Abgrenzung wahrer von falscher Religion.

Lösung zu Übung D (Kap. 5).

Die Übungsaufgabe lautete:

Untersuchen Sie die beiden folgenden Texte 'Flavius Iosephus, Contra Apionem 2 , 16 - 23' und 'Hebräerbrief, Kap. 8 - 10', unter folgenden Aspekten:

1. Wie stellen beide Autoren die Einzigartigkeit der von ihnen vertretenen religiösen Wahrheit dar und wie grenzen sie sie gegen die geistige Umwelt ab?

2. In welcher Weise zeigt sich in beiden Texten die Entwicklung innerhalb der jüdischen und der christlichen aus der jüdischen Religion?


Die Beantwortung der Fragen muß wie bei den anderen Übungen auch hier kurz gehalten werden. Der Erörterung der Frage 1 werden für beide Texte jeweils einige Bemerkungen zu ihren Autoren und zur Textgeschichte vorangestelt.

Zu Frage 1:

Zum Text 'Flavius Iosephus, Contra Apionem 2 , 16 - 23':

Der Autor (ca. 37 - 100 n. Chr.), nach seinen eigenen biographischen Angaben dem vornehmen jüdischen Geschlecht der Hasmonäer (Makkabäer) entstammend, macht in seiner Jugendzeit eine religiöse Frömmigkeitserziehung durch, wie sie in Pharisäerkreisen damals üblich ist, und führt auch einige Zeit ein Asketenleben. Mit 26 Jahren, i. J. 64 n. Chr., noch einige Zeit vor Ausbruch des jüdischen Auftstands gegen die römische Herrschaft (68 - 70/73), aber schon in einer Atmosphäre zunehmenden zelotischen Einflusses in Iudaea, nimmt er an einer jüdischen Gesandtschaft nach Rom teil, um die Freilassung einiger Priester zu erwirken, die vom Procurator für Iudaea in Haft genommen worden sind, was ihm durch einen persönlichen Kontakt zum Kaiserhaus des damals regierenden Nero auch gelingt. Nach Ausbruch des 'Bellum Iudaicum', über den er später in dem gleichnamigen Werk berichtet, wird Flavius Iosephus, nach eigener späterer Darstellung einer an sich kriegsablehnenden Partei angehörend, aber von einer zelotischen Radikalisierung der Verhältnisse zu einer Mitwirkung genötigt, u. a. Kommandant der Festung Iotapata. Bei deren Kapitulation i. J. 68 n. Chr. gerät er in römische Gefangenschaft. Die jüdische Niederlage verändert eine nach seinen Angaben schon früher vorhandene politisch-pragmatische Auffassung des römisch-jüdischen Verhältnisses zu einer geschichtstheologischen: Gott stehe nach seinem grundsätzlichen geschichtlich erwiesenen Wollen aufseiten der Römer, nicht aufseiten eines nach Unabhängigkeit strebenden Judentums. Er propagiert diese Auffassung auch noch im Kriege selbst, etwa während der Belagerung Jerusalems. Allerdings sind dadurch aus seiner Sicht Gottes Gebote gegenüber seinem Volke, d. h. die spezifisch jüdischen Religionstraditionen, keinesfalls in Frage gestellt. Mit dieser Einstellung findet er einerseits als Klient den Schutz des flavischen Kaiserhauses - woraus sich das ihm verliehene nomen gentilicium 'Flavius' erkärt - und erhält von ihm Grundbesitz und eine Pension, was ihm ein schriftstelllerisches Lebens ermöglicht, das er in Rom führt. Andrerseits macht er in seinen Publikationen primär die Geschichte Israels und Judas/Iudäas ('Antiquitates', 20 Bücher Weltgeschichte von der Schaffung der Welt bis zu Nero; 'Bellum Iudaicum', 7 Bücher Geschichte Judas unter von der Zeit der Makkabäerkriege gegen Antiochos IV. bis zum jüdischen Krieg d. J. 70 ff.) in griechischer Sprache für einen nicht nur jüdischen Leserkreis bekannt und verteidigt die jüdische Religion gegen Vorwürfe der Exklusivität und heimlichen Illoyalität gegenüber nicht-jüdischer Kultur und römischer Staatsmacht ('Contra Apionem'). Aufgrund seiner Vergangenheit hat er sich auch mit persönlichen Verdächtigungen auseinanderzusetzen, die ihn als zumindest faktischen ehemaligen Mitvertreter der zelotischen Sache trotz seiner öfters erkärten romfreundlichen Gesinnung gelegentlich treffen ('Vita').

Die Schrift 'Contra Apionem', entstanden um 102 n. Chr., aus dem der in der Übung D zur Bearbeitung gestellte Textauszug stammt, hat den ausdrücklichen Zweck, die jüdische Religion als eine wegen ihres - nach Iosephus Auffassung - alle anderen Religionen überragenden Alters besonders ehrwürdige und - bei Beachtung eines gewissen Respekts vor einigen richtigen Zügen auch anderer Religionen - als eine vor diesen besonders richtige Religion zu erweisen. Der Gattung nach handelt sich um eine 'apolegtische 'Schrift', wie es deren auch aus dem Christentum vor allem des 2. und 3. Jhts. n. Chr. mehrere gibt. Der Zweck besteht darin, eine Sache, die in der Öffentlichkeit angegriffen wird, rhetorisch oder literarisch zu verteidigen. Die Argumentation richtet sich dabei nicht an eine Anhängerschaft, sondern an eine Gegenseite oder zumindest an ein nicht-konsentierendes, wenn auch noch aufnahmebereites Publikum. In der Metropole Alexandria gibt es im 1. Jht n. Chr., wie zuvor und späterhin, nicht selten ethnische Spannungen zwischen ihren verschiedenen Volksgruppen. Der in dem Titel erwähnte Alexandriner Apion - mit anderen ähnlich judenfeindlich Denkenden dort - erhebt um 40 n. Chr. gegen die Juden in seiner Stadt und generell gegen ihre Religion Vorwürfe der geheimniskrämerischen Exklusivität und Unseriosität, unsittlicher oder gar verbrecherischer Kulthandlungen und staatsbürgerlichen Unzuverlässigkeit. Diese Vorwürfe spiegeln Stimmungen in der nichtjüdischen Stadtbevölkerung wider und finden sogar in Rom und im Kaiserhaus des damals regierenden Caligula Wiederhall. Sie werden auch späterhin immer wieder einmal aktuell, wenn es dafür einen Anlaß gibt, wie z. B. im Zusammenhang mit dem jüdischen Krieg der Jahre 68 - 70/73 n. Chr. Auch gebildete Autoren wie Tacitus machen mit gelelegentlichen Bemerkungen so geprägte Einstellungen gegenüber den Juden deutlich. Flavius Iosephus geht mit seiner Schrift deshalb nicht nur auf die von Apion in einer um 40 n. Chr. Schrift zusammengefaßten Vorwürfe ein, sondern will damit offensichtlich auch den ihn selbst als relativ prominentem Vertreter der jüdischen Religion in Rom treffenden aktuellen Antipathien und Vorbehalten argumentativ entgegentreten. Er bemüht sich so einerseits, einen gemeinsamen Werthorizont der jüdischen und der anderen Religionen deutlich zu machen; andrerseits vertritt er aber vor allem und durchaus offensiv die Vorzüge der jüdischen Religion gegenüber den anderen. Die Schrift ist insoweit auch ein gutes Beispiel für Kontrast- und Konfliktbildungen zwischen unterschiedlichen Religionen unter homogenisierenden Bedingungen einer übergreifenden staatlichen Ordnung.

Die Argumentationslinien des zu untersuchenden Textauszugs lassen sich so explizieren und zusammenfassen: Eine geordnete staatliche Verwaltung, ein gesetzliches, einträchtiges und sittliches Verhalten der Bürtger, ein unbedingter Respekt aller vor dem göttlichen Willen im Interesse der Abwendung göttlichen Unwillens vom Gemeinwesen sind hocheinzuschätzende, letztlich allen - welcher Religion sie auch angehören mögen - gemeinsame Werte und entsprechen dem Interesse der staatlichen Obrigkeit. Die jüdische Religion entspricht diesen Werten in besonderem Maße: Sie kennt nur einen einzigen - nämlich den göttlichen - Gesetzgeber, dem unbedingter Respekt zukommt. Alle staatsbürgerlichen Tugenden haben in diesem Respekt eine feste Grundlage und sind nicht der moralischen Entscheidung des Einzelnen nheimgestellt. Generell ist die Frömmigkeit gott gegenüber eine öffenmtliche Angelegenheit. Die religiöse Erziehung vermittelt nicht nur eingehende Kenntnis des göttlichen Gesetzes, sondern übt sie ein. Unkenntnis des Gesetzes oder ihre Vortäuschung ist deshalb nicht möglich. In der Auslegung des göttlichen Wortes kann es prinzipiell keinen Streit geben, weil es feststeht. Dies führt zur Eintracht und Festigkeit aller in seiner Anwendung. Ein einheitlicher Kult, repräsentiert etwa durch einen zentralenTempel für alle, ist eine weitere Garantie dieser Festigkeit. Hier wird offensichtlich auf den - i. J. 72 zerstörten oder beschädigten und entleerten - Jerusalemer Tempel angespielt; eine Empfehlung zu seiner Erneuerung - insbesondere auch zur Erneuerung seiner traditionellen kultisch zentralen Stellung - mag stillschweigend darin enthalten sein.

Diese Argumentation grenzt an verschiedenen Stellen deutlich ab zu Gewohnheiten und Überzeugungen anderer Religions- und Geistesrichtungen der Zeit: zu einer im wesenlichen 'profanen' Rechtsauffasung, in der der Verpflichtung auf die Gesetze die religiöse Bindung fehle; zu einer philosophischen Meinungsvielfalt über göttliches Wesen und Wollen, die seine Beachtung unmöglich mache; zu einem 'traditionslosen' Interesse an Neuerungen auch geistiger Art, die feste Traditionsbindungen bewährter Religion ablehne; zu einer relativierenden Eindordnung eines Gottes in eine Götterwelt; zur Auffassung, daß Religion im wesentlichen Privatsache sei; schließlich wohl auch zu der Auffassung, daß der Jerusalemer Tempel seine zentrale kultische Bedeutung verloren habe. Betroffen sind von dieser Kritik, die allerdings argumentativ behutsam auftritt, indirekt das römische Rechtssystem, alle Formen der griechischen Philosophie, weil sie alle auch theologische Bereiche haben, ein allgemeinkultureller Zeitgeist der 'Aufgabe von Traditionen', alle polytheistischen Religionen und alle skeptischen und eher unfrommmen Alltagsformen des Verhaltens, d. h. letztlich der ganze Horizont nicht-jüdischen Geistes. Aber auch eine - aus sadduzäischer Tradition verständliche - Kontrastposition zu der zur Zeit der Abfassung der Schrift bereits ausgeprägten pharisäisch-rabbinischen Richtung innerhalb des Judentums, die das Schwergewicht ihrer Frömmigkeit nicht mehr mit dem Tempellult, sondern mit dem Synagogenwesen verbindet, dürfte zum Ausdruck kommen.

ZumText 'Hebräerbrief, Kap. 8 - 10':

Der Autor des 'Hebräer-Briefs', als welcher in der neutstamentlich-biblischen Tradition lange Zeit Paulus galt, ist tatsächlich unbekannt, wie die philologisch-theologische Analyse des Tetxtes seit längerem ergeben hat. Zeitlich wird der Brief heute dem späten ersten Jahrhundert n. Chr. zugewiesen: da er in einem anderen Text, dem auf das Jahr 96 n. Chr. daterbaren 'Clemens-Brief' zitiert wird, muß der 'Hebräer-Brief' aber zuvor entstanden sein. Der Gattung nach gehört der Text zur 'Briefliteratur', die im Rahmen der christlichen Kirche dieser Zeit eine zentrale Rolle bei der Verständigung über theologische und organisatorische Fragen der im Rahmen der Mission entstandenen jungen christlichen Gemeinden spielt. Die Adressaten sind - anders als bei 'apologetischen' Texten wie dem oben erörterten von Flavius Iosephus - prinzipiell Angehörige der christlichen Gemeinden, wobei hier nun die dort intern wahrnehmbaren und wirksamen Glaubens- und Meinungsdifferenzen im Mittelpunkt der Erörterung stehen; in der Regel ist der Briefautor eine mit geistlichem Gewicht auftretende Persönlichkeit, oder eine solche wird in der Tradition jedenfalls späterhin angenommen.

In diesem Brief ist deutlich erkennbar das Bemühen des Verfassers, in aller Schärfe Unterschiede zwischen einer - allein alttetstamentlich basierten - jüdischen Religionstradition und dem wesentlichen Inhalt einer christlichen Verkündigung, nämlich einer solchen des 'Neuen Bundes (Testaments)' zwischen Gott und einem 'neuen Volk der Heiligen' hervorzuheben. Motiv ist offenbar, in den traditionellen Beziehungen zwischen Christentum und Judentum für das Gemeindeleben zu einer auch organisatorisch unmißverständlichen Abgrenzung zu finden. Der im Titel des Briefes erwähnte Namen 'Hebräer' dürfte dabei in einer distanzierten Weise solche Christen meinen, die nach Auffassung des Autors unrichtigerweise glauben, zwischen jüdischer Tradition und christlicher Verkündingung gebe es nicht grundlegende und für das Seelenheil essentielle Unterschiede.

Die Argumentation im einzelnen läßt sich so explizieren und zusammenfassen:

a) Ein neues Zeitalter hat begonnen, in dem Gott einen neuen Heilsplan verfolgt.
b) Zwischen Gott und der ganzen Menschheit gibt es nun einen Mittler, Christus, 'der sich zu seiner Rechten gesetzt hat', also - obschon früher nach Gottes Plan auch Mensch gewesen - immer schon 'ewiger
c) Geist' war und nun als göttlicher Mitregent bekundet ist.
d) Christus hat einerseits durch seinen freiwillig auf sich genommenen Tod als Mensch Gott, der bisher stets am Ungehorsam seines Volkes Anstoß nahm, mit den Menschen versöhnt, ja sogar Gottes Einstellung generell zur Menschenwelt verändert.
e) Christus hat andrerseits die Menschheit verändert, indem er ihre Belastung durch eine grundsätzliche Sünde prinzipiell wegnahm, sie 'erlöste', in dem er allen Menschen einen 'Weg des Heils', einen Weg also, in Gottes Nähe zu kommen und heilig zu werden, eröffnete.
f) Dieser neue Weg des Heils, Gottes neuer Heilsplan, ist sogar Gegenstand eines 'neuen Bundes' zwischen Gott und - nun nicht mehr nur eines Volkes, sondern - der ganzen Menschheit.
g) Diese grundsätzliche Veränderung der Verhältnisse begründet eine Frömmmigkeit, die gekennzeichnet ist von unbeirrbarer Hoffnung auf den Fortschritt des bereits eingetretenen Heils, von unbeugsamer Glaubenszuversicht und der allen weltlichen Gütern vorrangigen Bedeutung, die Heils-oitschaft ('Evangelium') für den einzelnen Menschen auch in seinem jetzigen Leben hat.
h) Die grundsätzliche Veränderung der Verhältnisse zwischen Gott und Menschheit macht hinfällig:
  • religiöse Vorstellungen von einem 'alten Bunde' zwischen Gott und dem Volke Israel,
  • eine kultische Hohepriesterschaft nach israelitisch-jüdischer Tradition,
  • das traditionelle Opferwesen der israelitisch-jüdischen Tradition zur Versöhnung Gottes,
  • das Tempelzentrum Jerusalem und vor allem
  • alle Reinheits- und Sorgfaltsvorschriften israelitisch-jüdischer Gesetzesfrömmigkeit.
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    Zu Frage 2:

    Der wiedergegebene Textauszug aus Flavius Iosephus Schrift macht nur indirekt deutlich, was sich aus anderen Passagen des Gesamttextes deutlicher ergibt: Flavius Iosephus hat in der Zeit nach dem jüdischen Kriege mit der Abgrenzung von 'zelotischen' Formen jüdischer Frömmigkeit zu tun; sonst müßte er sich nicht 'apologetisch' äußern. Ferner ist andeutungsweise eine Auseinandersetzung mit der nach dem Kriege stark gewordenen pharisäisch-rabbinischen Richtung des Judentums zu spüren, der gegenüber Iosephus eine sadduzäisch geprägte Rückzugspoition einzunehmen scheint. Zum Christentum nimmt Flavius Iosephus nicht Stellung.

    Der 'Hebräer-Brief' läßt erkennen, daß es in den christlichen Gemeinden noch der Zeit um 100 n. Chr. eine jüdisch-aktentuierte Glaubenstradition gibt, die allerdings offenbar in Verteidigungsstellung und auf dem Rückzug gegenüber dominanten 'neutestamentlichen ' Glaubensformen ist, die deutlich zu einer jüdischen Tradution abgrenzen will.

    Beide Texte machen die erheblichen Veränderungen anschaulich, die sich binnen eines Zeitraums von hundert Jahren in der Welt der jüdischen Religiontradition und ihrer Umgebung vollziehen; dazu gehören vor allem eine Schwerpunktverlagerung innerhalb des Judentums zum Rabbinismus und die Herausbildung einer neuen Religion aus altem jüdischen Ursprung.


     

    Vl/Ue Gizewski WS 1998/99

    Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)