Der Islam und die Wissenschaften.

Abu l-Hasan al-Amiri, al -Ilam bi-manaquib al-Islam, nach Ms.Ragib 1463, 3a - 6a, in Istanbul.

Übersetzung entnommen aus: Franz Rosenthal, Das Fortleben der Antike im Islam, Stuttgart 196, S. 91 - 101. Diakritische Zeichen zur Verdeutlichung der arabischen Aussprache im Text wurden fortgelassen. D. Hg.


Wissen bedeutet, daß man etwas so, wie es ist, fehlerfrei und ohne Irrtum erfaßt. Es gibt ein zur Religionsgemeinschaft gehöriges und ein philosophisches Wissen. Die Meister der religiösen Wissenschaften sind die auserwählten Propheten, und die Meister der philosophischen Wissenschaften sind die anerkannten Philosophen. Jeder Prophet ist ein Philosoph, aber nicht jeder Philosoph ist ein Prophet.

Die religiösen Wissenschaften bestehen aus drei Gebieten. Eins davon beruht auf Sinneswahrnehmungen, nämlich die Wissenschaft der Hadit-Gelehrten. Das zweite beruht auf dem Intellekt, nämlich die Wissenschaft der Religionsphilosophen. Das dritte hat sowohl mit der sinnlichen wie auch mit der intellektuellen Wahrnehmung zu tun, nämlich die Wissenschaft der Juristen. Die Sprachwissenschaft ist ein Instrument, das allen drei Gebieten dient.

Die philosophischen Wissenschaften bestehen gleichfalls aus drei Gebieten. Eins davon beruht auf Sinneswahrnehmung, nämlich die Naturwissensehaft. Das zweite beruht auf dem Intellekt, nämlich die Metaphysik. Das dritte hat sowohl mit sinnlicher wie auch mit intellektuellerWahrnehmung zu tun, nämlich die Mathematik. Die Logik ist ein Instrument, das allen drei Gebieten dient.

Das gewöhnliche Volk benutzt das Wort 'Wissenschaft' manchmal für irgendein beliebiges Gewerbe. Empiriker benutzen es manchmal für empirisch gewonnene Ideen, wie zum Beispiel für die Wahrsagerei auf Grund des Augurierens durch Beobachtung des Vogelflugs oder auf Grund von Schulterblättern und Fußspuren.

Es gibt Wissenschaften, die die Philosophen für tadelnswert halten und die man ihrer Meinung nach der großen Masse nicht beibringen darf; denn sie sind davon überzeugt, daß deren Anwendung mehr Schaden als Nutzen bringt. Derartige Wissenschaften sind zum Beispiel Magie, Halluzination, Amulette, Alchemie.

Wenn dies nunmehr klar ist, müssen wir noch ein wenig weitergehen und sagen, daß es eine von Gottes größten Gaben ist, daß er die Menschen mit einer Seelenliebe für dieWissenschaften erschaffen hat. Jedoch erlaubt die Naturanlage dem Menschen nicht, alle Bestandteile des Wissens genau zu beherrschen, und darum ist zwischen der menschlichen Natur und den verschiedenen Wissensgegenständen eine Verbindung durch ein geheimes Zeichen und eine wesentliche Beziehung geschaffen worden. Der eine Mensch fühlt sich nämlich zu einem Teil der Wissenschaft hingezogen und jemand anders zu einem anderen. Selbstbestimmmung oder der Wille dessen, der [über einen Menschen] Bestimmungsgewalt hat, entscheidet das. Der betreffende Mensch zeigt sich mehr und mehr von seinem besonderen Wissensgebiet begeistert und damit vertraut, so daß er ihm schließlich einen besonderen Platz in seinem Herzen einräumt, da er es so sehr liebt und es jedem anderenWissen vorzieht, selbst wenn es von geringerem Wert ist. Daher hat man das Sprichwort geprägt: "Dem, was man nicht kennt, steht man feindlich gegenüber."

Da man dies zugibt und wir weiterhin nicht daran zweifeln, daß eine Bekanntschaft mit der Nützlichkeit eines jeden Wissensgebietes sehr hilft, die richtige Wahl zwischen den Wissenschaften zu treffen, können wir nunmehr darauf unsere Aufmerksamkeit lenken.

Einige Hadith-Gelehrte [Haswijah] haben die philosophischen Wissenschaften angegriffen in der Annahme, daß sie den religiösen Wissenschaften widersprechen und daß alle, die an den philosophischen Wissenschaften interessiert sind und sich mit ihnen beschäftigen, dieser und der kommenden Welt verlustig gehen. Ihrer Ansicht nach enthalten sie nur imposante Worte und leere Phrasen, die mit trügerischen Ideen übertüncht sind, um arme Dummköpfe zu betrügen und eingebildete Toren zu verführen. Das ist nicht richtig. Die Grundlagen und Zweige der philosophischen Wissenschaften beruhen wie die religiösen Wissenschaften auf Glaubenssätzen, die mit dem reinen Verstand übereinstimmen und durch vollgültige Beweise bestätigt sind. Man weiß sehr wohl, daß es keinen Widerspruch zwischen den Erfordernissen der wahren Religion und dem, was durch Beweise bestätigt und vom Verstand erfordert wird, geben darf. Wer daher die philosophischen Wissenschaften beherrscht, ist mit drei Vorzügen gesegnet. Erstens steht er vollkommener menschlicher Tugend äußerst nahe dadurch, daß er mit den realen Gegebenheiten der Dinge vertraut ist und die Möglichkeit hat, sie zu kontrollieren. Zweitens besitzt er Einsicht in all das, in dem sich die Weisheit offenbart, mit der der Schöpfer die verschiedenen Dinge in der Welt geschaffen hat, und er versteht die Beweggründe und Resultate der göttlichen Weisheit und die wunderbare Ordnung und großartige Komposition, die man ihr verdankt. Drittens ist er in den Argumenten gegen traditionelle Ansprüche beschlagen und läuft keine Gefahr, sich mit einem blindem Autoritätsglauben an eitle Dogmen zu besudeln.

Wie wir bemerkt haben, bestehen die philosophisehenWissensehaften aus drei Gebieten, nämlich Mathematik, Naturwissenschaft und Metaphysik, und die Logik dient bei alledem als ein lnstrument. Nunmehr müssen wir die guten Seiten, die einem jeden dieser vier Gebiete eigen sind, summarisch erwähnen und uns dann den verschiedenen Arten der religiösen Wissensehaften widmen.

Die Mathematik hat fünf Zweige, nämlich Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik und Mechanik.

Übung und Beschlagenheit in der Arithmetik sind eine Quelle der tiefsten Freude für den menschlichen Verstand. Ein verständiger Mensch, der die Besonderheiten ihrer Teile an sich und in Verbindung miteinander studiert, kann nicht genug davon hören, und er ist überzeugt, daß Wert und Bedeutung der Arithmetik ein unersehöpfliches Wunder darstellen. Außerdem ist sie frei vonWidersprüchen und Zweifeln.Weiterhin wird sie als Schiedsrichter im Handelsverkehr angerufen. Gott hat gesagt [Koran 19, 94 /95]: "Wir haben sie berechnet und gezählt", und [Koran 72, 28/28]: "Er hat alle Dinge gezählt."

Die Geometrie entspricht der Anthmetik an Wert und Bedeutung. Sie ist leichter zu verstehen, da sie mit sinnlichen Urbildern zu tun hat, und sie ist weitreichender, da der Arithmetiker ohne ihre Hilfe keine irrationalen Wurzeln ziehen, noch der Landmesser die Ausmaße von Grundstücken bestimmen, noch der menschliche Verstand die Ausdehnung der Meere und die Höhe der Berge ausrechnen könnte. Außerdem ist sie von Nutzen für alle begabten Baumeister, Tischler, Bildhauer und Goldschmiede, und sie wird gebraucht zur Verfertigung von astronomischen Instrumenten, wie zum Beispiel Sphären, Astrolabe, Ringastrolabe und Sonnenuhren.

Die Astronomie ist, wie jedermann weiß, eine edle Wissenschaft. Sie untersucht die Gestalt des Himmels nach Quantität und Qualität wie auch die Bewegungen eines jeden Himmelskörpers. Sie sucht die Ursachen für Eklipsen zu entdecken und studiert verschiedene Phänomene wie rückläufige und gerade Bewegungen, Bewegung und Stillstehen, die man bei den "rücklaufenden, eilenden" [Koran 81, 15 f./15 f.] Sternen [Planeten] findet, wie auch das Sichtbar- und Unsichtbarsein, den Aufgang und Untergang der Fixsterne. Ein verständiger Mensch, dessen Wissen sich auf die himmlischen Phänomene erstreckt, besitzt zweifelsohne von der Glückseligkeit eine ansehnliche Portion. Darum hat Gott alle, die darauf verzichten, sich mit dieser edlen Wissenschaft zu beschäftigen, getadelt und gesagt [Koran 30, 8/7, in nicht ganz wörtlieherWiedergabe]: "Haben sie nicht über die Erschaffung der Himmel und der Erde nachgedacht? Gott hat dies nur zur Wahrheit erschaffen." Dagegen hat Er die, die mit Interesse für die edle Astronomie gesegnet sind, gelobt und gesagt [Koran 3, 191/188): "Diejenigen, die Gott erwähnen im Stehen und im Sitzen und auf ihren Seiten und die über die Erschaffung der Himmel und der Erde nachdenken" usw.

Die Musik ist, wie jedermann weiß, ist eine edle Wissensehaft. An ihr hängt die Beweisführung für die Möglichkeit und Unmöglichkeit der Komposition von Potenzen und Quantitäten in der himmlischen und irdischen Welt, ja sogar der geistigen und körperlichen Welt. Ohne ihre tatkräftige Hilfe würden weder die Astronomen ihre Behauptungen über die Sternkonjunktionen und die Mischung der von den Sternen ausgehenden Strahlen verifizieren noch die Metriker die Beschränkung der Metren auf fünfzehn in fünf Kreisen begründen können. Der Bote Gottes hat gesagt: "Schmückt den Koran mit euren Stimmen."

Die Mechanik vereint in sich die Mathematik und die Naturwissenschaft. Sie macht es möglich, verborgenes Wasser aus dem Inneren der Erde hervorzubringen wie auch Wasser entweder durch Wasserräder oder in Springbrunnen weiterzuleiten, schwere Gegenstände unter Anwendung geringer Kräfte zu transportieren, Gewölbebrücken über Schluchten zu bauen, andere wunderbare Brücken über tiefen Flüssen zu errichten und vielerlei andere Dinge zu bewerkstelligen, deren Erwähnung hier zuviel Platz einnehmen würde.

Aus dieser Übersicht über die Nützlichkeit der mathematischenWissenschaften kann man ersehen, daß zwischen ihnen und den religiösen Wissenschaften keinerlei Widerspruch besteht.

Die Naturwissenschaft beschäftigt sich mit sinnlich wahrnehmbaren, körperlichen Gegenständen. Alle Substanzen in der Welt zerfallen zweifelsohne in zwei Teile. Erstens gibt es solche, die durch die Vollkommenheit der göttlichen Omnipotenz ursprünglich erschaffen worden sind, wie zum Beispiel die himmlischen Sphären, die Sterne, die vier Elemente, und zweitens solche, die daraus sekundär durch göttlichen Zwang gebildet worden sind. Die letzteren zerfallen in drei Teile, nämlich (1) Dinge, die in der Atmosphäre entstehen, wie zum Beispiel Schnee, Regen, Donner, Blitze, Blitzschläge, Meteore, (2) Dinge, die in Minen [im Erdinnern] entstehen, wie zum Beispiel Gold, Silber, Eisen, Kupfer, Quecksilber, Blei, und (3) Dinge, die zwischen dem Erdinnern und der Atmosphäre entstehen und die man in Pflanzen und Lebewesen einteilt. Aus der Naturwissenschaft haben sich edle Disziplinen wie zum Beispiel die Medizin, die Kochkunst, der Gebrauch von Farben und Firnissen entwickelt. Ihre reichhaltigen Resultate und große Nützlichkeit sind gut bezeugt. Nach der Überlieferung hat der große Imam Ali ben Abi Talib gesagt: "Die Wissenschaft besteht aus zwei Wissenschatren, nämlich der Wissenschaft von den Religionen und der von den Körpern." Und Gott hat gesagt [Koran 2. 164/159): "In der Schöpfung der Himmel und der Erde und im Unterschied von Nacht und Tag und in dem Schiff, das über das Meer befördert, was dem Menschen nützt, und in dem Wasser, das Gott vom Himmel hernieder sendet zur Belebung der toten Erde, und in allen Tieren, die er auf Erden verbreitet hat, und in dem Wechsel derWinde und in denWolken, die zur Fronarbeit gezwungen sind zwischen Himmel und Erde, sind in der Tat Zeichen für verständige Leute."

Aus dieser Übersicht über die Nützlichkeit der Naturwissenschaft kann man ersehen, daß zwischen ihr und den religiösen Wissenschaften keinerlei Widerspruch besteht.

Von der Metaphysik können die Endzwecke nur durch die Kraft des reinen Verstandes erfaßt werden. Diese Kraft heißt im Arabischen 'lubb', die 'Quintessenz' eines jeden Dinges. Die Metaphysik ist eine Wissenschaft, die ausschließlich zur Erforschung der ersten Ursachen des Entstehens der existierenden Wesen und der Welt bestimmt ist, weiterhin dann zur ehrerbietigen und einwandfreien Erkenntnis desWesens des Einen, Einzigen, Wahren, die das Ziel eines jeden Strebens ist. Der Gewinn solch eines Segens ist zweifelsohne identisch mit der Erlangung ewiger Glückseligkeit. Das ist schwer zu erreichen, es sei denn, daß wir all die anderen Wissensgegenstände zu diesem Zweck zu Hilfe ziehen, wie wir dies in unsereni Buch 'aI-Inajah wa-d-dirajah' erwähnt haben. Nur wer diese Erkenntnis gewonnen hat, ist von den Alten ein Weiser [Philosoph] genannt worden. Zwischen einer Wissenschaft, die zu einem solchen Resultat führt, und den religiösen Wissenschaften kann unmöglich irgendein Widerspruch bestehen.

Die Logik wird von den Hadit-Gelehrten [Haswihah] verachtet, und das hat die Einstellung einer Gruppe von Religionsphilosophen [Mutakalimun] beeinflußt. Sie bringen zwei Argumente vor. Erstens sagen sie: "Als hervorragende Religionsphilosophen haben wir dieWerke über Logik studiert und haben darin nichts als dunkle Worte und sonderbare Phrasen gefunden. Falls die Verfasser jener Werke mit irgendwelchen der Wahrheit entsprechenden Gedanken gesegnet gewesen wären, würden sie sich sicher alle Mühe gegeben haben, sie klarzumachen, und unter den Werken über Logik würde sich dann jedenfalls doch wenigstens eins finden, dessen Studium es uns ersparen würde, nach jemand suchen zu müssen, der uns die darin enthaltenen Ideen erklären könnte."

Dies Argument hat keinen Wert. Daß der Verstand der Religionsphilosophen nicht dazu hinreicht, den Sinn von Werken über Logik zu verstehen, beweist nicht, daß diese nichts taugen, zumal da jemand, der zugibt, daß sein Verstand nicht dazu hinreicht, alle in der Logik enthaltenen Ideen zu verstehen, dadurch bezeugt, daß sein Urteil darüber, ob sie der Wahrheit entsprechen, auf alle Fälle ungültig ist und es daher für ihn notwendig ist, das, was er getadelt oder gelobt hat, noch einmal zu untersuchen, damit er den Inhalt der Logik verstehen und ihren Wert anerkennen kanu.

Das zweite Argument der Religionsphilosophen ist folgender Art : "Wie die Logiker übereinstimmend behaupten, liegt der größte Nutzen, den man aus dem Erwerb der Logik ziehen kann, darin, daß sie jemand Geschicklichkeit im Gebrauch der Regeln des Schlusses vom Bekannten auf das Unbekannte beibringt. Das Verhältnis der Logik zu den spekulativen Wissenschaften kann man mit dem der Prosodie zu den verschiedenen Arten von Poesie kontrastieren. Wir zweifeln ganz gewiß nicht daran, daß die natürliche Begabung eines Menschen dazu hinreicht, Gedichte zu verfassen, und in einem solchen Fall braucht man die Prosodie nicht. Ebenso kann denn auch jemand, der durch eigene Einsicht imstande ist, logisch zu schließen, ohne [das formale Studium der] Logik auskommen. Jeder vernünftige Religionsphilosoph hat dank eigener Einsicht Verständins für logische Schlußfolgerungen. Darum erscheint es als ganz selbstverständlich, daß [das formale Studium der] Logik ein Unglück für ihn sein würde."

Auch dies Argument hat keinen Wert. Selbst wenn ein verständiger Mensch zufälligerweise richtig logische Schlüsse zu ziehen versteht, würde er seinem Gegner, der ihm gegenüber deren Gültigkeit bestreitet und behauptet, daß eine andere logische Regel, die der von ihm angewandten widerspricht, die richtige sei, nur dann beweisen können, daß die angefochtene Regel die richtige ist, wenn er sich auf ein geschlossenes und zuverlässiges System berufen kann. Die Situation ist ungefähr dieselbe, wie wenn man jemand gegenüber die metrische Richtigkeit eines Verses bestreitet und er behauptet, daß es sich um die [von Metrikern zugelassene] 'zihaf' genannte Unregelmäßigkeit« handele. Das heißt, die einander widersprechenden Behauptungen kann man nur auf Grund der Prosodie entscheiden.

Beide Argumente gegen das Studium der Logik haben sich also als wertlos erwiesen, und so müssen wir den primären Nutzen dieser Wissenschaft beschreiben, was wir wie folgt tun können: Die Logik ist ein intellektuelles Instrument, das es der rationalen Seele erst richtig ermöglicht, zwischen Wahrheit und Unwahrheit bei spekulativen Problemen und zwischen Gut und Böse in praktischen Fragen zu unterscheiden. Man kann den Gebrauch dieses Instruments ungefähr dem eines Eichmaßes vergleichen, mit dem man dieWissensgegenstände mißt. Die Logik kontrolliert Frage und Antwort wie auch Widerspruch, Gegensatz und Trugschluß. Sie verhilft dazu, Zweifel zu lösen, irreführende Behauptungen aufzudecken und andere Ideen, die zur Verifizierung von erhobenen Ansprüchen dienen können, zu erhalten. Außerdem schenkt sie auch intellektuelle Lust, die heitere Gelassenheit in Erkenntnisdingen verschaffen, in solchem Maße, daß die Seele dadurch von sich aus eine Propagandistin für den Erwerb der Philosophie wird, nicht um durch sie Lob von Freunden zu beziehen, sondern um mit dem Erhalt der Wahrheit und der Freude der Gewißheit gesegnet zu werden.

Wie wir wissen, gibt es eine Gruppe von frommen Männern, die jegliche literarische Bildung für tadelnswert halten und behaupten, daß die, die sich dem Erwerb einer solchen Bildung widmen, unbedingt Menschen zweierlei Art sein müssen, nämlich solche, die wegen ihrer Zungenfertigkeit und guten Ausdruckswejse gelobt werden wollen, und solche, die durch eine glänzende literarische Bildung bei den Großen und Vornehmen dieser Welt nach und nach Nutzen und Rang erwerben wollen. Beide Typen lassen sich auf diese Art und Weise darum bringen, sich dem Gottesdienst zu widmen oder auf die Suche nach der Weisheit [Philosophie] zu gehen. Die frommen Männer, die so etwas behaupten, begehen einen großen Fehler. Es handelt sich hier um eine Disziplin, die mit klarer und beredter Ausdrucksweise[bajan] zu tun hat - für kultivierte Seelen dasselbe wie Zaum und Zügel für Pferde, da ein beredter Mann durch seine Beredsamkeit die Seelen anderer von einem Zustand in einen anderen versetzen kann, zumal da Worte zu Ideen sich ganz genau so wie Körper zu Seelen verhalten. Lobenswerte Taten edler Seelen können nur in Körpern, die mit einem hervorragenden Temperament ausgezeichnet sind, in Erscheinung treten, und ebenso können wahre Ideen nur durch angenehme Worte ihre Form erhalten. Der Bote Gottes hat gesagt [in einem äußerst häufig zitierten Hadit]: "Zur klaren und beredten Ausdrucksweise gehört Zauber." Und Gott hat gesagt [Koran 55.3 f./2 f.): "Er hat den Menschen geschaffen, ihn klare und beredte Ausdrucksweise gelehrt." Somit ist eine breite Sprachkenntnis eigentlich nicht die Gabe, sich gut auszudrücken, sondern sich prägnant auszudrücken, wie das zum Beispiel in der Dichtkunst und in Predigten, Briefen und Sprichwörtern geschieht. In jeder dieser vier Gattungen findet man beredte Weisheitssprüche und wunderbare Parabeln, die nützlich sind und zur Schärfung des Verstandes dienen. Daher hat man sie erst dann in Büchern verewigt, als man in Anbetracht ihrer großen Dauerhaftigkeit sagen konnte, daß sie lebendige Rede sind.Wenn man sieht, wie sie dazu dienen, Streitereien in der Gesellschaft beizulegen und Feindseligkeit und Abneigung zu beseitigen, und wie sie helfen, Einfluß auf Menschen und Würdenträger zu gewinnen und mit dem Bericht von deren edlen Taten und geistreichen Bemerkungen eigene Beobachtungen auszuschmücken, muß man gewiß zugeben, daß jemand, der sie für falsch erklärt, wagt, etwas in Wirklichkeit sehr Bedeutsames zu schmähen. Erhabene Geister, die derlei beherrschen und an andere weitergeben, werden dadurch zu höheren Dingen angetrieben. Wer sich dafür interessiert, dergleichen zu hören, wird bewogen, selber einen Anteil daran zu gewinnen, der einmal ein gutes Gesprächsthema abgeben könnte.

Die Nützlichkeit der philosophischen und metaphsischen Wissenschaften ist somit deutlich genug erwiesen. Die Hauptabsicht unseres Werkes ist es, die religiösen Wissenschaften zweckgemäß zu erschließen, und wir haben uns nur darum ausführlich über die erwähnten Punkte ausgesprochen, um zeigen zu können, daß die religiösen Wissenschaften nützlicher als alle anderen sind. Somit müssen wir uns [nun] den religiösen Wissenschaften zuwenden.


Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000