Kap. 10: Kulturaustausch zwischen christlichem Westeuropa, christlichem Osteuropa und islamischem Orient.

INHALT

1. Der Kulturaustausch zwischen christlichem Westeuropa, christlichem Osteuropa und islamischem Orient in seinem Bezug zum Altertum.

2. Zur Antikenvermittlung über den mittelalterlichen'Westen' nach dem 'Osten' (Balkan, Osteuropa, Vorderer Orient, Nordafrika).

3. Zum Einfluß des vorderorientalischen und spanischen Islam im mittelalterlichen christlichen Europa.

4. Zum Einfluß der Renaissance, des Humanismus, der 'Aufklärung' und der 'ökonomisch-technisch-wissenschaftlichen Moderne' in Osteuropa, Südosteuropa und im Nahen Osten.

5. Zu kulturellen Einflüssen des islamischen Orients auf West- und Osteuropa in der Neuzeit.

6. Literatur, Medien, Quellen.

Zu den stichwortartigen Hinweisen siehe das Vorwort zu diesem Skript. 

1. Der Kulturaustausch zwischen christlichem Westeuropa, christlichem Osteuropa und islamischem Orient in seinem Bezug zum Altertum.

Die folgenden Ausführungen formulieren und illustrieren nur einige Grundgedanken zum angesprochenen Thema, d. h. sie haben eine komprimierte und abstrakte, wenn auch immer wieder um die exemplarische Illiustration ihrer Aussagen bemühte Form. Es liegt auf der Hand, daß sich ein so komplexes Thema in dieser Weise nur unbefriedigend abhandeln läßt. Ausdrücklich muß daher auf die angegebene Literatur mit ihren weiterführenden Literaturangaben verwiesen werden.

Die Differenzen zwischen den Religionsvorstellungen des römisch-katholischen Christentums, des griechisch-orthodoxen Christentums und des Islam erscheinen als Hauptmomente der Herausbildung dreier stark unterschiedlicher Kulturkreise auf dem Boden eines westlich-eurasiatischen Altertums in nachantiker Zeit, welche aber nicht nur religiös, sondern auch politisch, kulturrell und sprachlich erheblich divergieren. Die in der griechisch-römischen Altertumskultur vorhandene Tendenz zur Integration unterschiedlicher religiöser, politischer, kultureller und sprachlicher Traditionen escheint jedenfalls im distanzierten Verhältnis dieser Kulturkreise zueienander weitgehend aufgehoben, die Verständigung sehr erschwert, die Bereitschaft zum Konflikt stark erhöht.

Die Gründe dafür liegen in der motivierenden Kraft der christlichen und islamischen Religionsformen, welche die Gemeinsamkeit haben, einen systematisch begründeten Totalitätsanspruch im Hinblick auf die Ordnung des individuellen und gesellschaftlichen Lebens zu erheben, d. h. ihre zentralen Aussagen als alternativlose, umfassende, alleinverbindliche Wahrheit zu vertreten. Soweit sie eine politische Dominanz in bestimmten Gebieten erhalten, bestimmen sie dort eine politische und in der Folge auch eine gewisse allgemeinkulturelle Grenzbildung mit, soweit sie allgemeine Lebensgewohnheiten schaffen, die anderwärts unverständlich oder fremdartig erscheinen. Die kulturelle Differenz pflegt durch Hinzutreten ethnischer und sprachlicher Momente verstärkt zu werden, welche sich - mit religiösen Glaubensfragen manchmal zusammenhängend (wie das Arabische mit dem Islam, oder das Lateinische mit dem rönmisch-katholischen Christentum), manchmal auch ohne inneren Zusammenhang mit ihm (wie bei slawischen Sprachen, beim Türkischen oder Persischen in ihrem Verhältnis zu den romanischen und germanischen Sprachen) - einer Verständigung entgegenstellen.

Allerdings sind die religiösen Unterschiede zwischen römisch-katholischem und griechisch-orthodoxem Christentum - vergleichend-religionssystematisch (d. h. nicht aus ihrem Selbstverständnis heraus) betrachtet - nicht tiefgreifend, und nicht einmal zwischen Christentum und Islam ist das so. Es handelt sich ja gleichermaßen um monotheistische, zumindest zu beachtlichen Teilen auf gemeinsamen Offenbarungsquellen beruhende, in starkem Maße mit eschatologischen und soteriologischen Momenten versehene Religionsentwicklungen aus der mediterran-nahöstlichen Religionswelt der Spätantike.

Ähnliches gilt für die politischen Strukturen und die allgemein- oder geisteskulturellen Verhältnisse. Vieles an ihnen - in allen Lebensbereichen der drei Kulturkreise - kommt aus ähnlichen oder gar denselben historischen Ausgangsbedingungen des Altertums.

Daraus erklärt sich, daß die nachantiken Kulturkreise des westlichen Eurasien im Laufe ihrer Entwicklung immer wieder einmal in ein gewisses Ergänzungsverhältnis zueinander treten. Der islamische Bereich lernt, was zum Beispiel die wissenschaftlich-literarische Überlieferung des Altertums betrifft, in der Abassidenzeit von dem byzantinischen. Der mittelalterlich-christlich-europäische knüpft, was etwa die Platon- und Aristoteles-Rezeption betrifft, seit dem 11. Jht. an der Antikerezeption des spanischen unf nahöstlichen Islam an. In Byzanz wird im 15. Jht., kurz vor der Eroberung Konstantinopels, was die Reaktualisierung des nichtchristlichen Altertums betrifft, noch ein wenig von der italienischen Renaissance übernommen, so etwa im Werke des Georgios Gemistos Plethon, der Platons Staatsdenken als Grundlage einer nicht-christlichen Reorganisation des byzantinischen Staates vorschlägt.

Auch auf religiösem Gebiet hat trotz aller Grundsatzkonflikte immer wieder ein aus Gemeinsamkeiten der Entwicklungsgeschichte erklärbarer Austausch stattgefunden. Im islamischen Sufismus beispielsweise werden christlich-mystische Traditionen adaptiv übernommen. In Byzanz kommt es zumindest gelegentlich zum Versuch einer gewissen dogmatischen Annäherung an den Islam (siehe etwa den Lesetext aus Niketas Coniates, zu Kap. 3 des Skripts: 'Kaiserliche Religionspolitik und christliche Orthodoxie') . Vonseiten der Wortführer der protestantischen Reformation im 16. Jht. (Luther, Melanchthon) wird zeitweilig ein intensiver theologischer Kontakt mit der griechischen Orthodoxie gesucht.

In Fragen der Alltagskultur bleibt es sowieso - trotz aller prinzipiellen Auseinanderentwicklung in Religionsfragen - immer bei einem umfassenden Austausch von Zivilisationsgütern, der sich nach wie vor zumindest großenteils auch auf dem aus dem Altertum ererbten mediterran-nahöstlichen Netz der Handels- und Seeverbindungen, Hafen- und Marktorte vollzieht. Auch politische Grenzen und kriegerische Konflikte behindern diesen Austausch nicht wirklich, so daß - zum Beispiel im Zeitalter der Kreuzzüge oder in dem der österreichisch-türkischen Grenzkriege - jede Seite immer prinzipiell alles von der jeweils anderen lernt, was sie gebrauchen kann.

Im Rahmen solcher Austauschbeziehungen ist im übrigen immer wieder auch eine gewisse Vermittlung des Judentums - als eines mit allen westlich-eurasiatischen Kulturzonen verbundenen Strangs besonderer, altertumsbasierter Kulturtradition -zu beobachten. Seine gelehrten Vertreter ebenso wie die Kaufleute jüdischen Glaubens spielen zum Beispiel bei der Übermittlung arabisch-islamischer Kultur aus dem spanischen Bereich in das mittelalterliche und frühneuzeitliche Europa eine wichtige Rolle. Auch nach der Vertreibung der Juden aus dem seit nach Ende der 'Reconquista' ausschließlich christllich dominierten Spanien des 15. Jhts. dürfte diese Wirkung an den verschiedenen Exilorten - wie Odessa an der Schwarzmeerküste, Kairo und Alexandria in Ägypten oder Neapel in Italien - längere Zeit angehalten haben.

Die Austauschbeziehungen sind vielfältig und finden sowohl im Mittelalter als auch in der Neuzeit statt, wobei sie bis heute trotz aller unterschiedlichen geschichtlichen Fortentwicklung des Altertumserbes in den verschiedenen Kulturbereichen dennoch immer wieder auch an gemeinsame Wurzeln im Altertum anknüpfen können. Zugleich zeigt sich, daß die Unterschiede zum jeweils anderen Kulturbereich in einer Übersteigerung der Differenzvorstellungen ihren geistigen Niederschlag finden. Diese Differenzvorstellungen begründen seit Beginn des Mittelalters tiefreichende neue Tradionen, die mit denen der ursprünglichen Gemeinsamkeiten im Altertum konkurrieren. Beides wird durch die Lesetexte der nachfolgenden Übung illustriert.

Übung 10

Prüfen Sie die beiden folgenden Texte daraufhin, wie sich in ihnen jeweils Momente eigener tiefverwurzelter geistiger Traditionen in der Sicht einer anderen kulturellen Tradition mit ähnlicher Altertumsbasis niederschlagen.

Rifa al-Tahtawi, Die Überlegenheit der Franken (um 1826), und: Jacob Burckhardt, Gedanken über den Islam (1905).

Hinweise auf Antworten finden sie in den nachfolgenden Ausführungen dieses Kapitels zu P. 4 und 5.

2. Zur Antikenvermittlung über den mittelalterlichen 'Westen' nach dem 'Osten'.

In den Völkern des mittelalterlichen okzidental-christlichen Mittel- und Westeuropa lebt das antike Erbe lateinisch formuliert im Kirchengebrauch, in der Bildung und in der Rechtskultur, außerdem aber auch in vielfältiger landessparchlicher Adaptation an die mit dem Ende der Antike neu entstehenden Herrschaftsverhältnisse und Zivilisationsformen fort. Aus diesem Bereich gehen im Verlaufe des Mittelalters zugleich verschiedene bedeutende Prozesse einer kulturellen Einflußnahme vor allem auf den Osten, Norden und Südosten Europas und auf den Nahen Osten aus. Diese Prozesse sind insofern als eine 'indirekte Übertragung antiker Hochkultur' zu verstehen, als in ihnen wichtige Elemente des in West- und Mitteleuropa übernommenen antiken Erbes weiter übertragen werden. Solche Prozesse liegen etwa vor

Italien, Kernland des antiken Römischen Reiches, rückt seit dem Ende der weströmischen Kaiserherrschaft an den Rand des in mittelalterlich-byzantinischer Form forbestehenden Imperium Romanum. Schon mit der Ostgotenherrschaft entgleitet Italien zeitweilig administrativ der byzantinischen Kontrolle und dann erst recht, zumindest in den seit dem Ende des 6. Jhts. langobardisch besetzten Territorien, auch politisch. Nur die dem Exarchat Ravenna zugeordneten Bereiche der Romagna und der Pentapolis, des Umland Roms in Latium und Tuscien sowie Kalabriens und Siziliens bleiben noch längere Zeit byzantinisch gepägt. Mit dem weiteren langobardischen und später fränkischen Ausgreifen dorthin im 8. Jht. wird ein weiterer Entwicklungsschritt zu einer von Byzanz weitgehend unabhänigen Politik- und Kulturentwicklung des mittelalterlichen Italien getan, in der sich dort auf der Basis des antiken Erbes bestimmte Schwerpunke kultureller, religiöser und/oder politischer Ausstrahlung bilden.

Vom mittelalterlichen ostfränkischen, später deutschen Reich gehen ebenfalls wichtige Kulturwirkungen nach Osten aus. Sie liegen vor allem in der von dorther (Erzbistümer Mainz, Köln und Magedurg) eingeleiteten Christianisierung der östlich benachbarten Länder - Polens, Böhmens, Ungarns, Litauens - und der damit verbundenen Verbreitung der lateinsprachigen altertumsbasierten Hochkultur nach Osten. Aber auch in der mittelalterlichen deutschen Kolonisationsbewegung nach Osten - sowohl in ihren ländlichen als auch in ihren städtischen Aspekten - kann man in gewissem Umfang die Fortführung antiker Muster der ländlichen Kolonisation und provinzialen Urbanisation erkennen, also Vorgänge eines Kulturdiffusionsprozesses, der in starkem Maße auch ein zivilisatorisches Erbe der Antike, insbesondere wirtschaftliche, technische und administrative Kulturtechniken, weitergibt.

Eine weitere bedeutsame mittelalterliche Einflußnahme und kulturelle Ausstrahlung nach Osten geht von allen west- und mitteleuropäischen Ländern im Rahmen der Kreuzzüge des 11. - 13. Jhts aus. Für mehrere Jahrhunderte geraten größere Gebiete des östlichen Mittelmeerküsten und die größeren Mittelmeerinseln sowie des vormaligen byzantinischen Herrschaftsbereichs in Griechenland und der Ägäis unter die Herrschaft okzidentaler Herrscherhäuser oder Handelsrepubliken. Sieht man die Kreuzzüge i. e. S. in Verbindung mit weiteren Prozessen westlich-christlicher Expansion - zum Beispiel mit den 'Spätkreuzzügen' gegen die Türken im 14. und 15. Jht., der christlichen 'Reconquista' Spaniens im 14. und 15. Jht. und der Ausbreitung des Deutschen Ritterordens im preußischen und baltischen Bereich, so wird die auch kulturelle Bedeutung dieser Einflußnahme um so deutlicher.

Was deren Hinterlassenschaften im islamischen Bereich Bereich betrifft, so waren sie allerdings weniger religiöser, zivilisatorischer und geisteskultureller Art. Die christlichen Kreuzfahrer und Reconquistadoren konnten eine Dominanz des Christentums im Heiligen Lande und in anderen Bereichen des Islam - vom maronitischen Libanon abgesehen - nicht erreichen, und sie konnten kulturell im allgemeinen wohl mehr von den islamischen Gegnern lernen als umgekehrt (siehe dazu unter P. 3). Politisch und militärisch hinterließen sie allerdings im Nahen Osten Spuren, wie handgreiflich die großen Festungsbauten ihrer Herrschaftsbereiche zeigen. Auch ihre ritterlichen Kriegs- und Verwaltungstechniken dürften in dem an ihre Stelle tretenden Mamluken- und später im Osmanenreich wenigstens teilweise weitergeführt worden sein.

Die Missions- und Zivilisationswirkungen der Kreuzritteraktivitäten im preußisch-litauisch-estnischen Bereich treten dagegen neben ihren politischen und militärischen klarer hervor.

3. Zum Einfluß des vorderorientalischen und spanischen Islam im mittelalterlichen christlichen Europa.

Die Bedeutung des Islam für eine fortschreitende Hochkulturdiffusion im mittelalterlich-europäischen Bereich liegt darin, daß in ihm zuvor geographisch, religiös und politisch eine Verbindung der iranischen und griechisch-römischen Hochkulturtraditionen miteinander und mit weiteren hochkulturell bedeutsam werdenden Kulturtraditionen aus dem arabischen und mittelasiatischen Raum möglich wird und stattfindet. Sowoh im friedlichen Austausch als auch in kriegerischen Konflikten finder eine Übernahme der im islamischen Bereich zusammengewachsenen und fortentwickelten Kulturtraditionen des Altertums durch das okzidental- und das byzantinisch christlich geprägte Europa statt, soweit diese dort nicht bereits durch frühere direkte Übernahme präsent sind. Sowohl von den arabisch-islamischen Reichen am Mittelmeerrand als auch vom mamlukischen Reich, vom iranisch-islamischen Safawidenreich und vor allem vom türkisch-islamischen Osmanenreich gehen solche Übertragungswirkungen aus.

Sie betreffen die materielle Kultur der Landwirtschaft (Verbesserung der Bewässerungswirtschaft, neue oder erneut verbreitete Nutzpflanzen wie Spinat, Banane, Artischocke, Zitrone, Orange, Baumwolle, Zuckerrrohr, Reis, neue Nutztierzüchtungen wie Araber-Pferde, Büffel oder Merino-Schafe), des Handwerks (etwa der Glas- oder der Teppich-, Woll-, Leinen- und Baumwoll-Verarbeitung), der Technik (Alltags- und Wissenschaftsmechanik) und der Handelsgüter (etwa der Gewürze Safran, Ingwer, Zimt, Muskat), ebenso wie die Welt der Geisteskultur, so etwa der fortenwtickelten und neu zusammengeführten Traditionen antiker Philosophie, Rhetorik, Astronomie, Mathematik, Physik oder Medizin. Mit der Übernahme dieser Kulturgüter kommen auch eine Anzahl arabisch-, persisch- oder türkischstämmiger Lehnwörter in die europäischen Sprachen - von 'Arischocke', 'Katun', 'Kaffee', 'Kiosk' bis zu 'Ziffer', 'Algorithmus', 'Algebra' und Azimut' (siehe zur weiteren Illustration etwa die scherpunktmäßig des iranische Erbe betrefffende Wortliste zu Kap. 8, Übung 8: Persisches Erbe im Griechischen, Lateinischen, Arabischen, Türkischen und in verschiedenen heutigen europäischen Sprachen.). Eine Vielzahl arabischsprachiger wissenschaftlicher Literatur, die in der Abassiden-Zeit als Altertumserbe aus dem Persischen oder Griechischen ins Arabische übersetzt wird, gelangt, mit arabischen Kommentierungen ins Lateinische übersetzt ,in den christlich-europäischen Bereich. Dazu gehören wichtige Schriften des Aristoteles oder - als 'Almagest' - die Astronomielehre ('megiste syntaxis') des Ptolemäus, beides schon im hohen Mittelalter, verstärkt aber seit der Renaissance von großer Bedeutung für eine 'Enttheologisierung' und 'Verwissenschaftlichung' der europäischen Geisteskultur.

4. Zum Einfluß der Renaissance, des Humanismus, der 'Aufklärung' und der 'ökonomisch-technisch-wissenschaftlichen Moderne' in Osteuropa, Südosteuropa und im Nahen Osten.

Die im Hochmittelalter für den Bereich des christlichen okzidentalen Europa beginnende, im 14. Jht. bereits einen Höhepunkt erreichende neue Rezeption der antiken Hinterlassenschaften in Recht, Wissenschaft, Philosophie, Kunst, Bildung und Technik beruht teilweise auf Neuentdeckungen in eigenen Fundstätten aufgrund gesteigerten Interesses und intensivivierter Suche, teilweise auf byzantinischer Vermittlung, teilweise auf der bereits erwähnten Übernahme aus den sie vermittelnden islamisch geprägten arabisch- oder persisch-, später auch türkischsprachigen Bereichen. Sie verbindet sich mit einem überall im westlich-christlichen Europa dieser Zeit neu entstehenden Universitätswesen und führt zu unterschiedlichen, aber letztlich immer starken Entwicklungsimpulsen für die Strukturen der Politik, der öffentlichen Verwaltung und Finanzen, des Militärs, der Rechtsprechung, des Nah- und Fernhandels, des Gewerbes, der handwerklichen und landwirtschaftlichen Techniken. Dem Universitätswesen folgt entwicklungsgeschichtlich eine allmählicheine Anhebung auch der allgemeinen Bildung und des Schul- und Ausbildungswesens, zunächst in den Schichten des sich herausbildenden städtischen 'Bürgertums', später - seit Einführung der allgemeinen Schulpflicht in europäischen Staaten des 18. Jhts. - auch in weiteren Bevölkerungskreisen. Mit dem Fortschreiten geisteskultureller, fachlich-spezialistischer und zivilisatorisch allgemeiner Bildungstypen verbinden sich seit dem 14. Jht. ferner zahlreiche für die allgemeine kulturelle Entwicklungin den okzidentale-christlichen Ländern Europas grundlegend wichtige Entdeckungen und Erfindungen: Pulver, Kompaß und Buchdruck mit ihren Folgen für die Kriegstechnik, die Hochseeschiffahrt und die Verbreitung von Wissenschaft, Bildung und Nachrichten, ja die Entstehung einer 'öffentlichen Meinung' gehören schon dem 15. Jht. an. In diesem beginnen auch die großen Entdeckungen der bisher unbekannten Erdteile, ihre politische Unterwerfung und wirtschaftliche Nutzung durch europäische Mächte. Diese Entwicklung nimmt stetig zu. Das 17. Jht. bringt - neben einer Fortsetzung der von Europa ausgehenden geographischen Entdeckungen und Erschließungen - bereits einen Höhepunkt wichtiger mathematischer, phsyikalischer, biologischer und chemischer Entdeckungen und mit ihnen im Zusammenhang stehender wissenschaftlicher und technischer Erfindungen. Es kann als Beginn einer modernen wissenschaftlich-technologischen Entwicklung angesehen werden, die bis in unsere Zeit reicht.

Entdeckungen und Erfindungen im Europa des 17. Jhts.

Aus: dtv-Atlas der Weltgeschichte, Bd. 1 (Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution), München 1999 33, S. 279.

Diese Entwicklung hat im europäischen Bereich erhebliche Folgen für die manufakturelle und später industrielle Gütererzeugung und die Entwicklung einer auf großmaßstäblicher Kapitalakkumulation beruhenden Wirtschaftsorganisation, sei es im staatlichen Rahmen sei es außerhalb des Staates. Sie vergrößert die miltärischen Handlungsmöglichkeiten der europäischen Staaten im Laufe der Zeit stark und trägt - trotz erheblicher sozialer Konflikte, die sie immer wieder mit sich bringt - auch zu einer Verbesserung der von der staatlichen Politik schon des Absolutismus stets als Ziel angestrebeten allgemeinen Wohlfahrt bei. Im europäischen Bereich - etwa in Frankkreich, England, Österreich oder Preußen - wird seit dem 18. Jht. eine systematische Politik dieser Art betrieben.

Von hier aus strahlt sie als Muster auf den Bereich des - in der byzantinisch-christlichen Religions-, Wissens.- und Bildungs-Tradition stehenden - Russischen Reiches aus, in dem seit der Regierung des Zaren Peter d. Gr. (1689 - 1725) von Politik wegen ein 'aufgeklärter Absolutismus' westlich-europäischer Prägung und Zielsetzung (Verstärkung der Machtmittel des Staates, Steigerung der allgemeinen Wohlfahrt) praktiziert wird. Auch schon vorher - mit der Eingliederung solcher Territorien in das Russiche Reich, die einer okzidental-europäischen Tradition zugehören, gehen geisteskulturelle und künstlerische Einflüsse der Renaissance und des Humanismus in das russische Geistesleben ein.

Im Verhältnis zu den islamischen Reichen der frühen Neuzeit trifft die seit der frühen Neuzeit expandierende westlich-europäische Wissens.- und Bildungsentwicklung mit ihren Folgewirkungen für Staats- und Gesellschaftsstrukturen bis zum 18. Jht. auf kein größeres Rezeptionsinteresse, es sei denn bei denjenigen Untertanen des Osmanischen Reiches, die aufgrund ihrer christlich-religiösen Traditionen dem 'Westen' nahestehen und kulturellen Kontakt mit ihm halten können (wie in einigen halbsouveränen Balkanländern). Aber bereits im 18. Jht. wird eine Verschiebung der Machtverhältnisse zwischen christlich-europäischen Mächten (Österreich, Rußland) und dem bis dahin militärisch wohlorganisierten und eine Großmachtstellung behauptenden Osmanischen Reich erkennbar.

Zu einer tiefgreifenden Veränderung, was den politisch-militärischen und wirtschaftlichen und in der Folge auch kulturellen Einfluß 'westlich'-europäischer Länder auf die islamischen Länder des Nahen Ostens und südlichen Mittelmeerrandes betrifft, kommt es seit der Expedition Napoleons nach Ägypten (1798/99). Die im allgemeinen bestehende militärische Übermacht europäischer Nachbarländer des Osmanischen Reiches wirkt sich im Laufe des 19. Jhts. auf die Entstehung von Unabhängigkeitsbewegungen zunächst in Serbien und Griechenland und dann auf dem ganzen mit seinen Völkern überwiegend in der christlichen Tradition verbliebenen Balkan aus. Hier kommt es zur Neuentstehung von Staaten, innerhalb derer eigene christliche und nationale Traditionen, tatsächlich bedeutender aber die Muster der damaligen 'modernen' Kultur, Staats- und Gesellschaftsordnung des westlicheren Europa aufgenommen werden. Auch in Ägypten kommt es unter Mohammed Ali seit Beginn der 1830er Jahre zu einer faktischen Sezession aus dem Osmanischen Reich, nach der sich dort innere Reformen nach europäischem Vorbild einem zunehmenden politischen und wirtschaftlichen und politischen Einfluß europäischer Mächte verbinden. Mit dieser Situation befassen sich Nr. 2 und 3 der nachfolgend wiedergegebenen Lesetexte. Auch im unbestrittenen Herrschaftsbereich des Osmanischen Reiches kam es seit Beginn der Regierung des Sultans Abd ül Medschid I. (1839 - 1861) zu einer Politik der Reformen nach europäischem Vorbild (Verfassung, Rechtspflege, Steuerwesen, Militärwesen, Medizinische Fürsorge, Schul- und Universitätssystem, Pressewesen), der sog. 'Tanzimat'-Politik. Diese wird nach dem Ende des Osmanischen Reiches mit der Staatsgründung der Türkei durch Kemal Atatürk (1919 - 1938) fortgesetzt und radikalisiert.

Der politische, wirtschaftliche und kulturelle Einfluß des Westens hat im weiteren Verlaufe des 19. Jhts. und im 20. Jhts. - insbesondere nach Auflösung des Omanischen Reiches infolge des 1. Weltkrieges (mit den französischen und englischen Mandatsatsregierungen im Nahen Osten) - stark zugenommen. Kulturell entspringt er allerdings auch einem damaligen Eigeninteresse der islamisch geprägten Länder selbst. Deren traditionelle Kultur mußte in gewissen Bereichen dabei allerdings eine nicht-religiös-rationalistische Transformation erfahren. Mit diesem Problem einer zwiespältig motivierten Kulturrezeption, die bis heute andauert, befassen sich die nachfolgenden Lesetexte Nr. 1 und 3. In dem von Rifa'a al-Tahtawi stammenden Text klingt an, in welchem Maße sich ein religiöses und kulturelles traditionelles Selbstbewußtsein innerhalb des Islam eigentlich gegen die Anerkennung der eigenen, in der islamischen Antikenrezeption der Abassidenzeit bedeutungsvol gewordenen rationalistischen Momente und ihre Fortentwicklung im neuzeitlichen Kulturbildungsprozeß wehrt.

Bereits in der Zwischenkriegszeit beginnt im Nahen Osten ein nationaler und auch islamisch-fundamentalistischer Widerstand gegen ein europäisches 'Übergewicht' sich ansatzweise zu entwickeln, um sich dann nach dem 2. Weltkrieg zumindest in erfolgreichen politischen Unabhängigkeitsbewegungen zu formieren. Welche reale Bedeutung in unserer Zeit ein religiöser islamischer Fundamentalismus mit Frontstellung gegen einen 'westlich-modernen' Politik-, Wirtschafts- und Kultureinfluß haben kann, zeigt sich am Beispiel des Iran. Es ist allerdings nicht anzunehmen, daß eine wiederbelebte 'islamische Tradition' zu einer substanziellen Aufgabe der im islamischen Bereich rezipierten 'europäisch-modernen', 'rationalistisch-technischen' - und insoweit gar nicht mehr spezifisch christlichen - Kulturelemente bei derartigen Prozessen einer kulturell autonomen Rückbesinnung für das staatliche, wirtschaftliche und kulturelle Leben führen wird.

Der Einbruch des 'westlichen Fortschritts' im Nahen Osten.

Lesetexte aus: Maria Haarmann, Der Islam. Ein Lesebuch, München 1994 2, S. 280 - 283, 284 f., 287 f.

5. Zu kulturellen Einflüssen des islamischen Orients auf West- und Osteuropa in der Neuzeit.

Die Bedeutung des islamisch geprägten Kulturbereichs für West- und Osteuropa in der Neuzeit läßt sich unter folgenden Aspekten gliedern:

Die Bedeutung des Osmanischen Reiches - als mehr als vier Jahrhunderte lang sich behauptender Großmacht im europäisch-mediterranen Bereich - für die europäischen Nachbarmächte ist erheblich, sei es als Faktors der direkten Prägung der Verhältnisse, sei es über die Reaktionen auf die Präsenz dieser Großmacht. Die Einbeziehung solcher Völker in den osmanischen Herrschaftsbereich, die zuvor schon ihre christlich-religiösen und eigenständig-politischen Traditionen ausgeprägt haben, hinterläßt über die direkte Prägung auf dem Balkan erhebliche Spuren, z. B. die dauerhafte Islamisierung größerer Bevölkerungsgruppen, etwa im bosnischen, albanischen und bulgarischen Bereich. Andererseits ist dort gerade eine starke, staatsähnliche Stellung der orthodoxen Kirche - mit politischen, allgemein-administrativen (z. B. steuerbezogenen) und jurisdiktionären Funktion - innerhalb des osmanischen 'millet'-Systems (einer relativ weitgehehden Selbstverwaltung der verschiedenen Religionsgemeinschaften) - nach der Eroberung Konstantinopels i. J. 1453 bewahrt und teilweise sogar ausbaut worden. Die Anwesenheit einer türkischsprachigen Oberschicht in allen Gebieten des osmanisch beherrschten Balkan führte dort zu einem einem prägenden Einfluß der im Denken dieser Oberschicht verbundenen Kulturtraditionen sowohl persischer, als auch arabischer und als auch griechisch-römischer Herkunft. Ähnliche Spuren hinterließ dort eine islamisch geprägte Alltagskultur - etwa mit ihren Handels- und Luxusgütern, mit Eigentümlichkeiten der Architektur und Malerei, der Zigeunermusik.und Alchimie.

Manches von der islamische geprägten Geistes- und Alltagskultur des Osmanischen Reiches ging schon während der jahrhundertelangen, oft kriegerisch-konfliktuösen Nachbarschaft auch in der Neuzeit in das Leben der benachbarten christlich regierten Reiche ein. Eine Anzahl türkisch- (bzw. türkisch übermittelter arabisch- oder persisch-) stämmiger Lehnworte im Deutschen, Russischen oder Italienischen, - wie zum Beispiel 'Kaffee', 'Sorbet', 'Kiosk', 'Turban' oder 'Pascha', 'Serail', 'Harem' - legen davon Beweis ab.

Der verschiedenen Formen des politisch-diplomatischen und maritim-händlerischen Kontakts zwischen den islamischen Ländern und denen des christlichen Europa führten seit dem 16. Jht. zu vielfältigen Formen der Berichterstattung über die jeweils andere Seite, aus politischem, religiösem, literarischem und allgemein-kulturellem, im Westen auch aus aufgeklärt-philosophischem und wissenschaftlich-systematischem Interesse. Dafür finden sich Beispiele in den nachfolgenden Lesetetxten.

Die Passage aus den Erinnerungen des Jean Marteilhe (Nr. 1; Anfang des 18. Jhts. verfaßt) enthält eine respektvolle Darstellung des religiös motivierten Ethos praktischer Menschenliebe, die der Autor bei Angehörigen der islamischen Religion selbst erfahren hat. Der Grundgedanke eines die Menschen trotz der Verschiedenheit ihrer Religion umfassenden Antriebs zur Güte darf hier auch dem Geiste der frühen Aufklärung zugeschrieben werden. - Der Auszug aus dem Reisebericht des Rifa'a al-Tahtawi (Nr. 2; um 1826 verfaßt) läßt erkennen, wie der ägyptisch-islamische Besucher des damaligen Frankreichs davon Kenntnis nimmt, daß sich zu dieser Zeit im 'Westen' ein Komplex systematischer Wissenschaften entwickelt, die den Sprachen und der Geschichte des Nahen Ostens und dabei auch der arabischen Sprache und dem Islam gelten. - Johann Wolfgang Goethes 'West-östlicher Divan' (Nr. 3; publiziert um 1819 und später) macht in dem hier wiedergegebenen, an den persisch-islamischen Dichter Hafis (14. Jht.) adressierten Gedichten das die konfessionell-religiösen Grenzen übersteigende, aber dennoch fromme Interesse des Dichters am Geiste des Göttlichen, dem seine Kunst zustrebt, deutlich und erkennt in einem eigenen, dem konfessionellen Geiste der Zeit nicht konformen Weg der Kunst das über die religiösen Grenzen hinweg Verbindende aller Dichtung. Hier begründet der philosophisch-ästhetische Geist der 'deutschen Klassik' das Interesse am 'Osten'. - Daß diesem Geiste aber in der ersten Hälfte des 19. Jhts. kritischere Auffassungen vom Islam gegenüberstehen, die aus politisch-ideeller Antipahtie gegenüber dessen als absolutistsch und religiönsbedingt-unaufgeklärt wahrgenommenen damaligen Erscheinungsformen hervorgehen, macht mit aller Schärfe die i. J. 1830 geäußerte Kritik Ludiwg Börnes an Goethe klar (Nr. 4; Passage aus: Gerhard Schulz, Goethes 'West-östlicher Divan' im Urteil der Zeitgenossen, 1983/1989). - Kritik, wie sie aus dem Spottgedicht Karl Lebrecht Immermanns (Nr. 5) hervorgeht, gab es damals auch an einem 'Orientalismus' als unverständiger Modererscheinung. - Grundsätzlicher kulturkritisch ist die Charakterisierung des Islam, die der Kulturhistoriker und Geschichtsphilosoph Jakob Burckhardt vornimmt (Nr. 6, verfaßt um 1905). Diese Passage ist deshalb wichtig, weil sich in ihr ein offensichtlich auf verschiedenartigem Detailwissen beruhendes Bild vom Islam mit starken, aus europäisch-christlichen oder -'aufgeklärten' Religions- und Bildungstradition stammenden Wahrnehmungsverkürzungen einer europäischen Sicht auf den Islam verbinden ('Trockenheit und trostlose Einfachheit der Kultur'; 'Despotismus und Unehrlichkeit'; 'diabolischer Hochmut gegenüber Andersgläubigen'; 'Unfähigkeit zur Wandlung').

Kulturelles Interesse und kulturelle Distanz im neuzeitlichen Westen gegenüber dem islamischen Osten.

Lesetexte aus: Maria Haarmann, Der Islam. Ein Lesebuch, München 1994 2, S. 221 - 224, 264, 265, 275 - 277, und aus: Johann Wolgang Goethe, West-östlicher Divan. Stdienausgabe, hg. von Michael Knaupp, Stuttgart 1999, S. 37 - 39.

8. Literatur, Medien, Quellen.

LITERATUR

QUELLEN


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)