Die Wiederkehr des Mahdi - eine zentrale Vorstellung innerhalb der im Iran tonangebenden schiitischen Denomination des Islam.

Aus: Heinz Halm, aktuelle Erläuterungen zu den entsprechenden Passagen im 'Kitab al-Irschâd' ('Buch der Rechtleitung') des schiitischen Bagdader Theologen Scheikh al-Mufid (10. Jht. n. Chr.), in: ders., Der schiitische Isalm. Von der Religion zur Revolution, München 1994, S. 47 - 50.


Der verschwundene zwölfte Imam lebt nach schiitischer Vorstellung irgendwo verborgen auf der Erde; niemand kennt den Zeitpunkt seiner triumphalen Wiederkehr, mit der indes jederzeit gerechnet werden muß. In manchen schiitischen Städten Irans hat man im Mittelalter tagaus tagein ein gesatteltes Pferd bereitgehalten, damit der Imam bei seinem Erscheinen ohne Verzögerung aufsitzen könne. Der Text der Verfassung der Islamischen Republik Iran von 1979 läßt in Artikel 5 der Nennung verborgenen Imams - als des eigentlichen Staatsoberhaupte - den frommen Wunsch folgen: "Möge Gott seine Wiederkehr beschleunigen!".

Daß der zwölfte Imam den Namen Muhammad trägt, ist kein Zufall; denn er soll die Mission seines gleichnamigen Ahnherrn, des Propheten, vollenden. Sein Beiname ist aI-Mahdi; der Rechtgeleitete (das h ist kein Dehnungszeichen, sondern wird Konsonant ausgesprochen). Dieser Name weckt in jedem Muslim eschatologische Assoziationen. Die Vorstellung von ein künftigen Retter und Erneuerer des Islams, der der Mahdi genannt wird, findet sich nicht nur bei den Schiiten; sie ist in ganzen islamischen Welt verbreitet, doch nimmt die Mahdi-Erwartung bei den Sunniten keine so zentrale Position ein, und nur bei den Schiiten sind die damit verbundenen Vorstellungen weitgehend standardisiert.

Die Hoffnung, daß ein von Gott gesandter "rechtgeleiteter" Herrscher den politischen und konfessionellen Spaltungen des Islams ein Ende machen und den ungeteilten, reinen Urislam wiederherstellen werde, entstand in jener Epoche am Ende des 7. Jahrhunderts, in der die Einheit der islamischen Umma in blutigen Machtkämpfen um die Nachfolge des Propheten zerbrach. Mehrere Prätendenten wurden damals von ihren Anhängern als der Mahdi proklamiert oder traten selbst mit dem Anspruch hervor, der "Rechtgeleitete" zu sein. Daher ist die Vorstellung vom Mahdi allen islamischen Konfessionen gemeinsam, die sich in jenen Wirren bildeten. Ihre besondere Ausprägung erfuhr die Mahdi-Hoffnung jedoch erst, als sie sich im schiitischen Milieu mit dem Glauben an einen verborgenen Imam verband. Erstmals war das nach dem Tod von Alis drittem Sohn Muhammad - dem Halbbruder al-Hasans und al-Husains -im Jahre 700 der Fall; dessen Anhänger glaubten, er sei nicht gestorben, sondern sitze im Berg Radwâ zwischen Mekka und Medina und warte dort auf den Tag seiner Wiederkunft. Die Figur dieses dritten Ali-Sohnes verlor jedoch bald an Bedeutung und geriet in Vergessenheit, zumal da die Schiiten ja in den Nachkommen al-Husains lebende, präsente Imame hatten. Als aber der elfte Imam scheinbar kinderlos starb und der Glaube an die Existenz eines verborgenen zwölften Imams sich allmählich bei den Schiiten durchsetzte, verband sich die Mahdi-Erwartung mit dieser Figur: der zwölfte Imam Muhammad ist der "Rechtgeleitete", der dereinst wiederkommen wird, um die Welt mit Gerechtigkeit zu erfüllen, so wie sie jetzt mit Ungerechtigkeit erfüllt ist".

Für die Schiiten ist der zwölfte Imam - auch wenn er abwesend ist - das einzige legitime Oberhaupt aller Muslime; daher ist er auch nach der heutigen Verfassung der Republik Iran deren eigentliches Staatsoberhaupt, und die durch die Revolution in Iran etablierte Staatsordnung gilt theoretisch als Provisorium. Die Wiederkehr des Mahdi ist seit alters mit utopischen Vorstellungen von der Wiederherstellung jenes Goldenen Zeitalters verbunden, als das die Zeit des Propheten Muhammad allen Muslimen gilt, und diese Utopie ließ sich in der iranischen Revolution leicht mit politischem Inhalt füllen: an die Stelle der klassenlos Gesellschaft oder anderer revolutionärer Zielsetzungen tritt das Reich der Gerechtigkeit, das der Mahdi errichten wird.

Wie man sich die Wiederkunft des Mahdi vorstellte, soll durch einen Text aus dem späten 10. Jahrhundert illustriert werden. Er stammt aus dem "Buch der Rechtleitung" (Kitab al-Irschâd), einer Sammlung von Traditionen über die zwölf Imame aus der Feder des Bagdader Schiiten Scheikh al-Mufid.

Schreckliche Vorzeichen kündigen das Erscheinen des Mahdi an:

Das Jahr der Wiederkunft des Mahdi ist unbekannt, nur der Tag steht fest: der 10. Muharram, der Tag von al-Husains Martyrium bei Kerbelâ. Gegenüber der Ka'ba wird er auftreten,

Auch wie der Mahdi aussieht, erfahren wir (nach einer Auskunft des fünften Imams):

Sein Reich der Gerechtigkeit wird als das Paradies auf Erden geschildert.

*) Zitate im Zusammenhang der englische Übersetzung auffindbar bei: Shayk al-Mufîd, Kitâb al-Irshâd. The Book of Guidance into the Lives of the twelve Imams. Engl. Übersetzung von I. K. A. Howard, London 1981, S. 541 f., 548, 551 - 553.


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000