Herrschaftspraxis und Herrschaftsethos. Aus den 'Vernünftigen Ratschlägen an den Kaiser' (logos nouthetetikos pros basilea) des Kekaumenos.

.Entstehung: um 1050 n. Chr.. Übersetzung entnommen aus: Hans-Georg Beck, Das byzantinische Jahrtausend, München 1978; S. 316 - 319. Literatur: Herbert Hunger, Die hochsprachliche profane Literatur der Byzantiner, 2 Bde., Byzantinisches Handbuch 5. Teil, Bd. 1: Philosophie, Rhetorik, Epistolographie, Geschichtsschreibung, München 1978, S. 157 - 165 ('Fürstenspiegel').


Gelegentlich wird die Behauptung aufgestellt, der Kaiser sei dem Gesetz nicht unterworfen, sondern selbst das Gesetz. Ich persönlich teile diese Meinung: Was immer er tut oder zum Gesetz macht, ist wohl getan, und wir halten uns daran. Sagt er aber: Trinke Gift! dann wirst du freilich nicht gehorchen; sagt er: Wirf dich ins Meer und durchschwimme es! dann darfst du auch dies nicht tun. Daraus magst du entnehmen, daß auch der Kaiser nur ein Mensch ist und dem göttlichen Gesetz untersteht.

Heiliger Herr! Gott hat dich auf den Kaisetthron erhoben und hat dich durch seine Gnade, wie man so sagt, zum Gott auf Erden gemacht, damit du tuest und lassest, was dir gut dünkt. So seien deine Taten und Handlungen voll Klugheit und Wahrheit, und die Gerechtigkeit wohne in deinem Herzen. Sieh also zu, daß du alle mit gleichem Auge betrachtest, ob sie dir nun nahe oder ferne stehen; behandle nicht die einen ohne Grund schlecht, während du die anderen wider alles Recht mit Wohltaten überhäufst; vielmehr soll allen gegenüber ausgleichende Gerechtigkeit herrschen. Wer sich verfehlt, soll nach dem Maße seiner Verfehlungen bestraft werden; zeigst du ihm aber Mitleid und sprichst du ihn frei, so ist dies göttlich und kaiserlich. Wer sich gegen dich nicht verfehlt, dem sollst du auch kein Übel zufügen, ihn vielmehr, wenn es dir richtig erscheint, fördern.

Hörst du von einem vornehmen Herren, er sinne Böses gegen deine Majestät, dann soll sich keine Hinterlist und nicht das Verlangen, ihn zu verderben, in dein Herz einschleichen. Stelle vielmehr genaue Nachforschungen an, zunächst im geheimen; dann aber, wenn du in Erfahrung gebracht hast, daß es sich wirklich so verhält, soll gegen ihn gerichtlich verhandelt werden, und zwar in aller Öffentlichkeit. Verurteilst du ihn ohne Verhandlung, so machst du dir von diesem Tag an ihn und viele andere um seinetwillen zum Feind.

Machst du einen Mimen oder sonst einen unehrlichen Menschen zum Protospathar, so werden die Soldaten, die für dich ihr Blut zu opfern bereit sind, einen solchen Rang nicht mehr achten können: ebenso wird es gehen, wenn du ihn zum Patrikios machst. Dein tüchtiger Notar oder Sekretär wird in Zukunft eine solche Ehrung für nichts achten. Ich habe allerlei dergleichen erlebt: Richter, die nur Gelächter verdienten und trotzdem lustig zu leben hatten, und verständige und tüchtige Leute, die von den Kaisern verachtet wurden; tüchtige Militärs, um die sich die Kaiser nicht kümmerten, und Lügenbolde und Aufschneider, die es sich gut gehen ließen. Ich seufzte in meinem Herzen und konnte dieses Unrecht nicht mitansehen.

Ausländer, die nicht dem Herrscherhaus ihres Landes entstammen, sollst du nicht zu hohen Würden befördern noch ihnen wichtige Kommandostellen geben. Du erniedrigst damit nur dich selbst, aber auch deine griechische Oberschicht. Machst du z.B. einen Engländer, der zu dir kommt, gleich zum Primikerios oder zum kommandierenden General, was bedeutet es dann noch für einen Griechen an Ehre, wenn du ihm ein hohes Kommando überträgst? Du machst dir nur alle zu Feinden. Und wenn man in der Heimat des Fremdlings davon hört, daß er diese Würde und dieses Amt erlangt hat, wird es ein allgemeines Gelächter geben, und sie werden sagen: Bei uns hat er gar nichts gegolten; da ist er in die Romania gegangen und hat es gleich so weit gebracht. Anscheinend gibt es in der Romania keine geeigneten Leute, weil unser Landsmann so hoch geklettert ist. Wären die Byzantiner tüchtige Leute, hätten sie diesen Mann nicht so hoch kommen lassen. Deine Majestät gebrauche nicht die Ausrede: Ich habe den Mann dergestalt befördert, damit es auch andere erfahren und kommen. Das ist kein guter Zweck. Wenn du es wünschst, dann bringe ich dir so viele Ausländer, wie du willst, die dir für ein Brot und ein Hemd dienen.

Laß es dir nicht einfallen, gegen deine Stadt und die Provinzen, die dir untertan sind, alle möglichen Schikanen zu ergreifen, auch nicht gegen die Armee; vielmehr sollst du allen Vater sein, dann werden sie dir aufrichtig dienen. Da hat doch ein dummer Kerl dem Kaiser Basileios, auf dessen Vernichtung er sann, den Rat gegeben: Mach dein Volk arm! Aber es würde dich dafür nur hassen, ja sich erheben und Revolution machen. Du hast es ja nicht mit Tieren zu tun, sondern mit vernunftbegabten Menschen, die durchaus imstande sind, sich klarzumachen, ob es ihnen gut oder schlecht geht.

Deinen Höflingen gib den Befehl, niemandem Unrecht zu tun, nicht schlechten Menschen und Feinden der Wahrheit zu helfen. Deine Verwandtschaft soll dich fürchten und nicht das Recht haben, Unrecht zu tun. Ich will dir, mein Herr, erzählen, wie es zur Katastrophe mit der Herrschaft des Paphlagoniers kam. Dieser verstorbene Kaiser hatte keine erlauchten Eltern, stammte vielmehr aus einer ganz bescheidenen Familie, besaß aber persönlich große Vorzüge. Manche Dummköpfe wissen zu rühmen, er sei aus edlem und großem Hause gewesen, in Wirklichkeit entstammte er einer völlig unbedeutenden Familie. Ich bin ja der Ansicht, daß alle Menschen Kinder eines Menschen, nämlich Adams sind, die Könige sowohl wie die großen Herren und die Bettler. Ich habe auch schon erlebt, daß ganz hochtrabende Leute zu Dieben, Wahrsagern und Zauberern geworden sind: solche sind für mich Leute von niedriger Herkunft.

Der verstorbene Kaiser also, Herr Michael (IV.), besaß, wie gesagt, große Vorzüge; er hatte aber viele leibliche Verwandte, die arm waren und für die der Wohlfahrtsminister sorgte. Dieser aber war der Bruder des Kaisers und zugleich der Verwalter des Palastes. Er wollte seine Verwandten bereichern und gab ihnen die Erlaubnis, sich bei anderen ihre Beute zu holen. Der Kaiser wußte nichts davon. So haben sie die Kuriere auf Dienstreisen und die Männer des Kaisers in den Gasthäusern oder auf einsamen Wegen, wo sie sie antreffen konnten, zu Pferd oder auf Mauleseln, heruntergerissen und ausgeraubt, um sich dann aus dem Staub zu machen. Damit zog sich dieser vorzügliche und beriihmte Mann den Haß zu, eben wegen der Ungerechtigkeit seiner Verwandtschaft. Alle verschworen sich, seine Familie auszutilgen. Dies geschah auch bald danach. Der Kaiser selbst starb im Frieden und erbaulich in bußfertiger Gesinnung. Dann wurde sein Neffe Kaiser. Gegen diesen erhob sich die ganze Stadt und alle Fremden, die sich in der Stadt befanden. Zum Vorwand gegen ihn nahm man, daß er seine Tante, die Kaiserin, verbannt habe. So wurden der Kaiser und seine ganze Familie an einem Tag ausgerottet. Statt seiner wurde Monomachos Kaiser, der das Reich der Römer zugrunde gerichtet hat und verrotten ließ. Deine Majestät muß sich vor solchen Dingen in Acht nehmen. Ich habe es erlebt, wie der ehemalige Kaiser Michael bei Sonnenaufgang ein mächtiger Kaiser war, um die dritte Stunde aber nur noch ein unglücklicher, seines Artites enthobener Geblendeter. Rühme dich nicht, mein Herr, des Glanzes der Majestät und vertraue noch weniger auf deine Macht und rede dir nicht ein: Wer kann mich von der Höhe meines Glanzes herabstoßen. Ein kleiner Ruck der Zeit, sagt Gregorios der Theologe, und zahlreiche Dinge sind anders.

Halte dir einen Mann, der das Recht hat, dich tagtäglich ob deiner unangebrachten Reden und Handlungen zu tadeln. Sage nicht: Ich bin selbst klug genug und weiß alles. Du weißt zwar viel, noch mehr aber weißt du nicht!

Ich weiß, mächtigster Kaiser, daß die Natur des Menschen nach Ruhe verlangt. Es ist aber zu einem recht nichtigen, ja schädlichen Grundsatz geworden, daß der Kaiser seine Länder, im Osten meine ich und im Westen, nicht mehr besucht, sondern wie in einem Gefängnis in Konstantinopel sitzen bleibt. Würde dich jemand in einer Stadt einsperren, dann wärest du unglücklich und erbost. Daß du dir dies aber selbst antust - was soll ich dazu noch sagen? Ziehe hinaus in die Länder, die dir untertan sind, und in die Themen, und schau dir das Unrecht an, das die Unbemittelten erleiden müssen, und was deine von dir gesandten Steuereinnehmet anstellen und wie den Armen Unrecht geschieht, und bringe wieder Ordnung hinein. Ich weiß, daß dein Hofstaat aus Faulheit dir abrät: es sei nicht gut, und du würdest die Länder und Themata durch eine Reise mir Truppen und kaiserlichen Garden nur ins Ungemach stürzen. Sie werden wohl auch sagen: Wenn du Konstantinopel verläßt, wird sich ein anderer an deiner Stelle zum Kaiser aufwerfen. Ich habe mir dies durch den Kopf gehen lassen und kann darüber nur lachen. Dein Vertreter, den du im Palast zurückläßt und der über die dortigen Griechen und Barbaren, deine Untertanen, regiert, wird, wenn er tüchtig und energisch ist, mit Eifer wachen und seine Pflicht erfüllen. Was soll ich noch weiter sagen? Die Imperatoren und Kaiser der Römer haben immer so gedacht, wie ich es dir hier sage, und zwar nicht nur diejenigen, die in Rom regierten, sondern auch die in Byzanz; so z.B. Konstantin der Große und sein Sohn Konstans, Julian, Jovian und Theodosios. Bald weilten sie im Westen, bald im Osten, jedenfalls nur kurze Zeit in Konstantinopel. Damals hatten aber auch alle Länder Frieden, sowohl ganz Europa und Libyen und der schönste Teil Asiens bis zur Euphratesia und Adiabene. Armenien und Syrien, Phönizien, Palästina und Ägypten, ja selbst das große und vielgepriesene Babylon waren den Römern untertan. Seitdem aber die große Trägheit über die Menschen gekommen ist, oder besser sich wie eine ansteckende Krankheit ausgebreitet hat, seitdem ist dem römischen Reich nichts Gutes mehr widerfahren.


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000