Kap. 8: Die Fortwirkung der Antike unter islamischen Herrschaften nicht-arabischer Dynastien (I).

INHALT

    1. Die Bedeutung unterschiedlicher nicht-arabischen Völker- und Hochkulturtraditionen für die unterschiedlichen Entwicklungsrichtungen im Islam (Übersicht).

    2. Ein Beispiel für die Fortwirkung dominanter nichtarabischer Traditionen im Islam: die Fortwirkung und Wiederaufnahme iranisch-vorislamischer Hochkulturtradition im Islam.

    3. Literatur, Medien, Quellen.

Zu den stichwortartigen Hinweisen siehe das Vorwort zu diesem Skript. 

In den folgenden Abschnitten werden zumeist nur thesen- oder stichwortartig einige Gedanken zu den thematischen Aspekten formuliert und durch einige anschauliche Quellen und Bildbeispiele illustriert. Mit weitergehenden Ausführungen wäre der Orientierungscharakter dieses Skripts verlassen. Auf die Lektüre der zu P. 3 angegebenen Literatur und weiterführenden Quellen ist daher nachdrücklich zu verweisen.

Auf die Kurzdarstellung der wirkungsgeschichtlichen Bedeutung des Römischen Reiches, des sassanidischen Iran und des vorislamischen Arabien für die spätere Geschichte des westlichen Eurasien im 2. Kap., dort zu I B, a), b) und g), darf hier verwiesen werden.

Übung 8 a.

    Nach der Expansionsphase des arabischen Islam kommt es bereits während der Abbassiden-Dynastie seit dem 9. Jht. n. Chr. zu einem reichsinternen Streit über eine' su'ubiya', d. h. den 'Eigenwert der anderen [nicht-arabischen] Völker' und späterhin auch zur wiederholten Herausbildung selbständiger islamischer Herrschaftsbereiche, die sich von der im Baghdader Kalifat verkörperten arabisch-islamischen Tradition der ersten Jahrhunderte - politisch, kulturell und teilweise auch religiös - bewußt absetzen. Der nachfolgende Quellentext läßt verschiedene - in vorgängigen Hochkulturtraditionen wurzelnde Momente - für solche Distanzierungen erkennen.

    Lesen Sie die folgenden Passagen aus einem dem 14. Jht. entstammenden Quellentext eines islamischen Geschichtsphilosophen und Historikers aufmerksam durch und beantworten Sie dann die folgenden Fragen:

      a) Wie ist hier die arabisch-islamische Tradition charakterisiert?

      b) Wo sind kulturelle Traditionen und Beiträge nicht-arabischer Völker zum Islam angesprochen, die den arabischen gegenüber als bestimmend oder gar höherwertig erscheinen?

Gründe für den Rückgang des arabisch-nomadischen Einflusses in der islamischen Welt aus der Sicht eines zeitgenössischen Gelehrten.

Auszüge aus: Ibn Khaldun [1332 - 1406], Buch der Beispiele. Die Einführung (al muqadimma), dt. Übersetzung aus dem Arabischen, Auswahl, Vorbemerkungen und Anmerkungen von Matthias Pätzold, Leipzig 1992, Passagen: Kap.III, 28. Abschnitt (S. 152 f.), Kap. V, 21. - 23 Abschnitt (S. 225 - 227), Kap. VI, 13. Abschnitt (S. 248 - 252), Kap. VI, 35. Abschnitt (S. 265 - 269). Kap. VI, 39. Abschnitt (S. 272 f.).


Lösung.

Ausbreitung und Zerfall des arabisch geprägten Islam vom 7. - 11. Jht.

Karte entnommen aus: Großer Historischer Weltaltlas. Hg. vom Bayerischen Schulbuchverlag, II. Teil: Mittelalter, Redaktion Josef Engel, München 1970, S.71.

2. Ein Beispiel für die Fortwirkung dominanter nichtarabischer Traditionen im Islam: die Fortwirkung und Wiederaufnahme iranisch-vorislamischer Hochkulturtradition im Islam.

Mit der Ausbreitung des Islam auf den Bereich des vormaligen persischen Sassanidenreichs, das - ungefähr - das Gebiet des heutigen Iran, das der heutigen östlichen Türkei mit Kurdistan und Armenien sowie das des heutigen Irak umfaße, und auf andere damals iranischsprachige und/oder intensiv iranisch gepägte Gebiete wie Choresmien und Soghdien (Transoxanien) und das heutige Afghanistan wächst naturgemäß die Bereitschaft der dortigen arabischen Erobererschicht, über das bereits zuvor gegebene Maß hinaus iranische Trafitionen in ihr Leben und in ihre Sprache aufzunehmen. Noch enger ist die Beziehung zu den iranischen Traditionen bei den Bewohnern des Landes, die sich zwar im Laufe der Zeit der arabischen Herrschaft anpassen und die arabische Sprache übernehmen, aber dennoch weiterhin an vielen gewohnten Momenten der Lebensordnung und Denkweisen der vorhergehenden iranischen Gesellschaft festhalten. So bilden sich schon relativ früh politische Regionaldynastien im Bereich des Iraks, Irans und Transoxaniens heraus, die die islamische Glaubenstradition zwar nicht grundsätzlich in Frage stellen, wohl aber religiös immerwieder durchaus eigene Akzente setzen und dem bis in das 13. Jht. hinein in Bagdad amtierenden arabisch-stämmigen abbassidischen Kalifen gegenüber eigene Herrschaftsansprüche auf der Basis ihrer regionalen Verankerung in iranischen Traditionen durchsetzen können.

a) Die Bujidenherrschaft als Beispiel für die Durchsetzung politischer, religiöser, ethnischer und kultureller Eigentraditionen gegenüber der arabischen Form islamischer Herrschaft.

Das gilt etwa für die nicht sunnitische, sorn schiitische Bujiden-Dynastie, die den Irak und einen Teil des (heutigen) Iran beherrscht und die Macht des arabisch-stämmigen,abbassidischen, sunnitischen Kalifen auf wenige Repräsentationsfunktionen reduziert, wie das nachfolgend wiedegegebene Schema der bujidischen Staatskanzleiorganisation zeigen soll: in ihm spielt sich die Aufteilung der Herrschaftsmacht zwischen einem tatsächlichen Herrscher, dem Oberemir, und dem in rein repräsentativer Funktion belassenen abassidischen Kalifen deutlich wieder.

Dichotomie der Bujidenherrschaft am Beispiel ihrer Kanzleiorganisation.

Schema entnommen aus: Heribert Busse, Chalif und Großkönig. Die Buyiden im Iraq (945 - 1055), Beiruter Texte und Studien, hg. vom Orient-Institut der Deutschen Mogenländischen Gesellschaft, Bd. 6, Beirut 1969, S. 300.

Daneben - und vielleicht noch nachhaltiger - bildet sich zwar lange Zeit noch arabisch-, aber schon seit dem 9. Jht. auch persisch-sprachige, 'national'-persisch geprägte Geisteskultur heraus. Dies hat auch religiös eigene Akzente: sie steht zwar immer unter einem islamisch-religiösen Vorzeichen, ist aber seit dem 15. Jht. eindeutig unter dessen schiitischer Denomination zuzurechnen ist. in der iranischen Schia können Momente ausgemacht werden, die mit dem toroastrischen, vorislamischen Religionserbe zusammenhängen (insbesondere die eschataologische Bedeutung eines 'Mahdi'; siehe dazu: Kap. 11, Die Wiederkehr des Mahdi - eine zentrale Vorstellung innerhalb der im Iran tonangebenden schiitischen Denomination des Islam..

Als seit dem Ende des 10. Jhts. Turkvölker von einem Teil der in dieser Weise iranisch und arabisch-islamisch geprägten Territorien Besitz ergreifen bzw. dort Herrschaften und Reiche errichten, verbindet sich ihre aus Zentralasien mitgebrachte Sprache und Kultur mit vielen Elementen der in den besetzten Ländern vorgefundenen arabischen Sprache und iranisch-islamisch-arabischen Mischkultur. Die Bedeutung des iranischen Erbes darin zeigt sich deutlich an Art und Menge der für die Alltags- und Geisteskultur wichtigen persischstämmiger Lehnwörter im Arabischen und im Türkischen bzw. in verschiedenenen Turksprachen. Zumeist durch Vermittlung dieser Sprachen sind persischstämmige Lehnworte in nicht mehr bestehende und noch heutige Sprachen Osteuropas (z. B. Awarisch, Bulgarisch, Ungarisch, Serbisch, Russisch), in das byzantinische Griechisch und in die romanischen und germanischen Sprachen Europas (z. B. Italienisch, Spanisch, Potugiesisch, Englisch, Deutsch) gelangt.

Übung 8 b.

AUFGABEN:

    a) Prüfen Sie die folgende etymologische Wortliste [vor allem] unter der Fragestellung, wie sich in ihr ein großer (um sicht zu sagen: überwältigender) Einfluß des iranischen Altertums auf die innerhalb und außerhalb des Iran nachfolgenden islamischen Kulturregionen des Nahen Ostens ausdrückt.

    b) Gehen Sie anhand des Firdausi-Textes der Frage nach, wie sich ein iranisch-islamisches Kultur- und Traditionsbewußtsein bei einem den vornehmen Ständen zuzurechnenden iranischen Gebildeten des 10./11. Jhts. ausdrückt, und

    c) Fragen sie sich ferner, warum Motive des 'Shah-nama' - wie die Enthauptung des Afrasiab durch Kai Chosrau - am persischen Safawiden-Hof des frühen 17. Jhts. besonderen Anklang finden.

Persisches Erbe im Griechischen, Lateinischen, Arabischen, Türkischen und in verschiedenen heutigen europäischen Sprachen.

Auswahl und Kurzbeschreibung etymologischer Beziehungen persischstämmiger Lehnworte in verschiedenen Sprachen und ihren Ausgangsworten, entnommen aus: Jamshid Ibrahim, Kulturgeschichtliche Wortforschung. Persisches Lehngut in europäischen Sprachen, Wiesbaden 1991; S 44 - 250.


Lösung.

Das in persischer Sprache abgefaßte 'Shah-nama' Epos des iranischen Dichters Firdausi (10./11. Jht.) macht exemplarisch des Wiedererwachen des geisteskulturellen Interesses an der Geschichte und den hochkulturellen Traditionen auch des vorislamischen Iran deutlich. Von Bedeutung ist dabei unter anderem eine in den legendenhaften Geschichtsdarstellungen klar akzentuierte Distanz zu den 'Steppenvölkern des Nordens' ('Turaner'), als welche Turkvölker und Mongolen gleichermaßen gemeint sein dürften. Diese Akzentuierung hat noch Jahrhunderte nach Firdausi praktisch-politische Bedeutung für das Selbstverständnis des safawidischen Iraner-Reiches gegenüber den benachbarten Turkvölkern. Im Schah-nama'-Epos ist allerdings keinerlei anti-islamische oder anti-arabische Frontstellung spürbar, auch wenn seine religiöse Grundstimmung als schiitisch einzuordnen sein dürfte.

'Nationale' Gegenwarts- und Geschichtsbezüge im 'Shah-nama'-Epos des Firdausi (10./11.Jht.).

Zitat entnommen und vom Hg. deutsch gefaßt nach der Übersetzung ins Englische: The Epic of the Kings. Shah-Nama the national epic of Persia by Ferdowsi. Tranlated by Reuben Levys. Persian Heritage Series, Unesco Collection of Representative Works, Chicago, London, Toronto 1967, S. 1 - 4.

Kai Chosrau tötet den Turaner-Schah Afrasiab. Zu Firdausis Shah-name, Buch X, 3.

Miniatur aus einer persischen Handschrift der Deutschen Staatsbibliothek Berlin, entstanden um 1605 vermutlich in der Schreiber- und Malerschule des persischen Safawiden-Hofes für Schah Abbas I. (1587 - 1629).

3. Literatur, Medien, Quellen.

Literatur:

Richard Frye, Persien bis zum Einbruch des Islam, Magnus-Kulturgeschichte, Ins Deutsche übersetzt von Paul Baudisch, Essen 1975.

Edith Porada, R. H. Dyson, C. H. Wilkinson, Alt-Iran. Die Kunst in vorislamischer Zeit, Teilband der Reine 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen, Baden-Baden, 1970.

A. Bausani, Die Perser. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, ins Deutsch übersetzt von B. von Palombini, Stuttgart 1965.

Claude Cahen, Der Islam (I). Vom Ursprung bis zu den Anfängen des Osmanenreichs, Fischer-Weltgeschichte Bd. 14, Frankfurt M. 1968.

G. E. von Grunebaum, Der Islam (II). Die islamischen Reiche nach dem Fall von Konstantinopel, Fischer-Weltgeschichte Bd. 15, Frankfurt M. 1971.

Heinz Halm, Der schiitische Islam. Von der Religion zur Revolution, Müchen 1994.

Heribert Busse, Chalif und Großkönig. Die Buyiden im Iraq (945 - 1055), Beiruter Texte und Studien, hg. vom Orient-Institut der Deutschen Mogenländischen Gesellschaft, Bd. 6, Beirut 1969.

Jamshid Ibrahim, Kulturgeschichtliche Wortforschung. Persisches Lehngut in europäischen Sprachen, Wiesbaden 1991 [alphabetische, von persischen Worten ausgehende Forschungsübersicht, welche jeweils vielgliedrige Entlehnungsprozesse darstellt, die von eytmologischen Quellen des Altertums - nicht nur Persiens - über eine mittelalterliche persische Sprache und oft über das Arabische und Türkische bis hin zu europäischen Sprachen reichen].

Hermann Kulke, Dietmar Rothermund, Geschichte Indiens. Von der Induskultur bis heute, München 1998.

Annemarie Schimmel, Der Islam im indischen Subkontnent, Grundzüge Bd. 48 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) Darmstadt 1983

Katharina Otto-Dorn, Kunst des Islam, Teilband der Reihe 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen, Baden-Baden, 1970.

Hermann Goetz, Indien. Fünf Jahrtrausende indischer Kunst, Teilband der Reine 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen, Baden-Baden, 1979.

Quellen:

The Fihrist of al-Nadin. A Tenth-century Survey of Muslim Culture, vol. I, by Bayard Dodge, editor and translator, New York, London 1970.

Ibn Khaldun, Buch der Beispiele. Die Einführung (al muqadimma), dt. Übersetzung aus dem Arabischen, Auswahl, Vorbemerkungen und Anmerkungen von Matthias Pätzold, Leipzig 1992.

The Epic of the Kings. Shah-Nama the national epic of Persia by Ferdowsi. Tranlated by Reuben Levys. Persian Heritage Series, Unesco Collection of Representative Works, Chicago, London, Toronto 1967


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)