Kap. 1 (Einführung I): Grundbegriffe und Methoden.

INHALT

    1. Zum Gegenstand einer 'Wirkungs-', 'Traditions-' und 'Rezeptionsgeschichte'),

    2. Die begriffliche Konzeption der Antike und ihre Bedeutung für ein Verständnis ihrer Nachfolgekulturen.

    3. Zweck und Methoden eines Vergleichs der Wirkungsgeschichte der Antike in Nachfolgekulturen; zur Konzentration auf den byzantinisch-christlich und den islamisch geprägten Bereich und deren vormoderne Jahrhunderte.

    4. Vier Typen der Fortwirkung der Antike in ihren mittelalterlichen Nachfolgekulturen.

    5. Quellen- und Literaturübersichten.

1. Zum Gegenstand einer 'Wirkungs-', 'Traditions-' und 'Rezeptionsgeschichte

Gegenstand des Gesamtthemas ' Die Fortwirkung der Antike im byzantischen und islamischen Bereich' ist die Wirkungsgeschichte der antiken Kultur in einigen ihrer Nachfolgekulturen. Unter 'Wirkungsgeschichte' sei im folgenden verstanden: die Fortwährung und Entwicklung kultureller Muster (d. h. sprachlicher, gedanklicher, handlungsleitender und i. w. S. sozialstruktureller Muster) -, die sich in einer bestimmten, historisch als kulturelle Einheit faßbaren menschlichen Population ('Kultur' i. w. S.; ungefähr synonym mit 'Gesellschaft') zu einer bestimmten historischen Epoche herausgebildet haben, in späteren Epochen derselben Kultur oder in andersartigen Kulturen. Beispielsweise geht es darum, wie sich bestimmte religiöse Formen, wie sie im Christentum oder im Judentum oder in der Zarathustra-Religion des nahöstlich-mediterranen Altertums entstanden sind, in dem bis 1453 n. Cht. fortbestehenden byzantinischen Reich, unter den mittelalterlichen slawischen Völkern und Herrschaften des Balkan und Osteuropas bzw. in den arabischen und nicht-arabischen Reichsbildungen des Islam fortwirken. Andere wichtige Bereiche einer starken oder zumindest nicht unerheblichen Fortwirkung antiker Muster in diesen Regionen sind etwa die alltagsziviisatorischen Errungenschaften, die Geisteskultur, die politische und die rechtliche Ordnung des Altertums, zumeist so, wie sie in der Spätantike herausgebildet sind.

Die Forwirkung kultureller Muster kann sich einerseits vollziehen in einer 'Tradition', d. h. in einer unterbrechungslosen Übernahme kultureller Muster von Generation zu Generation, bei der sich Gleichbleiebendes mit gewissen durch spätere Zeiten und andere Umstände bedingten Neuerungen zu verbinden pflegt; als Beispiel diene der Fortbestand zentraler kirchlicher Ideen und Institutionen der Antike wie eines rechtgläubigen Glaubensbekenntnisses, der Bischofs- und Synodalverfassung oder des Mönchtstums, in den mittelalterlichen christlichen Nachfolgekulturen der Antike: prinzipielles Gleichbleiben verbindet sich mit nicht unerheblichen Modifikationen in den einzelnen Regionen.

Wirkungsgeschichte ist aber auch möglich durch 'Rezeption' antiker Muster, d. h. durch eine Wiederaufnahme nach der Unterbrechung von Überlieferungsbeziehungen oder durch eine bewußte Erneuerung zwar nicht unterbrochener, doch inhaltlich stark verändeter Traditionen. Als Beispiele dafür seien genannt die arabisch-islamische Rezeption antiker Wissenschaft und Kunst zur Zeit der Abassiden-Dynastie (seit der Mitte des 8. Jhts., Zentrum Bagdad) oder - für den abendländischen Bereich - die 'Rezeption des römisch-spätantiken Rechts' im Italien des 12./13. Jhts.' oder vieler Elemente 'nicht-christlicher' Bildung der Antike in der 'Renaissance' (13., 14., 15. Jht.).

ÜBUNG 1

a) Welchen Epochen gehören nach Ihrer Einschätzung die unten wiedergegebenen vier Abbildungen an und auf welche historischen oder/und religiösen Ereignisse und Verhältnisse könnten sie sich beziehen?

b) Was ist die jeweilige Bildaussage und was bezweckt sie nach Ihrer Einschätzung?

c) Stellen Sie in den vier Abbildungen gemeinsame oder ähnliche Bildmotive fest. In welchem entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhang könnten sie zueinander stehen?

Zur Vergrößerung in das jeweilige Bild klicken.


Zur Lösung zu Übung 1

Unter 'Antike' wird im allgemeinen eingrenzend die Geschichte der vorwiegend griechisch- und lateinischspachigen Altertumshochkultur - einschließlich ihrer Vorfeldbeziehungen - von ihren verschiedenen Anfängen bis etwa zum Ende des 5. Jhts. n. Chr. verstanden, wobei im Mittelpunkt dieser Begriffsbildung eigentlich das im Verlaufe dieser abgegrenzten Geschichte entstandene und in allen seinen Elementen auf die spätere Gesc hichte eines 'Abendlandes' fortwirkende 'griechisch-römisch' und in der 'Spätantike' 'christlich' geprägte' Kulturerbe steht. Dieser engere Begriff der 'Antike' steht in starkem Maße mit einer mittel- und westeuropäischen, vor allem aus den Traditionen des Humanismus begründeten Perspektive auf die Geschichte des Altertums zusammen.

Allerdings machen schon die griechische Geschichte - in ihrer 'hellenistischen', den Orient bis am die Grenzen Indiens und bis nach Transoxanien hin einschließenden Epoche - oder das 'Christentum' - als eine Religion, die aus dem 'Judentum' und dessen Verbundenheit mit den jahrtausendealten Altertumskulturen des Nahen Ostens hervorgegangen ist - folgendes deutlich:

Die Entwicklung hochkultureller Formationen in dem so beschriebenen Raum kann man als 'vorderorientalisch-mediterranes Altertum' oder auch - in einem allerdings weiteren Sinne - als 'antikes Altertum' oder als 'Antike im weiteren Sinne' bezeichnen.

Die Bildung eines weiter gefaßen Antiken-Begriffes grenzt dabei einerseits sinnvoll zu anderen - ohne intensivere Beziehungen zu einem westlich-eurasiatischen Altertum in anderen Weltregionen entstandenen - Komplexen zusammengehöriger Altertumshochkulturen ab, wie z. B.zu den ostasiatischen, von China ausgehenden oder zum indischen Altertum oder auch zu den ganz separat entwickelten altamerikanischen Altertumskulturen. Sie faßt aber andrerseits sinnvoll solche durch Entwicklungsgeschichte und Interdependenzen eng verbundenen historischen Bereiche zusammen, die zum Zwecke historischen Verständnisses und historischer Erklärung jedenfalls prinzipiell immer wieder einmal im Zusammenhang gesehen werden müssen.

Daß die Größe eines solchen Gegenstandsbereichs seine Erfassung nur über eine Vielzahl wissenschaftlicher Teilsisziplinen zuläßt, ändert an der grundsätzlichen Richtigkeit eines solchen umfassenden Begriffes nichts, hat aber zur Folge, daß prinzipiell kein Historiker einer i. w. S.'antiken Altertumsgeschichte' soviel Kenntnis über die Vielzahl der alten Sprachen, über die Fülle der Schriftquellen des Altertums, über die Vielfalt ethnographischer, geographischer und archäologischer Gegebenheiten, ja nicht einmal über alle wichtigeren religions-, kultur-, kriegs- und politikgeschichtlichen Prozesse haben kann.

Die historisch-interptretative Bedeutung eines erweiterten Antiken-Begriffes zeigt sich in besonderem Maße an dem vorliegenden wirkungsgeschichtlichen Gesamtthema. Für das Verständnis der Entstehung und Entwicklung des Islam sind beispielsweise nicht allein die Vorgaben aus dem christlich geprägten Römischen Reich der nachchristlichen Jahrhunderte von Bedeutung, sondern auch die eines vorchristlichen Judentums und die der außerrömisch und nichtchristlich verbliebenen eigenen Herrschafts-, Kultur- und Religionsentwicklungen in Arabien, Mesopotamien und Iran. Ein weiteres Beispiel seien die rumseldschukischen oder osmanischen Reichsbildungen: sie erklären sich nicht nur aus den Gegebeneheiten der römisch-byzantinischen Herrschaftsverhältnisse in Kleinasien und auf dem Balkan, sondern auch aus der Geschichte des Sassanidenreiches und aus der zusammenhängenden Wandergeschichte der Turk- und Mongolenvölker im aurasiatischen Steppenbereich seit der Zeit der Hunnen. Und schließlich zeigt sich an der Geschichte der slawischen und andersstämmigen Völker auf dem Balkan und in Osteuropa, daß für sie nicht nur eine mit ihrer Ansiedlung dort beginnende byzantinische oder lateinische Prägung, sondern auch eine frühere Vorfeldgeschichte der Antike im Norden und Nordosten Europas von Bedeutung gewesen sind; denn die Einwanderung slawischer Völkerschaften in den Balkan- und in den mittelosteuropäischen Bereich und sogar die Bildung warägischer Herrschaften im späteren Rußlandmüssen in einem Folgezusammenhang mit dem spätantiken Völkerwanderunsgprozeß und einer ihn motivierenden, vermutlich schon lange vorher beginnenden Anziehungs- und Ausstrahlungskraft antiker Hochkultur auch auf ihre ferner gelegenen 'barbarischen' Vorfelder verstanden werden.

Auch der aus einer primär griechisch-römischen Antiken-Konzeption betrachtet so erstaunlich wirkende Vorgang einer mittelalterlichen 'Aufteilung' der jahrhundertelang so beeindruckend 'ökumenisch' und einheitlich gebliebenen Welt des römischen Reiches in drei unterschiedliche, durch Sprach- und religiöse Glaubensgrenzen voneinander getrennte Kulturzonen - das 'Abendland', den byzantinischen und von Byzanz griechisch-orthodox geprägten Bereich der meisten balkanischen und osteuropäischen Völker und den islamischen Bereich - läßt sich aus den Voraussetzungen eines weiter gefaßten Altertums, in dem der griechisch-römische Bereich eben stets nur einen Teil darstellte, besser begreifen. Zugleich lenkt dieser weit gefaßte Begriff die Aufmerksamkeit auf vorhandene Ähnlichkeiten zwischen diesen sich in der historischen Entwicklung voneinander abgrenzenden und sich jeweils als fremd empfindenden Kulturzonen, die sich letztlich aus vielfältigen gemeinsamen Grundlagen in einer vorgängigen Altertumsgeschichte herleiten.

3. Zweck und Methoden eines Vergleichs der Wirkungsgeschichte der Antike in Nachfolgekulturen; zur Konzentration auf den byzantinisch-christlich und den islamisch geprägten Bereich und deren vormoderne Jahrhunderte.

Die Beschäftigung mit der Wirkungsgeschichte der Antike soll sich bei dem vorliegenden Gesamtthema mit kulturellen Grundorientierungen in zwei der genannten, der Antike nachfolgenden Kulturzonen befassen,und zwar anhand religiöser, philosophisch-wissenschaftlicher und politischer, ein wenig auch künstlerischer und alltagszivilsatorischer Denk- und Verhaltensformen. Von notwendigerweise jeweils wenigen exemplarisch konzipierten Quellenbeispielen ausgehend, geht es darum, Verbindungen zu vorgängigen antiken Grundlagen herzustellen und zugleich Erklärungen zu finden, wie sich einige unterschiedliche kulturelle Orientierungen in den genannten Bereichen historisch entwickelten.

Gewiß würde es sich insoweit anbieten, auch die 'abendländische' Kulturzone mitzubetrachten. Aber dies geschieht relativ häufig im Rahmen speziell auf die europäisch-'abendländische' Entwicklung konzentrierten Geschichtsdarstellungen, die die dortigen, aus der Antike herrührenden Traditionen (Alltagszivilisation, Sprache, Christentum und Kirche) und an die Antike anknüpfenden Rezeptionen und Renaissancen (Recht, Bildung, Wissenschaft) thematisieren. Es rechtfertigt sich daher, im vorliegenden Themenzusammenhang einmal primär auf benachbarten Kulturzonen, soweit sie weniger häufig behandelt zu werden pflegen, einzugehen. Es hat dabei seinen Sinn, des besseren Verständnisses der Kulterentwicklung wegen und auch im Hinblick auf die zumindest etwas häufigere Darstellung der Neuzeitgeschichte in den genannten Regionen, kompensatorisch einmal die älteren, für diejeweilige Kulturentwicklung grundlegenden nachantiken Epochen zeitlich und sachlich vorrangig zu behandeln.

Es wäre unter anderen Umständen ferner sinnvoll, weitere aus der Antike herrührende, umfassende und kulturell institutionalisierte Traditionszusammenhänge, wie die Geschichte des Judentums gesondert zu berücksichtigen. Auch diese Geschichte findet aber heute relativ häufige Darstellungen. Sie ist im übrigen eng mit der Geschichte gleichermaßen der 'abendländischen', der 'byzantinisch-slawischen' und der 'islamischen ' Nachfolgekulturen der Antike verzahnt. Es gibt weitere aus der Antike i. w. S. stammende Kulturformationen, die zu berücksichtigen generell Sinn haben könnte, wie z. B. die bis heute im nördlichen Indien fortbestehende Religionsgemeinschaft der Parsen. Doch muß sich ein Vorhaben wie das vorliegende auch aus arbeitsökonomischen Gründen auf das beschränken, was in einer Vorlesung, und sei sie zwei Semester lang, sinnvoll besprochen werden kann.

Schin für den ersten Teil der diesem Skript zugrundeliegenden Vorlesung wurde daher eine zeitliche und thematische Schwerpunktbildung vorgenommen. Erfaßt werden sollten, soweit zeitlich möglich, im wesentlichen die Jahrhunderte, die dem Mittelalter und der sehr frühen Neuzeit zu zurechnen sind, etwa bis 1500. Der mittelalterliche Stoff, soweit er im ersten Teil nicht zu behandeln war, und die neuzeitliche Rezeptionsgeschichte waren notwendigerweise auf einen zweiten Teil der Vorlesungzu verschieben. Dabei müssen sinnvollerweise die Prozesse einer über einen west- und mitteleuropäischen Humanismus und Rationalismus und verschiedenartige neutzeitliche Neuanknüpfungen - in Rußland, in den Balkanländern und im islamischen Bereich gleichermaßen - vermittelten Rezeption der Antike i. w. S. an die letzte Stelle der historischen Erörterung treten. Es ist bei diesem Verfahren zu hoffenzu hoffen, daß sich so wichtige wichtige Erklärungsmöglichkeiten aus längerer historischer Perspektive für das Verständnis gegenwärtiger Völker-, Religions-, Sprach- und Kulturformationen und der mit ihrem Bestehen üblicherweise verbundenen Konflikte regeben.

Heutige Sprachen und Religionen im europäischen, afrikanischen und nahöstlichen Bereich

Karte 'Völker'

Karte 'Religionen'

Entnommen aus: Direcke-Weltaltlas, begründet von C. Diercke, fortgeführt von R. Dehmel, Braunschweig 1973 176 (88 d. Neubearbeitung), S. 85.

Es sei ferner klargestellt, daß es auch im umgekehrten Verhältnis 'neuer Völkerschaften' zu 'antik geprägten Bevölkerungen' und im Verhältnis 'neuer Völkerschaften' untereinander in gewissem Umfang die Übernahme kultureller Muster gibt (Beispiele: die Übernahme der slawischen Sprache durch die bulgarischen Herrschaft; slawische Lehnworte im bazantinisch-mittelalterlichen Griechisch; etwa 400 wichtigere Lehnworte aus dem Arabischen im heutigen Deutschen). Mit diesen Beziehungen kann sich die Erörterung des Themas ebenfalls nur andeutend befassen. Sie sind für die hier verfolgte Themenstellung aber auch nicht zentral.

4. Vier Typen der Fortwirkung der Antike in ihren mittelalterlichen Nachfolgekulturen.

Die Formen der Fortwirkung der Antike in dem zu betrachtenden großen Raum sind fast unüberschaubar vielfältig. Sie können von der direkten und unveränderten Fortwirkung antiker Sprachen und Institutionen bis zum völlig verformten Lehnwort in einer anderen Sprache und bis zur unverstandenen, aber dennoch tolerierten Einrichtung antiker Herkunft (Beispiel: 'Hokuspokus') gehen, sie können umfassend oder fragmentarisch. unbewußt und ungesteuert oder selektiv und geplant sein. Sie können schließlich dichter und weniger dicht, auf bestimmte Lebensbereiche bezogen oder, wie in Byzanz, traditionelle Grundlage des gesamten gesellschaftlichen Lebens sein .

Um eine Vorstrukturieung dieser Vielfalt zu ermöglichen, werden hier vier Typen der Fortwirkung der Antike in Nachfolgekulturen unterschieden.

Typ 1: Die umfassende kontinuierliche Fortentwicklung traditionell antiker Ordnungen in nachantiker Zeit.

In den Regionen des vormaligen römischen Reiches der Antike, in denen die Bevölkerung nach Sprache und ethnischer Zusammensetzung unter fortbestehenden Institutionen auch im Mittelalter prinzipiell dieselbe bleibt, ändern sich die politischen, religiösen und zivilisatorischen Lebensordnungen nur allmählich und im wesentlichen aufgrund von Anstößen, die durch neue auwärtige Machtverhältnisse, also etwa durch Kriege und Grenzänderungen entstehen. Dieser Typus findet sich im Byzantnischen Reich des Mittealters (etwa seit 600 n. Chr.).

Typ 2: Das im gesellschaftlichen Leben überwiegende, assimilierende Fortwirken antiker Kulturmuster.

In den Regionen des vormaligen römischen Reiches, in denen sich aufgrund von Wanderungsbewegungen neuer Völker und der militärischen Expansion neuer Mächte die ethnischen, sprachlichen und politisch-militärischen Verhältnisse ändern, ohne daß aber die angestammte Bevölkerung verdrängt und ihre Institutionen völlig beseitigt werden, kann es bei einem erheblichen Gewicht der antiken Traditionen bleiben, der langfristig sogar zu einer kulturellen Assimilation der Eroberer zu führen vermag. Dieser Typus findet sich etwa unter ostgotischer Herrschaft in Italien, unter westgotischer Herrschaft in Spanien oder unter fränkischer Herrschaft in denjenigen Reichsteilen, in denen die romanische Bevölkerung überwiegt. Im Osten gibt es einige Regionen, in denen die zugezogene slawische Bevölkerung im Laufe der Zeit byzantinisert wird (Makedonien, Peloponnes); in anderen Regionendes Balkan ist das nicht der Fall. - Blickt man zum Nahen Osten und nach Zentralkasien, so geraten die dort ursprünglich lebenden Turk- und Mongolenvölker, die im Laufe des Mittelalters nach Westen vordringen und sich im Raum von Bulgarien bis Indien als zeitweilige Herrschaftsvölker niederlassen, mit ihrem Seßhaftwerden ebenfalls unter einen starken Assimilationsdruck sei es der byzantinisch vermittelten griechisch-römischen Kultur (Bulgaren), sei es des islamisierten iranischen, sei es des islamisierten byzantinischen Altertums-Erbes.

Typ 3: Die transformierende Übernahme antiker Kulturmuster.

In denjenigen Regionen des vormaligen römischen Reiches, in denen eine angestammte Bevölkerung antiker Prägung von einer neuen Bevölkerung weitgehend verdrängt wird, oder in solchen Regionen, in denen eine antik geprägte Bevölkerung auch zur Zeit des römischen Reiches nicht oder nur geringfügig vertreten war, kann dennoch eine Übernahme antiker Kultur durch die neue Bevölkerung auf vielfältige Weise erfolgen, einmal, weil sie sich matereiell in den Besitz antiker Hinterlassenschaften (z. B. der Städte und Kulturlandschaften) setzt, zum andern, weil sie sich Vorteile antik-hochkulturell geprägten Alltsags- und Geisteslebens zu eigen zu machen pflegt. Bei der Übernahme antiker Muster - zu denen etwa auch das Christentum zu rechnen ist - spielen die führenden Gruppen neuer Bevölkerungen oft eine maßgebliche Rolle. Allerdings erfolgt die Übernahme adaptiv transformierend (z. B.: Anpassung römischer Hofordnung an die Bedürfnisse germanischer oder slawischer Herschaft; Übersetzung römischer Begriffe in germanische oder slawische Sprachen). Dieser Typus findet sich im Norden und Osten des Frankenreichs und im im nachantiken Britannien, zumeist auch in den slawisch besiedelten Gebieten des Balkan. - Im Nahen Osten dürfte dieser Typus auf diejenigen Gebiete Kleinasiens und nördlich angrenzender Gebiet zutreffen, in denen sich im Laufe des Mittelalters mehrheitlich turkstämmige Bevölkerung ansiedelt.

Typ 4: Die kulturell-religiös selbstbewußte selektive Antikentradition und -rezeption.

Wo, wie bei der Ausbreitung des Islam, vonseiten der erobernden neuen Bevölkerungs- und Machtgruppen nicht nur politische, sondern auch kulturell-religiöse Führungsansprüche erhoben werden, ist das Verhältnis zur antiken Kultur zwiespältig. Einerseits kommt es, wie bei Typ 2, zu einer gewissen Assimilation, vor allem dort, wo die alteingessene Bevölkerung in der Mehrheit bleibt (wie z. B. in Ägypten, im palästinensischen oder im syrisch-mesopotamischen Bereich), und ferner auch zu einer bewußten und geplanten Rezeption des Wissens und der Kunst sowohl des römisch-griechischen als auch des iranischen Bereichs. Andrerseits werden von einer Übernahme solche Elemente antiker Kultur ausgeschlossen, die sich nicht mit dem neu eingeführten kulturell-religiösen Bewußtsein vertragen (wie z. B. eine dominante Stellung des Christentums oder der Zarathustra-Religion oder gewisse als koranwidrig empfundene Elemente antiker oder sassanidisch-persischer Wissenschaft und Kunst).

5. Quellen- und Literaturübersichten.

Siehe auch das Allgemeine Literatur-, Medien- und Quellen-Verzeichnis.

Ausführliche und überwiegend auf den gegenwärtigen Forschungsstand aktualisierte Bibliographien zu den jeweils von ihnen angesprochenen Bereichen des Gesamtthemas:

Otto Mazal, Handbuch der Byzantinistik. Geschichte, Religion, Sprache, Kunst, Wiesbaden 1997, S. 212 - 245.

Gyula Moravcsik, Einführung in die Byzantinologie, Darmstadt 1976 (Auswahl, jeweils zu den einzelnen Kapiteln).

Richard Frye, Persien bis zum Einbruch des Islam. Aus dem Englischen übersetzt von Paul Baudisch, Essen 1975, S .554 - 559.

Günther Stökl, Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 1990, S. 865 - 824.

Edgar Hösch, Geschichte der Balkanländer. Von der Frühzeit bis zur Gegewart, München 1999, S. 285 - 326.

Tilman Nagel, Die islamische Welt bis 1500, München 1998, S. 227 - 285.

Josef Matuz, Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte, Darmstadt 1994, S. 279 - 283 (Auswahl).

Literatur, Medien und Quellen zu der Übung 1 und ihrer Lösung.

Friedrich Gerke, Spätantike und frühes Christentum, Reihe 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundllagen', Baden-Baden 1967.

André Grabar, Byzanz. Die byzantinische Kunst des Mittelalters (vom 8. bis zum 15. Jht.), (1964) Baden-Baden 1979 3.

Francesco Gabrieli, Mohammed in Europa. 1300 Jahre Geschichte, Kunst, Kultur, übersetzt von J. Strauß, Augsburg 1997.

Der Koran. Aus dem Arabischen übersetzt von Max Henning. Einleitung und Anmerkung von Annemarie Schimmel, Stuttgart 1998.

Sahih al-Buhari, Nachrichten von Taten und Aussprüchen des Propheten Mohammed. Ausgewählt, aus dem Arabischen übersetzt und herausgegeben von Dieter Ferchl, Stuttgart 1991.

Edgar Hösch, Die Kultur der Ostslawen [betr. Rußland], Handbuch der Kulturgeschichte, 2. Abt.: Kultur der Völker, Wiesbaden 1977.


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)