Lösung zu Übung 4 a.

Die Aufgabe lautete:

In dem nachfolgend wiedergegebenen Auszug aus einem etymologischen Lexikon des Serbo-Kroatischen (Max Vasmer, Die griechischen Lehnwörter im Serbokroatischen, Berlin 1944, S. 54 f.) finden sich einige Lehnworte zusammengestellt, die aus der griechischen Sprache stammen.

Untersuchen Sie und stellen Sie ohne Vorwissen kurz zusammen, welchen Lebensbereichen die Worte zuzordnen sind und was man daraus evtl. über das Ausmaß und die Dichte kultureller Assimilation slawischer Völker an die byzantinische Kulturtradtion ableiten könnte?


Nimmt man den zu einer bestimmten Zeit feststellbaren Wortbestand einer Sprache zu genau bestimmten Erkenntniszwecken in hinreichend großer Frequenz - von einigen hundert bis zu mehreren zehntausend Worten - nach einem Verfahren auf, das fragebezogen einseitige thematische Vorausgewichtungen methodisch vermeidet, und nimmt man dann nach einem 'Zufallsauswahlerfahren' eine hinreichend große Stichprobe aus der zuvor ermittelten 'statistischen Grundgesamtheit', so werden sich bestimmte Relationen, die in der Grundgesamtheit vorliegen und für das genannte Erkenntnisinteresse von Bedeutung sind, mit einer relativ großen Wahrscheinlichkeit in der Zufallsauswahl proportionsgetreu wiedergeben.

Dieses Prinzip, das der mathematischen Statistik entstammt und u. a in der Wahlforschung praktische Anwendung wird, kann auch für die Erkenntnisinteressen der Sprach- und Kulturgeschichte in gewissem Umfang nutzbar gemacht werden.

Der Lehnwortbestand einer Sprache sagt etwas aus über die Geschichte ihres Kontaktes mit anderen Sprachen und die Kulturentwicklung der Bevölkerung, die dieser Sprache zuzuordnen ist. In welchem Maße, läßt sich zumindest mit statistischen Grundüberlegungen ein wenig genauer bestimmen. Aber auch ohne solche statistischen Grundüberlegungen kann die etymologische Geschichte einzelner Wörter oder bestimmter Wortgruppen fremdsprachiger Herkunft etwas über die Kulturdisffusions- und -rezeptionsgeschichte im Verhältnis der verschiedenen Spürachvälker zueinander aussagen.

Der Verfasser der dieser Übungin einem kleinen Auszug zugrundegelegten sprachgeschichtlichen Untersuchung des 'Serbo-Kroatischen' (eines heute, nach den Bürgerkriegen im vormaligen größeren Jugoslawien - weniger sprachgeschichtlich als politisch-ideologisch umstrittenen Begriffs) hat (trotz der Schwierigkeiten, denen die Erstellung der Arbeit im bombardierten Berlin d. J. 1943/1944 ausgesetzt war) eine systematisch angelegte Liste griechischer Lehnworte dieser Sprache publiziert und sprachgeschichtlich kommentiert. Aus dieser Liste, die einige hundert aus verschiedenen mittelalterlichen Quellen stammende und zumeist heute noch üblichen Wörter umfaßt, geben die S. 54/55 18 (17) wieder. Diese Anzahl ist für statistische Stichprobenverfahren, die eine gewisse Genauigkeit anstreben müssen, weit aus zu klein. jedoch groß genug , um einen Ungefähreindruck von den Sprachfeldern innerhalb des Serbokroatischen zu vermitteln, in denen sich die Übernahme griechischstämmiger Worte langfristig auswirkte.

Die Worte kann man folgenden Bereichen des sozialen Lebens zuordnen (mit Überschneidungen) : Kirchen-, Gottesdienst- und Klosterwesen (5), Hoftitel- und Beamtenordnung (3), Militär (2), Zollwesen (1), öffentliches Straßenwesen (2/1), adelige Lebensweise (1), Gartenbau, Ackerbau und Waldbutzung (2) , Pharmazie (1) , Biologie (1).

Die hier bereits erkennbaren, wenn auch wegen der Kleinheit der 'Stichprobe' nicht ausreuichend zuverlässig feststellbaren Relationen zwischen den 'Lebensbereichen', denen die Wörter zugeören, bestätigt die Untersuchung des Autors als ganze eindrücklich und detailliert. Jedes einzelen Wort ist darüber hinaus mit seinen kulturgeschichtlichen Hinweisen interessant im Hinblick auf allgemeinere Hypothesen. Vasmers Untersuchung zeigt vor allem eine verhältnismäßig sehr große Zahl von Wörtern, die das christliche Glaubensleben und seine Dogmatik, die kirchlichen Ämter und kirchlichen Zeremonien, das kirchliche Kloster- und Stiftungswesne, die Liturgie mit ihren inneren und mehr ausstattungsmäßigen Elementen (Kleidung der Geistlichen, Kircheneinrichtung) betrifft. Diesem Zusammenhang kann man zahlreiche Wörter anfügen,die das mit der mittelalterlichen Kirche eng verbundene Kalender- und das Schulwesen betreffen. Ungefähr gleich häufig in der Proportion sind Wörter, die dem Bereich der Hof-, Rechts- und Verwaltungssprache, dem Militärwesen, dem Münz-, Meß-, Steuer- und Zollwesen zuzuechnen sind. In starkem Maße sind zusammengenommen ferner vertreten Wörter, die die gehobene Alltagszivilisation betreffen (Haus, Hausgeräte, Kleidung, Schmuck, Handwerk, gestaltende Kunst, Nahrungsmittel, Kochkunst, Musik, Tanz , Kosmetik, Umgangs- und Anredeformen) betreffen. Davon läßt sich getrennt betrachten eine Gruppe vieler landwirtschafts-, garten- und waldbaulicher Fachworte. Eine letzte Abteilung kann man bilden aus zahlreichen Worten, die dem speziellen oder höheren Wissen zuzurehcnen sind ( Heilkunst, Prahrmazie, Astronomie, magische Geheimwissenschaft/Zauberei/Astrologie, Völkernamen, Pflanzen- und Tierkunde, Mineralien.

Zur Erklärung dieses beachtlich großen griechischstämmigen Lehnwortbestandes im Serbokroatischen (der mit dem lateinischstämmigen Lehnwortbestand im Deutschen verglichen werden kann) und seiner innerern Relationen muß man folgende historische Faktoren berücksichtigen:

a) Trotz weitgehend slawischer Besiedlung seit dem 7./8. Jht.n. Chr. steht der serbisch-kroatisch-bosnische Bereich auf dem Balkan bis zum Ende des 11. Jhts. unter direkter byzantinischer, danahc zumindest öfters noch unter indirekter Vorherrschaft.

b) Dieser Bereich wird in starkem Maße (wenn zugleich auch für die einzelnen Regionen ein römisch-katholischer Einfluß wirksam wird) von von Byzanz her christlich missioniert. Die Kirchenorganisation ist daher trtotz längerdauernder serbischer 'Autokephalie' (in einem eigenen serbischen 'Patriarchat') in vortürkischer Zeit weitgehend byzantinisch geprägt.

c) In türkischer Zeit wird Serbien im Rahmen des türkisch-osmanischen 'Millet'-Systems lirchlich der religiösen Regierung und administrativen Gewalt des griechischen Patriarchen von Konstantinopel unterstellt, was sich in einem verstärkten Fortwirken des griechischen Elements in der Kirchenorganisation für den serbisch-kroatisch-bosnischen Bereich auswirkz. Bereich auswirkt.

Literatur:

Max Vasmer, Die griechischen Lehnwörter im Serbokroatischen, Berlin 1944, s. S. 1 - 17 und 54 f.

Edgar Hösch, Geschichte der Balkanländer. Von der Frühzeit bis zur Gegenwart, München 1999.

Steven Runciman, Der Patriarchat von Konstantinopel, übers. von P. de Mendelssohn,(1968) München 1970, S. 163 ff. (Die Kirche unter den Osmanen-Sultaenen)


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)