Übung 10.

AUFGABE:

Prüfen Sie die beiden folgenden Texte daraufhin, wie sich in ihnen jeweils Momente eigener tiefverwurzelter geistiger Traditionen in der Sicht einer anderen kulturellen Tradition mit ähnlicher Altertumsbasis niedreschlagen.


Rifa al-Tahtawi, Die Überlegenheit der Franken ( Auszug aus dem Reisebericht ' Ein Muslim entdeckt Europa. Die Reise eines Ägypters im 19. Jht. [1826] nach Paris'), in: Maria Haarmann (Hg.), Der Islam. Ein Lesebuch, München 1994 2, S. 284 f..

So läßt sich denn, je weiter man in der Zeit zurückgeht, ein Rückstand der Menschen in menschlichen Fertigkeiten und zivilisatorischem Wissensstand konstatieren, und je weiter man die Zeit nach vorne verfolgt, zumeist ein Aufstieg und Fortschritt der Menschen in diesen Dingen. Und an Hand dieses Aufstieges, und durch Messung seiner Stufen, und unter Anrechnung der Ferne vom oder der Nähe zum Urzustand läßt sich die gesamte Menschheit in mehrere Kategorien einteilen: Die erste Kategorie ist die der schweifenden Wilden, die zweite die der rauhen Barbaren, die dritte die der Gebildeten, der Verfeinerten, der Kultivierten, der Zivilisierten und Urbanisierten verschiedener Art und Richtung. [... ]

Zur dritten Kategorie gehören Ägypten, Syrien, der Jemen, das Osmanische Reich, Persien, die Länder der Franken, Nordwest-Afrika, Sennar, der größte Teil Amerikas und viele der Inseln im (Pazifischen) Ozean. Alle diese Völker führen ein zivilisiertes Leben und verfügen über politische Systeme, Wissenschaften und Industrien, Rechts- und Handeiswesen; sie sind kundig in der Handhabung von Maschinen und wissen, wie man schwere Lasten auf leichteste Weise transportiert, und sie sind mit Seefahrt und dergleichen vertraut.

In dieser dritten Kategorie gibt es freilich Unterschiede hinsichtlich des Standes ihrer Wissenschaften und Künste, des Niveaus ihres Wohlstandes, der Befolgung eines bestimmten Rechtssystems, des Fortschrittsgrades ihres Gewerbefleißes. Die Länder der Franken, zum Beispiel, haben die höchste Stufe der Meisterschaft in den mathematischen, physischen und metaphysischen Disziplinen - in der Theorie wie in der Anwendung - erreicht....

Zur Zeit der Kalifen waren wir das vollkommenste alle Länder. Der Grund dafür ist darin zu suchen, daß die Kalifen Gelehrte, Künstler und andere Personen zu förden pflegten, wobei einige von ihnen sich sogar selbst mit Wissenschaften und Künsten beschäftigten. Siehe etwa al-Mamun, Harun al-Raschids Sohn: Er unterstützte nicht nur die Kalendermacher während seiner Regierungszeit, sondem beschäftigte sich darüber hinaus selbst mit der Astronomie; war es doch er, der unter anderem die Inklination des Tierkreises zum Äquator bestimmte und die experimenteIle Feststellung machte, daß sie 23 Grad 35 Minuten beträgt. Desgleichen der Abbaside Jafar al-Mutawakkil, welcher Istifan zur Übersetzung griechischer Werke anregte, wie etwa Dioscorides Buch über die Arzneimittel. Auch ersuchte der Herrscher von Andalusien, Abd al-Rahman al-Nasir, den Herrscher von Konstantinopel namens Armanos, ihm einen Griechisch und Latein sprechenden Mann zu senden, auf daß er ihm Sklaven als Übersetzer ausbilde, worauf ihm der römische Kaiser einen Mönch namens Nikolas schickte. Und dergleichen mehr.

Aus all dem ersieht man, daß sich die Wissenschaften in einem Zeitalter nur dann entfalten, wenn der Herrscher seinen Untertanen Förderung angedeihen läßt. Heißt es doch in den Weisheitssprüchen: "Die Menschen folgen dem Brauche ihrer Fürsten" Die Macht der Kalifen zerbröckelte, und ihre Herrschaft brach zusammen - siehe Andalusien, das nunmehr seit etwa dreihundertfünfzig Jahren im Besitz der spanischen Christen ist -, während die Macht der Franken in diesem Zeitraum dank ihres Geschicks, ihrer Gabe der Organisation, ja dank ihrer Gerechtigkeit, ihrer Kenntnis der Kriegskunst und ihrer Vielseitigkeit und Erfindungsgabe erstarkt ist. Und wären die Muslime nicht von Gottes Allmacht unterstützt, sie wären ein Nichts im Verhältnis zur Macht, dem Besitz, dem Reichtum, dem brillanten Können usw. der Europäer.


Jacob Burckhardt (1818 - 1897), Gedanken über den Islam (Zitat aus: Weltgeschichtliche Betrachtungen, 3. Kap. [1905]; in: Maria Haarmann (Hg.), Der Islam. Ein Lesebuch, München 1994 2, S. 275 - 277.

... die Cultur [im Westen hatte] das unaussprechliche Glück, daß Staat und Kirche nicht in ein erdrückendes Eins zusammenrannen und daß dann die Barbaren weltliche, zunächst meist arianische Reiche errichteten.

Dieß Zusammenrinnen geschah im Islam, welcher seine ganze Cultur wesentlich beherrscht, bedingt und färbt. Er hat nur einerlei unvermeidlich despotisches Staatswesen, nämlich die vom großen Khalifat auf alle Dynastien wie selbstverständlich übergangene weltlich-geistliche, gewissermaßen theocratische Machtvollkommenheit. Alle Macht stammt in dem Sinne von Gott wie bei den Juden. Der Islam mit seiner Trockenheit und trostlosen Einfachheit ist der Cultur wohl vorwiegend eher schädlich als nützlich gewesen und wäre es auch nur, weil er die betreffenden Völker gänzlich unfähig macht, in eine andere Cultur einzumünden. Die Einfachheit erleichterte sehr seine Verbreitung, war aber mit höchster Einseitigkeit verbunden; diese bedingt vom starren Monotheismus. ("Denn alle Kunst und Wissenschaft ist im Momente ihrer Production pantheistisch, nicht monotheistisch" - Lasaulx, p. 71)

Das Beste vielleicht, was vom Cultureinfluß des Islam sich sagen ließe, wäre: daß er die Thätigkeit als solche nicht proscibirt, die Beweglichkeit (durch Reisen) veranlaßt, und ganz wüste orientalische Gaukelmagie ausschließt.

Aber auch die trübste christliche Contemplation und Ascese war der Cultur nicht so schädlich als der Islam, sobald man Folgendes erwägt:

Abgesehen von der allgemeinen Rechtlosigkeit vor dem Despotismus und seiner Polizei, von der Ehrlosigkeit Aller derer, die mit der Macht zusammenhängen (Prévost-Paradol, France nouvelle, p. 358):

Entwicklung eines diabolischen Hochmuths gegenüber vom nichtislamitischen Einwohner und gegenüber andern Völkern bei periodischer Erneuerung des Glaubenskrieges.

Die einzigen Ideale des Lebens sind die beiden Pole: der Fürst und der cynisch-ascetische Derwisch-Sufi.

In der Bildung: das Vordrängen der Sprache und Grammatik über den Inhalt; die sophistische Philosophie; (nur ihre häretische Seite frei und bedeutend); dann, im Verhältniß zu einer ganz ungehemmten Empirie, doch nur mangelhafte Pflege der Naturkunde und erbärmliche Geschichtswissenschaft (weil alles außer dem Islam gleichgültig und alles innerhalb des Islam Partei- oder Sectensache ist).

In der Poesie: Haß des Epischen, weil die Seele der Einzelvölker drin fortleben könnte; Firdusi ist nur per Contrebande da. Dazu noch die Tendenz, das Erzählende nur als Hülle eines allgemeinen Gedankens werth zu achten, als Parabel.

Der Rest flüchtete sich in das figurenreiche, aber gestaltenlose Mährchen.

Ferner: kein Drama; der Fatalismus macht die Herleitung des Schicksals aus Kreuzung der Leidenschaften und Berechtigungen unmöglich, - ja vielleicht hindert schon der Despotismus an sich die poetische Objectivirung von irgend Etwas.

Keine Comödie, schon weil es keine gemischte Geselligkeit giebt und weil Witz, Spott, Parabel, Gaukler etc. die ganze betreffende Stimmung vorwegnahmen.

In der bildenden Kunst nur die Architectur ausgebildet, zuerst durch persische Baumeister, dann mit Benützung der byzantinischen und überhaupt jedes vorgefundenen Styles und Materials.

Sculptur und Malerei existiren so gut wie gar nicht, weil man die Vorschrift des Koran nicht nur innehielt, sondern weit über den Wortlaut übertrieb.

Daneben freilich das täuschende Bild von blühenden volkreichen, gewerblichen islamischen Städten und Ländern wie z. B: besonders Spanien unter und nach den Ommayden, mit Dichterfürsten, edelgesinnten Großen etc.

Über jene Schranken hinaus, zur Totalität des Geistigen drang man auch hier nicht durch, und Unfähigkeit zur Wandelung, zur Einmündung in eine andere, höhere Cultur war auch hier das Ende.


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000