Herrschaftsgewalt und Rechtsordnung aufgrund göttliche Willens.

Lösung zu Übung C (Kap. 4).

Die Übungsaufgabe lautete:

Untersuchen Sie die aus dem Codex Hammurapi ausgewählten Textstellen unter folgenden Aspekten:

1) Wie begründet der Herrscher seine Herrschaftsgewalt im einzelnen und welche Bedeutung hat sein Verhältnis zu den Göttern dabei.

2) Welcher Art sind die Rechtsregeln ('Urteilssprüche') des Königs und in welchem Maße sind in diesen relgiöse Motive und Ordnungen spürbar?

3) Verschaffen Sie sich einen Überblick über das 2. Buch Mose ab Kap. 19 (im einzelnen: Bundesbuch, Opfer, Heiligkeits- und Reinheitsgesetze) und das 3. Buch Mose ('Leviticus'). Vergleichen Sie den Bibeltext unter den o. a. Aspekten mit den wiedergegebenen Passagen aus dem Codex Hammurapi und stellen Sie Unterschiede oder Gemeinsamkeiten fest.


 

A. Zum 'Codex Hammurapi' (Fragen 1 und 2).

Die Hammurapi-Stele war, wie ihr Text angibt, ursprünglich im Marduk-Tempel Babylons ('Esagil') aufgestellt und hatte dort den Namen 'König der Gerechtigkeit'. Ihren Inhalt bezeichnet Hammuarupi im Text selbst als "die gerechten Richtersprüche, die Hammurapi, der tüchtige König, festgesetzt hat, wodurch er dem Lande feste Sitte und gute Führung angedeihen ließ." Der Text ist im Laufe der Regierungszeit Hammurapis (1793 - 1750 v. Chr.; nach einer "mittleren" der wissenschaftlich gebräuchlichen Chronologien) entstanden und mehrfach erweitert worden, wie archäologisch aufgefundene Textkopien beweisen. Die schließlich angefügten Passagen unterstreichen den Charakter der Stadt Babylon als kultischen Vororts vor anderen, denen zuvor diese Rolle zukam, für die Verehrung des babylonischen Götterpantheons und damit auch als religiös legitimer Hauptsatdt des von Hammurapi in vielen kriegerischen Aktionen begründeten und ausgeweiteten Reiches. Wahrscheinlich im 12. Jht. v. Chr. wurde die Stele anläßlich eines Kriegs nach Elam entführt, wo sie in Susa aufbewahrt oder aufgestellt wurde; dort wurde sie um 1900 archäologisch entdeckt.

Im Aufbau sind deutlich ein die Götterwelt und ihr Verhältnis zum Herrscher betreffender Prolog, eine Sammlung rein anwendungsbezogen formulierter Rechtsvorschriften des Alltagsrechts und schließlich ein den Schutz der Götter für die vorliegende Rechtsordnung eingehend darstellender Epilog voneinander abgesetzt.

In dem Prolog ist einerseits ein Tatenbericht des Königs enthalten, der seine kriegerischen Leistungen und ihren gottgewollten Erfolg, seine friedlichen Leistungen zugunsten der seinem Schutz anvertrauten Bevölkerung und seine den Göttern wohlgefälligen Handlungen, auch bei dem Schutz und der Wiederherstellung aller in seinem Herrschaftsbereich befindlicher Kulte und Tempel, hervorhebt, andrerseits - in ständiger Unterbrechung des Tatenberichts - eine Folge von Königs-Appellativen oder/und Epitheta, die seinen Rang ("der Erste unter den Königen", "ewiger Same des Köigtums"), seine herrscherlichen Tugenden und Fähigkeiten ("der Erstürmer der Weltsektoren", "der besonnene König", "mit Weisheit vertraut", "der Hirte"), aber auch seine Frömmigkeit und Demut gegenüber der Götterwelt ("der Demütige, der Betende", "der Fromme") und sein Ansehen bei den Göttern("das Herz Marduks" , "der Liebling der Ischtar") ausdrücken. Die Einganssätze des Prologs heben einmal hervor, daß nach Beschluß der höchsten Götter Marduk, dem Gott Babylons. der höchste göttliche Rang ('Enlil-Würde') verliehen worden sei, zum anderen, daß sie den Herrscher Hammurabi für seine Stellung ausgewählt hätten. Der letzte Satz des Prologs betont, daß Marduk den Herrscher Hammurabi damit beauftragt habe beauftragt habe.

In der Rechtssammlung sind in 282 Abschnitten Rechtsregeln in abstrakter Zuordnung von Tatbestand und Rechtsfolge, also in der auch heute üblichen allgemeinen, subsumptionsfähigen Form, um thematische Schwerpunkte der Rechtsanwendung angeordnet. Götter, Priester oder Tempel sind in diesen zwar gelegentlich, aber nur selten angesprochen. Es handelt sich bei der Sammlung deutlich nicht um eine solche des Kult- und Tempelrechts, sondern sie entspricht mit differenzierten Regeln offensichtlich rein praktischen Bedürfnissen des Alltags. Nach heutigen Kategorien lassen sich etwa strafrechtliche, prozeßrechliche, polizeirechtliche, familienrechtliche, erbrechtliche, kauf-, miet-, pacht-, handels- und gesellschaftsrechtliche Materien unterscheiden. In diese eingestreut sind zwar einige Rechtsregeln, die auch sakralrechtlichen Charakter haben (Wahrheitsprüfung durch 'Eintauchen in den Flußgott', Strafe bei Diebstahl des 'Eigentums eines Gottes', beschränkte eheliche Pflichten einer 'naditu'-Priesterin, Schwur bei Gott u. a.); doch erklärt sich ihre Päsenz aus ihrer jeweiligen sachlichen Nähe zu einem alltagsrechtlichen Schwerpunktthema der Sammlung. Betrachtet man die Inhalte und Rahmenbedingungen der Regeln im einzelnen, so handelt es sich zumeist um Regelungsmaterien, die gestaltungsfähig sind (wie z. B. bei der Festlegung von Leistungs- und Warentarifen oder von Erbanteilen), und relativ selten um Rechts- oder Sittenprinzipen, die gewissermaßen dauerhaften, göttlich verordneten Charakter haben könnten. Selbst dort wo solche Prinzipien angesprochen sind, wie z. B. in den Nrn. 196 ff. das Talionsprinzip, gibt es auch mehrere bezeichnende Abweichungen von diesem Prinzip, die auf einer sachgerechten Differenzierung der Rechtsfolgen beruhen. Betrachtet man die Rechtsmaterien insgesamt, so spiegeln sich in ihnen anschaulich und wohl auch umfassend die rechtlichen Probleme eines Familien- und Geschäftslebens, einer Marktöffentlichkeit und Wirtschaftstätigkeit, die einerseits freie Vereinbarungen und Verfügungen ihrer Subjekte (wie z. B. Ehevertrag oder Testament, Gesellschaftsvertrag und kaufmännisches Handeln) kennt, andrerseits aber auch weitgehende Reglementierungen durch die Obrigkeit (wie z. B. die Tarifierung von Waren und Dienstleistungen nach Zahlungseinheiten [die noch nicht Geldcharakter haben]). Am Rande werden auch Rechtsverhältnisse 'des Palastes' und der 'Tempel' berührt (z. B. in der sog. 'Lehens'-Pacht von 'Palast'-Grundstücken odre in den die sugitu- und naditu-Priesterinnen betreffenden Privatrechtsfragen), aber in keiner Weise hauptsächlich.

Der Epilog nimmt die Legitimationsideen des Prologs konzentriert wieder auf. Er betont den Charakter der und Gerichts- und zugleich Rechtssetzungs tätigkeit des Herrschers als 'Hirtentätigkeit' zum Schutze der Schwachen, in die den Herrscher "die Götter berufen" hätten. Ferner (im Lesetext der Übung nicht wiedergegeben) weist der Epilog auf den uneingeschränkt verbindlichen und öffentlich zugänglichen Charakter der Rechtssammlung hin und enthält eine Reihe von sakralen Verfluchungen für den Fall einer illegitimen Änderung des publizierten Rechts - durch einen "König, Fürsten, Stadtfürsten oder eine beliebige Person".

Insgesamt kann man für diesen Rechtkomplex, der sicherlich nicht die gesamte Rechtsordnung Babylons zur Zeit Hammurabis, aber doch einen wichtige Teil von ihr betrifft, von einem religionsrechtlichen Rahmen und einem alltagsrechtlichen Inhalt sprechen. Dabei weist der Herrscher eine Legitimation seiner Herrschaft, speziell seiner Rechtssetzungstätigkeit, durch die göttlichen Auftrag nach und regelt dann die alltagsrechtlichen Probleme nach herrschaftlichem Ermessen. 

B. Zum 'Halachah'- oder 'Torah'-Recht in der Bibel (Frage 3).

In der rabbinischen Tradition jüdischer Schriftgelehrsamkeit werden die verbindliche religionsgesetzliche Überlieferung, die in der Bibel enthalten ist, als ' Halachah' und die nicht-religionsgesetzlichen Momente, etwa erzählerischer Art, die in ihr ebenfalls enthalten sind, als 'Haggadah' bezeichnet.Kern der verbindlichen religionsgesetzlichen Überlieferung sind schon in der jüdischen Königszeit die Mose-Bücher (hebr. 'torah' = Gesetz ), die sich seit der Regierungszeit Davids in ihrern verschiedenen, später zusammengefügten Textschichten auszuprägen beginnen; sie sind in Buch 1 - 4 um die Mitte des 7. Jhts. v. Chr. und in Buch 5, dem 'Deuteronium' , z. Zt. der Tempelreform des Josia, um 622 v. Chr. im wesentlichen abgeschlossen redigiert (siehe dazu: Kap_1, unter P. 2). Die Mose-Bücher sind - neben anderer in der Bibel antahltener verbindlicher religionsgesetzlicher Überlieferung ('torah' i. w. S.) - die letztbestimmende normative Grundlage der Rechtsprechungstätigkeit im israelitisch-jüdischen Bereich. Die Gerichstverfassung dort hat sich im Laufe der geschichtlichen Entwicklung naturgemäß entwickelt. So sind in den verschiedenen biblischen Büchern ein Richteramt des Königs (1. Sam. 8, 5; 2. Sam. 14, 4 - 11)und von ihm eingesetzter königlicher Rechtsprechungsbeamter in den befestigten Städten (2. Chr. 19, 4 - 11), zum anderen Ältestengerichte und Eintelrichter in den Städten (Dt. 16, 18; 21. 19), ein Jerusalemer Obergericht, das sich aus Priestern, Leviten, Stadtältesten und köiglichen Beamten zusammensetzt (Dt. 17, 8 - 13), und priesterliche Einzelrichter (Dt. 17, 9 ff.; 21, 5) bezeugt. Priesterliche Richter mögen zumeist in kultischen Angelegeneheiten angesprochen worden sein; doch ist ihre Kompetenz nicht auf diese beschränkt (Lev. 10, 10; Hes. 44, 23). Umgekehrt hebt das Religionsgesetz ausdrücklich hervor, daß der König inseiner Rechtsprechung auf das Religionsgesetz verpflichtet ist (Dt. 17, 14 - 20); eingeschlossen sind damit gewiß auch die von ihm ernannten Rechtsprechungsbeamten.

Das 2. Buch Mose enthält von Kap. 19 an - beginnend mit den Zehn Geboten - zunächst das sog. 'Bundesbuch' (Kap. 20, 22 - 23 , 33), eine Zusammenfassung teilweise auf die Vor-Königszeit zurückgehender Normen etwa zu alltagsrechtlichen Themen wie Leibeigenschaft, Totschlag, Körperverletzungen, Eigentumsschutz, geschäftliche Redlichkeit, Sexualsittlichkeit, Schutz von Fremden, nachbarliche Pflichten, Abgrenzung zu den kanaanäischen Völkerschaften; einige den Kultus betreffende Vorschriften sind eingeschlossen (Weihe des Lebens an Gott; Opfer- und Festbräuche). In den weiteren Abschnitten dieses Buches folgen Erzählungen, die indirekt das Recht des Jahwe-Kults mit dem Priester und Opferwesen früher Zeiten Israals betreffen, aber nicht Gesetzessammlungen i. S. der 'Halachah' sind. - Das 3. Buch Mose enthält mit den 'Opfergesetzen' (Lev. Kap. 1 - 7 ), dem Recht der Priestereinsetzung (Lev. Kap. 8 - 10), den 'Reinheitsgesetzen' (Lev. Kap. 11 - 16) und dem 'Heiligkeitsgesetz' ausschließlich religionsgesetzliches Kultrecht. - Das 5. Buch Mose enthät in den Kap. 12 - 26 eine Gesetzessammlung, in der Materien unterschiedlichen Ursprungszusammengefaßt sind. Nach heutigen Kategorien kann man unterscheiden: ehe- , familien- und erbrechtliche, sittenrechtliche, nachbarrechtliche, stammesrechtliche, königs- und gerichtsrechtliche, strafrechtliche, steuerrechtliche, kriegsrechtliche Rechtsthemen. In kleinerem Umfang sind hier auch gegenüber Gott bestehende Reinheits-, Rechtgläubigkeits und Frömmigkeitspflichten angesprochen. Die Gesetzessammlung des 'Deuteronomium' ist trotz der relativen Weite ihrer Thematik in allen Aspekten gemessen an den Erfordernissen der für ihren Lebensbereich vorauszusetzenden rechtlichen und rechtsgeschäftlichen Alltagspraxis weder umfassend noch systematisch geordnet angelegt, zumindest nicht in dem Maße, wie es etwa bei dem 1200 Jahre älteren m Codex Hammurapi der Fall ist. - Alle Rechtsregeln der erwähnten Sammlungen sind so formuliert, daß sie als unmittelbat von Got gegeben erscheinen (wie z. B. in der Regel "du sollst jährlich den Zehnten deines Ertrags absondern"- Dt. 14, 22).

Insgesamt kann man für die Rechtssammlungen der Mose-Bücher sagen, daß sie von einer Rechtsordnung ausgehen, in der Gottes Willen zumindest letztlich auch die rechtliche Alltagspraxis - und zwar sowohl des privaten als auch des öffentlichen Bereichs - maßgeblich normiert. Die obrigkeitliche Rechtsfeststellungstätigkeit steht ebenfalls unter dieser direkten Normierung. Eine selbständige Rechtsgestaltungskompetenz räumt das Religionsgesetz jedenfalls prinzipiell dem Herrscher nicht ein. 

Im Vergleich mit dem Rechtsordnungs-Modell des 'Codex-Hammurabi' ist das der Rechtssammlungen der biblischen Mose-Bücher in weit größerem Maße religionsrechtlich bestimmt. Damit ist nicht der Umfang der i. w. S. kultusrechtlichen Regelungen der 'Torah' gemeint, weil auch im babylonischen Bereich - wie auch in anderen antiken Religionen - ein ähnlich ausgeprägtes und umfangreiches Kultusrecht existiert. Vielmehr bezieht sich diese Feststellung auf das innere Verhältnis von Herrscherrecht und Gottesrecht bei der Rechtsgestaltung. Den babylonischen Typus kann man als 'Auftrags- oder 'Legitimations'-Modell, den biblischen als 'gottesstaatliches' Modell bezeichnen.

 

C. Zum 'Codex Hammurapi' und zu den biblischen Rechtssammlungen eingehender:

O. Kaiser, R. Borger u. a. (Hg.), Texte aus der Umwelt des Alten Testaments. Bd. I: Rechts- und Wirtschaftsurkunden. Historisch-chronologische Texte, Gütersloh 1985, S. 39 - 80 (Codex Hammurapi).

G. R. Driver, J. C. Mills, The Babylonian Laws, 2 Bde., Oxford 1952 und 1955.

B. E. Kautzsch, A. Bertholet u. a., Die Heilige Schrift des Alten Testaments [wissenschaftliche, kommentierte Übersetzung mit kritischem Apparat], 2 Bde., Tübingen 1922 4 , Bd. 1, S.122 - 202 und 258 - 327 (zu 2. Buch Mose ('Exodus'), ab Kap. 19 (im einzelnen: 'Bundesbuch', Opfer, Heiligkeits- und Reinheitsgesetze), das 3. Buch Mose ('Leviticus') und 5. Buch Mose ('Deuteronomium').

R. de Vaux, Das Alte Testament und seine Lebensordnungen, 2 Bde., Freiburg 1960 2 , Bd. 1, S. 85 ff. (Religiöse Ordnungen), Bd. 2, S. 1163 - 264 (Staats- und Rechtswesen, Rechtssammlungen der 'Torah') 


 

Vl/Ue Gizewski WS 1998/99

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)