Kulturelles Interesse und kulturelle Distanz im neuzeitlichen Westen gegenüber dem islamischen Osten.

Lesetexte aus: Maria Haarmann (Hg.) , Der Islam. Ein Lesebuch, München 1994 2., S. 221 - 224, 264, 265, 275 - 277, und aus: Johann Wolgang Goethe, West-östlicher Divan. Studienausgabe, hg. von Michael Knaupp, Stuttgart 1999, S. 37 - 39 - Die in den Texten ursprünglich vorhandene phonetische Transkription arabischer oder türkischer Worte und Namen mußte für den Internetgebrauch vereinfacht werden. D. Hg.


1. Jean Marteilhe, Wahrnehmung einer hohen Moral bei islamischen Leidensgenossen (Zitat aus: Als Galeerensträfling unter dem Sonnenkönig. Memoiren, verfaßt Anfang des 18. Jhts.; Haarmann, S. 221 - 224).

[Als Galeerenssträfling] mußte ich zusätzlich zu meinen Amte als Schreiber des Kommandanten und Majors noch das eines Verteilers der Lebensmittel der Galeerensträfling übernehmen, das ich bis zum 1. Oktober des Jahres 1712 ausübte, da man uns von Dünkirchen nach Marseille verlegte.

Ich muß bemerken, daß unsere Brüder aus den franzosi schen Kirchen der Vereinigten Staaten der Niederlande den Reformierten, die auf den Galeeren Frankreichs litten, von Zeit zu Zeit eine Geldunterstützung zukommen ließet Dieses Geld kam gewöhnlich über Amsterdam, von wo ein Geschäftsmann es durch einen seiner auswärtigen Handelspartner den Orten zukommen ließ, wo sich Häfen mit Galeeren befanden. ... Wenn ich an dieser Stelle von Treue und Zuneigung, die die Türken uns bewiesen, rede, will ich dafür ein Beispiel anführen, das den Türken betrifft, der mir bei jenen Gelegenheiten in Dünkirchen Dienste leistete.

Ich habe oben schon erwähnt, daß ich beauftragt war, die Unterstützungen in Empfang zu nehmen und sie an unsere Glaubensbrüder zu verteilen.

Ich war in meiner Bank angekettet, ohne die Freiheit zu haben, in die Stadt zu gehen, und zwar aus Bosheit der Schiffspriester, welche uns jene Vergünstigung nicht einräumten, die doch die anderen Galeerensträflinge, die wegen verbrecherischer Delikte verurteilt waren, genossen, indem sie einen Sou an den Profoß und ebensoviel an den Wächter zahlten, der sie in die Stadt begleitete. Wie sollte ich es nun anfangen, um das Geld zu erhalten?... Ich war damals noch zu neu, um von dem WohIwoll der Türken uns Reformierten gegenüber etwas zu wissen.

Als ich jedoch dem Türken meiner Bank mein Herz ausschüttete, so sagte er mir mit Freuden seine Dienste zu, indem er die Hand an seinen Turban legte (was bei ihnen ein Zeichen der Herzensergießung vor Gott ist) und Gott von ganzer Seele dafür dankte, daß er ihm die Gnade gewähre, Barmherzigkeit zu üben selbst auf die Gefahr seines Lebens; denn der Türke wußte gar wohl, daß man ihn, falls er bei dieser Dienstleistung uns gegenüber ertappt würde, zu Tode geprügelt haben würde, um das Geständnis aus ihm herauszubringen, welcher Kaufmann uns Geld auszahlte.

Dieser Türke jedoch, der Jussuf hieß, diente mir über Jahre in jener Angelegenheit sehr treulich, ohne je die geringste Belohnung von mir annehmen zu wollen, da er behauptete, daß er dadurch sein gutes Werk vernichten und daß Gott ihn dafür bestrafen würde. ...

Man muß dazu wissen, daß die Türken, wenn sie Gelegenheit haben, sich mildtätig zu erweisen oder andere gute Werke zu vollbringen, die Freude, die sie darüber empfinden, verschiedenen Leuten, ihren 'Papas' (so nennen sie ihre Theologen, deren ganze Wissenschaft im Koranlesen besteht), mitteilen, wobei sie dieselben um ihren Rat in bezug auf die guten Werke fragen, die sie verrichten wollen.

Obgleich ich nun meinen Jussuf inständigst gebeten hatte, niemandem etwas von dem Dienst zu sagen, den er mir leistete, so konnte er, aus Gründen seiner Religion, sich doch nicht enthalten, die Sache seinen 'Papas' mitzuteilen, wie ich nach seinem Tod erfuhr.

Als diese guten Leute daher sahen, daß ich in Verlegenheit war, weil ich nicht wußte, wem ich mich anvertrauen sollte, kamen sie alle nacheinander zu mir und boten mir ihre Dienste an, indem sie mir so fromme Gesinnungen und so viel Zuneigung zu den Leuten unserer Religion, die sie ihre Brüder in Gott nannten, an den Tag legten, daß ich davon bis zu Tränen gerührt war.

Ich wählte einen von ihnen namens Ali, der vor Freude außer sich war, daß er ein für ihn so gefährliches Amt erhielt. Er diente mir in demselben während vier Jahren, das heißt, bis zu der Zeit, da man uns von Dünkirchen wegbrachte, und er benahm sich dabei mit einem Eifer und einer Uneigennützigkeit ohnegleichen.

Dieser Türke war arm, und ich habe verschiedene Mal versucht, ihn zu der Annahme von einem oder zwei Taler zu bewegen, wobei ich ihm sagte, daß diejenigen, welche uns das Geld schickten, wünschten, daß diejenigen, welche uns dienten, auch einen Nutzen davon haben sollten. Doch er verweigerte das Geschenk immer standhaft, indem er in seinem blühenden Stile sagte, daß das Geld ihm die Händen verbrennen würde. Und wenn ich ihm entgegnete, daß ich, wenn er das Geld nicht nähme, mich eines anderen bedienen würde, so geriet der arme Türke fast in Verzweiflung, indem er mich mit gefalteten Händen bat, ihm den Weg zum Himmel nicht zu verschließen.

Es sind das Leute, welche die Christen 'Barbaren' nennen und die dies in ihrer Moral so wenig sind, daß sie vielmel diejenigen beschämen, die ihnen diesen Namen geben.

Jedoch muß man diese Türken von denjenigen unterscheiden, die, obgleich von derselben Religion, doch nicht dieselben Sitten haben. Die letzteren sind die Türken Afrikas, namentlich die der Königreiche Marokko, Algier, Tripolis usw., welche gemeiniglich liederliches, spitzbübische grausames, meineidiges, verräterisches und zu allen Schandttaten fähiges Gesindel sind. Deshalb hüteten wir uns, ihnen etwas anzuvertrauen.

Aber die Türken Asiens und Europas, namentlich die aus Bosnien und den an Ungarn und Transsilvanien angrenzenden Ländern, wie die von Konstantinopel usw., deren eine große Menge auf den Galeeren Frankreichs gibt, die von den Kaiserlichen zu Sklaven gemacht worden und nach Italien und von da zur Bemannung der Galeeren nach Frankreich verkauft worden sind, sind im allgemeinen von sehr gutem Körperbau, weiß von Gesicht und blond von Haaren, führen sich gut auf, beobachten eifrig die Vorschriften ihrer Religion und sind redliche, ehrenhafte Leute, die sich besonders durch große Wohltätigkeit auszeichnen. Ja, sie übertreiben die Wohltätigkeit. Ich habe welche gesehen, die ihr ganzes Geld für einen in einen Käfig eingeschlossenen, zahmen Vogel hingaben, um sich das Vergnügen und den Trost zu verschaffen, ihm die Freiheit zu geben. Wenn sie ihre Mahlzeit einnehmen, so ist es die größte Schmach, die man ihnen antun kann, wenn diejenigen, welche vorübergehen, es mögen Christen, Türken oder andere, Freunde oder Feinde sein, nicht mit ihnen essen oder nicht wenigstens etwas von ihren Speisen kosten. Sie trinken weder Wein noch starken Likör. Auch essen sie nie Schweinefleisch, weil ihre Religion ihnen dies verbietet.

Die Türken Afrikas hingegen, die ich oben beschrieben habe und die man gewöhnlich Mauren nennt, betrinken sich trotz des Verbotes ihrer Religion in viehischer Weise und begehen, wenn sie können, die schrecklichsten Verbrechen. Deshalb hassen die asiatischen Türken, die man 'feine Türken' nennt, die afrikanischen Mauren tödlich und gehen nie mit ihnen um.


2. Rifa'a al-Tahtawi (1801- 1873), Der Arabist Silvestre de Sacy ( Auszug aus dem Reisebericht ' Ein Muslim entdeckt Europa. Die Reise eines Ägypters im 19. Jht. [1826] nach Paris'; Haarmann, S. 264).

So sehr es den Anschein haben mag, daß Ausländer die Sprache der Araber nicht wirklich verstehen können, wenn sie diese nicht ebensogut sprechen wie die Araber, so entbehrt dies doch jeglicher Grundlage. Zum Beweis (des Gegenteils) mag unter anderem dienen, daß ich in Paris mit einem hochgebildeten Manne der Franzosen namens Baron Silvestre de Sacy zusammentraf, berühmt in ganz Europa ob seiner Kenntnis der orientalischen Sprachen, vor allem des Arabischen und Persischen. Er gehört zur Prominenz von Paris und ist Mitglied einer Reihe von französischen und ausländischen wissenschaf4ichen Gesellschaften. Seine Übersetzungen haben in Paris Verbreitung gefunden, und seine Meisterschaft in der arabischen Sprache ist stadtbekannt. Er bat sogar einen kurz gefaßten Kommentar zu den Makamen des Hariri unter dem Titel ,Muhtär al-surüh' verfaßt. Er bat, wie man sagt, das Arabische, von den Anfangs-gründen abgesehen, allein dank seiner gewaltigen Auffassungsgabe, seines scharfen Verstandes und seines reichen Wissens erlernt und hat demnach zu keiner Zeit Autoritäten wie Scheich Hälid vom ,Mugn~i' gar nicht zu reden in der bei uns üblichen Weise studiert und erklärt bekommen. Dabei kann er das ,Mugni' lesen, und warum auch nicht, wo er doch den Baidäwi zu wiederholten Malen durchgearbeitet hat Sobald er jedoch etwas vorliest, ist seine Aussprache wie die der Nichtaraber, und er kann überhaupt arabisch nur mit einem Buch in der Hand sprechen. Und wenn er einen Ausdruck erklären will, dann verwendet er gar seltsame Wörter, deren richtige Aussprache ihm ganz unmöglich ist.


3. Johann Wolfgang Goethe, West-östlicher Divan (1819 und später); Buch Hafis (II, 1 und 2, Studienausgabe S. 37 und 38)

a) Beyname.

Dichter:

Hafis.

Ich ehre,
Jch erwiedre deine Frage.
Weil, in glücklichem Gedächtniß,
Des Corans geweiht Vermächtniß
Unverändert ich verwahre,
Und damit so fromm gebahre
Daß gemeinen Tages Schlechtniß
Weder mich noch die berühret
Die Prophetenwort und Saamen
Schätzen wie es sich gebühret,
Darum gab man mir den Namen.

Dichter.

Hafis drum, so will mir scheinen,
Möcht' ich dir nicht gerne weichen:
Denn wenn wir wie andre meynen,
Werden wir den andern gleichen.
Und so gleich ich dir vollkommen,
Der ich unsrer heil'gen Bücher
Herrlich Bild an mich genommen,
Wie auf jenes Tuch der TücherSich des Herren Bildniß drückte,
Mich in stiller Brust erquickte,
Trotz Verneinung, Hindrung, Raubens,
Mit dem heitren Bild des Glaubens.

b) Anklage.

Wißt ihr denn auf wen die Teufel lauern,
In der Wüste, zwischen Fels und Mauern?
Und, wie sie den Augenblick erpassen,
Nach der Hölle sie entführend fassen?
Lügner sind es und der Bösewicht.
Der Poete warum scheut er nicht Sich mit solchen Leuten einzulassen!
Weiß denn der mit wem er geht und wandelt?
Er der immer nur im Wahnsinn handelt.
im Gränzenlos, von eigensinn'gem Lieben,
Wird er in die Oede fortgetrieben,
Seiner Klagen Reim, in Sand geschrieben,
Sind vom Winde gleich verjagt;
Er versteht nicht was er sagt,
Was er sagt wird er nicht halten.
Doch sein Lied man läßt es immer walten,
Da es doch dem Coran widerspricht.
Lehret nun, ihr des Gesetzes Kenner,
Weisheit-fromme, hochgelahrte Männer,
Treuer Mosleminen feste Pflicht.
Hafis, in's besondre, schaffet Aergernisse,
Mirza sprengt den Geist ins Ungewisse,
Saget, was man thun und lassen müsse?

4. Gerhard Schulz, Goethes West-östlicher Divan im Urteil der Zeitgenossen (Zitat aus: Die deutsche Literatur zwischen Französischer Revolution und Restauration, 1983/1989; Haarmann, S. 265 - 268).

Im Februar 1815 war Charlotte Schiller bei der Großherzo gin von Weimar zum Tee eingeladen. Auch Goethe war da bei und las orientalische Dichtung vor. Sie alle lehre er dies ,,wunderliche Welt" kennen, schrieb Frau von Schiller da nach dankbar an Goethes Freund Karl Ludwig von Kneb~ und fügte hinzu: Sein Geist, der klar und reich die Ver hältnisse durchblickt, weiß auch aus dieser Masse von Wel und von fremdartiger Phantasie zu sondern und Licht zi schaffen und es in ein Ganzes vors Auge zu bringen. (22.2.1815) Und ein Jahr später, aus gleichem Anlaß, er gänzt sie: ,,Ich fühle wohl, wie es zuweilen der Phantasi wohltun kann, ganz fremdartige Motive wie Bilder aufzusu chen, um sich wieder zu beleben und Fremdartiges bele bend zu erschaffen, wenn in der umgebenden Welt und ih ren Bedingungen der Stoff nicht immer anspricht. (25.2.1816) Viele spätere Beobachtungen und Urteile übe den West-östlichen Divan sind in diesen beiden Sätzei keimbaft enthalten, Urteile über die Motivation Goethes fü seine orientalisierende Dichtung, über seine Handhabun des neuen Stoffes und schließlich über das, was ihm an Be deutendem damit gelang. Aber auch etwas von der Zurück haltung vieler seiner Zeitgenossen, dieses Geschenk anzu nehmen, drückt sich darin aus.

Als Charlotte Schiller ihn hörte, hatte Goethes schöpfen. sche Begegnung mit dem Orient gerade erst begonnen Orientalischer Stoff und orientalische Formen hatten sein Phantasie zu neuer, originaler Tätigkeit befreit. Nach un( nach gelang es ihm, das Östliche ins Deutsche einzugemein den, außerdem aber zum ersten Mal ein wirkliches Gedicht. buch zu schaffen, in dem das individuelle Gedicht zugleich Teil eies größeren Ganzen, einer Dichtung aus Gedichten darstellte

Aber das Fremde mußte notwendigerweise auch befremden. Als Poetenlaune und ästhetische Spielerei mochte es erscheinen zu einer Zeit, da nach dem Zurücktreten klassischer Muster und romanischer Moden Liedformen aus populärer deutscher Tradition das dominierende Modell neuer Lyrik geworden waren. Zugleich standen nationale Fragen an, also die Sorge um die Identität der Deutschen als Nation in den Tagen,d a man auf dem Wiener Kongreß Länderhandel betrieb, ebenso wie die Sorge um die konstitutionelle Garantie von Bürgerrechten zur Zeit der Restauration feudaler Vorrechte. Die Flucht in den' reinen Osten', zu Patriarchen und Tyrannen, konnte unter solchen Umständen sehr wohl ein schlechtes Bild machen.

Das schrieb Ludwig Börne am 27. Mai 1830, als er sich, in der vollständigen Ausgabe letzter Hand von 1827, mit Goethes Divan bekannt gemacht hatte. ...

... Das große deutsche Lesepublikum... kümmerte sich nicht um dieses Buch, und man kann es deswegen nicht einmal des stumpfen Banausentums bezichtigen. Die Deutschen hatten andere Sorgen, als die erste Fassung des 'West-östlichen Divans' zur Michaelismesse 1819 erschien. In denselben Tagen, am 21. September 1819, wurden Metternichs Beschlüsse gegen 'demagogische' und revolutionäre Umtreieb gefaßt. ... Und während Goethe weiter an seinem Gedichtband bis zur endgültigen Fassung von 1827 arbeitete, versammelten sich in Deutschland die Philhellenen, um gegen die Übermacht des Orients auf griechischem Boden zu protestieren. ...

Auch das viele Fremde in den Versen selbst, die orientalische Kostümierung, die Bilder und Metaphern einer bisher unerschlossenen dichterischen Welt, die zahlreichen Anspielungen auf orientalische Mythen, Legenden und literarische Werke, auf islamische und parsische Theologie waren dazu angetan, die Zurückhaltung gegenüber diesen Gedichten zu befördern. ... Die bedachtsame Altersweisheit der Sprüche wiederum erschien nicht ohne Sprödigkeit und schulmeisterliche Belehrung... Junge Kritiker durften mit seinem ins Positive gekehrten Relativismus unzufrieden sein angesichts dessen, was die Zeit bewegte. Für ihn selbst aber mußte es genügen, und er bekannte sich zu den Grenzen seiner Natur...


5. Karl Lebrecht Immermann (1796 - 1840), Persische Mode (Haarmann, S. 275)

Groß Merite ist es jetzo, nach Saadi's Art zu girren;
Doch mir scheint's egal gepudelt, ob wir östlich, westlich irren.
Sonsten sang beim Mondenscheine Nachtigall seu Philomene;
Wenn jetzt Bülbül flötet, scheint es mir denn doch dieselbe Kehle.
Von den Früchten, die sie aus dem Gartenhain von Schiras stehlen,
Essen sie zu viel, die Armen, und vomieren dann Ghaselen.

6. Jacob Burckhardt (1818 - 1897), Gedanken über den Islam (Zitat aus: Weltgeschichtliche Betrachtungen, 3. Kap. [1905]; Haarmann, S. 275 - 277).

... die Cultur [im Westen hatte] das unaussprechliche Glück, daß Staat und Kirche nicht in ein erdrückendes Eins zusammenrannen und daß dann die Barbaren weltliche, zunächst meist arianische Reiche errichteten.

Dieß Zusammenrinnen geschah im Islam, welcher seine ganze Cultur wesentlich beherrscht, bedingt und färbt. Er hat nur einerlei unvermeidlich despotisches Staatswesen, nämlich die vom großen Khalifat auf alle Dynastien wie selbstverständlich übergangene weltlich-geistliche, gewissermaßen theocratische Machtvollkommenheit. Alle Macht stammt in dem Sinne von Gott wie bei den Juden. Der Islam mit seiner Trockenheit und trostlosen Einfachheit ist der Cultur wohl vorwiegend eher schädlich als nützlich gewesen und wäre es auch nur, weil er die betreffenden Völker gänzlich unfähig macht, in eine andere Cultur einzumünden. Die Einfachheit erleichterte sehr seine Verbreitung, war aber mit höchster Einseitigkeit verbunden; diese bedingt vom starren Monotheismus. ("Denn alle Kunst und Wissenschaft ist im Momente ihrer Production pantheistisch, nicht monotheistisch" - Lasaulx, p. 71)

Das Beste vielleicht, was vom Cultureinfluß des Islam sich sagen ließe, wäre: daß er die Thätigkeit als solche nicht proscibirt, die Beweglichkeit (durch Reisen) veranlaßt, und ganz wüste orientalische Gaukelmagie ausschließt.

Aber auch die trübste christliche Contemplation und Ascese war der Cultur nicht so schädlich als der Islam, sobald man Folgendes erwägt:

Abgesehen von der allgemeinen Rechtlosigkeit vor dem Despotismus und seiner Polizei, von der Ehrlosigkeit Aller derer, die mit der Macht zusammenhängen (Prévost-Paradol, France nouvelle, p. 358):

Entwicklung eines diabolischen Hochmuths gegenüber vom nichtislamitischen Einwohner und gegenüber andern Völkern bei periodischer Erneuerung des Glaubenskrieges.

Die einzigen Ideale des Lebens sind die beiden Pole: der Fürst und der cynisch-ascetische Derwisch-Sufi.

In der Bildung: das Vordrängen der Sprache und Grammatik über den Inhalt; die sophistische Philosophie; (nur ihre häretische Seite frei und bedeutend); dann, im Verhältniß zu einer ganz ungehemmten Empirie, doch nur mangelhafte Pflege der Naturkunde und erbärmliche Geschichtswissenschaft (weil alles außer dem Islam gleichgültig und alles innerhalb des Islam Partei- oder Sectensache ist).

In der Poesie: Haß des Epischen, weil die Seele der Einzelvölker drin fortleben könnte; Firdusi ist nur per Contrebande da. Dazu noch die Tendenz, das Erzählende nur als Hülle eines allgemeinen Gedankens werth zu achten, als Parabel.

Der Rest flüchtete sich in das figurenreiche, aber gestaltenlose Mährchen.

Ferner: kein Drama; der Fatalismus macht die Herleitung des Schicksals aus Kreuzung der Leidenschaften und Berechtigungen unmöglich, - ja vielleicht hindert schon der Despotismus an sich die poetische Objectivirung von irgend Etwas.

Keine Comödie, schon weil es keine gemischte Geselligkeit giebt und weil Witz, Spott, Parabel, Gaukler etc. die ganze betreffende Stimmung vorwegnahmen.

In der bildenden Kunst nur die Architectur ausgebildet, zuerst durch persische Baumeister, dann mit Benützung der byzantinischen und überhaupt jedes vorgefundenen Styles und Materials.

Sculptur und Malerei existiren so gut wie gar nicht, weil man die Vorschrift des Koran nicht nur innehielt, sondern weit über den Wortlaut übertrieb.

Daneben freilich das täuschende Bild von blühende volkreichen, gewerblichen islamischen Städten und Ländern wie z. B: besonders Spanien unter und nach den Ommay den, mit Dichterfürsten, edelgesinnten Großen etc.

Über jene Schranken hinaus, zur Totalität des Geistigen drang man auch hier nicht durch, und Unfähigkeit zur Wandelung, zur Einmündung in eine andere, höhere Cultur war auch hier das Ende.


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000