Lösung zu Übung 3.

Die Aufgabe lautete:

Stellen Sie anhand des hier wiedergegebenen Quellentextes aufgrund ihres jetzigen Wissens fest,

Rede des Niketas Choniates vor dem Kaiser Theodoros Laskaris


Die hier wiedergegebene Rede läßt ihre konkreten historischen Bezugsmomente nicht auf den ersten Blick erkennen, weil sie sich einer stark theologisch reflektierenden und historisch-metaphorischen Denk- und Ausdrucksweise bedient, die an die Stelle exakter Namen und tatsächlicher Geschehnisse oft Umschreibungen und Wertungen treten läßt. Allerdings erlauben die Namensangabe des Adressaten, des byzantinischen Kaisers Theodors Laskaris, und der Hinweis auf ein größeres militärisches Gefecht zwischen diesem Kaiser Theodoros und dem Seldsuchken-Sultan Iathatines bei Antiochia i. J. 1210 die Datierung der Rede auf die unmittelbare Zeit danach.

Bei Übersetzung der Umschreibungen werden auch andere Zeitmomente deutlich. So sind unter "Persern"etwa die seldschukischen Türken zu verstehen, die seit dem Ende des 11. Jhts. in Kleinasien siedeln und einen Herrschaftsmittelpunkt in der Stadt Ikonium (nach damaliger türkischer Ausdrucksweise 'Rum', deshalb 'Rum-Seldschuken') haben. Das "von Westen gegen uns eingedrungene Geschlecht, das weit ausgedehnte und anderredende" sind die 'Lateiner', die im Konstantinopel dieser Zeit seit dem 4. Kreuzzug herrschen.

Wo sonst Namen erwähnt werden, geschieht dies eher aus Gründen des historisch-philologisch oder biblisch gebildeten Zitats (Achill, Alexander, Brasidas, Kallimachos, Konstantin - Moses, David, Zorobabel) oder wie bei der Erwähnung von Christus und Mohammed aus Gründen religiösen Bekenntnisses bzw. religiöser Verurteilung.

Das paßt zum Gesamtcharakter der Rede, die zur Gattung der 'panegyrischen' Reden gehört. Der 'Pangeyricus' ist seit der klassischen griechischen Antike eine traditionsnsreiche Gattung der öffentlichen Rede, und zwar außerhalb des justiziellen und des politisch-geschäftlichen Bereichs im engeren Sinne, für die es eigene rhetorische Gattungstraditionenen gibt. In der Regel geht es bei panegyrischen Reden um solche aus Anlaß politischer Zeremonien und Feiern, und in der Zeit der hellenistischen Königreiche und des römischen Kaiserreichs insbesondere um Lob- und Feierreden zu Ehren eines anwesenden Herrschers oder Herrschaftsrepräsentatnten. In solche Rede pflegt sich ein hohes Maß rhetorrischer Kunstfertigkeit und Bildung mit politischen und religiösen Bekenntnissen und Loyalitätsbekunbdungen des Redners zu verbinden, welcher darüberhinaus zumeist als Persönlichkeit einen besonderen Ruf hat und sich nicht scheut, bei Gelegenheit seiner Rede in dezenter und diplomatischer Weise auch konkrete Wünsche und Auffassungen sei es aus eigenem Antrieb, sei es auf Veranlassung hinter ihm stehender Interessenten, vorzutragen. Es wäre daher ganz verfehlt, in der panegyrischen Rede etwa der hellenistischen, römisch-kaiserzeitlichen und byzantinisch-mittelalterlichen Epochen, generell nichts weiter als einen unangenehmen Modus sklavischer Lobhudelei eines politischen Funktionärs vor einem höherstehenden Mächtigen zu sehen. Vielmehr müssen - neben solchen manchmal zweifellos auch vorhandenen Momenten - aufrichtig empfundene politische und religiöse Überzeugungen in Rechnung gestellt werden, wie sie in höfisch-monarchisch zentrierten aristokratischen Gesellschaften üblich sind. Ferner bedürfen die konkreten Interessen, die hinter einer Rede stehen, soweit sie historisch aufklärbar sind, stets einer genaueren Erwägung.

Die Rede des Niketas Choniates steht auch in einer speziellen Tradition der christlich geprägten, römischen und am Kaiserhofe gehaltenen panegyrischen Reden, denen man rein schriftlich gefaßte Reden ähnlicher Form zuordnen kann. Seit das Christentum im 4. Jht. zunächst zur offiziell erlaubten Religion und später zur ausschließlichb für den Staat maßgeblichen Religion wird, kommt zur höfisch-panegyrischen Rede, welche als Gattung weiterhin ihren Platz hat, als neues ideentypisches und stilistisches Moment die - auch politische - Argumentation mit christlichen Gedankengängen, das Zitieren biblischer Schriftsellen und das Beknennen des rechten christlichen Glaubens - in Abgrenzung von Häresien und Heidentum - hinzu.

Als Beispiele für die Tradition des höfischen Panegyricus vor und nach seiner Verchristlichung seinen zur Lektüre empfohlen: der Pangegyricus eines Anonymus auf Kaiser Konstantin d. J. 310 und Ambrosius Predigt und politische Rede auf den Tod des Theodosius d. J. 394 .

Diese Tradition wird in den langen Jahrhunderten der byzantinischen Geschichte stilistisch und ideentypisch im wesentlichen unverändert weitergeführt und natürlich jeweils den Zeitumständen entsprechendeingesetzt. So kommt es, daß der höfische Panegyrikus christlicher und römisch-imperialer Prägung, der von antiker Bildung überfließt, noch in Zeiten praktiziert wird, in denen - wie in der Zeit des Theodoros Laskarisund seines 'Kaisrreichs von Nikaia', das nur einen schmalen Streifen Kleinasiens umfaßt - das byzantinische Reich in seinem Einfluß gegenüber früherern Epochen stärkstens reduziert und in seinem Bestand äußerst gefährdet ist. In einer solchen Lage alte rhetorische und ideelle Formeln von einem universellen Herrschaftsauftrag des Reiches und von einem sicheren, von Gott verbürgten Sieg seines jeweiligen Kaisers über die Heiden und die 'Nicht-Rechtgläubigen' zu verwenden, mutet aus heutiger Sicht fast surrealistisch an. Dennoch ist hierin - d. h. in dem Glauben an die Einheit von staatlicher und christlicher Mission in einem fast kosmisch determiniert gedachten Weltgeschehen - ein Merkmal byzantischer Kaiser- und Reichsideologie, die in gewissem Umfang über das Ende des byzantinischen Reiches - etwa in Rußland - nachwirkte.

In der Diskrepanz zwischen altehrwürdiger Form und Denkhaltung und den Realitäten der politischen Machtverhltnisse liegt demgegenüber das 'Neue' in einer Rede wie der des Niketas Choniates. Diese Diskrepanz äußert sich allerdings mehr indirekt, nämlich nur bei einer von historischen Hintergrundkenntnissen getragenen Analyse des Redestoffs und der Redeform. Es sei hier nur auf drei Aspekte hingeweisen:

1. Der Darstellung des 'persisch' (seldschukisch) -islamischen Gegners, den der Kaiser in einer militärischen Auseinandersetzung bezwungen hat, geht spürbar von einer großen Bedrohungsorientierung aus.

2. Das Geschehen des militärischen Gefechts, das eher zufällig zugunsten des Theodos Laskaris ausging und an dem auch nicht die von Niketas Coniates rhetorisch beschriebenen Mengen von Kämpfern auf beiden Seiten teilnahmen, wie sich aus der Berichterstattung gyzantinischen Geschichtsschreibers Georios Akropolites (4 - 17, 25) ergibt, wird nicht nur in seiner militärischen Bedeutung übertrieben, sondern nachträglich in einem nicht weniger als kosmischen Zusammenhang interpretiert, in dem sich bestimmungsgemäß der Sieg desvon Gitt gewollten Guten über die Kräfte der Finsternis vollzieht.

3. Der Kaiser wird in vielen Wendungen nicht, wie es an sich einer etwa von dem Kirchenvater Augustinus (De civitate Dei) begründeten vorsichtigen, traditionsreichen christlichen Sicht des Staates und seines Kaisers entspräche, als im besten Falle nur göttliches Werkzeug und Stellvertreter für den göttlichen Willen auf Erden angesprochen, sondern als christusgleich apostrophiert.An dieser Stelle die rhetorische Figur einer emphatischen 'amplificatio' zur Begründung heranzuziehen, würde der zentralen Bedeutung des politisch-religiösen Gedankengangs nicht gerecht werden, der nur in einer Übersteigerung der Bedeutung des Kaisers ein äußertes Maß an politisch-religiöser Sendungsgewißheit angesichts einer äußerst bedrohlichen und pessimistisch stimmenden Gesamtlage des Reiches zu gewinnen vermag.

Der Verfasser der Rede (155 - ca. 1216), die möglicherweise nur schriftlich ausgearbeitet und nicht vorgetragen wurde, ist ein theologisch, historisch und rhetorisch gebildeter vormals hoher Beamter am byzantinischen Kaiserhofe, der sich bei der Eroberung Konstantinopels durch das westliche Kreuzfahrerheer des 4. Kreuzzuges i. J.1204 nach einer langen Karriere insbesondere in der zentralen Reichsfinanzverwaltung in der kanzlerähnlichen Spitzenstellung eines 'logothetes ton sekreton' befand. Als Theodors Laskaris i. J. 1207 den erfolgreichen Versuch unternimmt, in einem vom 'Lateinerreich' nicht kontrollierten Gebiet Kleinasiens (um Nikaia) die traditionelle byzantinische Kaiserherrschaft zu retaurieren, stellt sich Niketas Choniates in seinen Dienst, gelangt allerdings nicht erneut in eine Spitzenstellung der Reichsverwaltung. Aus der Feder des Autors stammt neben einer größeren Zahl überlieferter Reden, zu denen die hier wiedergegeben gefhört, u. a. auch ein theologisch-domatisches Werk ('Thesauros Orthodoxias') und eine Geschichtswerk ('Chronike Dihegesis'), das die Kaisergeschichte von 1118 bis 1206 behandelt.

In seiner Person wie in seiner Rede verkörpert der Verfasser in besonders deutlicherv Weise den politisch-religiösen Geist seiner byzantinischen Epoche in seiner Traditionsbindung einerseits und in seiner notwendigen Einstellung auf den Bedeutungsverlust des byzantinischen Reiches andrerseits.

Literatur:

Kaisertaten und Menschenschicksale im Spiegel der schönen Rede. Reden und Briefe des Niketas Choniates, Reihe 'Byzantinische Geschichtsschreiber', hg. von E. von Ivanka, Bd. XI, übersetzt, eingeleitet und erklärt von Franz Grabler, Graz, Wien, Köln 1966, S. 7 ff. und 286 ff.

Herbert Hunger, Die hochsprachliche profane Literatur der Byzantiner, 2 Bde. , Byzantinisches Handbuch 5. Tei, Bd. 1 und 2, Bd. 1: Philosophie, Rhetorik, Epistolographie, Geschichtsschreibung, Geographie, Bd. 2: Philologie, Profandichtung, Musik von Christian Hannick), Mathematik und Astronomie /Astrologie, Naturwissenschaften, Medizin, Kriegswissenschaft, Rechtsliteratur (von Peter E. Pieler), München 1978, Bd. 1, S. 429 - 441.


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)