ÜBUNG D.

AUFGABEN:  

Die im folgenden präsentierten, nach bestimmten formalen Ähnlichkeiten religiöser Denkformen paarweise zusammengeordneten acht Texte, die zur Hälfte der Bibel, zur Hälfte anderen literarischen Quellen des Alten Orients entstammen, haben gemeinsam, daß die politische Geschichte von Herrschern oder von Völkern als göttliche Fügung erscheint. Frömmigkeit ist damit hier immer auch eine um das Wohl des Volkes oder der Herrschaft besorgte und ergibt sich aus einer religiösen Geschichtsdeutung.

Untersuchen Sie spontan, d. h. unter Anwendung Ihres gerade gegebenen Wissens, die Texte unter folgenden Aspekten:

1) Wie sind sie nach Zeit, Autor und/oder Werkzusammenhang einzuordnen?

2) Wie sieht das jeweilige religiöse Geschichtsbild aus?

3) Welche historisch-politischen Rahmenbedingungen und Motive lassen sich in ihnen erkennen? Welche - dominierende oder nachrangige - Rolle spielen diese 'weltlichen' Bedingungen jeweils im religiösen Denken?


Text 1 a

Kap. 28

10 Jakob verliess also Bersabe und wanderte nach Haran. 11 Als er an einen Ort kam und dort übernachten wollte, weil die Sonne schon untergegangen war, nahm er einen von den dort liegenden Steinen, machte ihn zu seinem Kopfkissen und legte sich an diesem Orte schlafen. 12 Da sah er im Traume eine Leiter, die auf der Erde stand und mit der Spitze an den Himmel reichte; und die Engel Gottes stiegen darauf auf und nieder. 13 Darüber aber stand Jahve und sprach: "Ich bin Jahve, der Gott deines Vaters Abraham, und der Gott Isaaks. Das Land, auf dem du ruhst, will Ich dir und deinen Nachkommen geben. 14 Deine Nachkommen sollen zahlreich sein wie der Staub der Erde, und du sollst dich ausbreiten nach West und nach Ost, nach Nord und nach Süd, und in dir und in deiner Nachkommenschaft sollen gesegnet werden alle Völker der Erde. 15 Siehe, Ich will mit dir sein und dich beschützen, wohin immer du gehst, und Ich bringe dich wieder in dieses Land zurück. Denn Ich verlasse dich nicht, bis Ich ausgeführt, was Ich dir verheissen habe."

16 Als Jakob aus seinem Schlaf erwachte, sprach er: "Wahrhaftig, Jahve ist an dieser Stätte, und ich habe es nicht gewusst." 17 Und voll Ehrfurcht sprach er weiter: "Wie ehrwürdig ist doch dieser Ort! Hier ist wirklich Gottes Haus und hier die Pforte des Himmels!" 18 Und als er sich am Morgen in der Frühe erhob, nahm Jakob den Stein, den er zu seinem Kopfkissen gemacht hatte, richtete ihn als Denkstein auf und goss Oel darauf. 19 Er gab dann dieser Stätte den Namen Bethel; vordem hatte die Stadt Luza geheissen. 20 Dann machte Jakob dieses Gelübde: "Wenn Gott mit mir ist und mich auf diesem Wege, den ich ziehe, behütet und mir Brot zur Nahrung und Kleider zur Bedeckung gibt, 21 und wenn ich wohlbehalten in das Haus meines Vaters zurückkehre: so soll Jahve mein Gott sein, 22 und dieser Stein, den ich als Denkstein aufgerichtet habe, soll ein Haus Gottes werden, und von allem, was Du mir gibst, will ich Dir stets den zehnten Teil darbringen."


Text 1 b

Abschnitt I

1 Ich bin Darius, der Großkönig, König der Könige, König in Persien, König der Länder, des Hystaspes Sohn, des Arsames Enkel, ein Achämenide.

2 Es kündet Darus der König: Mein Vater ist Hystaspes; des Hystaspes Vater ist Arsames; des Arsames Vater war Ariaramnes; des Ariaramnes Vater war Teispes; des Teispes Vater war Achämenes.

3 Es kündet Darius der König: Deswegen werden wir Achämeniden genannt. Seit alters sind wir adlig. Seit alters war unser Geschlecht königlich.

4 Es kündet Darius der König: Acht meines Geschlechts waren vordem Könige. Ich bin der neunte. Neun sind wir in zwei Reihen Könige.

5 Es kündet Darius der König: Nach dem Willen Ahuramazdas bin ich König. Ahuramazda hat mir die Königsherrschaft verliehen.

6 Es kündet Darius der König: Dies sind die Länder, die mir zugekommen sind; nach dem Willen Ahuramazdas war ich ihr König: Persien, Elam, Babel, (As)syrien, Arabien, Ägypten, die Meerbewohner, Sardes, Ionien, Medien, Armenien, Kappadokien, Parthien, Drangiana, Areia, Chorasmien, Baktrien, Sogd, Gandhara, Skythien, Sattagydien, Arachosien, Maka, insgesamt 23 Länder.

7 Es kündet Darius der König: Diese Länder, die mit zugekommen sind - nach dem Willen Ahuramazdas wurden sie mir untertan. Sie brachten mir Tribut. Was ihnen von mir gesagt wurde, sei es bei Nacht, sei es bei Tage, das taten sie.

8 Es kündet Darius der König: In diesen Ländern habe ich einen Mann, der treu war, reich belohnt; doch wer treulos war, den habe ich bestraft. Nach dem Willen Ahuramazdas haben diese Länder mein Gesetz befolgt. Wie ihnen von mir gesagt wurde, so taten sie.

9 Es kündet Darius der König: Ahuramzda hat mir diese Königsherrschaft verliehen. Ahuramazda stand mir bei, bis ich diese Königsherrschaft erlangt hatte. Nach dem Willen Ahuramazdas habe ich diese Königsherrschaft inne.

.......

Abschnitt VI

63 Es kündet Darius der König: Deswegen stand Ahuramazda mir bei, sowie die anderen Götter, die da sind, weil ich nicht treulos war, kein Lügenknecht, kein Gewalttäter, weder ich noch meine Sippe. Nach Gerechtigkeit bin ich verfahren. Weder einem Schwachen noch einem Mächtigen habe ich Gewalt angetan. Einen Mann, der sich für mein Haus einsetzte, den habe ich reich belohnt. Wer Schaden stiftete, den habe ich streng bestraft.


Text 2 a

(23)

1 Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln.

2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

3 Er erquicket meine Seele; er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn Du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich.

5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.


Text 2 b

(99) Ich hebe an, deine Größe zu verkünden

Wer deinen Namen ausspricht, dem bist du ein Hirte, den setzt du in das Fahrwasser deines Gebots.

Wer sein Herz mit dir erfüllt, dessen Herz ist süß, denn siehe, du richtest dein Auge auf ihn, Tag für Tag, du bewahrst den, der auf deiner Flut wandelt.

Wer sich umwendet, dich anzuschauen,dessen Auge leuchtet,

du läßt ihn sich ersättigen an deiner Schönheit, die im Himmel ist.


Text 3 a

 Kapitel 1

4 Es erging das Wort Jahves an mich also: 5 "Bevor ich dich im Mutterleibe formte, habe Ich dich auserwählt, und ehe du aus dem Mutterschosse hervorgingest, habe Ich dich geheiligt und zu einem Propheten für die Völker habe Ich dich bestimmt." 6 Da sprach ich: "Ach Herr Jahve, ich kann nicht reden, ich bin noch zu jung." 7 Jahve aber sprach zu mir: "Sage nicht: Ich bin zu jung, denn zu allen, zu denen Ich dich sende, sollst du gehen und alles, was Ich dir auftrage, sollst du sprechen. 8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn Ich hin mit dir, um dich zu retten, spricht Jahve." 9 Alsdann streckte Jahve Seine Hand aus und berührte meinen Mund. Und Jahve sprach zu mir: "Meine Worte lege Ich in deinen Mund. 10 Siehe, Ich setze dich heute über die Völker und die Königreiche, auszurotten und niederzureissen, zu verderben und zu zerstören, zu bauen und anzupflanzen.

11 Da erging das Wort Jahves an mich also: "Was siehst du, Jeremias ?" Ich sprach: "Einen Wachezweig sehe ich." 12 Jahve sprach zu mir: "Du hast recht gesehen; denn Ich wache über Mein Wort, um es wahr zu machen. 13 Da erging das Wort Jahves an mich zum zweiten Male: "Was siehst du ?" Ich antwortete: Einen siedenden Topf sehe ich, der seine Vorderseite vom Norden her uns zukehrt. 14 Jahve aber sprach zu mir : Von Norden her kommt siedend das Unheil über alle Bewohner des Landes; denn Ich rufe alle Völkerschaften der nordischen Königreiche, spricht Jahve, und sie werden kommen, und jeder wird seinen Thron an den Eingang der Tore Jerusalems setzen gegen alle seine Mauern ringsum und gegen alle Städte von Juda. 16 Ich werde über sie Mein Urteil sprechen wegen all ihrer Bosheit; denn sie haben Mich verlassen und fremden Göttern geopfert und das Machwerk ihrer Hände angebetet. 17 Gürte also deine Lenden, mach dich auf und sprich zu ihnen alles, was Ich dir auftrage. Erschrick nicht vor ihnen, sonst mache Ich dich vor ihnen mutlos. 18 Siehe, Ich mache dich heute zu einer festen Burg, einer eisernen Säule und ehernen Mauer gegen das ganze Land, die Könige von Juda, seine Fürsten und Priester und das Volk des Landes. 19 Sie werden dich zwar bekämpfen, aber dich nicht bezwingen; denn Ich bin mit dir, spricht Jahve, um dich zu retten.

Kap. 2

1 Und es erging das Wort Jahves an mich: 2 "Geh und ruf' es in die Ohren Jerusalems. Also spricht Jahve: Ich gedenke dir die Liebe deiner Jugend, deine bräutliche Liebe, als du Mir in der Wüste folgtest, im Lande ohne Saat. 3 Israel war Jahve geweiht, der Erstling Seiner Früchte. Alle, die von ihm zehren, laden Schuld auf sich, Unglück kommt über sie, spricht Jahve. 4 Hört auf das Wort Jahves. Haus Jakob und alle Geschlechter des Hauses Israel! 5 So spricht Jahve: Was haben eure Väter Unrechtes an Mir gefunden, dass sie sich von Mir entfernten, Nichtigkeiten nachliefen und selber nichtig wurden? 6 Sie sagten nicht: Wo ist Jahve, der uns herausführte aus Aegypten, der uns führte durch die Wüste, durch ein Land von Steppen und Schluchten, durch ein Land der Dürre und des Dunkels, durch ein Land. durch das sonst niemand zieht und wo keiner wohnt? 7 Ich brachte euch in das Gartenland, auf dass ihr seine Früchte und seine besten Güter genösset. Aber angekommen, habt ihr Mein Land besudelt und mein Eigentum zu einem Greuel gemacht. 8 Die Priester sagten nicht: Wo ist Jahve? und die Pfleger des Gesetzes wollten nichts von Mir wissen, und die Hirten waren treulos gegen Mich, die Propheten weisssagten im Namen Baals und gingen denen nach, die nichts können. 9 Darum rechte Ich fernerhin mit euch, spricht Jahve, und rechte mit euern Kindeskindern. 10 Geht hinüber zu den Inseln der Kittäer und schaut euch um! Schickt nach Kedar und gebt acht und seht, ob je einmal so etwas geschehen ist. 11Hat je ein Volk seine Götter vertauscht? Und die sind ja gar keine Götter! Aber Mein Volk hat seine Herrlichkeit eingetauscht gegen einen, der nichts kann. 12 Entsetzt euch darob, ihr Himmel! Erschauert heftig und erstarrt, spricht Jahve. 13 Denn zweifach Böses hat Mein Volk getan: Mich haben sie verlassen, den Quell lebendigen Wassers, und sich Brunnen gegraben, geborstene Brunnen, die kein Wasser halten können! 14 Ist etwa Israel ein Sklave oder ein hausgeborner Knecht? Warum ist es nun zur Beute geworden? 15 Wider es brüllten Löwen und erhoben ihr Geheul und machten sein Land zur Einöde; seine Städte sind verbrannt, und niemand wohnt in ihnen. 15 Auch die Söhne von Memphis und Taphnes weiden dir den Scheitel ab. 17 Ist dir dies nicht zugestossen, weil du Jahve, deinen Gott, verlassen hast damals, als Er dich führte auf dem Wege? 18 Und nun, was unternimmst du den Weg nach Aegypten, um das Wasser des Nil zu trinken? Und was unternimmst du den Weg nach Assyrien, um das Wasser des Euphrat zu trinken? 19 Deine Bosheit wird dir Züchtigung und dein Abfall Strafe bringen. So wisse denn und werde inne, dass es bitter und böse ist, dass du Jahve, deinen Gott, verlassen hast und keine Furcht vor Mir bei dir ist, spricht Jahve der Heerscharen. 25 Seit alters hast du dein Joch zerbrochen, zerrissen deine Bande und erklärt: Ich will nicht dienen! Denn auf jedem hohen Hügel und unter jedem grünen Baume strecktest du dich hin als Dirne. 21 Und doch hatte Ich dich gepflanzt als edle Rebe, lauter echten Samen. Wie hast du dich verwandelt in entartete Ranken eines unechten Weinstocks? 22 Wenn du dich wüschest mit Laugensalz und haufenweise Seife an dir brauchtest, deine Schuld bliebe doch ein Schmutzfleck vor Mir, spricht Jahve. 22 Wie kannst du also sagen: Ich bin nicht befleckt, bin den Baalen nicht nachgegangen? Sieh doch hin auf dein Treiben im Tale und erkenne, was du getan hast! Eine leichtfüssige Kamelstute, die kreuz und quer läuft, 24 die ausbricht in die Steppe, in ihrer Brunst nach Luft schnappt - wer hemmt ihre Brunst ? Keiner, der sie sucht, braucht sich abzumühen, denn zu ihrer Monatszeit findet er sie. 25 Erspare doch deinem Fuss das Barfusslaufen und deiner Kehle den Durst. Du aber erklärst: "Vergeblich, nein! Denn verliebt hin ich in die Fremden, und ihnen muss ich nachgehen." 26 Doch wie ein Dieb sich schämt, wenn er ertappt wird, so wird das Haus Israel beschämt, sie samt ihren Königen, Obersten, Priestern und Propheten, 27 die da zu einem Holzklotz sagen: Mein Vater bist du, und zu einem Steine: Du hast mich geboren. Den Rücken wenden sie Mir zu, nicht das Angesicht; aber zur Zeit ihrer Drangsal sagen sie: "Erhebe Dich und rette uns!" 28 Wo sind denn deine Götter, die du dir gemacht hast? Sie sollen aufstehen und dich retten zur Zeit deiner Drangsal, denn der Zahl deiner Städte entspricht die Zahl deiner Götter, o Juda. 29 Was wollt ihr also mit Mir rechten? Ihr alle seid Mir ja untreu geworden! 30 Umsonst habe Ich eure Söhne geschlagen, sie liessen sich nicht belehren. Euer Schwert frass eure Propheten, einem würgenden Löwen gleich. 31Was für ein Geschlecht seid ihr! Achtet auf das Wort Jahves: Bin Ich wohl für Israel eine Wüste oder ein finsteres Land? Warum spricht mein Volk: Wir haben uns losgemacht, kehren wir zu Dir zurück? 32 Vergisst etwa eine Jungfrau ihres Geschmeides und eine Braut ihres Gürtels? Mein Volk aber hat Mich vergessen seit ungezählten Tagen.33 Wie gut verstehst du dich doch darauf, Liebschaften zu suchen! Darum hast du dich auch bei deinem Wandel an böse Dinge gewöhnt. 34 Selbst an deinen Kleidersäumen findet sich Blut von unschuldigen Armen, die du nicht beim Einbruch ertappt hast. 35 Bei all dem sprichst du noch: Ohne Schuld hin ich; Sein Zorn hat je von mir gelassen! Nun aber ziehe Ich dich zur Rechenschaft, weil du sagst: Ich habe nicht gefehlt. 36 Wie leicht nimmst du es doch, deinen Weg zu ändern! Auch an Aegypten wirst du ebenso zu Schanden werden, wie du zu Schanden geworden bist an Assur. 36 Denn auch von dort wirst du abziehen müssen, die Hände über dem Kopf: denn Jahve hat verworfen, worauf du dein Vertrauen setzest, und kein Gelingen wirst du mit ihnen haben."


Text 3 b

Daher ist es nur die reine Wahrheit, wenn man die Athener die Retter von Hellas nennt. Der Lauf der Dinge hing allein davon ab, wie die Athener entschieden. Dadurch, daß ihre Wahl auf die Erhaltung der hellenischen Freiheit fiel, weckten sie ganz Hellas zum Widerstand, soweit es nicht medisch gesinnt war, und ihnen ist nächst den Göttern die Zurückweisung des persischen Angriffs zu verdanken. Nicht einmal durch die ängstlichen, furchterregenden Orakelsprüche aus Delphi ließen sie sich bewegen, Hellas im Stich zu lassen. Sie harrten aus und erwarteten mutig den Angreifer.

140. Die Athener hatten nämlich Boten nach Delphi geschickt, um das Orakel zu befragen. Als die Boten die vorgeschriebenen Bräuche erfüllt hatten und im Tempelgemache sich niederließen, erteilte ihnen die Pythia - sie hieß Aristonike - folgendes Orakel:

"Elende, sitzt ihr noch hier? An das Ende der Erde
Flieh aus der Heimat, ja fliehe der Stadt hochragenden Felsen
Denn nicht das Haupt, nicht der Leib entrinnt dem grausen Verderben;
Nicht die Füße am Boden, die Hände nicht, nichts aus der Mitte
Bleibt verschont; denn alles erliegt dem verzehrenden Feuer
Oder des Kriegsgottes Wut, der auf syrischem Wagen daherfährt.
Nicht nur deine, Athen, viel andere Burgen zerstört er;
Viele Tempel der Götter verzehrt er mit flackernden Flammen
Jetzt schon stehen sie da, vom Schweiße der Angst übergossen,
Zitternd und bebend vor Furcht, und hoch von den Zinnen der Tempel
Rinnt ein schwarzes Blut und kündet das kommende Unglück.
Fort aus dem Heiligtum hier! Erhebt eure Herzen im Unglück!"

141. Als die Boten der Athener das hörten, waren sie sehr betrübt. Schon wollten sie an der Rettung von dem geweissagten Unglück verzweifeln, da riet ihnen Timon, der Sohn des Androbulos, ein Mann, der in Delphi das höchste Ansehen genoß, sie sollten mit Ölzweigen in den Tempel zurückkehren und als Bittende noch einmal das Orakel befragen. Das taten die Athener und sprachen zu dem Gotte:

"O Herr! Um der Ölzweige willen, die wir in Händen halten, sage uns ein freundlicheres Wort über unsere Vaterstadt. Wir gehen sonst nicht aus dem Heiligtum, sondern bleiben, bis der Tod uns ereilt." Als sie so sprachen, erteilte ihnen die Oberpriesterin einen zweiten Orakelspruch:

"Des Olympiers Zorn besänftigt selbst nicht Athena,
Mag sie mit vielen Worten und klugem Rat ihn auch bitten.
Darum sag ich ein zweites, ein unverbrüchliches Wort dir:
Alles gehört den Feinden, soviel des Kekrops Hügel
Und des Kithairons Tiefe, des göttlichen Berges, einschließt.
Nur die hölzerne Mauer schenkt Zeus seiner Tritogeneia.
Sie allein bleibt heil zur Rettung für dich und die Kinder.
Nicht zu Lande halte du Stand den feindlichen Scharen,
Die zu Roß und Fuß dich bedrängen; nein, kehre den Rücken,
Fliehe! Es kommt die Zeit, da deine Stirn du erhebest!
Salamis, göttliche Insel, du mordest die Söhne der Mutter
Wenn Demeter das Korn ausstreut, oder wenn sie es erntet."

142. Das schien ihnen und war auch wirklich ein günstigerer Spruch. Sie schrieben ihn auf und kehrten heim nach Athen. Daheim sagten sie den Spruch dem Volke, und viele verschiedene Meinungen wurden laut, was er bedeuten möchte. Zwei Meinungen hauptsächlich standen einander gegenüber. Von den älteren Leuten behaupteten viele, der Gott meine, daß die Akropolis erhalten bleibe. Denn die Akropolis in Athen war vor Zeiten mit einer Dornhecke umzäunt gewesen. Das sei, meinten sie, die hölzerne Mauer. Die anderen sagten, der Gott meine die Schiffe; darum solle man die Flotte instand setzen und alles andere fahren lassen. Aber diese Männer, die unter der hölzernen Mauer die Flotte verstanden, wurden durch die beiden letzten Verse des Orakels irre gemacht:

"Salamis, göttliche Insel, du mordest die Söhne der Mutter,
Wenn Demeter das Korn ausstreut oder wenn sie es erntet."

Dabei stutzten die Männer, die die hölzerne Mauer als die Flotte erklärten. Sie deuteten nämlich die Worte so, als oh Athen in einer Seeschlacht bei Salamis erliegen würde.

143. Nun war aber in Athen ein Mann, der erst jüngst zu Ansehen gekommen war. Er hieß Themistokles und war ein Sohn des Neokles. Der meinte, man erkläre diese Verse nicht ganz richtig; denn wenn sie auf die Athener gehen sollten, würde der Gott nicht ein so freundliches Wort gewählt haben; er würde nicht: "göttliche Salamis", sondern "schreckiche Salamis" gesagt haben, wenn die hellenischen Söhne dort erliegen sollten. Nein, man müsse den Spruch auf die Feinde, nicht auf die Athener beziehen. So riet er denn, sich zur Seeschlacht zu rüsten, denn die hölzernen Mauern seien die Schiffe.

Diese Erklärung des Themistokles gefiel den Athenern weit besser als die der Orakeldeuter, die der Seeschlacht widerrieten und meinten, man solle überhaupt keine Hand rühren, sondern aus Attika auswandern und sich anderswo ansiedeln.


Text 4 a

Kap. 7

1 Im ersten Jahre des Königs Belsazar von Babylon hatte Daniel einen Traum, und Gesichte gingen ihm auf seinem Lager durch den Kopf. Dann schrieb er den Traum nieder und erzählte ihn als Anfang seiner Rede: 2 "Ich schaute in meinem nächtlichen Gesichte, und siehe, die vier Himmelswinde wühlten das grosse Meer auf, 3 und vier grosse Tiere, eines vom andern verschieden, entstiegen dem Meere. 4 Das erste glich einem Löwen und hatte Adlerflügel: ich schaute, bis ihm die Flügel ausgerissen wurden und es sich aufrichtete von der Erde und auf den Füssen stand wie ein Mensch; und Menschenverstand ward ihm gegeben. Und siehe, ein anderes, zweites Tier, einem Bären ähnlich, das sich nur mit einer Seite aufrichtete. Drei Rippen hatte es in seinem Maul zwischen den Zähnen, und man rief ihm zu: "Auf! Verzehre viel Fleisch!" 6 Hierauf schaute ich, und siehe, ein anderes Tier, einem Panther ähnlich; es hatte vier Vogelflügel auf seinem Rücken. und vier Köpfe hatte das Tier, und Herrschermacht ward ihm verliehen. 7 Dann schaute ich in den nächtlichen Gesichten, und siehe, ein viertes Tier, furchtbar und schrecklich, und überaus stark; es hatte grosse Eisenzähne, frass und zermalmte und zertrat den Rest mit seinen Füssen; allen andern Tieren, die ich vor ihm geschaut hatte, glich es nicht, und es hatte zehn Hörner. 8 Ich betrachtete die Hörner, und siehe, ein anderes, ganz kleines Horn wuchs zwischen ihnen hervor; drei von den ersten Hörnern wurden von ihm abgeschlagen, und an diesem Horne sassen Augen, wie Menschenaugen, und ein Maul, das hochfahrende Reden führte.

9 Ich schaute, da wurden Throne aufgeschlagen, und ein Hochbetagter nahm darauf Platz; Sein Kleid war weiss wie Schnee und Sein Haupthaar wie reine Wolle; Sein Thron bestand aus Feuerflammen, und dessen Räder waren lohendes Feuer. 10 Ein Feuerstrom strömte und ging von Ihm aus; tausendmal Tausend dienten Ihm, und zehntausendmal Zehntausende standen bereit zu Seinen Diensten. Das Gericht setzte sich nieder, und die Bücher wurden aufgeschlagen. 11 Ich schaute hin und sah, wie wegen der hochtrabenden Reden, die das Horn führte, das Tier getötet, sein Leib vernichtet und dem Feuerbrande übergeben ward.12 Aber auch den andern Tieren ward die Macht genommen und ihre Lebensdauer auf Zeit und Stunde festgelegt. 13 In den nächtlichen Gesichten schaute ich, und siehe! Auf den Wolken des Himmels kam Einer wie ein Menschensohn; Er gelangte bis zum Hochbetagten und ward Ihm zugeführt. 14 Ihm wurde Macht, Herrlichkeit und Königtum verliehen, alle Völker, Stämme und Zungen müssen ihm dienen. Seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft und wird nicht vergehen, und sein Reich wird nie zerstört.

15 Darob wurde ich, Daniel, in meinem Geiste erschüttert, und die Gesichte, die mir durch den Kopf gingen, verwirrten mich. 16 Darum trat ich zu einem der Umstehenden und bat ihn um sichere Auskunft über all dies. Er aber gab mir die Deutung all dieser Dinge und belehrte mich: 17 "Diese vier grossen Tiere bedeuten vier Könige, die auf Erden erstehen werden; 18 dann aber erhalten die Heiligen des Höchsten das Reich, und sie behalten das Reich in Ewigkeit und in Ewigkeit der Ewigkeiten." 19 Darauf wünschte ich, Genaueres zu vernehmen über das vierte Tier, das allen andern so unähnlich war und überaus schrecklich, das Zähne aus Eisen hatte und Krallen aus Erz, das frass und zermalmte und den Rest mit seinen Füssen zertrat; 20 und über die zehn Hörner auf seinem Haupte, und über das andere, das aufsprosste und vor dem drei abfielen, jenes Horn, das Augen hatte und ein Maul, das hochfahrende Reden führte, und das grösser anzusehen war als die andern. 21 Ich schaute hin und siehe, jenes Horn bekriegte die Heiligen und überwältigte sie, 22 bis der Hochbetagte kam und den Heiligen des Höchsten Recht verschafft wurde, und bis die Zeit da war, daß die Heiligen das Reich in Besitz nähmen. 23 Jener aber sprach: "Das vierte Tier bedeutet: Ein viertes Reich wird auf Erden sein, das verschieden ist von allen andern Reichen; es wird die ganze Erde verschlingen, zerstampfen und zermalmen. 24 Die zehn Hörner aber bedeuten: Aus diesem Reich werden zehn Könige erstehen, und ein anderer steht nach ihnen auf, der verschieden ist von den frühern. Der stürzt drei Könige. 25 Reden führt er gegen den Höchsten, und die Heiligen des Höchsten tritt er zu Boden; er vermisst sich, Zeiten und Gesetze abzuändern, und sie werden ihm auch überlassen auf eine Frist, eine Doppelfrist und eine halbe Frist. 26 Dann aber tritt das Gericht zusammen, und jenem König wird die Macht genommen werden, um sie endgültig zu zerstören und zu vernichten. 27 Das Reich aber, die Macht und die Herrschaft über die Reiche unter dem ganzen Himmel soll dem Volk der Heiligen des Höchsten verliehen werden. Sein Reich ist ein ewiges Reich, und alle Mächte müssen Ihm dienen und gehorchen." 28 Hier endet der Bericht. Ich, Daniel, ängstigte mich ob meiner Gedanken, und mein Angesicht verfärbte sich, und ich bewahrte die Sache in meinem Herzen.


Text 4 b

Kap. 21

5 Als einige vom Tempel sagten, er sei mit schönen Steinen und Weihegeschenken geschmückt, entgegnete er: 6 "Es werden Tage kommen, an denen von dem, was ihr da seht, kein Stein auf dem andern bleiben wird, jeder wird abgebrochen werden." 7 Da fragten sie ihn: "Meister, wann wird das geschehen, und welches ist das Zeichen, dass dies geschehen wird? " 8 Er antwortete: "Seht zu, dass man euch nicht irreführe. Denn viele werden unter meinem Namen kommen und sagen: Ich bin es, und: Die Zeit ist nahe. Lauft ihnen nicht nach! 9 Wenn ihr ferner von Kriegen und Aufständen hört, so lasst euch nicht erschrecken. Denn das muss zuerst geschehen, aber das Ende ist dann noch nicht sofort da." 10 Darauf fuhr er fort: Volk wird sich gegen Volk erheben, Reich gegen Reich. 11 Gewaltige Erdbeben, Seuchen und Hungersnöte wird es hier und dort geben. 12 Vor allen diesen Dingen aber wird man Hand an euch legen und euch verfolgen. Man wird euch an Synagogen und in Gefängnisse ausliefern, vor Könige und Statthalter werdet ihr um meines Namens willen geführt werden. 13 Doch am Ende wird es für euch nur ein Anlass zum Zeugnisgeben sein. 14 Macht euch daher von vornherein im Herzen keine Sorge um eure Verteidigung. 15 Denn ich will euch Beredsamkeit und Weisheit geben, denen alle eure Gegner nicht widerstehen noch widersprechen können. 16 Selbst von Eltern, Brüdern, Verwandten und Freunden werdet ihr ausgeliefert werden, und manche von euch wird man töten. 17 Ihr werdet um meines Namens willen allen verhasst sein. 18 Aber kein Haar soll von eurem Haupte verlorengehen. 19 Durch standhafteAusdauer werdet ihr eure Seelen retten. 20 Wenn ihr nun Jerusalem von Kriegsheeren umlagert seht, dann wisst, dass seine Zerstörung nahe ist. 21Dann sollen die Leute in Judäa ins Gebirge flüchten, die in der Stadt sollen hinausziehen, die auf dem Land nicht in sie hineingehen. 22 Denn das sind die Tage der Vergeltung, damit alles in Erfüllung gehe, was geschrieben steht. 23Wehe den hoffenden und stillenden Müttern in jenen Tagen! Denn es wird eine grosse Not über das Land kommen und ein Zorngericht über dieses Volk. 24 Die einen werden durch die Schärfe des Schwertes fallen, die andern werden als Gefangene unter alle Völker zerstreut werden. Jerusalem wird von den Heiden zertreten werden, bis die Zeiten der Heiden abgelaufen sind. 25 Dann werden Zeichen zu sehen sein an Sonne, Mond und Sternen. Auf Erden wird Angst und Mutlosigkeit herrschen unter den Völkern wegen des Brausens und Tosens des Meeres. 26 Die Menschen werden vor Furcht und banger Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis hereinbrechen, fast vergehen. Denn die Himmelskräfte werden erschüttert werden. 27 Dann werden sie den Menschensohn auf einer Wolke kommen sehen mit grosser Macht und Herrlichkeit. 28 Wenn das zu geschehen anfängt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung naht sich.


Zusammenstellung: Christian Gizewski.


Vl/Ue Gizewski WS 1998/99