Aus der Biographie eines dem Namen nach unbekannten Schülers des Bischofs Danilo II. über den serbischen König Stefan Dusan Uros IV.

Übersetzung ins Deutsche, entnommen aus Stanislaus Hafner, Serbisches Mittelalter. Altserbische Herrscherbiographien, Bd. 2, Einleitung, Übersetzung und Kommentierung, Reihe 'Slavische Geschichtsschreiber' Bd. IX, hg. von G. Stökl, Graz, Wien, Köln 1976, S. 259 - 271.Die Fußnoten des Ausgangstextes wurden fortgelassen. Auf die zitierte Ausgabe ist daher hinzuweisen, soweit Antworten zu einzelnen Fragen gesucht werden. Sonderzeichen für die Schreibung der slawischen Namen können hier nicht wiedergegeben werden. Gegenbüber dem Ausgangstex wird in der Anordnung des hier wiedergegebenen Textes durch zahlreiche Absätze die argumentative Funktion und die wirkungsgeschichtliche Bedeutung der einzelnen Sinnabschnitte und Zitate hervorgehoben. C. G.


Da unser Herr Christus, der Allergütigste, das Menschengeschlecht liebt, die Söhne des Vaterlandes dieses frommen Königs nicht kränken wollte und das ganze serbische Land mit der Huld seiner Gnade krönte, übernahm dank der unaussprechbaren Gnade und dank des Wohlwollens Gottes den Thron des Königtums sein [des Stefan Uros III. Decanski) über alles geliebter, frommer, christusliebender und von Gott erhöhter Sohn, der mächtige und in allen serbischen und küstenländischen Gebieten alleinherrschende König Stefan. Dieser der großen und unaussprechbaren Gnade des Herrn für würdig Befundene erwarb sich einen großen und überaus berühmten Namen, der größer war als der der Herrscher der Antike, seiner Eltern und Ahnen. Prächtig war das Bild seiner Erscheinung. und dank der bewundernswerten Vorzüge seines Körpers übertraf er viele Menschensöhne. Er wurde von seinen Feinden im wahrsten Sinne des Wortes gefürchtet und von allen Herrschern in der Nachbarschaft bewundert, sobald sie nur seinen Namen hörten. Denn alle benachbarten Herrscher, die von ihm hörten, seinen Namen vernahmen oder erfuhren, mit welcher vollkommenen Gnade und Liebe er von Christus, dem gütigen Gabenspender, bedacht wurde, alle waren bemüht, nach Möglichkeit mit diesem frommen König ein Leben in Freundschaft zu führen.

Denn dieser allerhöchste König Stefan verrichtete von der frühesten Jugend an gottgefällige Werke der Liebe zu Christus und trug große Sorge für Lehre und Unterweisung im göttlichen Worte; denn dies ist der Hauptweg, der mit Hilfe des HI. Geistes zu unaussprechlichem Ruhm und Preis im ewigen Leben führt und hinweist. Und jene, die ihn gehen, können nicht in Abgründe und auf Abwege geraten. Diesem Weg folgten würdig berühmte Männer, die Führer und Bewahrer des Vaterlandes dieses frommen Königs, als erster und Begründer der ehrwürdige und Gott in sich tragende Vater Simeon Nemanja und als fruchtbarer und prächtiger Sproß sein Sohn Kir Sava. Beide gaben ein leuchtendes Vorbild der Gottesliebe jenen Söhnen ihres Vaterlandes, die danach leben wollen. Sie waren nämlich mit jener besonderen Gabe ausgestattet, die von oben, vom Himmelsvater, stammt, damit sie den Thron des irdischen Reiches, den Reichtum und den unsagbaren Ruhm, die mit der Herrschaft ihres Vaterlandes verbunden sind, innehaben konnten, und dies verwalteten sie gut und eroberten sich das Himmelreich. Mit diesen also trat dieser christusliebende König in Wettstreit, lernte aus ihrem Leben auch die große Liebe zum Herrn, baute auf ihn, und zu ihm allein rief er:

Und er hörte auf die Worte des Gottessohnes und sprach:

Als dieser fromme König den Thron seines Vaters in Besitz genommen hatte, herrschte in seinem ganzen Vaterlande seinetwegen eine große Freude, man verrichtete gebührende Lobgesänge und Gebete, um ihn zu stärken, man sah, daß er in der Gnade Gottes erblühte, mit seiner [scil.Gottes] Macht und Hilfe an Stärke und Festigkeit gewann und daß die feindlichen Anschläge aller jener, die seinem Vaterlande übel gesinnt waren, in nichts zerfielen und sich in nichts auflösten, wie die Träume eines Erwachenden, weil Gott seinen Namen verherrlicht hatte, gemäß den Worten des Propheten Jesaja:

Diesen macht der Herr durch seine Hand zum Führer und Stellvertreter im serbischen Land, wie er vom Gottesahnen David sprach:

Fürwahr, dies alles besaß dieser christusliebende Jüngling.

Und da sah dieser allerhöchste König, daß er von Christus einer großen Gabe für würdig befunden und mit dem Königsthrone verbunden wurde, und er sprach in seinem Geiste:

Und sogleich verfaßte er ein Sendschreiben und schickte es dem allerheiligsten Erzbischof Kir Danilo:

Und so befahl er, daß der Reichsrat seines Vaterlandes in ehrfurcht vor Gott zusammentrete. Und nachdem dieser Allerheiligste mit seiner ihm von Gott gegebenen Herde, mit den Bischöfen, den Hegumenoi und mit der gesamten Geistlichkeit eingetroffen war und sich in seiner königlichen Residenz in Svrcin der Reichsrat des serbischen Landes vollzählig versammelt hatte - es war am Festtag der Geburt der allerheiligsten Gottesmutter -, veranstalteten sie am Vorabend ein feierliches großes Vesperoffizium, wie es der Feier des hohen Festes entspricht, ebenso auch ein Nachtoffizium.

Und am Morgen des Sonntags vollzogen sie in der Kirche des Johannes des Täufers an diesem Frommen alle gesetzlichen Vorschriften: und der allerheiligste Erzbischof Kir Danilo sprach die Gebete, nahm die Königskrone in seine Hände und setzte sie auf sein ehrwürdiges Haupt mit den Worten:

Dann führte er ihn auf den königlichen Thron, und sie proklamierten ihn mit lauter Stimme. Als die heilige Messe und alles übrige verrichtet waren, sprach mein Herr, der allerheiligste Kir Danilo, zu ihm angesichts aller versammelten Bischöfe, Hegumenoi und ehrwürdigen Mönche göttliche und weise Worte, ihm zum Nutzen an Seele und Körper. Nachdem dieser fromme König das [scil. die Worte und Ratschläge] dieses Allerheiligsten in Ehrfurcht und Liebe mit Freuden aufgenommen hatte, sprach er zu ihm:

Dann gab er an diesem Tage ein großes Fest, richtete sich in der Geselischaft dieses Allerheiligsten geistig und körperlich auf und vergnügte sich mit dem ganzen Reichsrat seines Vaterlandes; dabei machte er viele und kostbare Geschenke, wie es diesem Allerheiligsten und dem ganzen Reichsrat gegenüber zukommt, und so verabschiedete er sich von ihnen.

Durch die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und der allerreinsten Gottesmutter und dank der gottgefälligen Gebete seiner heiligen Herren, unseres frommen und seligen Vaters Simeon und des allerheiligsten Kir Sava, Erzpriesters Christi, durch deren Gebet also gestärkt, mit der Kraft des Hl. Geistes und durch die Macht des Herrn geführt und von Jugend an belehrt, mit dem Kreuzeszeichen gewappnet, war er stets und ohne Unterlaß um Gutes bemüht; denn Gott hat seinen Thron mit unerschütterlicher Kraft gefestigt, damit er in seinem Vaterlande ruhmreich und mit großem Erfolg regieren konnte. Fürwahr, dieser fromme König erwarb sich einen außerordentlichen Rang seiner Ehre, er wurde von Christus, dem Allmächtigen, mit einer solchen Gabe und mit der unaussprechbaren Gnade ausgezeichnet und trug den Namen

er festigte sein Vaterland in Liebe zum Herrn und bewahrte selbst in seiner Seele einen unbeugsamen und unzerstörbaren Glauben an den Herrn, indem er ihm reinen Herzens mit demütiger Seele und zerknirschtem Gewissen diente. Unentwegt war er um Gottesfurcht, um eine große Demut, um die Stärke und die Weisheit Davids bemüht, denn dieser sprach in einem Psalm seiner 'Zehnsaiten'-Bücher:

Und stets hegte er in seinem Herzen gottgefällige Gedanken, indem er zu sich selbst sprach:

Denn dieser fromme König erreichte dies alles und trug es stets in seinem Herzen.

Er [scil. Stefan Dusan] wollte mit Gottes Hilfe im Laufe seines Lebens an allen Feinden Vergeltung üben, die einst gegen das Haupt dieses Frommen und seinen Vater, wie auch gegen sein ganzes Vaterland, das serbische Land, böse Absichten gehegt und sich mit ihren Helfershelfern feindselig verschworen hatten. In der Stadt Konstantins lebte ein Kaiser Kir Andronikos Paläologos, Sohn des Kaisers Michael und Enkel des Griechenkaisers Kir Andronikos. Dieser Kaiser hatte nämlich mit dem Vater dieses frommen Königs den Frieden gebrochen, aus einem schmählichen Grunde von der Seite dieses griechischen Kaisers selbst. Als einige Zeit vergangen war, hatte sich einer der Zaren des bulgarischen Landes gegen das Vaterland dieses allerhöchsten Königs erhoben, um dieses zu beschämen, viel mehr noch, dieser Törichte verspottete sogar das von Gott behütete Oberhaupt selbst und traf mit diesem griechischen Kaiser ein Übereinkommen. Und als es in der Heimat und im Staate dieses frommen Königs zu heftigen Kämpfen gekommen war, wurden dieser bulgarische Zar und sein Heer geschlagen, wie wir dies alles in der Vita des Vaters dieses allerhöchsten Königs berichtet haben. Und dieser christusliebende König wollte die Bosheit seines Feindes, des griechischen Kaisers, vergelten, er erinnerte sich der Worte des Herrn, die lauten:

Und der Gottesahne David spricht:

Und Salomo stellt in einem Ausspruch fest:

Dieser allerhöchste und fromme König zog die gesamte in seinem Vaterlande vorhandene Heeresmacht zusammen und marschierte in das Innere des griechischen Kaisertums, eroberte zahlreiche Burgen dieses Kaiserreiches, plünderte viele Gebiete dieses Staates und legte ihren Reichtum und Ruhm zum Reichtum und Ruhm seines Vaterlandes hinzu, zu Ehren seiner Magnaten und seiner Leute.

Doch niemals baute er auf die Stärke seiner eigenen Macht allein, sondern vertraute unverdrossen und mit heißem Herzen auf den Herrn, der ihm hilfreich zur Seite stand, da er ihm alle seine Feinde und Widersacher zu Füßen legte. Durch Gottes Hilfe beschirmt und von der Kraft des Hl. Geistes geführt und im Bewußtsein, daß die Gnade des Herrn alles nach seinem Willen und dem Wunsche seines Herzens erfüllt, wollte er diesen Kaiser, der ihm feindlich gesinnt war, aus dem Kaisertum seines griechischen Landes vertreiben.

Er setzte sich von einem Ort des griechischen Reiches aus in Marsch, und als er mit seiner Streitmacht am Ziel angekommen war, machte er vor der berühmten Stadt Thessalonike halt. Diese Stadt wollte sich ihm ergeben, und zwar nicht durch Zwang, sondern dem Gesetze nach. Als dieser Kaiser erfuhr. daß sich das ganze Territorium des griechischen Reiches, alle Festungen und alle Truppen des Reiches dem frommen König Stefan [Dusan] ergaben, und als er sich selbst in großer Not und Bedrängnis sah, floh er in die Stadt Thessalonike und begann seine Abgesandten mit demütigen und unterwürfigen Botschaften zu diesem frommen König zu schicken, die folgendes verkündeten:

Der fromme und allerhöchste König vernahm diese Worte des griechischen Kaisers Andronikos, schickte gemäß seiner Zusage einige seiner Magnaten und hielt mit den Mächtigen seines Vaterlandes Rat über die bevorstehenden Verhandlungen, wie es am günstigsten wäre, gemäß einem Beispiel Salomos, wo es heißt:

Und ebendort:

Und so tauschten sie Botschaften untereinander aus, bis alles nach Wille und Wunsch des Herrn Königs in Erfüllung ging. Und sie gaben sich gegenseitig ein großes Gelöbnis im Namen des Herrn, daß keiner von beiden gegen das verstoße, was sie sich gegenseitig versprachen, sondern alles in echter Gesinnung ausführe; denn der Herr sprach durch den Propheten:

Ebenso sagt Jeremia:

Und ein Apostel wiederum:

Und darüber hinaus heißt es:

Und dies alles beschlossen sie zu beurkunden und zu bezeugen, und sie veranstalteten aus diesem Anlaß ein Treffen nahe der berühmten Stadt Thessalonike am 26. August, an einem Freitag. Sie küßten sich freundschaftlich und herzlich, und es herrschte an jenem Tage bei den Soldaten des Herrn Königs große Genugtuung und Freude, ebenso wie in ganz Griechenland, ob dieses Friedensschlusses und ihrer Zusammenkunft, so daß viele ihrer berühmten Magnaten, die den Augenblick erlebten, sprachen:

Und sie veranstalteten einträchtig lange Konferenzen über Verwaltungs- und Sicherheitsfragen, damit die gegenseitigen Zusagen von Dauer wären. Und der gottergebene Kaiser zeichnete diesen frommen König mit allen denkbaren kaiserlichen Geschenken aus und erwies ihm seine ganze herzliche Liebe. Einst untereinander verfeindet, wurden sie nun füreinander geliebte Brüder und Freunde. Aber auch dieser allerhöchste König sandte ihm [scil. dem Kaiser] viele und kostbare kaiserliche Geschenke. In diesen Tagen veranstalteten sie ein großes Freudenfest, und sie labten sich an Seele und Leib, genauso wie jene, die mit ihnen waren. Der Kaiser aber sprach so zu ihm:

Nachdem ihm der Herr und König einen Anteil der Gebiete und der Festungen übergeben hatte, schlossen sie Frieden und nahmen voneinander Abschied. Und die Festungen und griechischen Gebiete, die er früher erobert hatte, vereinigte er mit seinem Vaterland, ebenso wie die beachtliche Zahl der ihm nun aus dem Kaiserreiche überlassenen Gebiete, Festungen und Städte. Das sind dem Namen nach: an erster Stelle die berühmte Stadt Ohrid, dann die berühmte Stadt Prilep; denn hier errichtete sich der fromme König eine königliche Residenz; ebenso die berühmte Festung Kostur, die Festung Strumica, die Stadt Hlerin, die Festung Zelezanac, die Stadt Voden und die Festung Cemren. Alles dies eroberte er in den drei Jahren seines Königtums; denn Gott zeichnete ihn auch mit Ruhm reichlich aus.

Der gütige Gott, der im Lichte seiner Heiligen verherrlicht wird, sandte also vom ruhmreichen Thron seines Reiches seine überreiche Gnade und machte diesen Frommen berühmt. damit alle Völker, die an die dreifach strahlende Gottheit glauben, überzeugt seien, daß er auf der ganzen Erde als einziger so glorreich ist. Denn es heißt:

"Du brachtest deine Macht unter den Völkern zum Vorschein und errettetest jene, die dich lieben."

Und dieser Christusliebende pries sich in Gott mit den Worten:

Der freigebigste und allergütigste Gott, in Wahrheit reich an Gnade, der uns seiner unendlich großen Güte wegen liebgwonnen hat, er half mit seiner allmächtigen Hand diesem Christusliebenden. alle seine Feinde zu bezwingen. Er gab ihm Kraft, über alle seine Feinde im Kampfe zu siegen, über rebellische Heerhaufen sowohl als über den Stolz der Gegner.

Nachdem dieser fromme König Stefan mit Gottes Hilfe glücklich alle seine Feinde besiegt hatte und ohne Unterlaß seinen Wohltäter verherrlichte, der vom Anbeginn an in der Herrlichkeit der Heliigen verehrt wird, verging nicht viel Zeit, als, angestiftet vom alten Anführer des Bösen, dem Teufel, ein Haß des Königs Karl von Ungarn gegen diesen frommen König und sein Vaterland aufkam. Denn man hinterbrachte ihm, dieser Christusliebende würde sich mit seinen Truppen in ferne Reiche begeben, um sie zu erobern, und niemand sei da, sein Vaterland zu beschützen, so daß sein Vaterland ohne jeglichen Schutz wäre. Und dieser übelgesinnte König von Ungarn, vom obgenannten Unheilbringer zur Maßlosigkeit angestachelt, wollte das Herrschertum im Vaterlande dieses frommen Königs demütigen, weil er meinte, es gebe niemanden, der seinen Truppen Widerstand leisten könnte, und er würde bei dieseni törichten Vorhaben seinen Willen durchsetzen.

Als er dies nicht erreichte. sah er sich der Lächerlichkeit preisgegeben und lieferte sich selbst dem Untergang aus. Er rief die benachbarten Könige und andere Völker zur Hilfe. vereinigte ihre zahlenstarken Truppen mit seinem Heer und zog gegen diesen Frommen in den Krieg, nachdem er zu Tausenden fremde Völker zur Vernichtung des Vaterlandes zusammengezogen hatte. Und diese setzte er in Bewegung; er, dieser Dummkopf, dachte nämlich, dieser Fromme würde sich nicht im Reichsgebiet seines Vaterlandes aufhalten. ... .


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000