Die Anfänge des russischen Reichs von Kiew und seiner Beziehungen zu Byzanz.

Aus der altrusssischen Nestor-Chronik. Vier Textauszüge, entnommen aus: Serge A. Zenkovsky (Hg.), Aus dem Alten Rußland. Epen, Chroniken und Geschichten. Ins Deutsche übersetzt von H. Baumann, E.Kottmeier und E. G. Kostetzky, München 1968, S. 12 - 17 und 30 - 35.


Im Jahre 6367 [859 n. Chr.]. Die Waräger von jenseits des Meeres erhoben Zins von den Tschuden, den Slowenen, den Meren, den Weßen und von den Kriwitschen; die Chasaren aber nahmen Zins von den Poljanen, den Sewerjanen und den Wjatitschen: sie nahmen ein Eichhörnchenfell von jeglicher Herdstätte.

Im Jahre 6370 [862 n. Chr.]. Sie [die Zinspflichtigen] vertrieben die Waräger übers Meer und gaben ihnen keinen Zins. Und sie begannen, sich selbst zu regieren, und da war keine Gerechtigkeit unter ihnen, und es erhob sich Stamm wider Stamm, und Zwistigkeiten waren unter ihnen, und sie huben an, selbst einander zu bekriegen. Und sie sprachen bei sich:

Und sie gingen übers Meer zu den Warägern, zu den Rus. Denn dieseWaräger nannten sich Rus, gleichwie andere sich Schweden nannten und andere Normannen und Angeln und noch andere Gotländer; also gaben auch sie sich den Namen. Die Tschuden, die Slowenen, die Kriwitschen und die Weßen sprachen zu den Rus:

Und es wurden drei Brüder samt ihren Sippen ausgesucht. Und sie nahmen mit sich alle Rus und kamen herüber. Der älteste, Rurik, ließ sich in Nowgorod nieder, der andere, Sineus, in Bjelo-Osero und der dritte, Truwor, in Isborsk. Und nach diesen Warägern wurde das russische Land benannt. Die Nowgoroder aber sind jene Leute aus warägischem Stamm, vorher aber waren sie Slowenen.

Nach zwei Jahren aber starben Sineus und sein Bruder Truwor. Und Rurik übernahm die ganze Herrschermacht, und er begann, die Städte an seine Mannen zu verteilen: diesem Polozk, jenem Rostow, einem anderen Bjelo-Osero. Die Waräger sind in diesen Städten Zugewanderte, die angestammten Besiedler aber sind in Nowgorod die Slowenen, in Polozk die Kriwitschen, in Rostow die Meren, in Bjelo-Osero die Weßen, in Murom die Muromer. Und Rurik herrschte über sie alle.

Und es waren bei ihm zwei Mannen, nicht aus seinem Geschlecht, sondern Bojaren. Sie nahmen Erlaubnis, mit ihren Familien nach der Kaiserstadt [Konstantinopel] zu ziehen. Sie fuhren den Dnjepr abwärts, und im Vorbeifahren sahen sie auf einem Berge eine kleine Burg. Und sie fragten:

"Wessen ist diese kleine Burg?"

Es wurde ihnen gesagt:

Askold und Dir aber blieben in dieser Stadt, sie sammelten viele Waräger um sich und begannen, über das Poljanenland zu herrschen. Zu jener Zeit war Rurik Fürst in Nowgorod.

Im Jahre 6374 [866 n. Chr.]. Askold und Dir zogen wider die Griechen, sie kamen an im vierzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Michael. Der Kaiser aber war auf einem Feldzug wider die Söhne der Hagar, und er war schon bis zum Schwarzen Fluß gekommen, als der Statthalter ihm Botschaft sandte, daß die Rus gen die Kaiserstadt [Konstantinopel] zögen, und der Kaiser kehrte um. Sie aber drangen in die Meerenge ein, brachten viele Christen um und belagerten die Kaiserstadt [Konstantinopel] mir zweihundert Schiffen. Mit Mühe gelangte der Kaiser in die Stadt. Und er betete die ganze Nacht zusammen mir dem Patriarchen Photios in der Kirche der Heiligen Gottesgebärerin zu Blachernae. Und sie trugen mit Gesängen das geheiligte Gewand der Heiligen Gottesmutter hinaus und netzten seinen Saum im Meer. Es war windstill zu derselhen Zeit, und das Meet war ruhig. Aber da erhoben sich plötzlich Wetter und Wind, und große Wellen verwirrten die Schiffe der gottlosen Rus und warfen sie auf den Strand und zerschmetterten sie, also daß wenige solcher Vernichtung entgingen und nach Hause zurück kehrten.

Im Jahr 6415 [907 n. Chr.)]. Oleg zog wider die Griechen und ließ Igor in Kiew zurück. Er nahm mit sich viele Waräger, Slowenen, Tschuden, Kriwitschen, Meren, Drewljanen, Radmitschen, Poljanen, Sewerjanen, Wjatitschen, Kroaten, Duljeben und auch Tiwertsen, welch letztere als Dolmetsche bekannt sind. Sie alle zusammen wurden von den Griechen "Groß-Skythia" genannt. Und mit ihnen allen machte sich Oleg zu Roß und zu Schiff auf, und es waren zweitausend Schiffe an der Zahl. So kam er vor die Kaiserstadt [Konstantinopel]. Die Griechen aber sperrten den Wasserweg und schlossen die Stadt . Und Oleg ging an Land und begann den Kampf. Es wurden viele Griechen in der Umgebung der Stadt niedergemetzelt, auch viele Paläste zerstört und Kirchen verbrannt. Von denen aber, welche sie gefangennahmen, metzelten sie die einen nieder, andere folterten sie, wieder andere erschossen sie, und wiederum andere warfen sie ins Meer. Und noch mehr Böses taten die Rus den Griechen an, wie Kriegsleute zu tun pflegen.

Und Oleg befahl seinen Kriegern, Räder anzufertigen und die Schiffe auf die Räder zu setzen. Und als der Wind günstig war, serzten sie die Segel und steuerten vom offenen Feld her auf die Stadt zu. Die Griechen aber entsetzten sich, als sie das sahen, sie schickten Boten zu Oleg und ließen ihm sagen:

Oleg gebot seinen Kriegern Einhalt, und man brachte Speise und Wein zu ihm heraus, aber er nahm nichts davon; denn es war mit Gift zubereitet. Und die Griechen entsetzten sich und sprachen:

Und Oleg forderte, daß sie ihm Zins gäben für die zweitausend Schiffe also: zwölf Griwnen für jeden Mann, es waren aber vierzig Mann auf jeden Schiff.

Die Griechen willigten ein, und sie begannen um Frieden zu bitten, auf daß er das griechische Land mehr bekriege. Oleg aber zog sich ein wenig von der Stadt zurück und begaun Friedensverhandlungen mit den griechischen Kaisern Leon und Alexander und sandte zu ihnen in die Stadt Karl, Farlof, Wermud, Rulaw und Stemid mit diesen Worten:

Und die Griehen sagten:

Und Oleg befahl, daß sie seinen Kriegern Zins gäben füt die zweitausend Schiffe also: zwölf Griwnen für jede Ruderdolle, sodann Zins für die russischen Städte: zuerst für Kiew, dann für Tschernigow, für Perejaslaw, für Polozk, für Rostow, für Ljubetsch und für dei anderen Städte. Denn in diesen Städten hatten die Großfürsten, welche dem Oleg unterstanden, ihren Sitz.

[Die Rus schlugen folgende Bedingungen vor :]

Und die Griechen verpflichteten sich dazu, und die Kaiser und alle ihre Edelleute sprachen:

Die Kaiser Leon und Alexander schlossen nun mit Oleg Frieden, sie verpflichteten sich, Zins zu zahlen, und kamen überein zum beiderseitigen Eid: Sie selbst küßten das Kreuz, und sie ließen auch Oleg schwören, und seine Mannen sehworen nach dem russischen Brauch bei ihren Waffen und bei Perun, ihrem Gott, und bei Wolos, dem Gott des Viehs, und so bekräftigten sie den Frieden.

Und Oleg sagte:

So geschah es. Dann hängte er seinen Schild zum Zeichen des Sieges ans Tor und zog von der Kaiserstadt Konstantinopel fort. Die Rus setzten die brokatenen Segel und die Slowenen die leinenen, aber der Wind zerriß sie. Und die Slowenen sagten:

"Nehmen wir unsere groben Segel. Denn brokatene Segel taugen nicht für die Slowenen".

Und Oleg kam nach Kiew zurück und brachte Gold und feine Gewebe, Früchte und Wein und allerlei Kostbarkeiten mit. Und Oleg wurde "der Kundige" genannt; denn die Leute waren Heiden und waren unwissend.

6479 [971 n. Chr.] ...

Swjatoslaw war ... fast bis zur Kaiserstadt [Konstantinopel] gekommen. Und sie gaben ihm Zins. Er aber erhob ihn auch für die Gefallenen und sagte dazu:

Er nahm aber auch viele Geschenke und kehrte mit großem Ruhm nach Perejaslawetz zurück. Da er aber sah, wie klein sein Gefolge war, sprach er bei sich:

Denn es waren viele bei den Kämpfen gefallen. Und er sagte:

Und er schickte zum Kaiser nach Dorostol, wo der Kaiser zu jener Zeit weilte, und ließ ihm sagen:

Der Kaiser aber freute sieh, solches zu hören, und schickte ihm noch größere Geschenke. Swatoslaw aber nahm die Gaben an und hielt mit seinem Gefolge Rat und sagte:

Und diese Rede gefiel dem Gefolge wohl, und sie schickten ihre besten Mannen zum Kaiser, und sie kamen nach Dorostol, und man sagte es dem Kaiser. Der Kaiser aber rief sie am nächsten Morgen zu sich und sagte:

Sie aber antworteten:

Da freute sich der Kaiser und hieß seinen Schreiber Swjatoslaws Worte als Urkunde aufsetzen. Ein Abgesandter sprach alle Worte, und der Schreiber schrieb sie auf. Er sprach aber also:

Nachdem Swjatoslaw mit den Griechen Frieden geschlossen hatte, fuhr er mit Booten zu den [Dnjepr-]Stromschnellen. Und Sweneld, seines Vaters Heerführer, sagte zu ihm:

Aber er hörte nicht auf ihn untl fuhr mit Booten. Die Bewohner von Perejaslawetz aber sandten zu den Petschenegen und ließen ihnen sagen:

Als die Petschenegen das hörten, sperrten sie die Stromschnellen. Und Swjatoslaw kam zu den Stromschnellen, und man konnte nicht hindurch. So blieb er zum Überwintern in Bjelobereshje, und es fehlte ihnen an Nahrung, und großer Hunger herrschte bei ihnen, so daß man eine halbe Griwna für einen Pferdekopf zahlte. Und hier überwinterte Swjatoslaw.

Im Jahre 6450 [972 n. Chr.], als der Frühling kam, begab sich Swjatoslaw zu den Stromschnellen. Und Kurja, der Petschenegenfürst, griff ihn an, und sie töteten Swjatoslaw. Und sie nahmen seinen Kopf und machten aus dem Schädel ein Gefäß, indem sie ihn in Metall faßten, und tranken daraus. Sweneld aber kam zu Jaropolk nach Kiew. Und insgesamt hat Swjatoslaws Fürstenherrschaft achttundzwanzig Jahre gedauert.

Im Jahre 6495 [987 n. Chr.]. Wladimir rief seine Bojaren und Stadtältesten zusammen und sagte zu ihnen:

Und die Bojaren und Ältesten sagten:

Und ihre Rede gefiel dem Fürsten und allen Leuten. Sie wählten gute und verständige Männer aus, zehn an der Zahl, und sagten zu ihnen:

Sie aber begaben sich dorthin, und als sie zu ihnen kamen, sahen sie ihre argen Dinge und die Anbetung in der Moschee, und sie kehrten in ihr Land zurück. Und Wladimir sagte zu ihnen:

Sie kamen zu den Deutschen und sahen den Gottesdienst in ihren Kirchen, und dann gingen sie in die Kaiserstadt [Konstantinopel] und traten vor den Kaiser. Der Kaiser forschte, aus welchem Grunde sie gekommen waren, und sie berichteten ihm alles, was sich zugetragen hatte. Der Kaiser freute sich, als er das hörte, und er erwies ihnen noch an demselben Tag große Ehre.

Am nächsten Tage schickte er zum Patriarchen und ließ ihm folgendes sagen:

Als der Patriarch dieses vernahm, befahl er, die Geistlichkeit zusammenzurufen, und zelebrierte, wie es Brauch war, einen feierlichen Gottesdienst, es wurde Weihrauch angezündet, man zelebrierte mit Gesang und Chor. Und er ging mit ihnen in die Kirche, und man gab ihnen zum Stehen einen Platz mit weiter Umschau und führte ihnen die Schönheit des Gotteshauses, des Gesanges und des bischöflichen Gottesdienstes vor, samt Mitwirkung der Diakone, und man erklärte ihnen diese Weise, Gott zu dienen. Und sie waren entzückt und erstaunt und priesen den Gottesdienst jener. Und die Kaiser Basilios und Konstantin ließen sie zu sich kommen und sprachen zu ihnen:

und entließen sie mit großen Geschenken und mit Ehrungen.

Und sie kehrten zurück in ihr Land, und der Fürst rief seine Bojaren und Ältesten zu sich. Wladimir sprach zu ihnen:

Und er sagte [zu den Abgesandten]:

Sie aber berichteten:

Und die Bojaren antworteten mit diesen Worten:

Und Wladimir antwortete und sprach:

Und sie sagten:

...


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000