Lösung zu Übung 5 b.

Die Aufgabe lautete:

Untersuchen Sie an dem unten wiedergegeben Text folgende Fragen:

Textauszug aus der 'Russischen Chronik'

Übersetzung entnommen aus: Der Aufstieg Moskaus (II.). Vom Beginn des 15. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts. Auszüge aus einer russischen Chronik, übersetzt, eingeleitet und erklärt von Peter Nitsche, Bd. V der Reihe 'Slawische Geschichtsschreiber', hg. von G. Stökl, Graz, Wien, Köln 1967, S. 52 - 59 und S. 131 - 135.


Zu a)

Dem am Anfang des ersten Textausschnitts angegebenen Jahr 6947 - gerechnet seit dem damals nach biblischen Angaben errechneten Datum der Schaffung der Welt - entspricht ungefähr das Jahr 1441 n. Chr.

Zunächst nimmt diese Textpassage auf das Konzil von Ferrara-Florenz i. J. 1439 Bezug, wo der byzantinische Kaiser, der damalige Patriarch von Konstantinopel Gregor Mammas und mehrere Metropoliten der Ostkirche (einschließlich bemerkenswerterweise solcher aus islamisch dominierten Städten wie Alexandria, Antiochia und Jerusalem) mit dem Papst - letztlich im Interesse einer gemeinsamen Abwehr der türkisch-islamischen Expansion - eine Union zwischen den seit d. J. 1054 voneinander getrennten Kirchen des Ostens und Westens vereinbaren. Diese Unionsabsprache findet jedoch - wie schon eine frühere derartige Vereinbarung d. J. 1274 - weder in Byzanz ausreichende Zustimmung noch erst recht im Großfürstentum Moskau. Zwar tritt der im Text erwähnte Metropolit von Kiew und Rußland, Theodoros, genau so wie einige pominente Byzantiner (neben dem Pariarchen etwa der Metropolit von Nikaia und später als römischer Kardinal bekannt gewordene Bessarion) für eine Union ein.Doch vermag er sich ebensowenig wie seine byzantinischen Amtsbrüder in seinem heimatlichen Kichenbezirk durchzusetzen. Aus Gründen der orthoxen Tradition in Rußland, aber wohl auch wegen einer vom oskauer Großfürsten angestrebten, dem byzantinischen Kaiser gegenüber eigenständige Form der orthodoxen Kirchenpolitik, die den Herrschaftsanspruch des damaligen Moskauer Großfürsten Vasilij II. Vasilevic (1415 - 1462) unterstreichen kann, wird die Union in Moskau nicht akzeptiert. Sie wird dort vielmehr aus politischen und aus theologischen Gründen ohne jede Rücksicht auf kirchlich-diplomatische Beziehungen als 'ketzerisch' bekämpft. Im Jahr 1441 kehrt Theodoros, der - als nach der Kirchenvereinigung päpstlicher Kardinalslegat - nach Rußland zurück und unternimmt zum Zweck der Vermittlung zwischen den Auffassungen eine Reise nach Moskau. Dort wird er aber ungnädig empfangen, seines Amtes als Metropolit von Kiew und Rußland entsetzt und inhaftiert. Er kann fliehen und begibt sich in das Exil nach Italien. Aus den Bemerkungen des Autors ergibt sich, daß der Bericht den Ereignissen zeitlich sehr nahe ist. Der Codex, dem er entnommen ist, stammt aus dem Jahre 1479.

Im zweiten Textausschnitt ist zunächst ein in das Jahr 1471, d. h. das Jahr 6901 nach Erschaffung der Welt, fallender militärischer Zusammenstoß des Großfürsten Ivan III.Vasilevic, des Sohnes und Nachfolgers des vorgenannten Großfürsten Vassilij II., mit den Tataren der Horde Kirej erwähnt, welche im Einvernehmen mit dem damaligen polnischen König Kasimir über die damals als Grenzfluß und Verteidigungslinie fungiernde Oka hinweg nach Norden in das Moskauer Großfürtsentum vorzudringen versuchen. Anders als bei dem davorliegenden letzten Vorstoß der Tataren von Kazan i. J. 1445, bei der Vater Ivans III, Vassilij II. nicht siegreich war, sondern eine schwere Niederlage erlitt , gefangen genommen wurde und erst gegen ein Lösegeld Monate später wieder frei kam, zeigt sich bei dieser Gelegenheit die auch militärisch deutlich gewachsene Macht des Moskauer Großfürsten. Die Tateren vermögen nur kurzfristig eine schlecht verteidigte kleine Stadt (Aleksin) einzunehmen, ziehen sich dann aber offenbar vor der russischen Übermacht zurück.

Der seit dem Jahre 1462 regierende Großfürst Ivan III. Vasilevic heiratet im Jahre 1472, d. h. im Jahr 6981 seit Schaffung der Welt, die byzantinische Prinzessin Sophia-Zoe, Enkelin des byzantinischen Kaisers Kaisers Manuel II. und Nichte des letzten byzantinischen Kaisers Konstantin XI. Dragases. Sie hat nach der Eroberung Konstantinopels unter päpstlicher Obhut und Betreuung durch den urspünglich byzantinischen Metropoliten und späteren Kardinal Bessarion in Rom gelebt. Von dort gelangt sie im Jahre 1472 nach mehrmonatiger Reise über Deutschland und die Ostsee mit großem Gefolge nach Moskau, wo die Hochzeit in einem großen, 'international' aufsehenerregenden und kirchenpolitisch bewußt gegen eine 'Union' akzentuierten Zeremoniell stattfindet.

Zu b)

Religionspolitisch tritt der jeweilige Moskauer Großfürst - Vassilij II. im Verhalten gegenüber Theodoros, Ivan III. gegenüber dem päpstlichen Legaten Antonio- als Wahrer 'echter' christlich-orthodoxer Kirchentraditionen auf.

Militärisch versteht er sich als Beschirmer des christlichen Glaubens gegenüber den Angriffen der ungläubigen Tataren-Völkerschaften.

Das weltliche und kirchlich-liturgische Zeremoniell bei der Hochzeit Ivans II. und der Sophia-Zoe orientiert sich nach dem Bericht ausdrücklich an dem Brauch der byzantinischen Heimat der Braut und ihrem hohen adligen Stande.

All dies knüpft direkt an die Traditionen des byzantinisch-kaiserlichen Selbstverständnisses an.

Zu c)

In der damaligen Lage - 19 Jahre nach der Eroberung Konstantinopels durch die osmanischen Türken - ist die Vermählung eines Moskauer Großfürsten mit einer engen Verwandten des letzten byzantinischen Kaisers auch ein außenpolitisch demonstrativer Akt: es wird gegenüber dem Westen und gegenüber dem Osmanischen Reich und den Tataren demonstriert, daß der Großfürst zumindest im Rahmen seiner Möglichkeiten an die Stelle des letzten byzantinischen Kaisers getreten ist. Ein Anspruch auf die Zarenwürde liegt hierin wohl noch nicht, wohl aber die Andeutung einer Prätendenz für den Fall, daß irgendjemand sonst einen solchen Anspruch erheben sollte. Erst achtzig Jahre später erhebt ihn Ivan IV. Grosnij (1543 - 1584) und verwirklicht ihn im Jahre 1547 - im Zusammenhang mit zahlreichen anderen, die byzantinische Reichsordnung nachahmenden herrscherlichen Maßnahmen - , in dem er sich in Moskau zum 'Zaren und Selbtsherrscher ganz Rußlands' krönen läßt.

Zugleich wird von Ivan III. die kirchenpolitische Unabhängigkeit und sogar Führerschaft Moskaus in Fragen des rechten, d. h. 'orthoxen' christlichen Glaubens gegenüber dem Papst und generell gegenüber dem 'Westen' demonstriert.

Literatur:

Der Aufstieg Moskaus (II.). Vom Beginn des 15. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts. Auszüge aus einer russischen Chronik, übersetzt, eingeleitet und erklärt von Peter Nitsche, Bd. V der Reihe 'Slawische Geschichtsschreiber', hg. von G. Stökl, Graz, Wien, Köln 1967 (mit Anmerkungen und Literturangaben).

Steven Runciman, Der Patriarchat von Konstantinopel vom Vorabend der türkischen Eroberung bis zum griechischenn Unabhängigkeitskrieg, übersetzt von Peter de Mendelssohn, München 1970.

Edgar Hösch, Hans-Jürgen Grabmüller, Daten der russichen Geschichte. Von den Anfängen bis 1917, München 1981.


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)