Orientalistik, Ergänungsband III, Leidem, Köln 1964 (u. a.: Ägyptisches Recht und Keilschriftenrechte).

(Zum israelitisch-jüdischen Bereich)

R. de Vaux, Das Alte Testament und seine Lebensordnungen, 2 Bde., Freiburg 1960 2 .

G. Stemberger. Das klassische Judentum. Kultur und Geschichte der rabbinischen Zeit, München 1979

J. Maier, Das Judentum. Von der biblischen Zeit bis zur Moderne, Bindlach 1988.

(Zu den orientalischen Religionen in hellenistischer und römischer Zeit)

L. Leipoldt. G. Wildengren u. a., Religionsgeschichte des Orients in der Zeit der Weltreligionen, in: Handbuch der Orientalistik, 8. Bd., 2. Abschnitt (Beiträge zum Mithras- Attis-Kybele- und Isis-Osiris-Kult, zum Mandäismus, Manichäismus, zentral-asiatischen Buddhismus, frühen Islam sowie zu den verschiedenen Fntwicklungen des Christentums außerhalb der Orthodoxie'), Leiden 1961. Religionen dieser Zeit), Leiden 1961.

M. J. Vermaseren, Die orientalischen Religionen im Römerreich, Leiden 1981.

(Zum griechischen Bereich)

M. P. Nilsson, Geschichte der griechischen Religion, 2 Bde., (Vom Beginn des 2. Jts. v. Chr. bis in die römische Zeit), München 1955.

R. von Ranke-Graves, Griechische Mythologie. Quellen und Deutung, 2 Bde., Hamburg 1974.

K. W. Welwei, Die griechische Polis. Verfassung und Gesellschaft in archaischer und klassischer Zeit, Stuttgart 1983.

J. Bleicken, Die athenische Demokratie, Stuttgart 1995 4.

E. Wolf, Griechisches Rechtsdenken, 4 Bde., Frankfurt M. 1950 - 1979.

K. Latte, Heiliges Recht, Tübingen 1920.

(Zum römischen Bereich)

G. Radke, Die Götter Altitaliens, Münster l979 2 .

K. Latte, Römische Religionsgeschichte, München 1960.

H. Hunger, Lexikon der griechischen und römischen Mythologie (Mit Hinweisen auf das Fortwirken antiker Stoffe und Motive in der bildenden Kunst, Literatur und Musik des Abendlandes bis zur Gegenwart, Hamburg 1974.

Ernst Meier, Römischer Staat und Staatsgedanke, Zürich, München 1975 4.

M. Kaser, Römische Rechtsgeschichte, 1987.

W. Kunkel, Römische Rechtsgeschichte. Eine Einführung, Köln , Wien 1990.

L. Wenger, Quellen des römischen Rechts, Wien 1953.

(Zum Christentum)

C. Schneider, Geistesgeschichte der christlichen Antike, 2 Bde., München 1954.

A. (v.) Harnack, Dogmengeschichte, Leipzig 1898.

G. Alberigo (Hg.), Geschichte der Konzilien. Vom Nicaenum bis zum Vaticanum II, Übersetzung ins Deutsche von A. Berz u. a., Düsseldorf 1993. 

Medien:

A. Sherratt (Hg.). Die Cambridge-Enzyklopädie der Archäologie, deuschsprachige Ausgabe, München 1980, S. 127. 

Quellen:

Codex Hammurapi, in: O. Kaiser, R. Borger u. a. (Hg.), Texte aus der Umwelt des Alten Testaments. Bd. I: Rechts- und Wirtschaftsurkunden. Historisch-chronologische Texte, Gütersloh 1985, S. 39 - 80.

2. Buch Mose ('Exodus'), ab Kap. 19 (im einzelnen: 'Bundesbuch', Opfer, Heiligkeits- und Reinheitsgesetze), das 3. Buch Mose ('Leviticus') und 5. Buch Mose ('Deuteronomium'); in: B. E. Kautzsch, A. Bertholet u. a., Die Heilige Schrift des Alten Testaments [wissenschaftliche, kommentierte Übersetzung mit kritischem Apparat], 2 Bde., Tübingen 1922 4 , Bd. 1, S.122 - 202 und 258 - 327.

E. Schmalzriedt (Hg.), Hauptwerke der antiken Literaturen. Einzeldarstellungen zur griechischen, lateinischen und biblisch-patristischen Literatur, München 1976.


 

Vl/Ue Gizewski WS 1998/99

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)