Kaiserliche Religionspolitik und kirchliche Orthodoxie. Aus dem Geschichtswerk (chronike diehegesis) des Niketas Choniates.

Entstehung nach d. J. 1206. Inhalt des ganzen Werks: Byzantinische Kaisregeschichte von 1118 - 1206. Der beschriebene Kaiser Manuel I. Komnenos, in dessen Dienst Niketas Choniates lange Jahre stand, regierte von 1143 - 1180. Übersetzung entnommen aus: Hans-Georg Beck, Das byzantinische Jahrtausend, München 1978, S. 319 - 321 (van Dieten). Literatur: Herbert Hunger, Die hochsprachliche profane Literatur der Byzantiner, 2 Bde. , Byzantinisches Handbuch 5. Teil, Bd. 1: Philosophie, Rhetorik, Epistolographie, Geschichtsschreibung, Geographie, München 1978, S.430 - 441 .


Folgendes tat Kaiser Manuel I. in seinen letzten Lebensjahren: Der Katechismus enthält neben anderem eine Verdammung des Gottes Muhammeds, weil es von diesem heißt: "Er hat nicht gezeugt und ist nicht gezeugt" und daß er "in starrer Einheit verharrt". Manuel setzte es sich in den Sinn, diese Verdammungsformel in allen Bekenntnissen für die Katechumenen zu tilgen und begann beim Formular der Sophienkirche. Seine Begründung klang recht überzeugend. Er sagte nämlich, es sei ein Ärgernis für die zu unserem Glauben übertretenden Muhammedaner, daß Gott überhaupt verdammt werde. Manuel berief also den hochehrwürdigen Theodosios, damals Patriarch, und die Erzbischöfe, die in der Hauptstadt weilten. Ihnen teilte er nach einer umständlichen Einleitungsrede seine Absicht mit, mußte aber erleben, daß alle ablehnten und seinem Vorschlag nicht geneigt waren. Es könne nichts Gutes dabei herauskommen, lehrten sie; Manuels Vorschlag lenke von der richtigen Gottesvorstellung ab, dieses angebliche Ärgernis sei Gott wohlgefällig, die Verdammnis treffe ja überhaupt nicht den Gott, der Himmel und Erde erschaffen, sondern jenen ungezeugten, unzeugenden, unbeweglichen Gott, den der teuflische Schwätzer Muhammed erfunden habe. Die Christen glaubten ja an einen Gottvater, die verwerflichen und albernen Behauptungen Muhammeds jedoch verböten einen solchen Glauben überhaupt. Übrigens könne man sich unter dem "Unbeweglich-einen" ohnehin nichts Klares vorstellen.

Doch mochten sie sich die Seele aus dem Leib reden, Manuel blieb fest. Er verfertigte, als ob sie von ihm selbst verfaßt wäre, mit Hilfe einiger wortgewandter, immer schlau ihren Vorteil nutzender Höflinge eine Schrift, in welcher er die Unsinnslehre - Glaubenslehre möchte ich sie denn doch nicht nennen - Muhammeds in Schutz nahm und heftig gegen die früheren Kaiser und Geistlichen loszog, weil sie seiner Meinung nach uneinsichtig und unüberlegt es gewagt hatten, den wahrhaftigen Gott mit einem Verdammungsurteil zu belegen. Diese Schrift ließ er im Palast des Patriarchen öffentlich verlesen. Seine Ausführungen klangen so überzeugend, daß er seine Zuhörer beinahe gewonnen hätte; und es wäre wohl jener von Muhammed erkorene, unbeweglich-eine Gott, wer er auch immer sein mag, als wahrer Gott anerkannt worden, wäre nicht der Patriarch mit aller Entschiedenheit eingeschritten. Er hatte den Worten, die eine gefährliche neue Lehrmeinung einführen wollten, keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt und redete den übrigen zu, vor diesem Gift auf der Hut zu sein.

Der Kaiser sah darin eine ungeheuerliche Beleidigung seiner Person. Er überschüttete den Patriarchen mit Schmähungen und nannte ihn und die Bischöfe die "Torheit der Welt". Aber er warf nochmals einen Köder aus. Er kürzte seine ausführliche, rhetorisch herausgeputzte Schrift und brachte sie in anderer Form neu heraus. Er befand sich damals in dem Palast bei Damalis, der Skutari genannt wird, und zwar wegen der guten Luft und der Ruhe; denn er war schon ein kranker Mann. Auf seinen Befehl kamen sämtliche Bischöfe und Gelehrten zu Schiff dorthin. Aber sie waren kaum an Land, als schon Theodoros Matzukes, einer von den Schreibern, die beim Kaiser viel vermochten, auf sie zutrat und vor dem Patriarchen und den Bischöfen eine Rede zu halten begann. Die Krankheit des Kaisers, so führte er aus, verbiete im Augenblick den Zutritt zu ihm; sie müßten aber dem hier - und dabei zeigte er ihnen die Blätter in seiner Hand - ihre Aufmerksamkeit schenken. Er werde es vorlesen. Das eine Blatt enthielt eine Erklärung des vorliegenden Lehrsatzes, um deren Unterzeichnung durch die versammelten Bischöfe sich der Kaiser sehr bemühte, das andere enthielt einen fiktiven Disput des Kaisers mit dem Patriarchen Theodosios und den Bischöfen. Die Ausführungen des Kaisers waren heftig und geschmacklos. Er drohte, eine größere Synode einzuberufen und schwor, die vorliegende Frage mit dem Papst in Rom zu besprechen. Die Zuhörer waren weit davon entfernt, sich einschüchtern zu lassen. Der Erzbischof von Thessalonike, der gelehrte und wortgewaltige Eustathios geriet über das Gehörte so in Eifer, daß er ausrief: Ich müßte ja ein zertrampeltes Gehirn in meinen Fersen tragen, wenn ich diesen Knabenschänder, dieses alte Kamel, diesen Verführer zu jeder Abscheulichkeit für einen wahrhaftigen Gott hielte. Alle waren starr über diese Worte. Theodoros Matzukes stand einen Augenblick mit zusammengepreßten Lippen sprachlos da, dann machte er kehrt und lief zum Kaiser. Manuel gellten die Worte des Eustathios, die ihm berichtet wurden in den Ohren. Er begann, sich auf umständliche Erklärungen zu verlegen und behandelte die Angelegenheit mit ungewöhnlicher Langmut. Bald erschien auch der Patriarch vor Manuel und sprach beschwichtigende Worte. Er bewirkte, daß der Kaiser von seinem Zorn ließ und dem Eustathios seinen Ausruf verzieh. Eustathios durfte seine Meinung rechtfertigen und Manuel sagte schließlich zu ihm: Als weiser Mann solltest du keine so häßlichen Ausdrücke in den Mund nehmen und nicht keck so Deplaziertes aussprechen!

Dann wurde die Schrift des Kaisers über die in Frage stehende Lehrmeinung verlesen. Alle billigten sie als gottesfürchtig und die Sache richtig darstellend, und versicherten, sie würden sie mit Freuden unterzeichnen. Die Versammlung löste sich auf und die Teilnehmer gingen stolz nachhause des Glaubens, sie hätten mit ihrem Widerstand den Kaiser besiegt; dieser aber freute sich, weil er jene unter seinen Willen gebeugt und durch eine kurze Formel erreicht hatte, was ihm mit dem umfangreichen ersten Werk nicht gelungen war.

Am folgenden Tag holten Boten des Kaisers die Bischöfe zu einer Versammlung. Sie kamen im Haus des Patriarchen zusammen, um gemäß der Übereinkunit des Vortags das Schriftstück des Kaisers zu unterschreiben. Aber es waren nicht mehr dieselben Bischöfe. Und alle weigerten sich, weil in der vorgelegten Schrift noch Ausdrücke stünden, die tadelnswert seien, und sie wollten, daß diese gestrichen und durch unanstößige ersetzt würden. Der Kaiser war wieder erbittert und warf ihnen vor, sie seien so unstet und wankelmütig, als hätten sie überhaupt keinen Verstand. Erst nach längerer Zeit und mit Widerstreben kamen sie nochmals zusammen, damit das Verdammungsurteil über den Gott Muhammeds aus den Katechismen getilgt und dafür ein Verdammungsurteil über Muhammed und seine gesamte Lehre und die seiner Schüler eingefügt werde.


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000