Gottgewollte und durch das Schicksal vorherbestimmte Territorialherrschaft.

Lösung zu Übung B (Kap. 3).

 Die Übungsaufgaben lauteten:

Untersuchen Sie den Bibel-Text 5. Mos. Kap. 6, 13 - Kap. 7, 13 und den Text Vergil 6. Gesang, 753 - 853 unter folgenden Aspekten:

1) In welcher Weise ist dem jeweiligen antiken Volke ein eigenes Existenzrecht garantiert und eine eigene politisch-historische Mission durch göttlichen Willen übertragen? Wo liegen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der göttlich gewollten Rechte und Pflichten des Volkes?

2) Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten bestehen in der schriftlichen Wiedergabe des göttlichen Willens?


  

Eine Beantwortung der gestellten Fragen ist hier nur in knapper Form möglich.

Ihr seien einige textgeschichtliche Bemerkungen zu den beiden Quellentexten 5. Mos. Kap. 6, 13 - Kap. 7, 13 und Vergil, Aeneis, 6. Gesang, 753 - 853 vorangestellt.

Der Text aus dem 5. Buch Mose, dem sog. 'Deuteronomium', gehört einer Textschicht an, die - anders als die in der Übung A für den dortigen Text zu berücksichtigenden Textschichten J und E - erst im 7. Jht. v. Chr. entstand, und zwar im Vorfeld oder im unmittelbaren Zusammenhang mit einer Kultusreform des Königs Josia für den Jerusalemer Jahwe-Kult im Jahre 623 v. Chr. In 2. Kg. 22, 3 ist ein Gesetzbuch des Hohenpriesters Hilkia angesprochen, das weitgehend mit dem heutigen 'Deuteronomium' identisch gewesen sein dürfte. Der Inhalt dieses Gesetzbuch hatte einerseits eine akzentuiert religionsrechtliche Bedeutung und ist andrerseits aus einer Strömung kultischer Reaktion auf religiöse Formen zu verstehen, die zu dieser Zeit als fremd und unrein empfunden wurden - wie z. B. die Verwendung von Stierbildnissen zur symbolischen Darstellung der Gottheit im Bereich des Jerusalemer Tempels. Die Reform Josias richtete sich aber nicht nur gegen solche in den Jahwe-Kult eingeschlossenen Formen, sondern ebenso gegen andere Religionsformen in der Nachbarschaft der Jahwe-Religion, wie z. B. die Verehrung des Baal und der Astarte und generell gegen Geltungsansprüche ausländischer Religionen, auch solcher Mächte, die - wie Assyrien oder Ägypten - damals den Levante-Bereich entweder teilweise - wie das Nordreich Israel i. J. 721 v. Chr. - unterworfen hatten oder politisch maßgeblich beeinflußten. Man kann die Intentionen des 'Deuteronomium daher letztlich, auch und gerade da, wo es weit zurückliegende Geschehnisse als Begründung für damals gegenwärtige Normen und Werte darstellt, als die einer bewußten Abgrenzung gegen ausländische Einflüsse und einer Betonung des eigenen religiös-ethnischen Existenzrechts Israels verstehen. Unmittelbar motivierend für eine Kultreform war der Gedenake, Gott habe die Bedrängnis Israels durch auswärtige Mächte als Strafe für eine nicht angemessene Befolgung seiner Gebote verhängt und werde weiter so verfahren, wenn er nicht durch eine Reinigung des Kultus versöhnt werde. Aus diesen Intentionen ist die Schärfe zu verstehen, die das göttliche Gebot des Gehorsams und zugleich der Landnahme an sein Volk in der Textdarstellung hat. - Der Text bedarf zum unmittelbaren Verständnis keiner weiteren Erläuterung, außer vielleicht der Ortsangabe 'Massa', die auf das dortige 'Wasserwunder' (2. Mos. 17, 7) hinweist. Ggf. ist Kommentarliteratur heranzuziehe, wie z. B. E. Kautzsch, A. Bertholet u. a., Die Heilige Schrift des Alten Testaments [wissenschaftliche, kommentierte Übersetzung mit kritischem Apparat], 2 Bde., Tübingen 1922 4 , Bd. 1, S. 271 ff.

Zu Text Vergil, Aeneis, 6. Gesang, 753 - 853: Vergil (70 - 19 v. Chr.) ist ein römischer Dichter der epischen und bukolischen Form in der spätrepublikanischen und augusteischen Epoche, d. h. auch der Zeit des caesarischen Bürgerkriegs und der nach der Ermordung Caesars fortgehenden Bürgerkriege, bei denen auch das Gut seines Vaters bei Mantua von einer der damaligen Enteigungsmaßnahmen (d. J. 42 v. Chr.) bedroht war. Dem für die Durchführung einer Maßnahmen damals zuständigen Triumvirn Octavianus, dem späteren Kaiser Augustus, verdankte Vergil, daß ihm der Familienbesitz, von dem seine privatisiernede Dichterexistenz abhing, verblieb. Er stand seither in einem Klienten- und zugleich Freundschafzsverhältnis zu dem mächtigen Politiker, das ihn auch später zum Freundeskreis des Augustus gehören ließ. Als Dichter nahm er auch daran teil, einen 'Geist der augusteischen Epoche' mitzugestalten, nachdem Octavian Kaiser geworden war. So nimmt er in seiner Dichtung 'Aeneis', die ihn in den 12 Jahren vor seinem Tode beschäftigte, eine Verdeutlichung der damals offiziell vertretenen politisch-religiösen Ideen eines "neuen Zeitalters", einer weltbehherrschenden und friedensstiftenden Mission des römischen Volkes und einer Apotheose der 'gens Iulia', insbesondere - mit den Einschränkungen für lebende Menschen - des zu ihr gehörenden Augustus, vor. - Der Text enthält eine Vielzahl von Personen-, Geschlechter-, Orts- und Landschaftsnamen und mehrere Metaphern, die für den heutigen Leser nicht unmittelbar verständlich sind, aber zur Zeit Vergils in Kreisen der gebildeten römischen Oberschicht als bekannt und stark wert- und gefühlsbezogen auf römische Staatstraditionen vorausgesetzt werden konnten. Sie sind unten in einigen wichtigen Punkten erklärt. Im übrigen muß auf Kommentare wie den von Eduard Norden, Vergil, Aeneis, Buch 6, Darmstdt 1963 5 , verwiesen werden; zu Vergils Werken generell auch auf Friedrich Klingner, Römische Geisteswelt, München 1965, S. 239 - 326 (u. a. 'Vergil und die geschichtliche Welt').

Einige Erklärungen zu Übungstext 2: 

Personennamen: Saturnus (Regent Italiens während des ursprünglichen Goldenen Zeitalters) - Sibylle (die berühmte Seherin, eine mythische Zeitegossin des Aeneas) - Anchises (Vater des Aeneas) - Lvinia (Frau des Aeneas) - Silvius (Sohn des Aeneas, mythischer König) - Procas (König von Alba Longa, Vater von Numitor und Aemulius) - Assaracus (Großvater des Anchises, Sohndes Tros, des Gründers Troias) - Iulus (mythischer Stammvater der römischen 'gens Iulia') - Caesar (sowohl der altere Gaius Iulius als als auch Augustus, sein Adoptivsohn), Tullus (ein römischer König) un d einige andere Königsnamen Roms - Brutus (der erste Konsul der nach Vertreibung des letzten Königs in Rom) - Manlius Torquatus (legendärer Held der römischen Frühzeit) und andere Helden der römisch-republikanischen Frühzeit - Gracchus (Stammvater der gens Gracchia) und andere Stammväter vornehmer römischer Geschlechter - Q. Fabius Maximus (Feldherr des 2. punischen Krieges).

Geschlechternamen: Gracchi, Drusi, Iulii, Decii, Fabii (sämtlich hochangesehene römische Aristokratengeschlechter mit langer Tradition).

Ortsnamen: Cures, Alba Longa, Gabii, Nomentum, Fidena, Collatina, Pometii, Bola, Gora (zumeist Namen traditionsreicher Städte im Gebiet des alten Latium oder ihm benachbarter Stämme wie z. B. der Äquer).

Landschafts- und Volksnamen: Garamanten (nomadischer Stamm im Inneren Libyens) - Maeotis (das Asowsche Meer; auch die an dieses Meer angrenzenden Steppengebiete) - Ausonien (eine alte, legendäre Bezeichnung für die Westküste Italiens).

Metaphern: "Mutter der Götter" (Magna Mater, die ursprünglich nur in Phrygien verehrte Kybele, deren Kult im 2. punischen krieg nach Rom übernommen wurde) - "der römische König aus Cures" (der legendäre Gestzgeberkönig Numa Pompilius) - "der Eroberer Korinths" (L. Mummius, für das Jahr 146 v. Chr.) - "ehrende Lanze" (eine 'Ehrenwaffe', die 'Ritter' (equites) zur Zeit Vergils trugen) - "Monoecus Burg" ( das heutige Monacco; eine Anspielung auf einen Ort kriegerischer Auseinandersetzung im mutinensichen Krieg d.J. 43 v. Chr.) - "Doppelbusch" (doppelter Helmbusch - crista -, ein Zeichen besonderer militärischer Leistung oder Stellung) - "Glanz der Waffen" (Metapher für gottgewollten Kriegsruhm) - "turmbekränzte Mutter" (Kybele, deren Attribute ihr Löwenwagen und ihre Turm-Krone waren).

Zu Übungsfrage 1:

Gott tritt auf als ein dem Volk Israel auf eine von Gott selbst gewollte Weise eigentümlich und exklusiv verbundener Garant seiner politischen Freiheit und selbständigen Existenz auf einem verheißenen Territorium in Palästina auf. Gott gibt ferner den Auftrag zu einer kriegerischen Inbesitznahme dieses Territoriums und rechtfertigt sie schon damit vollkommen; eine Möglichkeit rechtlichen Zweifels an den Aneignunsakten gibt es nicht, es sei denn Gottes Existenz und sein Wille würden in Zweifel gezogen. Gott tritt ferner auf als gnadenloser Gott des von ihm gewollten Krieges und alsn unerbittlicher Forderer kultischer Reinheit auf. Er setzt dabei eine Loyalität seinem Willen gegenüber selbst da voraus, wo ein kriegerisches oder religiöses Verhalten nach sonst üblichen Maßstäben als unnötig scharf, als übertrieben, ja als unmenschlich erscheint. Funktionell-politisch gedeutet schafft diese Unerbittlichkeit die für kompromißlose Kriegsmotivation in menschlichen Gesellschaften notwendige Anbindung der Kriegsziele an eine höhere zweifellos rechtfertigende Idee.

Zu Übungsfrage 2:

In der Vision des Aeneis, die ihm sein mithilfe der Sibylle aufgesuchter verstorbener Vater Anchises in der Unterwelt eröffnet, wird eine ebenso durch Schicksal wie durch göttlichen Willen bestimmte Sendung Roms hervorgehoben. Schon der verherrlichte Romulus macht die höchstgöttliche Unterstützung der Gründung Roms deutlich. Aber viel weitergehend ist die Ausdehnung der römischen Herrschaft auf den gesamten Erdkreis - d. h. die Unterwerfung aller anderen Völker und Reiche durch Rom, als seine Mission vorherbestimmt. Die dem römischen Volk in dieser Vision besonders nahegelegten Tugenden sind die einer 'bürgerlichen Eintracht' (concordia civium) und der Schutz einer 'heiligen ' Freiheit (sacra libertas) gegen egoistische Privatinteressen und politische Illoyalitäten - eine Anspielung auf die Bürgerkriege des 1. Jhts. v. Chr. Im Verhälnis zu anderen Völkern wird Rom als durch göttliche Bestimmung im Interesse einer zivilisierten allgemeinen Friedensordnung kriegführend und herrschaftsausübend aufgefaßt ("tu regere imperio populus, Romane, memento"). Und schließlich wird die Wiederkehr eines - früher einmal, zu Beginn der Weltgeschichte, mythisch angenommenen glückliche 'Goldenen Zeitalters' (saeculum aereum) vorausgesagt, das mit der Herrschaft des gottbegnadeten und -erwählten Augustus anheben soll.

Beide Textbeispiele stellen jeweils auf ihre Weise religiöse Gedankengänge dar, die u. a. auch wesentlich der Begründung territorialer Besitz- oder imperialer Herrschaftsanspürche dienen und von zentraler Bedeutn g für das politisch-ideelle Selbstverständnis des jeweils von ihnen gemeinten Gemeinwesens sind. Sie verweisen weiter auf andere ähnliche Formen religiös fundierter Territorial- und auch auf andersartigepolitische Herrschaftsprüche in der Antike.


 

Vl/Ue Gizewski WS 1998/99

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)