Lösung zu Übung 2.

Die Aufgaben der Übung 2 lauteten:

Stellen Sie anhand der ... wiedergegeben Karte fest,


Zu a) Gebietsverluste des Römischen Reiches seit d. J. 476 n. Chr.

Unter 'Gebietsverlust'sei verstanden ein Herrschaftswechsel, durch den der legitimen kaiserlichen Zentralregierung im Osten oder Westen des Römischen Reiches ein Territorialbereich, über den sie die Herrschaft bisher ausgeübt hat, nicht nurkurzfristig, sondern in einer von allen Beteiligten rechtlich anerkannten Weise dauerhaft verlorengeht - sei es , daß sie auf die Herrschaftsausübung verzichtet, sei es daß sie als Herrschaftsinstanz organisatorisch gar nicht mehr besteht.

Im Westen des römischen Reich tritt mit dem Jahre 476 n. Chr., dem Zeitpunkt, zu dem mit der ersatzlosen Absetzung des letzten Kaisers Romulus Augustulus eine römisch-kaiserliche Zentralgewalt dort erlischt, trotzdem noch nicht unmittelbar ein Gebietsverlust an allenvon ihr bisher beherrschten Gebieten des Römischen Reiches ein. Dies zeigen die Wiedereroberungen der Regierungszeit Justinians (519 - 563), die sich auf das vandalisch besetzte Nordafrika, auf das ostgotisch beherrschte Italien, auf den südlichen Teil Spaniens mit den benachbarten Mittelmeerinseln und auf den nordwestlichen Balkan (Dalmatioen) beziehen, deutlich. Denn Osten und Westen des Römischen Reiches sind nach ihrem politischen Selbstverständnis nicht zwei unabhängig bestehende Reichsbidlungen, sondern nur Teile eines einheitlich gedachten Reiches, über die die kaiserliche Herrschaft arbeitsteilig ausgeübt wird; fällt eine Herrschaftsinstanz weg, so tritt nach diesem Verständnis die andere an ihre Stelle. Allerdings bedeutet die dauerhafte Nichtpräsenz einer weströmischen kaiserlichen Zentralgewalt in den Gebieten Galliens, Germaniens, Raetiens, Pannoniens und Britanniens faktisch, daß sich dort - teilweise schon Jahrzehnte vor dem Ende des weströmischen Kaiserherrschaft - einheimische oder durch vormals föderierte oder durch neu zuwandernde Germanenvölker gebildete Regime ausbilden.

So ist es in Britannien, wo sich nach einigen Jahrzehnten einheimisch-britannischer Herrschaft (seit 400 n. Chr.) durch Zuwanderung der Angeln und Sachsen (seit 450 n. Chr.) deren Königreiche ausbilden, ferner in Gallien, in den vormals germanischen Provinzen und in den Alpenprovinzen, wo nach d. J. 476 einerseits die Franken, andrerseits die Alamannen, Burgunder und die Westgoten, die sich zuvor zumeist in einer nicht nur formellen Unterstellung unter die weströmische Regierung befinden, eine von der weit entfernten römischen Zentralgewalt in Byzanz nun faktisch völlig unabhängige Herrschaft dauerhaft auszuüben beginnen. In Raetien. Noricum und Pannonien bilden die Völker der Bajuwaren, Langobarden und Gepiden faktisch unabhängige Herrschaften. In Spanien bleibt auch nach der justinianischen Rückeroberung des südlichen Teils der größere nördliche Teil der Halbinsel Herrschaftsgebiet der Sueben und der Westgoten. Daß die Herrschaften dieser Völker im diplomatischen Verkehr mit Byzanz einige Zeit lang noch Respektsformen einhalten, die rein formell eine Oberhoheit des dortigen Kaisers anerkennen, ändert an dem tatsächlichen Wandel hin zur vollständigen Selbständigkeit nichts. Eine solche tritt letztlich durch eine Derogation des römischen Herrschaftsanspruchs, d. h. mit Zeitablauf ein, dessen Grenzen nicht genau anzugeben sind. Ein wenig bleibt die römische Herrschaft im politischen Bewußtsein der neuen Herrschaften auch später noch lange präsent, z. B. in der Scheu ihrer Herrscher, den Kaisertitel anzunehmen; diese legt erst Karl d. Gr. im Jahre 800 n. Chr. ab.

Om Osten des Römischen Reiches und in den von Justinian wiedergewonnenen Westgebieten vollziehen sich Gebietsverluste - denen auch einige Gebietsgewinne gegenüberstehen - seit dem 6. Jht. n. Chr. durchweg gegen den Willen und Widerstand der byzantinischen Zentralregierung. Sie sind zumeist Ergebnisse kriegerischer Entscheidungen, bei denen die römisch-byzantinische Seite unterlegen ist oder nachgeben und ihre Unterlegenheit auch anerkennen muß.

Zunächst geht ein Großteil Italiens durch die Eroberungen der Langobarden schon im 6. Jht. (seit d. J. 568 n. Chr.) wieder verloren. Einige der verbleibenden Gebiete - die sich auf die Umgebung Roms und Ravennas, das südliche Italien sowie die Inseln Sizilien, Sardinien und Korsika beschränken - , werden später arabisch besetzt (Sizilien) oder schließlich, zusammen mit den langobardisch eroberten Gebieten, seit dem 8. Jht. fränkisches Herrschaftsgebiet. In diesem Zusammenhang wird ein 'Patrimonium Petri' einer unmittelbaren päpstlich-kirchllichen Herrschaft unterstellt.und bleibt auch später in dieser Form der Unabhängigkeit.

Die am Ende des 6. Jhts. beginnende, militärisch nicht abwehrbare Eroberung und Besiedlung weiter Landtriche der römisch-byzantinischen Balkan-Provinzen (bis in die Peloponnes hinein) durch slawische Stämme, später auch durch altaische Völkerschaften (Awaren, Bulgaren), die sich im Laufe der Zeit vor allem an die slawischen Vöker ihrer Umgebung assimilieren, entzieht diese Gebiete, in denen sich neue, faktisch von Byzanz unabhängige Reiche der Awaren, Bulgaren oder Serben bilden, zumindest auf längere Zeit der byzantinischen Herrschaft, bis sich diese - wiederum zeitweilig - durch die Rückeroberungen des 10. Jhts.erneut im Balkanbereich ausdehnt.

Im Verhältnis zu dem - bis zur kurzfristigen persischen Eroberung der römisch-byzantinischen Provinzen in der Levante und in Ägypten unmittelbar vor der arabischen Expansion des 7. Jhts.- meistens gleich starken persischen Sassanidenreich bleibt die Grenze lange Zeit konstant oder verschiebt sich sogar geringfügig nach Osten.

Die seit der zweiten Hälfte des 7. Jhts. n. Chr. rasch fortschreitende, sichsowohl religiös als auch militärisch vollziehende arabisch-islamische Expansion nach Palästina, Syrien, Mesopotamien, Iran, Soghdien, Ägypten, die ganze norafrikanische Küste entlang und hinüber bis nach Spanien, zu den Balearen, zeitweilig nach Kreta, Sizilien, Sardinien und Unteritalien, verkleinert das byzantinische Reichsgebiet von Anfang an und nach islamischen Verständnis einschränkungslos und dauerhaft. Sie betrifft weit mehr als die Hälfte des vormaligen byzantinisch-römischen Reichsgebiets und führt zugleich auch zur Auflösung des persisch-sassanischen Reiches im Iran.

Zu b) Zu den Ursachen der Auflösung römischer Herrschaft und ihrer Gebietsverluste.

Die Gründe für die Auflösung der weströmischen Herrschaft im 5. Jht. und die Gebietsverluste danach sind, wie die oben erörtereten Regionen zeigen, vielfältig.

Das Eindringen germanischer Stämme auf römisches Reichsgebiet seit dem Ende des 4. Jhts. und ihr dauerhaftes Verbleiben dort beruht auf politisch-militärischen Grundsatzentscheidungen der römischen Seite, die mit dem 'Föderaten-Modell' einerseits militärische Stärke gewinnt, aberandrerseits auch das Fundament für die Perspektive unabhängiger neuer Reichsbildungen legt.

Die allmähliche Verselbständigung germanischer Völkerschaften und Militärführer - noch unter römischer Herrschaft - wird im Laufe der Zeit ferner aa) durch die für das territorial weitläufige römische Herrschaftssystem charakteristischen internen Herrschaftsnachfolgeonflikte, bb). durch Religionskonflikte über Fragen der christlichen Orthodoxie, cc) durch die immer wieder auszutragenden militärischen Konflikte mit dem Sassanidenreich - langfristig gefördert; denn diese kosten militärische Kraft und lassen dennoch erzwungene eindeutige Lösungen auf einer militärischer Basis oft nicht zu. Moment aus dieseem Spektrum wirken etwa bei der Begründung der Westgoten- und Suebenherrschaft in Gallien und Spanien, der Vandalenherrschaft in Nordafrika und schließlich auch bei der Beendigung des weströmischen Kaisertums mit.

Ein wesentliches Moment der dauerhaften Gebietsverluste im Westen ist dann --nach d. J.- 476 n. Chr. - der Fortfall einer dort präsenten zentralen Reichsorganisation.

Die neuen Reichsbildungen in Italien und auf dem Balkan seit dem 6. und 7. Jht. Jht. beruhen im wesentlichen nur auf einer militärischen Abwehrschwäche des zu dieser Zeit weiterhin ständig auch in Auseinandersetzungen mit dem Sassanidenreich befindlichen byzantinischen Reichs.

Für die erfolgreiche, mehr als nur vorübergehende Inbesitznahme großer Gebiete des byzantinischen Reiches durch die islamischen Araber sind sowohl die kräftezehrende Auseinandersetzung mit dem Sassanidenreich im 7. Jht. als auch die sich politisch auswirkenden Spannungen in Fragen der christlichen Orthodoxie zwischen einigen Ostprovinzen (Agypten) und anderen Teilen des Reiches, ein maßgeblicher Grund.

Nimmt man all diese Momente der Entwicklung zusammen, so werden hinter ihnen zwei größere Ursachenkomplexe deutlich:

Nicht jedoch ist ein Verlust an 'schöpferischer Kraft' oder an 'kultureller Bedeutung römisch-antiker Kultur' als tiefere Ursache für eine Reduktion des des traditionellen römischen Reichsgebietes erkennbar. Vielmehr zeigt sich am Fortbestand und an der späteren Wiederausdehnung des byzantinischen Reiches ebenso wie an den zahlreichen Momenten der antikenbezogenen Kulturtradition und -rezeption in allen neuen Reichsbildungen des frühen und späteren Mittelalters, daß die zivilisatorische und geisteskulturelle Stärke der antiken Kultur des römischen Bereichs von politischen und militärischen Momenten der Entwicklung zu betrennt zu betrachten ist. Dasselbe gilt für die Kultur des Sassanidenreichs, deren gleichzeitiges militärisch-politisches Ende bei der Suche nach einer generellen Erklärung für den Übergang zu denen neuen Verhältnissen des 'Mittelalters' im eurasiatischen Raum mitzubedenken ist.

Vielmehr beruht die Fortwirkung der antiken Hochkultur - in dem früher (Kap. 1, zu Nr. 3) dargelegten weiteren Sinne, bei dem nicht nur das Gebiet des römischen Reiches, sondern etwa gleichviel Territorien östlich davon eingeschlossen sind -, gerade auf ebenso ihrer geistig-kulturell-religiösen Beispielhaftigkeit wie auf ihrer alltagszivilisatorischen Anziehungskraft und allseitigen technischen Vorteilshaftigkeit für die in ihren Einfluß geratenden Völker einfacher bäuerlicher oder nomadischer Kulturformen.


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)