Gott in den 'Zehn Geboten' und 'die anderen Götter neben ihm'.

Zur Lösung der Übungsaufgaben zu Übung A (Kap. 1).

Die in der Übung A gestellten Fragen lauteten:

1. Wie ist Gott in dem folgenden Text aus der Bibel (2. Mos. 19 -20, 26) charakterisiert und wo liegen die Schwerpunkte seiner Anordnungen?

2. Versuchen Sie, die imfolgenden zusammengefaßten Götterabbildungen aus dem historischen Umfeld des Alten Testaments der Bibel namentlich und zeitlich zu bestimmen.

3. Wie unterscheidet sich die Gottesvorstellung in dem untersuchten Text von der in den Götterabbildungen und wo könnten Gemeinsamkeiten bestehen?


  

Im folgenden können nur einige Hinweise zu den gestellten Fragen gegeben werden. Eine längere und eingehendere Beantwortung, die das Thema an sich herausfordert, ist hier nicht möglich:

 

Zu 1.

Versucht man, für die Bibelstelle 2. Mos., 19, 16 - 20, 26 Gott typisierend i. S. der Typenbildung vergleichender Religionswissenschaft zu beschreiben, so tritt er Mose und dem Volk gegenüber

  • als Himmels- und Wettergott (Blitz, Donner, Feuer, Wolken, Herabfahren vom Himmel),
  • als Berggott (Berg Sinai),
  • als dem Volk nicht selbst, sondern nur in seinen physischen Wirkungen sichtbarer, in einer vom Volk abgegrenzten Heiligkeitssphäre befindlicher und in seinem Willen durch einen priesterlichen Mittler dem Volke verständlich gemachter Gott,
  • als gesetzgebender , strafender und ggf. auch gnädiger Gott
  • und schließlich, da er sich als Gott des Volkes bezeichnet ("ich bin dein Gott"), als Gott dieses einen konkreten Volkes.
  • Die ersten Gebote Gottes (2. Mos. 20, 1 - 11) machen sein Majestätsrecht gegenüber dem Volke deutlich.

  • Er fordert als Gott, der das Volk aus ägyptischer Gefangenschaft befreit hat, uneingeschränkten und aufrichtigen Respekt, welcher die Verehrung aller anderen Gottheiten ausschließt.
  • Mit der Verehrung fremder Gottheiten ist auch die ihrer Abbildungen ausgeschlossen.
  • Gott selbst will abbildungslos bleibend verehrt werden.
  • Gott fordert einen respektvollen Umgang mit seinem Namen und verbietet seine leichtsinnige Anrufung.
  • Gott will als Schöpfergott im menschlichen Alltag durch ständige Einhaltung der Sabbatruhe anerkannt werden.
  • Die nächsten Gebote (2. Mos. 20, 12 - 17) sanktionieren als kardinal hervorgehobene Rechte und Pflichten unter Menschen

  • die familiären Respekts- und Pietätspflichten gegenüber den Eltern,
  • das Verbot ungerechtfertigter (nicht von Gott selbst zugelassener) Tötung,
  • das Verbot des ungerechtfertigten Eingriffs in fremden Besitz,
  • die Wahrheitsverpflichtung des Zeugen vor Gericht und generell in der Öffentlichkeit,
  • die Integrität der gesamten (Privat-) Sphäre des 'Hauses' (i. S. etwa von röm. 'familia'), welche Familienangehörige i. e. S., Gesinde, Vieh und Vermögen einschließt.
  • Im weiteren (2. Mos. 20, 18 - 21) wird das Verhältnis zwischen Gott und Volk in seinem normativen Wesen genauer beschrieben.

  • Gott hat einen dem Volk gegenüber furchtgebietenden Charakter, aber ausschließlich im Hinblick auf seinen gesetzgeberischen Willen: die Furcht vor Gott soll nur von einer Übertretung seiner Gebote abhalten, d. h. indirekt: nicht einem unwägbar-willkürlichen Verhalten Gottes gelten.
  • Gott stellt zwar in seiner Allmacht den Gehorsam seines Volkes auf die Probe, will aber sonst nicht von ihm gefürchtet sein.
  • Aus dem furchtsamen Gehorsam gegenüber dem Gebot Gottes folgt für das Volk, daß es die Übermittlung und Deutung dieses Gebotes einem Gott nahen Mann wie Mose überläßt und nicht etwa selbst mit Gott in Verhandlungen eintritt. Die Vermittlungsufgabe von Priestern und Propheten ist hier generell mitbedacht.
  • Die letzten Sätze (". Mos. 20, 18 - 26) des zu interpretierenden Textes betreffen - insoweit exemplarisch ausgewählt - die Vielzahl der göttlich gegebenen Vorschriften über das Kultuswesen; hier: den Bau eines Opferaltars und die gebotene Schamhaftigkeit beim Betreten eines solchen.

    Textgeschichtlich besteht der in der Übung zu interpretierende Text aus verschiedenen Elementen, die aus unterschiedlichen Quellen stammen, welche in der Bibel-Philologie als 'jahwistische' (J) bzw. 'elohistische' (E) zusammengefaßt zu werden pflegen. Die Quellenschicht J faßt Quellen zumeist des 9. Jhts. v. Chr . und davor zusammen, die Quellenschicht E solche nach 825 und vor etwa 650 v. Chr. Zu diesem Zeitpunkt wird eine redakionelle Vereinigung der Komplexe J und E wissenschaftlich angenommen. Für diese redaktionelle Bearbeitung wird, was den vorliegenden Text betrifft, philologisch noch eine weitere - J und E zeitlich nahe - Quellschicht als mitverwendet in Betracht gezogen. Der Text der 'Zehn Gebote' i. e. S. wird als ganzer dem Komplex E zurgerechnet, ist also wahrscheinlich zwischen 825 und 650 v Chr. entstanden. Der Textteil davor kombiniert wahrscheinlich in stetem Wechsel J und E, der Text danach bezieht möglicherweise die erwähnte dritte Textsschicht ein.

    Dazu eingehender etwa: E. Kautsch, A. Bertholet u. a. , Die Heilige Schrift desAlten Testaments, 2 Bde., Tübinge 1922 4 , Bd. 1, S. 1 - 8 und 124 - 127. - Zu den verschiedenen Textsschichten der Bibel siehe auch die Übersicht in Kap. 1 unter P. 2 (Bibel_Inhaltsuebersicht). 

    Zu 2.

    Abb. 1 zeigt Aschera, eine von den kanaanäischen Stämmen schon lange vor Ankunft der Israeliten in Palästina (im 13. Jht. v. Chr.) vereehrte Natur- und Mutter-Gottheit, die auch symbolisch durch einen Pfahl repräsentiert wurde, hier in einer pfahlartigen, aber menschengestaltigen Darstellung. Fundort: ein kanaanäischer Tempel des 18. Jhts. v. Chr. beim heutigen Nahariyah (heute: Israel-Museum Jerusalem). - Abb. 2 zeigt den ägyptischen Apis-Stier. Apis ist ein seit den Anfängen der ägyptischen Geschichte verehrter Fruchtbarkeitsgott mit einem - für Götter eigentümlich erscheinenden, aber auch in anderern Religionen (wie z. B. im späteren Christentum) belegbaren - sterblichen und wiedererstehenden Wesen. Er stand mit dem Ptah-Kult in Memphis in enger Verbindung und wurde später mit Osiris identifiziert (als 'Osiris-Spis' = 'Sarapis'). Sonnenscheibe und Uräusschlange sind spätere Attribute der Stiererscheinung, die er nach seinem Tode annimmt. Die Bronzefigur (heute: British Museum, London) stammt aus der 26. Dynastie; sie ist um 600 v. Chr. entstanden. - In Abb. 3 ist Baal gezeigt, ein Wetter- und Regengott der kanaanäischen Vorgänger- und Nachbarvölker Israels in Palästina, sowie sein Sohn Aliyan, der Gott der Gewässer und Brunnen, beide menschengestaltig. Baals Attribute sind sein Spitzhut, sein Blitzspeer und sein Szepter. Das Kalkrelief aus Ugarit (heute: Louvre, Paris) stammt aus dem 18. Jht. v. Chr. - Zu Nr. 4 ist auf einem Grenzsteien (kudurru) des Kassitenkönigs Melischipak (Susa, 12. Jht. v. Chr.) das im Alten Mesopotamien verehrte Götterpantheon in Schichtungen angeordneten Göttersymbolen repräsentiert. Jeweils von von links nach rechts beschrieben: an der Spitze stehen nebeneinander Mond-, Venus- und Sonnenscheiben-Zeichen für die Götter Sin, Ischtar und Schamasch ; in zweiter Reihe die Hörner-Altäre für Anu und Enlil, Widder und Bock mit Fisschschwanz für Ea, das rechte - offenbar wissenschaftlich noch nicht ientifizierte - Zeichen wohl für die Muttergöttin Ninchursanga. In der dritten Reihe folgen die Zeichen für Nergal, Zababa und Ninurta, in der vierten für Marduk, Nabu und Gula, in der fünften wohl für Adad, Nusku, Ningirsu, Schuqamuna und Schumaliya. In der untersten Reihe sind die Zeichen für die Weltenschlange Nisaba, für Ischara und Ningizzida wiedergegeben. Zu diesen Göttern eingehender die u. a. Literatur. Zu den verwendeten Zeichen ist bemerkenswert, daß sie sich teilweise in der bis heute reichenden astrologischen Tradition gehalten haben. - Abb. 6 zeigt einen kleineren (60 cm hohen) Weihaltar des assyrischen Königs Tunkulti-Ninurta (in der Stadt Assur der mittelassyrischen Periode um 1230 v. Chr. entstanden; heute: Vorderasiatisches Museum Berlin). Der König ist kniend (in demütiger Verehrung) und stehend (in kultischer Handlung oder Verhandlung) vor dem Gotte dargestellt, welcher nur durch sein Zeichen, einen thronartigen Altar, repräsentiert ist. - In Abb. 7 ist ein kleiner (26 cm hoher), aus Südarabien stammender (heute: Musée d'Archéologie, Marseille) Weihaltar mit himyaritischer Inschrift aus dem 2. - 3. Jht. n. Chr. abgebildet. Symbolisiert durch das Sonnen- und Monzeichen sind der - im arabischen Bereich - männliche Mondgott und die weibliche Sonnengöttin. Die Verbindung von Mond- und Sonnen- oder Venus-Symbol lebt in der staatlichen Symbolsprache des Nahen Ostens bis heute fort. - Abb. 8 zeigt eine Abbildung des (auch wegen der Entzifferung der Keilschrift, die u. a. von ihm ausging) berühmten Felsreliefs bei Behistun (Bisutun, Iran), das von 520 - 518 v. Chr., in mehreren Abschnitten - entsand. Der Achämenidenkönig Darius I. - hinter ihm zwei Gefogsleute -, sitzt über der Reihe seiner gefesselten Feinde, aber deutlich unterhalb des am Himmel erscheinenden höchsten Gottes Ahuramazda (erkennbar an seiner Position und der Flügel-Sonne). Die bildliche Darstellung des Felsreliefs wird von einem Text begleitet, in dem Darius darlegt, wie er mit göttlicher Hilfe alle seine Feinde besiegt habe und warum seine Herrschaft über die Welt deshalb und wegen seiner Herrschertugenden eine göttlich gewollte sei.

    Die meisten Informationen zu den Abbildungen stammen - wie diese selbst - aus: Carel Du Ry, Völker des Alten Orient, München um 1970; S. 82, 92, 96, 140, 193, 222, 249, sowie aus Manfred Lurker, The Gods and Symbols of Ancient Egypt. An illustrated Dictionary, London 1991, S. 29. Siehe zu den angesprochenen Themen ferner: Erik Hornung, Einführung in die Ägyptologie. Stand Methoden, Aufgaben, Darmstadt 1993 4 . Wolfram von Soden, Einführung in die Altorientalistik, Darmstadt 1985. O. Kaiser (Hg.) , Texte aus der Umwelt des Alten Testaments, Gütersloh 1982 - 1985, Bd. I und II, insbes. die dorther stammende Kommentierung der babylonischen Gätterwelt im Zusammenhang mit dem 'Codex Hammurapi' (>Uebg_C.htm; Texterklärungen am Ende der Übung. 

    Zu 3.

    Der Text ist nicht nur für die genauere Erfassung der israelitisch-jüdischen Gottesbegriffs im Zeitraum der Textquellen und ihrer Endredaktion aufschlußreich, sondern weist auch auf Ähnlichkeiten in Gottesbegriffen und Kultvorstellungen anderer altorientalischer Religionen hin, wie sie in den Abbildungen der Übung angesprochen sind. Um nur einige Beispiele zu nennen: Die Züge eines Himmels- und Wettergottes hat Jahwe mit einigen in Abbildungen der Übung wiedergegeben Hauptgöttern benachbarter Religionen, nämlich mit Baal und und Dagan gemein, den Charakter als 'gesetzgebender Gott' etrwa mit dem babylonisch-assyrischen Schamasch, wie er in der Hammurapi-Stele des 18. Jhts. v. Chr. abgebildet ist. Die abgebildeten nachbarschaftlichen Götter sind wie Jahwe oft Staats--. Bundes- oder Volksgötter. Was das majestätische Wesen Jahwes und den unbedingten Respekt vor seinem Willen betrifft, ist dies auch im Hinblick auf die Götter der religiösen Nachbarschaft durchweg anzunehmen und in den dargestellten Götterabbildungen etwa da belegbar, wo ein Herrscher ehrfurchtsvoll vor die Gottheit tritt oder sich unter ihr darstellen läßt.

    Gewiß gibt es andrerseits auch starke - schon im Übungsmaterial wahrnehmbare - Unterschiede in Gottesvorstellung und Kultus, so z. B. zwischen dem alleinherrschenden Jahwe (Monotheismus) und dem babylonischen Götterpantheon (Polytheismus) oder zwischen 'unsichtbaren umd bildlosen' Göttern wie Jahwe hier und im Kultus menschengestaltig (wie z. B. in den figuren der Astarte, des Baal, des Schamsch und des Ahuramazda), tiergestaltig (wie z. B. imApis-Stier) oder/und anders (wie in Gestirnszeichen, einem leeren Altarsessel der Gottheit oder einer Flügelsonne) symbolisch repräsentierten Gottheiten dort.


     

    Vl/Ue Gizewski WS 1998/99

    Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)