Kap. 5: Die Fortwirkung der Antike in Rußland.

INHALT

    1. Übersicht über die russische Geschichte und die Wirkungsgeschichte der Antike darin.

    2. Das politische, militärische, religiöse und wirtschaftlich Verhältnis des Kiewer Reiches zu Byzanz.

    3. Die Bedeutung der Antikenrezeption bei der Entwicklung Rußlands nach der Mongolenzeit.

    4. Die Bedeutung der Antikenrezeption bei der Entwicklung Rußlands nach der Mongolenzeit.

    5. Literatur, Medien, Quellen.

Zu den stichwortartigen Hinweisen siehe das Vorwort zu diesem Skript. 

1. Übersicht über die russische Geschichte und die Wirkungsgeschichte der Antike darin.

In den folgenden Abschnitten werden lediglich thesen- oder stichwortartig einige Gedanken zu verschiedenen thematischen Aspekten formuliert und durch einige anschauliche Quellen und Bildbeispiele illustriert. Mit weitergehenden Ausführungen wäre der Orientierungscharakter dieses Skripts verlassen. Auf die Lektüre der zu P. 5 angegebenen Literatur und weiterführenden Quellen ist daher nachdrücklich zu verweisen. Es geht um folgende, in der Vorlesung angesprochene, in der wissenschaftlichen Literatur vielfältig untersuchten Themenkomplexe:

Unter 1. werden die Rußland betreffenden Passagen des 2. Kapitels, dort zu I B, wiederholt.

a) Das Reich der Kiewer Rus.

Nach dem Aussagen der mittelalterlichen russischen Chronik 'Erzählung der vergangenen Jahre' (11. Jht., Kiew) bilden sich seit der Mitte des 9. Jhts. um Nowgorod und um Kiew größere Herrschaftsbereiche mit Zustimmung der dort wohnenden slawischen Völkerschaften unter warägischen (schwedischstämmigen), mit dem wohl finnischen Namen 'Rus' bezeichneten Fürsten heraus. Diese üben militärische Schutzaufgaben und solche der Rechtsprechung aus. Zu ihren besonderen Aufgaben und Rechten gehört die Organisation des Handels mit der arabischen und byzantinischen Welt über den Wolga- und den Dnepr-Flußweg. Dafür erheben sie von den Stämmen ihrer Herrschaftsbereiche regelmäßige Abgaben. Noch im 9. Jht. werden diese Fürstentümer unter dem Fürsten Oleg (879 - 912) vereinigt; damit beginnt die Geschichte des Reiches der Kiewer Rus. Unter dem Fürsten Igor (912 - 945) und seinen Nachfolgern Swjatoslaw (ca. 161 - 972), Vladimir I. (978 - 1015) und Jaroslaw (1019 - 1054) wird der Einfluß der Kiewer Herrschaft auf alle umliegenden größeren Slawenstämme befestigt (Aufbau einer Verwaltung und einer geregelten Steuererhebung; Neugründung von Städten mit zumeist militärischer Aufgabe; Slawisierung des Adels) und die konkzurrierende Chazarenreich am nördlichen Schwarzmeerrand beseitigt (966). Der Einflußbereich wird auch im Westen ausgedehnt, bis an die Grenze der l derdamaligen litauischen und polnischen Herrschaften. In gelegentlichen kriegerischen Konfrontationen mit dem byzantinischen Reich (860,944, 972, 1043), mehr aber noch in regelmäßigen Handelsbeziehunge zu Byzanz, die in den Handelsverträgen d. J. 911, 944 und 971 geregelt werden, beginnt ein intensiver kultureller Kontakt mit diesem. Dieser Kontakt findet in der Ehe zwischen dem Fürsten Vladmir und der byzantinischen Prinzessin Anna, der Schwester des Kaisers Basileios II., und der daran anschließenden offiziellen Christianisierung der Herrschaft der Kiewer Rus ein weiteres starkes Entwicklungsmoment. Seither wird der Einfluß der kirchlichen und rechtlichen Ideen und Organisationsformen des byzantinischen Bereichs für die Kiewer Herrschaft bedeutend. Im Kiewer Reich gibt es allerdings auch zentrifugale Kräfte, die insbesondere seit der Mitte des 11. Jhts. auftreten. Nach dem Mongoleneinbruch (1223 / 1245) werden die meisten Fürstentümer des Kiewer Reiches (der Süden um Kiew und der Norden und Osten (um Vladmimr, Rjasan und Twer) den Mongolen tributpflichtig, nicht dagegen die Fürstentümer Nowgorod und Polotzk. Hierauf beruhen unterschiedliche politische und religiös-kulturelle Entwicklungen der mongolisch und der eher nach Westen hin orientierten Teile des vormaligen Kiewer Reiches im Mittelalter, die bis zur Gegenwart hin Bedeutung behalten haben.

Es lassen sich grob zwei Epochen der Kiewer Rus-Herrschaft unterscheiden

b) Das Großfürstentums Moskau und seine Entwicklung zum Russischen Zarenreich

Die unter mongolische Oberhoheit stehenden russischen Fürstentümer bleiben zwar formell selbständig, können sich aber wegen ihrer Abhängigkeit und tributären Ausbeutung in der Zeit der Mongolenherrschaft kaum entwickeln. Trotz dieser Unterordnung vermag der Großfürst von Moskau im 14. Jht. unter mongolischer Duldung eine gewisse Vorherrschaft gegenüber anderen Fürstentümern (Twer und Rjasan, 1375) zu entfalten und sich gelegentlich sogar gegenüber den Mongolen selbst militärisch zu behaupten (1380). Als sich die Mongolenherrschaft der 'Goldenen Horde' mit dem Zentrum Saraiseit den 30er Jahren des 15. Jhts. in verschiedenen Chamate im Steppenraum nördlich des Schwarzen Meers (Krim, Kasan, Astrachan) auflöst , macht sich das Großfürstentum Moskau i. J. 1480 formell unabhängig. Es wird nun zur organisatorischen Basis einer erneuten russischen und byzantinisch-christlich geprägten Großreichsbildun, die sich gegen- Mongolen- und Türkenherrschaft, aber auch gegen westlich-kirchliche Einflüsse wendet. Dieses Selbstverständnis erhält durch ein gegen eine kirchliche Union mit dem westlichen Christentum (Union von Florenzb d. J. 1439) gerichtetes Beharren auf der byzantinisch-rthodoxen Tradition einen besonderes Gewicht und dieses wächst mit der osmanischen Eroberung Konstantinopels i. J. 1453, dessen christlich-orthodoxe und kaiserlich-imperiale Traditionen der Großfürst von Moskau Ivan III. (1462 - 1505) nunmehr bewußt übernimmt und fortführt: er ist der erste 'Zar' und Moskau das 'dritte Rom').Unter Ivan IV. (1533 - 1584) verstärkt sich der innere Ausbau und die äußereExpansion des nunmehrigen Zarenreiches Rußland. In der Funktion eines neuen Machtzentrums mit einem sowohl nach Westen als auch nach Osten und Süden religiös und politisch strikt abgegrenzten Reichstverständnis gerät die Moskauer Herrschaf seit Beginn des 16. Jhts. mit dem polnisch-litauischen Reich in einen andauernden Interessenkonflikt, der seit dem 17. Jht. u. a. zu einem zunehmenden Gebietserwerb der Moskauer Herrschaft im Bereich der baltischen Küstenländer, Weißrußlands und der Ukraine führt und schließlich - im 18. Jht. - für die völlige Auflösung des polnisch-litauischen Reiches mitursächlich ist. Dies ist jedoch zugleich Grundlage einer gewissen Westorientierung Rußlands, aus der sich verschiedenen Formen einer indirekten, durch den Westen vermittelten Antikenrezeption ergeben, nicht zuletzt auch die von Peter dem Großen im 17./18. Jht. eingeleiteten, am Westen orientierten Reformen.

Das Kiewer Reich um 1000 n. Chr.

Karte entnommen aus: Hermann Konder, Werner Hilgemann, dtv-Atlas Weltgeschichte, Bd. 1 (Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, München 1999 33 , S. 132

2. Das politische, militärische, religiöse und wirtschaftlich Verhältnis des Kiewer Reiches zu Byzanz.

  • a) Der händlerische, kriegerische und politische Beginn der Beziehungen und die darin begründete Grundstruktur des mittelalterlichen Verhältnisses Rußlands zu Byzamz.
  • Übung 5 a.

    Ermitteln Sie in den unten wiedergebenen 'Textauszügen aus der 'Nestor-Chronik' die Momente, welche eine enge Bindung zwischen Byzanz und dem russischen Herrschaftsbereich im Mittelalter bedingen.


    Lösung.

    b) Die Christianisierung des russischen Bereiches und seine Kirchenorganisation.

    Vorchristliche Religion in Rußland. Eine Kultsäule mit viergesichtigem Kopf ('Zbruckij idol') des 10. Jhts., dem nordwestslawischen Pernic ähneld; Fundstelle am Zbruc, einem Nebenfluß des Dnjestr.

    Abb. entommen aus: Edgar Hösch, Die Kultur der Ostslaven, Wiesbaden 1977, S. 23.

    Byzantinische Ikonenverehrung in Rußland. Die berühmte 'Gottesmutter von Vladimir'. Griechische Eleousa-Ikone des 12. Jhts.

    Abb. entommen aus: Edgar Hösch, Die Kultur der Ostslaven, Wiesbaden 1977, S. 65.

    Betont christliche Selbstdarstellung der Herrschaft. Die Töchter Jaroslaws des Weisen (1019 - 1054) auf einem Fresko d. 11. Jhts. in der Kiever Sophienkathedrale

    Abb. entommen aus: Edgar Hösch, Die Kultur der Ostslaven, Wiesbaden 1977, S. 49.

    c) Die kulturelle Anlehnung an Byzanz.

    Der Beginn der Schriftsprache in Rußland mit der kirchenslawischen Literatur. Miniatur des Evangelisten Lukas, der wie ein schreibender Mönch dargestellt ist, im Ostromir- Evangelium (um d. J. 1056).

    Abb. entommen aus: Edgar Hösch, Die Kultur der Ostslaven, Wiesbaden 1977, S. 31.

    Die Übernahme baulicher Formen aus Byzanz nach Kiew. Die Imitation der Hagia Sophia durch die Kiewer Sophien-Kathedrale. Rekontruktion des Aussehens im 11. Jht. und heutige Ansicht.

    Abb. entommen aus: Edgar Hösch, Die Kultur der Ostslaven, Wiesbaden 1977, S. 34/35.

    3. Die Unterbrechung oder Erschwerung der Süd- und Westbeziehungen Rußlands durch die Mongolenherrschaft.

    Darstellung des Eroberungszugs Batus gegen das Fürstentum Rjasan i. J. 1237 aus der Miniatur einer späteren Handschrift 'Erzählung von Batus Heereszug gegen Rjasan' .

    Abb. entommen aus: Edgar Hösch, Die Kultur der Ostslaven, Wiesbaden 1977, S. 80.

    4. Die Bedeutung der Antikenrezeption bei der Entwicklung Rußlands nach der Mongolenzeit.

    a) Die Bedeutung byzantinischer Kirchen- und Reichstraditionen für den Herrschaftszugewinn des Großfürstentums Moskau nach der Mongolenzeit.

    Übung 5 b.

      Untersuchen Sie an dem unten wiedergegeben Text folgende Fragen:

      a) Welcher Epoche der russischen Geschichte sind die erwähnten Ereignisse zuzuordnen. Welche wichtigen Ereignisse im außerrussischen Bereich sind jeweils vorauszusetzen oder ausdrücklich erwähnt.

      b) An welchen Stellen lasssen sich in den militärischen, politischen und religiösen Aktionen des Großfürtsen von Moskau byzantinische Traditionen erkennen?

      c) Wie verändert sich das politische Gewicht des Großfürsten von Moskau durch seine Religionspolitik und durch seine Hochzeit?

    Textauszug aus der 'Russischen Chronik'

    Übersetzung entnommen aus: Der Aufstieg Moskaus (II.). Vom Beginn des 15. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts. Auszüge aus einer russischen Chronik, übersetzt, eingeleitet und erklärt von Peter Nitsche, Bd. V der Reihe 'Slawische Geschichtsschreiber', hg. von G. Stökl, Graz, Wien, Köln 1967, S. 52 - 59 und S. 131 - 135.


    Lösung.

    b) Der Rückgriff auf das byzantinische Kirchenverständnis als Element der Legitimation einer neu begründeten russischen Kaiserherrschaft.

    An dem im folgenden präsentierten 'Akathistischen Hymnus', in russischer Sprache: 'Vzrannoi voievodie', einem festen Bestandteil der byzantinisch-slawischen Liturgie in der seit dem 16. Jht. reformierten Form wird der Jungfrau Maria für einen Sieg über die 'Barbaren', die bei einem Angriff auf Konstantinopel zurückgeschlagen wurden, gedankt. Daß u. a. auch dieses Element aus der byzantinischen Liturgie in die der griechisch-orthodoxen Kirche übernommen wurde, zeigt einmal generell die Bedeutung, die Konstantinopel über den politischen Bestand des byzantinischen Reiches hinaus für die christlich-religiöse Ideenwelt, insbesondere der othodoxen Richtung, seit dem frühen Mittealter entfaltete. Zum anderen bedeutet die ständige liturgiusche Erinnerung an das christliche Byzanz, nachdem dieses längst von den osmanischen Türken erobert war, eine auch politisch-demonstrative Aussage, etwa in dem Sinne : 'der russische Zar hat die keineswegs erledigte Aufgabe übernommen, die zuvor dem byzantinischen Kaiser oblag, den Schutz der rechtglüubigen Christenheit vor den Angriffen des Bösen in Gestalt des Islam'.

    'Akathistischer Hymnus', in russischer Sprache: 'Vzrannoi voievodie'. (auch Eingangsmelodie 1 der Eingangsseite dieses Skripts).

    Mac - PC

    Entnommen aus der CD 'Byzance. Les grandes liturgies orthodoxes, CD 1: Chants de la liturgie slavonne. Gesungen vom Choeur des moines bénédictins de l'Union (Chevetogne) unter Leitung von Dom Gregoire Bainbridge. Hersteller: harmonia mundi s. a., Mas de Vert, 13200 Arles, 1992, Nr. TF1 990611.12. Das Stück wurde für Internetzwecke konvertiert und im Volumen reduziert. Die Plazierung an dieser Stelle erfolgt auschließlich zum Zwecke der wissenschaftlichen Erläuterung eines Traditionszusammenhangs. D. Hg.

    c) Die verschiedenen nachmittelalterlichen Prozesse der mittelbaren Antikenrezeption in Rußland.

    Lehn- und Fremdworte verschiedenartiger Vermittlung im heutigen Russischen.

    Eine Seite aus einem russisch-deutschen Lexikon als Beispiel.

    Entnommen aus. Rudolf Rusicka u. a., Wörterbuch Russisch (Deutsch-Russisch; Russisch-Deutsch), Leipzig 1985.

    5. Literatur, Medien, Quellen.

    Literatur.

    Günther Stökl, Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 1990 5.

    Edgar Hösch, Die Kultur der Ostslawen [betr. Rußland], Handbuch der Kulturgeschichte, 2. Abt.: Kultur der Völker, Wiesbaden 1977.

    Alexander Avenarius, Die byzantinische Kultur und die Slawen. Zum Problem der Rezeption und Transformation (6. - 12. Jahrhundert), Veröffentlichungen des Insstituts für Österreichische Geschichtsforschung, Bd. 35, München, Wien 2000.

    Zdenek Vana, Mythologie und Götterwelt der slawischen Völker. Die geistigen Impulse Ost-Europas, Stuttgart 1992.

    Dmitrij Tschizewski, Das heilige Rußland. Russische Geistestgeschichte (I). 10 - 17. Jahrhundert. Hamburg 1959.

    Otto Mazal, Handbuch der Byzantinistik. Geschichte, Religion, Sprache, Kunst, Wiesbaden 1997 (Kap. 14: Das byzantinische Erbe), S. 193 -208).

    Endré von Ivanka Rhomäerreich und Gottesvolk. Das Glaubens-, Staats- und Volksbewußtsein der Byzantiner und seine Auswirkung auf die ostkirchlich-osteuropäische Geisteshaltung, München 1968.

    Richard Pipes, Rußland vor der Revolution. Staat und Gesellschaft im Zarenreich, München 1984.

    Medien.

    Edgar Hösch, Hans-Jürgen Grabmüller, Daten der russichen Geschichte. Von den Anfängen bis 1917, München 1981.

    Quellen.

    Serge A. Zenkovsky (Hg.) , Aus dem alten Rußland. Epen, Chroniken und Geschichten. Ins Deutsche übertragen von Hans Baumann, Elisabeth Kottmeier und Eaghor G. Kostetzky, (1963) München 1968.

    Der Aufstieg Moskaus (II.). Vom Beginn des 15. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts. Auszüge aus einer russischen Chronik, übersetzt, eingeleitet und erklärt von Peter Nitsche, Bd. V der Reihe 'Slawische Geschichtsschreiber', hg. von G. Stökl, Graz, Wien, Köln 1967.


     

    LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000

    Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)