Kap. 11: Rückgriffe religiöser und politischer Bewegungen der jüngeren Geschichte auf die Antike im byzantinisch-christlich und im islamisch geprägten Bereich.

INHALT

    1. Überblick über religiöse, geisteskulturelle und politische 'Renaissancen' und 'Rezeptionen' der jüngeren Geschichte im byzantinisch-christlich und im islamisch geprägten Bereich.

    2. Rückgriffe auf die Antike in Nationalstaatsbildungen im byzantinisch und im islamisch geprägten Bereich seit dem 18. Jht.

    3. Rückgriffe auf die Antike in transnationalen (religiösen und politischen) Ideensystemen der jüngeren Geschichte im byzantinisch und im islamisch geprägten Bereich.

    Literatur, Medien, Quellen.

Zu den stichwortartigen Hinweisen siehe das Vorwort zu diesem Skript. 

1. Überblick über religiöse, geisteskulturelle und politische 'Renaissancen'und 'Rezeptionen' der jüngeren Geschichte im byzantinisch-christlich und im islamisch geprägten Bereich.

Die folgenden Darlegungen können nur einen Überblick über die Dimensionen altertumsbasierter Wirkungsgeschichte in neurer Zeit verschaffen. Sie sind deshalb kurz und auch ein wenig abstrakt gefaßt. Sie bedienen sich zur Illustration jedoch zweier Lesetexte, aus denen hervorgeht, wie differenziert die Deutung zeitgeschichtlicher ideeller Phänomene im Hinblick auf das Fortwirken des Altertums in ihnen sein kann und muß. Es versteht sich daher, daß ggf. für eine eingehendere Beschäftigung mit den vielen angesprochenen thematischen Aspekten - eines Fortwirkens altertumsbasierter Traditionen in religigiösen oder politisch-ideologischen Bewegungen der der jüngeren Geschichte - die wissenschaftliche Literatur der unterschiedlichen angesprochenen Fachdisziplinen herangezogen werden muß. Die Literaturangaben am Schluß dieses Kapitels können über die Literaturverzeichnisse können dafüt genutzt werden.

Was den Begriffsgebauch im folgenden betrifft, so sei klargestellt: 'Renaissance' meint ein den Zeitgeist wesentlich bestimmendes, die Vergangenheit als normatives Ideal bewußt imitierendes Wiederaufgreifen altertumsbasierter Traditionen, 'Rezeption' dagegen das eher adaptiv-gegenwartsbezogene, zweckrationale Neuanknüpfen an altertumsbasierte Traditionen.

Zu gesellschaftlich wirkungsvollen Neuanknüpfungen an Traditionen älterer Zeiten kann es kommen, wo die Gegenwart in maßgeblichen oder auffälligen Formen ihrer Sitten, ihrer Kultur, ihrer religiösen oder politschen Ordnung weithin als herausfordernd unrichtig, unakzeptabel und verbesserungsbedürftig erscheint. In solchen Situationen entseht ein Bedarf an allgemein überzeugenden Mustern für vorzunehmende Korrekturen, und diese lassen sich, wenn die Gegenwart mit ihrem Wissen und ihren persönlichen Autoritäten nicht weiter führt - oftmals in einem kollektiv bewußten Fundus von Traditionen finden, die eine Richtigkeisvermutung für sich haben. Autoritative Traditionen in diesem Sinne sind im 'Abendland' in Mittelalter und Neuzeit immer wieder, auf unterschiedliche Weise, in Recht und Bildung der Antike und in den Quellen des Christentums gefunden worden: so etwa bei der europäischen 'Rezeption' der arabisch übermittelten Schriften des Aristoteles oder des Römischen Rechts seit dem 12. Jht., bei der humanistischen 'Renaissance 'seit dem 14. Jht. oder bei der protestantischen 'Reformation 'seit dem 16. Jht., bei der Rezeption antiken Völkrerrechts im 17. Jht.oder bei der Rezeption republikanisch-demokratischer Muster der griechisch-römischen Geschichte in der Aufklärungs- und Revolutionszeit des 18. Jhts.. Auch Muster aus der nachantiken Religions- und Nationalgeschichte oder sogar der Frühgeschichte haben in diesem Sinne Verwendung gefunden, so in mehreren europäischen Ländern im 19. Jht.etwa solche aus germanischer oder keltischer Zeit oder aus der mittelalterlichen Reichsgeschichte. Die legitimierende Wirkung solcher Muster im Rahmen von Neuordnungsbestrebungen einer Gegenwart ergab sich dabei nie aus der bloßen quellenmäßigen 'Existenz', sondern immer auch aus einem aktuellen kollektiven Bedarf, einer zumeist intellektuell organisierten 'Quelleninterpretation' und einer 'selektiven Popularisierung' (Ideologisierung) historischer Erkentnisse.

A. MITTELALTER UND ÄLTERE NEUZEIT.

Ähnlich war es in den byzantinisch-christlich und islamisch geprägtenn Bereich der Mittelalter- und der älteren Neuzeitgeschichte.

a) Byzanz.

In der Geschichte des byzantinischen Reiches hat es bis zu seinem Ende immer wieder Versuche einer Erneuerung gegeben, die an die vormalige Größe des Römischen Reiches, seinen theologisch oder politisch-ideologisch angenommenen Auftrag einer christlichen Weltbeherrschung und die antike Bildung griechischer und lateinischer Sprache anknüpften: von Justinians Restaurationspolitik über die 'makedonische Renaissance' des 9. und 10. Jhts. und die orthodoxe Herbeiführung eines restaurativ mnotivierten Schismas mit der römisch-katholischen Kirche i. J. 1054 bis zu den ganz späten Versuchen des Georgios Gemisthos Plethon im 15. Jht., auf der Basis der politischen Schriften Platons ein dem humanistischen Zeitgeist entsprechendes Reformkonzept für den byzantinischen Reststaat zu entwickeln.

b) Balkanländer.

In der zeitgleichen mittelalterlichen Geschichte des bulgarischen und des serbischen Reiches hat es vor allem dann, wenn diese Reiche in größerem Umfang kurz zuvor noch byzantinisches Gebiet in Besitz genommen hatten, Versuche gegeben, sich die dem noch verbliebenen byzantinischen Reich an sich zustehende Legitimation durch Bezüge auf das spätantike christlich-römische Reich selbst zu eigen zu machen, ebenso wie sich dort immer wieder auch eigene ethnische Traditionen (der Bulgaren und der Serben) als Orientierung bei politisch-dynastischen Neuanfängen bemerkbar machten. Blickt man auf die ältere Neuzeit bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, so gab es im osmanisch beherrschten Bereich des Balkan ímmer wieder einmal ein Hervortreten national und orthodox-christlich motivierter Oppositionskräfte gegen das Osmanenreich, die aber vor dem 19. Jht. nicht zu größerer Entfaltung gelangen.

c) Rußland.

Rußland, das im Mittelalter vormals byzantinisches Reichsgebiet - außer am Nordrand des Schwarzen Meeres - nicht unter seiner Herrschaft hatte, ergriff dennoch in der frühen Neuzeit - nach der Eroberung Konstantinopes durch die islamischen, osmanischen Türken (i. J. 1453) und nach Befreiuung von der mongolischen Hegemonie - die Gelegenheit , sich als allein rechtgläubige, christlich-othodoxe Vormacht gegen das islamische Heidentum und als Fortsetzer der byzantinischen Kaiserreichsidee zu betrachten. Darauf beruhten nicht nur die Annahme des Zarentitels (i. J. 1547) durch den Großfürsten von Mokau (Ivan Grosny) und die staatliche Neueinführung einer akzentuiert 'byzantinischen' Liturgie und Kirchenverfassung (1551), sondern auch eine Anzahl weitergehender grundlegender Reformmaßnahmen (Militär-, Adels- und Rechtsreformen) und ihre nach byzantinischem Muster autokratische (und zugleich mongolische Herrschaftstechniken aufnehmende) Durchsetzung. - In Reaktion darauf entsand eine religiös und manchmal auch politisch oppositionelle Geistigkeit, die auf die 'altrussischen' Traditionen des Christentums Bezug nahm ('Altgläubige') und im rusischen Geistesleben neben der byzantinisch-autokratischen Staatstradition ebenfalls lange fortwirkte.

d) Naher Osten und Nordafrika.

In den nahöstlichen und nordafrikanischen Gebieten, die von der islamischen Expansion des frühen Mittelalters erreicht wurden, gab es im späteren Mittelalter und früher Neuzeit zwei Arten der Neuanknüpfung an alte Traditionen. Einmal war es die der behaupteten Wiederanknüpfung an alte reine Formen islamischer Rechtgläubigkeit, für die sowohl in der frühen haridschitschen als auch in der schiitischen als auch in der sunnitischen Form islamischen Religionsverständnisses nach Bedarf Ansatzspunke gefunden wurden. Dynastische Neubegründungen innerhalb des Islam legitimierten sich regelmäßig mit der Aussage, daß sie zu alten reinen Formen des Glaubens zurückkehrten. Eine andere Art der Wiederanknüpfung an Altertumstraditionen war die bewußte Distanzierung von arabisch-nomadischen Elementen islamischer Herrschaftsordnungen und die Betonung schon in vorislamischer Zeit bestehender urban-kultureller oder ethnisch-sprachlicher Sondertraditionen; sie ist schon seit dem 9. im Irak und Iran (als 'schu'ubiya'), später auch im 'koptischen' Ägypten und im 'berberischen' Nordafrika zu beobachten. Nicht ohne Bedeutung, wenn auch gegenüber den akzentuiert religiösen Richtungen des Islam immer in einer geistigen Minderheitsposition, war ein islamisch-rationalistischer Rekurs auf die philosophisch-wissenschaftliche Bildung des vorislamischen Altertums, wie er schon in der Abassidenzeit von einigen dem Islam zuzurechnenden Universalgelehrten praktiziert wurde (siehe Kap. 6, P. 5). In der früheren Neuzeit gab es im islamischen Nahen Osten und Nordafrika gegen das damals dort weithin hegemoniale türkisch-sunnitische Osmanenreich immer wieder einmal - wie auf dem Balkan - kokale und regionale Widerstände, die - etwa in Arabien, in Ägypten oder im Maghreb - auf altehrwürdige ethnischen Sondertraditionen, hin und wieder auch auf religiösen Differenzen zum osmanisch-sunnitischen Islam aufbauten. Das iranische Safawiderreich, das in dieser Zeit neben dem Osmanenreich bestand und immer wieder einmal mit ihm zusammenstieß, definierte sich damals ebenfalls als andersartig - unter Bezug auf seine alten iranischen Kulturtraditionenen und zugleich auf die schiitische Religionstradition des Islam.

JÜNGERE NEUZEIT.

a) Balkanländer einschließlich Griechenlands.

Erst seit Beginn des 19. Jhts. - und zunehmend durch eine anti-osmanischen Politik Englands, Frankreichs, Österreich-Ungarns und Rußlands - bildete sich und erstarkte in Griechenland und in Serbien ein aktiver Widerstand (etwa der 'hellenischen Hetairien' oder serbischen 'Hajduken'), in dem hier der Bezug auf die antike und die christlich-orthodoxe griechisch Tradition , dort die Erinnerung an die christlich-orthoxen Wurzeln und das mittelalterliche, sich auch in der byzantinischen Tradition verstehende großserbische Reich ein maßgebliche Rolle spielen. Spätestens seit der Mitte des 19. Jhts. bildeten sich ähnliche nationalbewußte Bewegungen gegen die osmanische Herrschaft auch im bulgarisch-ostrumelischen und im wallachisch-moldavischen Bereich aus; auch dort fand dabei eine ideelle Berufung auf das nicht-islamische Kulurerbe aus christlichen Wurzeln, antiker Bildung und romanischer bzw. slawischer Sprachtradition statt.

b) Rußland.

In Rußland bildete sich gegen die absolutistisch-aufgeklärte Politik einer Nachahmung des 'Westens' seit Peter d. Gr. eine reaktive nationalistisch-religiös-politische Ideenwelt heraus, in die Elemente 'russisch-ortodoxer' bzw. '-altgläubiger' und russisch-ethnischer Traditionen eingingen. Im 19. Jht. bildet sich aus solchen Traditionszusammenhängen ein 'moderner'. d. h. in eine 'säkulare' Ideenwelt transormierter 'Panslawismus' und ein 'Anti-Westlertum' heraus (A. Chomjakov). Seit den 60er Jahren des 19. Jhts. trat im Zusammenhang dieser Ideenwelt auch ein aus der religiösen 'antijüdischen' Tradition des Christetums stammender, aber säkular transformierter, massenwirksamer Antisemitismus hervor. Er ist - in Form einer fingierten Selbssbeschuldigung - zusammenfassend formuliert in den 1903 erstmalig veröffentlichten, dem russichen Privatgelehrten Sergej Nilus zugeschriebenen sog. 'Protokollen der Weisen von Zion'.

c) Osmanischer Herrschaftsbereich, Naher Osten unbd Nordafrika in nach-osmanischer Zeit.

Blickt man auf den osmanischen Herrschaftsbereich in der jüngeren Neuzeit , so treten erst seit Beginn des 19. Jhts. Unabhängigkeitsbewegungen gegen das Osmanenreich deutlicher in Erscheinung, und zwar im Zusammenhang mit seinem zunehmenden äußeren Machtverlust und seinem inneren Reformbedarf in dieser Zeit. Die Expedition Napoleons nach Ägypten, die später folgende expansive Politik europäischer Mächte im östlichen Mittelmeer- und im Schwarzmeerraum fördern die zeitweilige Unabhängigkeit regionaler Herrschaften wie in Algerien und in Ägypten, die allerdings in den folgenden Jahrzehnten mehr oder weniger schnell in eine Abhängigkeit von westlichen Kreditgeber- oder Schutzmächten übergeht.

Im Rahmen der gegen das Osmanische Reich gerichteten Unabhängigkeitsbewegungen spielt aber die Berufung auf ethnische und religiöse Traditionen in größerem Umfang erst seit dem Ersten Weltkrieg eine größere Rolle, und zwar im arabisch-sprachigen Raum des Nahen Ostens. Bis dahin - insbesondere in Ägypten und Nordafrika - argumentiert eine Opposition gegen das 'Osmanische Reich' zumeist 'europäisch' oder 'rational-islamisch', d. h. in Kategorien eines religionsindifferent formulierten 'Fortschritts' oder eines 'modernisierten Islam'.

Es gibt allerdings bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jhts. im islamischen Bereich Gegenbewegungen gegen eine 'Europäisierung' der tardotionell-islamisch geprägten gesellschaftlichen Verhältnisse. Diese berufen sich dem manchmal von Innen aufoktoyierten, manchmal von außen gewaltsam durchgesetzten 'Fortschritt' gegenüber ausdrücklich auf die Quellen islamischer Tradition. Ein markantes Beispiel dafür ist die Herausbildung der sich schiitisch verstehenden, gegen den zunehmenden englischen Einfluß in Ägypten gerichteten Herrschaft des 'Mahdi' im Sudan (1881 - 1883).

Allerdings hat die Form einer 'fundamentalistischen' Argumentation in 'antikolonialistischen' Gegenbewegungen gegen europäische Hegemonie in islamisch-geprägten Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas, wo sie später in der Zwischenkriegszeit (nach 1918) einsetzten und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg (seit 1945) sich verstärkten, zunächst keine zentrale Rolle gespielt. Vielmehr berief sie sich zumeist auf 'sozialistische' und 'nationale' und andere Formen europäisch gepägten säkularen 'Fortschrittsdenkens'. Das mag damit zusammenhängen, daß in der sunnitischen Form des Islam einerseits zwar strikt traditionalistische Strömungen der Rechtgläubigkeit immer das offizielle religiöse Erscheinungsbild prägten, aber seit jeher auch eine gewisse Toleranz gegenüber einer radikal-philosophisch-wissenschaftlichen, 'rationalistischen' Unterströmung beibehalten wurde , wie sie bereits in der Abassidenzeit hervorgetreten war. Aus einer entsprechenden Unterströmung im abendländischen Christentum des Mittelalters hatten sich 'moderne', 'säkulare', 'fortschrittliche' Formen wissenschaftlich-technischen Denkens entwickelt , die für den neuzeitlichen 'Westen' prägend und in wichtigen Elementen auch für die islamisch geprägten Länder auf vielen Lebensgebieten beispielhaft wurden. Dennoch sind sowohl in der sunnitischen als auch in der schiitischen Form des Islam traditionsbedingte starke Widerstände gegen einen 'westlichen Sittenverfall und Atheismus' angelegt und bis heute wirksam.

Übung 11.

Prüfen Sie an den nachfolgend wiedergegebenen Texten, wie sich altertumsbasierte Geistestraditionen in politisch-religiösen Ideensystemen der Neuzeit bis hin zur Gegenwart wiederfinden und eine erhebliche Wirkung entfalten können.


Christliche Traditionen in 'slawophilen' Volksbegriffen.

Endré von Ivanka, Zu Alexej Stepanowitsch Chomjakow, einem Theoretiker eines geistlich-christlich begründeten slawischen Volksbewußtseins, in: ders., Rhomäerreich und Gottesvolk. Das Glaubens-, Staats- und Volksbewußtsein der Byzantiner und seine Auswirkung auf die ostkirchlich-osteuropäische Geisteshaltung, Freiburg, München 1968, S. 144 - 154.

Zu Chomjakovs Person: siehe Stichwort Chomjakakov, aus: Brockhaus' Konversations-Lexikon, 14. Aufl., 3. Bd., Berlin und Wien 1893, S.339


Die Wiederkehr des Mahdi - eine zentrale Vorstellung innerhalb der im Iran tonangebenden schiitischen Denomination des Islam.

Heinz Halm, aktuelle Erläuterungen zu den entsprechenden Passagen im 'Kitab al-Irschâd' ('Buch der Rechtleitung') des schiitischen Bagdader Theologen Scheikh al-Mufid (10. Jht. n. Chr.), in: ders., Der schiitische Islam. Von der Religion zur Revolution, München 1994, S. 47 - 50.

2. Rückgriffe auf die Antike in Nationalstaatsbildungen im byzantinisch und im islamisch geprägten Bereich seit dem 18. Jht.

Die Legitimation politischer Programme und Strukturen durch den Bezug auf ein 'Volk', d. h. auf die speziellen politischen und wirtschaftlichen Interessen und zugleich auf die sprachlich, religiös und kulturell dominierenden Traditionen und Werte einer von der anderen Menschheit insoweit unterscheidbaren Population, ist in verschiedenartigem historischen Gewande ein seit der Antike vetrtautes Prinzip, das die Organisation von Gemeinwesen und Herrschaftsmächten unterschiedlicher Art begründen oder mitbegründen kann. In der jüngeren Neuzeit erhält es in der Auseinandersetzung zwischen der neuenglischen Kolonialgesellschaft und dem englischen Mutterland im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und später in den demokratisch-republikanischen Bewegungen und Revolutionen Europas eine besondere 'massen'-bezogen politische und zugleich sprachbezogen-kulturelle, nämlich eine modern-'nationale' Gestalt. Bei der politisch-ideellen Entwicklung dieses Prinzips gibt es unterschiedliche Ausformungen, einmal naturgemäß was die Begründung eines sprachlich-kulturellen Volkswesens, zum andern aber auch was die politisch-verfassungsmäßigen und außenpolitischen Konsequenzen aus der Annahme einer jeweils 'nationalen' Volkseinheit und ihrer Interessen betrifft.

Am Beispiel Rußlands läßt sich dieser Typus des Rückbezigs auf altertumsbasierte Traditionen verschiedener Art veranschaulichen. In Rußland entwickelt sich ausgehend von der Notwendigkeit einer - auch - geistigen Abwehr des napoleonischen Angriffs zu Beginn des 19. Jhts. eine spezielle 'nationale' Ideenwelt, in der der poltische und kulturelle Eigenwert speziell russischer Traditionen gegenüber einem ausgreifenden Suprematsanspruch einer 'westlichen' ('französischen'), mit Weltgeltungsanspruch auftretenden politischen Ideologie betont wird. In diesen Komplex von Ideen gehen an zentraler Stelle Vorstellungen von einer 'Geistträgerschaft' und einem entsprechenden universellen Auftrag eines rechtgläubig-christlichen russischen Volkes ein. Zugleich wird eine sprachbezogen-kulturelle und unreligiöse Nationsbestimmung im Sinne J. G. Herders vollzogen. Dieses 'nationale' Denken wird etwa von A. S. Chomjakow formuliert. Einer der Übungstexte dieses Kapitels geht auf das Denken Chomjakovs in seinem geistesgeschichtlichen Zusammenhang genauer ein (Christliche Traditionen in 'slawophilen' Volksbegriffen). Das russisch-'nationalistische' Denken dieses Typs ist in seinem Verhältnis zu den damals maßgeblichen 'autokratischen' und 'aristokratisch-oligarchischen' Momenten des russischen Zarenreichs zwiespältig, weil es immerhin idealiter das 'breite' Volk in den Mittelpunkt aller politisch-gesellschaftlichen Ordnung stellt. Außenpolitisch deckt es einen russisch-nationalen Führungs- und Vertretungsanspruch für slawische und orthodoxe Völker ab, innenpolitisch läßt es sowohl anti-autokratisch und anti-oligarchisch-oppositionelle als auch idealistisch-staatstreue Gesinnungen zu. Die o. e. traditionsbasierte Verbindung mit einem 'Antismitismus' wird in folgenden Zitat aus einer Untersuchung über die 'Protokolle der Weisen von Zion' besonders prägnant deutlich, es zeigt nebenbei allgemein, daß aus weit zurückreichenden Traditionen zwar viel öffentliche Motivationskraft kommen kann, aber nicht nur Gutes und Ideales hervorgehen muß:

"Das zaristische Rußland wurde von einem isolierten Zarenhof und einer mittelalterlichen Kirche beherrscht, sein merkwürdig messianischer Nationalismus hatte mit dazu beigetragen, die ersten Pogrome im modernen Europa anzuzetteln, und seine theokratische politische Struktur machte den Staat unbeweglich und gegen jegliche Reformeidee immun. Mit der ungleichen Verteilung des Reichtums, den Widersprüchen zwischen wenigen Großstädten und einem riedigen bäuerlichen Land, dem massenhaften Analphabetismus und religiösen Obskurantimsus, dem Absolutismus und dem Fehlenb einer wirklichen Öffentlichkeit bildete das Rußland von 1903 eine ideale Bühne für die Publikation der 'Protokolle'. Das Pamphlet sollte als Weckruf für das Pogrom von Kischinjow in Bessarabien dienen, bei dem 45 Juden getötet wurden" (S. E. Bronner, Ein Gerücht über die Juden. Die "Protokolle der Weisen von Zion" und der alltägliche Antisemitismus, Berlin 1999, S. 77 f.).

Was die erwähnten, in einem russischen Nationalismus ebenfalls vorhandenen antiautokratischen und politisch-volkstümlerischen Ansätze betrifft, betrifft, so ist ihr Eingehen in die spätere russisch-kommunstische Ideenwelt als eine Begründung für deren zwar areligiös auftretende, aber dennoch religionsähnliche, tiefreichende Massenmotivationskraft anzusehen.

3. Rückgriffe auf die Antike in transnationalen (religiösen und politischen) Ideensystemen der jüngeren Geschichte im byzantinisch und im islamisch geprägten Bereich.

In der Ideenwelt des jüngeren Neuzeit gibt es verschiedenartige Ideensysteme mit legitimierender Funktion für politisch und kulturelle Strukturen, welche einen 'transnationalen' Charakter haben, d. h. nicht das Konzept einer 'Nation' in den Mittelpunkt ihrer Argumentation stellen. Dazu gehören nach wie vor politisch 'aktive' religiöse Ideensysteme wie das Christentum oder der Islam (in ihren verschiedenen Richtungen). Aber neben ihnen besonders einflußreich sind im Laufe der neuzeitlichen Entwicklung säkulare, zumindest in bestimmten Kernbereichen ihres Denkens dezidiert areligiöse (atheistische) Ideensysteme geworden, die durchweg aus dem christlich-europäischen Raum hervorgegangen sind und jedenfalls prinzipiell die wissenschaftliche Begründbarkeit, überindividuelle Objektiverbarkeit und technische Gestaltbarkeit 'vernünftiger', 'fortschrittlicher' menschlicher Verhältnisse behaupten. Ihr 'objektivierbarer Vernunft- und Fortschrittsmaßstab' beansprucht in seiner Anlage eine universelle Gültigkeit und geht deshalb jedenfalls prinzipiell über Begrenzungen hinaus, die die Legitimationskraft nationalen und auch religiösen Denkens hat. Er wird allerdings immer wieder dort in Frage gestellt, wo er im praktischen politischen Vollzug auf die Grenzen menschlicher Gesellschaftsplanung und wissenschaftlicher Erkenntnis einerseits, die fundamentale Beharrungskraft gegenläufiger ethnischer, sprachlich-kultureller und religiöser Traditionen oder etablierte politische und ökonomische Interessen stößt.

Als Beispiel für ein transnationales Ideensystem mit politisch legitimierender Wirkung im byzantinisch-christlich geprägten Bereich der jüngeren Geschichte diene der russische Kommunismus mit seiner 'internationalistischen', 'marxistisch-leninistischen' Theorieform. Vor ihm und nach ihm sind dort aber ansatzweise andersartige transnationale Systeme auszumachen, nämlich der bereits erwähnte 'Panslawismus', soweit er aufgrund seines orthodox-religiösen und allgemein-völkerphilosophischen Moments über die Grenzen einer russischen Nation hinausgeht, und ein internationalistischer Liberalismus, der nicht nur die Binnenstrukturen der Staaten, sondern auch ihre Außenbeziehungen - vor allem ökonomischer Art - entscheidend prägen will. All diese transnationalen Ideensysteme sind maßgeblich von einer westlich-europäischen Gedankenwelt mitbestimmt und rekurrieren in ihrem Traditionsbezug daher vor allem über sie auf die Antike. Man kann und muß sie insoweit als Neuanknüfung an altertumsbasierte Traditionen sehen, als die westlich-europäische Ideenwelt der Neuzeit generell in vielen Momenten maßgeblich von einer Antikenrezeption bestimmt wird. Nur das transformierte orthodox-religiöse und ethnisch-russische Moment im Panslawismus und im Kommunismus stellen eine Reaktualisierung osteurropäisch und südosteuropäisch wirksam gewordener byzantinischer und orthodox-christlicher Traditionsbeziehungen zum Altertum dar.

Für den islamisch geprägten Bereich des Nahen Ostens und Nordafrikas in der jüngeren Geschichte ist 'der 'islamische Fundamentalismus' als transnationales Ideensystem mit politisch legitimierender Wirkung besonders hervorzuheben. In Wirklichkeit handelt es sich dabei um verschiedenartige oppositionelle Strömungen gegen einen 'westlich-christlichen' bzw. einen 'westlich-säkular-modernistischen Kulturhegemonialismus'. Seit Beginn der expansiven Politik europäischer Mächte im Nahen Osten und Nordafrika im 19. Jht. traten sie dort immer wieder in unterschiedlicher Form, wenn auch tendenziell ähnlich religiös formuliert auf. In der Zeit seit 1918 war es vor allem der zeitweilig völkerrechtlich festgeschriebene Einfluß Frankreichs und Englands, gegen den sich solcher Widerstand richtete. Heute ist es vor allem der militärische, ökonomische und zivilistorische Einfluß der USA, der im Nahen Osten zu einer 'Renaissance des Islam' als widerstandbegründendem, transnationalem Ideensystems führte. Dabei wird etwa im sunnitischen Bereich mit dem zentralen Postulat einer 'ausschließlichen Herrschaft Gottes' ('hakimiyyat Allah) ein traditioneller religiöser Begriff wiederaufgenommen und gegen Geltungsansprüche 'westlicher' Vorstellungen von 'Demokratie', 'Menschenrechten', ökonomischem und informationellem 'Liberalismus' gerichtet. Das politisch-reaktive Motiv einer solchen Renaissance gibt dem religiösen Bekenntnis aber einen besonderen, nämlich auch 'säkularen' und 'modernistischen' Charakter. Einer der heutigen Wortführer dieser Position, der Pakistaner Abu al A'la al-Madaudi, macht in einer 1978 erschiedenen Schrift "al-Islam wa al-madaniya al-haditha" ('Der Islam und die moderne Zivilisation', Kairo 1968, S. 42; zitiert in der Übbersetzung bei B. Tibi, Der wahre Imam Der Islam von Mohammed bis zur Gegenwart, München 1996, S. 354) zugleich das transnationale und natürlich das religiös-traditionale Moment dieses Denkens deutlich:

Im schiitischen Bereich verbindet sich eine 'fundamentalistische' Renaissance' mit den seit den Anfängen besonders kritischen Einstellungen, die sich generell gegen rein weltliche Herrschaftsmacht richten. Herrschaft kann in dieser Vorstellungswelt legitim nur sein , wenn sie unter der Kontrolle eines geistlich komptenten Imams oder einer in seiner Vertretung rechtmäßig und glaubenstreu handelnden schiitischen Geistlichkeit steht, also theokratisch organisiert ist. Die Entwicklung im Iran seit dem Ende der 70er Jahre hat diese Form eines schiitischen 'Fundamentalismus' auch in der Gesellschaftsordnung und Staatspraxis verwirklicht und zeigt damit in aller Deutlichkeit, welche Gewalt und Motivationskraft diese Form ideellen Rekurses auf die altertumsbasierte Tradition auch in der Gegenwart erzeugen kann. Mit diesem Rekurs besfaßt sich ein zweiter Lesetext der Übung dieses Kaptels (Die Wiederkehr des Mahdi - eine zentrale Vorstellung innerhalb der im Iran tonangebenden schiitischen Denomination des Islam).

4. Literatur, Medien, Quellen..

LITERATUR:

Endré von Ivanka Rhomäerreich und Gottesvolk. Das Glaubens-, Staats- und Volksbewußtsein der Byzantiner und seine Auswirkung auf die ostkirchlich-osteuropäische Geisteshaltung, München 1968.

Stephen Eric Bronner, Ein Gerücht über die Juden. Die "Protokolle der Weisen von Zion" und der altägliche Antisemitismus, Übersetzung ins Deutsche von Klaus Dieter Schmidt und Hans-Ulrich Seebohm, Berlin 1999.

Franz Taeschner, Geschichte der arabischen Welt, mit einem Beitrag 'Die arabische Welt im Zeitalter des Nationalismus' von Fritz Steppat, Stuttgart 1964.

Bassam Tibi, Der wahre Imam. Der Islam von Mohammed bis zur Gegenwart, München, Zürich 1996.

Heinz Halm, Der schiitische Islam. Von der Religion zur Revolution, Müchen 1994.

QUELLEN:

Shayk al-Mufîd, Kitâb al-Irshâd. The Book of Guidance into the Lives of the twelve Imams. Engl. Übersetzung von I. K. A. Howard, London 1981.


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)