Lösung zu Übung 4 a.

Die Aufgabe lautete:

In dem im folgenden wiedergegebenen Auszug aus der Vita des serbischen Königs Stefan Dusan finder ein serbisches Königs- und Reichsbewußtsein deutlichen Ausdruck.

1. Welche konkreten historischen Bezüge lassen sich in dem Text ausmachen, und welcher Zeit ist sein Gegenstand, aber auch seine Abfassung zuzuordnen?

2. Welche stilistischen und religiös- bzw. politisch- ideellen Züge charakterisieren den Text? Zu welcher literarischen Gattung gehört er?

3. Wo liegen Gemeinsamkeiten mit und Unterschiede zu der byzantinischen Kaiser- und Reichsideologie?


Zu 1)

Es geht hier um Ereignisse aus der relaltiv kurzen Epoche der Bildung eines serbischen Großreiches auf dem Balkan, die später, seit Beginn des 19. Jhts. einem serbischen Nationalismus als historisches Vorbild für seine politischen Zielsetzungen dienen sollte. Die Epocheeines mittelalterlichen serbischen Großreiches fällt in die erste Hälfte des 14. Jhts., als weder das durch eine lange Zeit der Thronwirren noch geschwächte Bulgarien noch das in der Epoche des 'Lateinischen Kaiserreichs' ökonomisch grundlegend geschwächte, der osmanisch-türkischen Expansion in Kleinasien ausgesetzte und territorial erheblich geschrumpfte Byzantinische Reich eine bestimmende Rolle auf dem Balkan zu spielen vermögen. - Die Datierung der Ereignisse nach den Angaben des vorliegenden Texteauszugs ergibt sich aus den dort erwähnten Namen des serbischen Königs 'Stephan', des 'Erzbischofts Kir ['kir' von griech. 'kyrios'= 'Herr'] Danilo' und eines 'griechischen Kaisers' mit Namen Andronikos Palaiologos, 'Sohnes des Kaisers Michael und Engel des Kaisers Andronikos'. Michael Palaiologos (1259 - 1282) war der Neubegründer der byzantinischen Herrschaft in Konstatinopel nach Beseitigungung des dort infolge des 4. Krezzuges begründeten 'Lateinischen Kaisertums'. Die Reihe der drei erwähnten byzantinischen Kaiser ist zwar nicht korrelt wiedergegeben: erst kommt Michael Palaiologos, sodann Andronikos II.Palaiologos (1282 - 1328) und sodann Andronikos III. Palaiologos (1328 - 1341). Aber es geht jedenfalls um den letzten in dieser Reihe als Zeitgenossen und Gegenspieler des im Text beschriebenen serbischen Königs Setphan. Demnach sind beschrieben:

Die Darstellung steht trotz der erwähnten Datenunsicherheit beim Verfasser den geschilderten Ereignisse zeitlich nahe, ja sie wirkt bei der Schilderung der Person des Königs außerordentlich engagiert, sogar interessengebunden-einseitig, also eigentlich nicht als Geschichtsschreibung in einem 'überparteilichen', politisch-perspektivisch-distanzierten und persönlich angemessen leidenschaftslosen Sinne. Es ist daher davon auszugehen, daß der unbekannte Verfasser (der sich an anderer Stelle als Schüler des serbischen Erzbischofs und nachmaligen Patriarchen Danilo II. zu erkennen gibt) zu Lebzeiten des dargestellten Königs oder bald nach seinem Tode, jedenfalls aber noch während der bis 1371 andauertnden Nemanjiden-Dynastie geschrieben hat und dabei entweder eine Art politisch-historischer Auftragsarbeit zur Rechtfertigung der politischen Ansprüche der Nemanjiden, speziell des hier dargestellten Königs, ablieferte oder zu derenengeren Parteigängern gehörte.

Zu 2)

Zunächst fällt auf, daß der gesamte Textauschnitt von dem Bemühen bestimmt ist, den König als frommen, eindeutig von Gott erwählten und begünstigten Herrscher Serbiens und aussschließlich aus christlichem Geiste Kriegführenden darzustellen. Der Text ist voll bedeutungsvoller Bibelzitate, die dies in einer Weise belegen sollen, daß der beschriebene König wie ein Heiliger erscheint. Demnach kann man den Text äußerlich der literarischen Gattungstradition christlich-antiker und -mittelalterlicher Hagiographie zuordnen.

Zugleich ist aber - in deutlichen Formulierungen ebenso wie in wiederholten diplomatischen Anspielungen -bemerkbar, daß einem politischen Ordnungszustand das Wort geredet wird, in dem der dargestellte König zwar eine prominente Rolle einnimmt, neben ihm aber auch die Fürsten und der Erzbischof eines 'Vaterlandes'. Der König erscheint titular und der Sache nach als 'allerhöchster und alleinherrschender Herr und König', d. h. als souverän in seiner Amtsausübung, aber doch auch als unabdingbar auf den ihm von kompetenter Stelle gegebenen geistlichen Rat und auf die grundsätzliche Zustimmung eines 'Reichsrates' zu seiner Herrschaftsausübung (sog. 'Senioratsverfassung') angewiesen. Für das völkerrechtliche Verhältnis zu Byzantinern, Bulgaren und Ungarn gibt es andererseits keinerlei Zweifel an vorliegenden gerechten, sogar aus der Heiligen Schrift zu entnehmednen Kriegsgründen.

Diese Verbindung theologisch-hagiographischer Form und politisch-ideologischer Motivlage wirkt als bruchlose Einheit, sogar dort, wo Bibelzitate offensichtlich nur die Aufgabe haben, politisch oder moralisch Problematisches fromm zu bemänteln, wie das z. B. zur Überspielung des unschönen Machtkampfes bei Regierungsantritt des ehrgeizigen, seinen Bruder verdrängenden Königs der Fall ist im Zitat "Siehe, das ist mein Diener, den ich auserkoren, und mein Liebling, auf ihn hat meine Seele gebaut" oder zur christlichen Unterfütterung eines Kriegsmotivs in dem Zitat "Liebet jene, die euch lieben" als einer gegenüber Matth. 5, 43 f.[Liebet eure Feinde, segnet die euch fluchen] fast indifferenten, verformenden Wiedergabe von Matth. 22, 39 [Du sollst Deinen Nächsten lieben wie dich selbst].

Zu 3)

Einer den serbischen Bereich prägenden byzantinischen Tradition können hier weitgehend zugeschrieben werden:

die christlich-hagiographische Literaturgattung;

die Elemente der äußerlichen Definition der Souveränitätsstellung des Herrschers als allerhöchster (sebastos) und alleinherrschender (autokrator) Herr (despotes, kyrios) und König; nur 'König' (korol) gehört der Herkunft nach nicht zur byzantinischen Titulatur des Herrschers;

die Staatsideologie insoweit, als in ihr christliche, von einer genau für das politische Herrschaftsgebiet zuständigen , offiziellen kirchlichen Ober-Instanz rechtgläubig vertretene Religion und poltisch- staatliche Herrschaftsradition eine enge Verbindung eingehen; lediglich der byzantisch-imperiale, ökumenische Gedanke fehlt hier und wird durch den Begriff des 'Vaterlandes' ersetzt.

Dies läßt verallgemeinernde Schlußfolgerungen auf die vielfältigen Rezeptionsvorgänge aus den Bereichen der antiken bzw. byzantinischen Bildung, der byzantinischen Staatsordnung und dem byzantinischen Kirchenwesenim mittelalterlichen Serbien zu.

LITERATUR:

Edgar Hösch, Geschichte der Balkanländer. Von der Frühzeit bis zur Gegenwart, München 1999,

Stanislaus Hafner, Serbisches Mittelalter. Altserbische Herrscherbiographien, Bd. 2, Einleitung, Übersetzung und Kommentierung, Reihe 'Slavische Geschichtsschreiber' Bd. IX, hg. von G. Stökl, Graz, Wien, Köln 1976, S. 13 - 44 (Einleitung), 259 - 271 (Textauszug) und 319 - 322 (Anmerkungen).

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000