Lösung zu Übung 6 a.

Die Aufgabe lautete:

Stellen Sie anhand der folgenden Zusammenstellung historischer Bildmotive aus verschiedenen Epochen aufgrund ihres gegenwärtigen Wissens fest:

Zusammenstellung historischer Religions- und Hoheitssysmbole verschiedener Epochen mit entwicklungsgeschichtlichem Zusammenhang.

(Präsentation im im pdf-Format; zum Empfang siehe ggf.: Versuche.htm , unter II, Experiment 6. Leseverbesserung durch Einstellung des Großformats auf der Darstellungsfläche möglich)

Deutlichere Abbildung der Flaggenbilder:Flaggen Teil 1 und Flaggen Teil 2

(Darstelung im gif-Format)

Abb. entnommen aus: Carel J. Du Ry, Völker des Alten Orient, München um 1970, S. 92 und 249 (Bildnachweise dort S. 264); Francis Robinson, Der Islam. Geschichte, Kunst, Lebensformen, 'Weltatlas der Kulturen' ,übersetzt von D. Ahrens-Thiele, G. Wilhelm und M. Würmli, München 1990 4, S. 28; Francesco Gabrieli, Mohammed in Europa. 1300 Jahre Geschichte, Kunst, Kultur, übersetzt von J. Strauß, Augsburg 1997; S. 59, 189, 204; Arnold Rabbow, dtv-Lec´xikon politischer Symbole, München 1970, Bildteil nach S. 160.


Zu a)

Die Abbildungen entstammen sehr unterscheidlichen historischen Epochen. Darsgestellt sind im einzelnen:

Ein Grenzstein ('kudrru', ca. 90 cm hoch) des mesopotamischen Kassiten-Reiches aus der Zeit um 1200 v. Chr., auf dem als Schutzgötter für die Grenze u. a. in der obersten Reihe die babylonischen Gestirnsgötter 'Sin' ('Mondgott', symbolisiert durch das Sichelmond-Zeichen), 'Ischtar' ('Venus', symbolisiert durch den achtzsackigen Stern) und 'Schamasch' ('Sonnengott', symbolisiert) bildlich zitiert werden. Weitere Erläuterungen: siehe Carel J. Du Ry, Völker des Alten Orient, München um 1970, S. 92.

Ein kleiner (26 cm hohen) Räucheraltar mit himyaritischer (südarabischer) Inschrift aus dem 2. oder 3. Jht. n. Chr., der in abstrakter Abbildung prinzipiell dieselben drei Himmelsgottheiten symbolisch abbildet wie das vorige Beispiel, allerdings in einer bildlich-formalen Überlagerung, die die Anmutung einer Gestalt hervorruft. Die darin zum Ausdruck kommende Göttervorstellung einer Trias der Himmelsgötter ist altarabisch und imm Südarabien dieser Zeit noch nicht von Gottesvorstellungen des Christentums, Judentums oder Islam überlagert. Carel J. Du Ry, Völker des Alten Orient, München um 1970, S. 249.

Die Abbildung der 'Ka'aba' in Mekka auf einer Keramik-Fliese aus dem osmanisch-türkischen Bereich des 14. Jhts. n. Chr. Wird schon dem schwarzen Stein Mekkas in der vorislamischen arabischen Religionswelt eine alte himmelsbezogene Herkunft (als 'Meteorit') nachgesagt, so erinnern auch die Spitzen der das Heiligtum flankierenden Minarette mit ihren halbmondartigen Abschlüssen an die Himmelssphäre. Zwar dürfte dabei aus Rechtgläubigkeitsgründen kaum direkt an vorislamische Gottesvorstellungen angeknüpft werden (die drei islamischen Rechts- und Techtglaubensschulen der Hanafiten, Malikiten und Hanbaliten sind in Seitennischen des Heiligtums symbolisch präsent); wohl aber wird hier eine offenbar allgemeinkulturell verbreitete unspezifische Vorstellung vom Himmlisch-Göttlichen aufgenommen, die auch im persisch-sassanidischen Bereich der vorislamischen Zeit weit verbreitet ist. Francis Robinson, Der Islam. Geschichte, Kunst, Lebensformen, 'Weltatlas der Kulturen', übersetzt von D. Ahrens-Thiele, G. Wilhelm und M. Würmli, München 1990 4, S. 28

Die bildliche Darstellung der Eroberung von Palma de Mallorca auf den Balearen i. J. 1229 n. Chr. auf einem Fresko des 13. Jhts. Die islamischen Verteidiger der Stadt sind durch eine Standarte auf einem Wehrturm gekennzeichnet, deren Symbol ein sechszackiger Stern im Kreis ist. Andere spanisch-islamische Formen dieses Symbols sind achtzackig. Kreis und Stern tauchen generell immer wieder in der religiös und politisch repräsentativen islamischen Baukunst an zentralen Stellen auf. Sie übernehmen damit in nur etwas anderer Form als das 'Mondsichel-Sysmbol' dieselbe ikonographische Tradition der Symbolisierung des 'himmlischen Heils', die im vorislamischen Nahen Osten weit verbreitet ist.Weitere Erläuterungen: siehe Francesco Gabrieli, Mohammed in Europa. 1300 Jahre Geschichte, Kunst, Kultur, übersetzt von J. Strauß, Augsburg 1997; S. 59.

Eine türkische Miniatur aus dem 18. Jht. - nach einer älteren Vorlage -, welche ein türkisches Kriegs-Segel- und -Ruderschiff vom Typ 'Schaika' (Halbgaleasse) abbildet. Eine an höchster Stelle aufgehängte Doppelstandarte trägt zwei Kreise mit jeweils eingeschlossenem Sichelmond-Symbol. Schon in abassidischer Zeit repäsentiert dieser Standartentyp - oder zwei nebeneinander gezeigte Standarten mit einem Kreis-Sichelmond-Symbol die gottgegebene Herrschaft des Kalifen über den 'Westen' und den 'Osten' der Welt. Weitere Erläuterungen: siehe Francesco Gabrieli, Mohammed in Europa. 1300 Jahre Geschichte, Kunst, Kultur, übersetzt von J. Strauß, Augsburg 1997; S. 189.

Bild eines nicht genau identifizierbaren Seegefechts zwischen genuesischen und barbareskischen (islamisch-nordafrikanischen, oft in türkischem Auftrag fahrenden) Seeräuberschiffen zu Beginn des 18. Jhts., angefertigt ebenfalls zu dieser Zeit. Die Schiffe der barbareskischen Seite tragen eine jeweils u. a. eine rote Standarte mit zwei Mondsichel-Symbolen und mehreren stern- oder rosettenförmigen Formelementen. Obschon im türkisch-osmanischen und barbareskischen Herrschaftsbereich auch anderer Hoheitssysmbole häufige Verwendung fanden, zeigt sich hier eine offenbar von christlicher Seite als besonders charakteristisch wahrgenommene Form des islamischbarabareskischen bzw. -türkischen Hoheitszeichens. Weitere Erläuterungen: siehe Francesco Gabrieli, Mohammed in Europa. 1300 Jahre Geschichte, Kunst, Kultur, übersetzt von J. Strauß, Augsburg 1997; S. 204.

Zu b)

Gesichtspunkt der Auswahl war die bereits im 3. vorchristlichen Jahrtausend beginnende religiös- und zugleich politisch-ikonographische Tradition der 'Gestirnsgötter', die - etwa in der türkischen Flagge oder in Flaggen anderer, wenn auch keineswegs aller islamisch geprägter Staaten - bis zur heutigen Gegenwart reicht.

Zu c)

Betrachtet man die Flaggen der heutigen Staaten islamischer Prägung, so läßt sich im arabischen Raum ein durch die politische Geschichte vormaliger Abhängigkeit vom osmanischen Türkenreich bedingte Distanz zur an sich gemeinislamischen ikonographischen 'Sichelmond'-Tradition fetstellen (etwa im 'panarabischen' Adler oder in den 'panarabischen' Farben Grün/Rot/Weiß/Schwarz (in verschiedenen Verbindungen). Im übrigen islamischen Raum bis hin nach Südostasien wir aber das Mondsichel-Symbol oft für die Staatsflagge verwendet, wenn auch zumeist ohen die Farbe Rot.

Literatur:

Arnold Rabbow, dtv-Lexikon politischer Symbole, München 1970, S. 118 ff. (s. v. 'Halbmond') und Bildteil nach S. 160. - Malek Chebel, Symbole des Islam, dt. Übers.: Herbert Eisenstein, (1977) Augsburg 1999. - Carel J. Du Ry, Völker des Alten Orient, München um 1970. - Francis Robinson, Der Islam. Geschichte, Kunst, Lebensformen, 'Weltatlas der Kulturen' ,übersetzt von D. Ahrens-Thiele, G. Wilhelm und M. Würmli, München 1990 4. - Francesco Gabrieli, Mohammed in Europa. 1300 Jahre Geschichte, Kunst, Kultur, übersetzt von J. Strauß, Augsburg 1997.


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)