Lösung zu Übung 6 b.

Die Aufgabe lautete:

Lesen Sie die im folgenden wiedergegeben Suren aus dem Koran unter folgenden Fragestellungen durch:

Aus dem Koran: 38. Sure (Sad), 81. Sure (Das Zusammenfalten), 111. Sure (Verderben / Abu Lahab), 112. Sure (Die Reinigung), 113. Sure (Das Morgengrauen), 114. Sure (Die Menschen).


Zu a)

Die Anrufung 'Allahs' und der Hinweis auf eine Offenbarung des Mitgeteilten als göttlichen Wortes in Mekka weist alle Stücke als Teile des 'Koran' aus, dessen sämtliche 114 Suren zu Lebzeiten des islamischen Propheten Mohammed (569 - 632) enstanden sind, und zwar in dem Zeitraum zwischen 610 (der ersten Vision Mohammeds) und seinem Todesjahr 632. Konkrete allgemeinhistorische Ereignisse sind in den hier ausgewählten Suren nicht angesprochen. Nur mittelbar lassen sie Schlußfolgerungen auf die historischen Entstehungsbedingungen der Suren zu, so etwa auf ein Nochbestehen eines altarabischen Polytheismus, aufcharakteristische christologisch-trinitarische und eschatologische Glaubenslehren des Christentums und jüdisch-alttestamentlich geprägte Legendenbildungen, die im arabischen Raum kursieren und von der arabischen Bevölkerung der Zeit teilweise angenommen werden; es geht dabei also um eine Zeit, in der sich der Islam im arabischen Raum erst allmählich durchsetzt.

Sure 38 (Sad) läßt eine intensive Auseinandersetzung mit einer polytheistischen Umgebung erkennen, als welche die altarabisch geprägte Einwohnerschaft des auch in vorislamischer Zeit religiös bedeutenden Ortes Mekka in den Jahren vor und nach Mohammeds 'Hedschra' (d. J. 622) bis zu seiner Inbesitznahme Mekkas und der dortigen allgemeinen Anerkennung des Islam (i. J. 630), gelten muß. Die defensiv anmutende Art des Argumentierens gegen die Partei der Andersgläubigen weist auf eine relativ frühe Zeit der Entstehung hin.

In der in Mekka geoffenbarten Sure 81 (Das Umwinden) ist eine religiöse Streitsituation vorauszusetzen, in der Mohammed von der anderen Seite als 'Gefährte' (nicht als 'Prophet' oder 'Gesandter Gottes') bezeichnet zu werden pflegt. Das weist auf die Zeit noch vor der Hedschra oder während der darauf folgenden Auseinandersetzungen Mohammeds und seiner medinensischen Anhänger mit den Mekkanern hin.

Sure 111 (Verderben /Abu Lahab) enthält einen Fluch Mohammeds auf einen Vewrandten, der sich nicht zum Islam bekehren will. Er ist denkbar auch noch in späterer Lebenszeit Mohammeds, der die Anwendung von Zwang zum Zwecke der Bekehrung Andersgläubiger zu vermeiden suchte.

Sure 112 (Die Reinigung) spielt mit ihrer Überschrift auf einen religiösen Klärungsprozeß im Verhältnis zum Christentum an. Seit dem Jahre 624 stellte Mohammed im Verhältnis zu Judentum und Christentum, von deren Vertretern er gelegentlich heftig als irrtumsbefangen kritisiert wurde, die Elemente der eigenen religiösem Botschaft als gottgegeben und richtig und demgemäß die zuvor von ihm als gültig tolerierten jüdischen und christlichen Lehren, die ihnen wiedersprachen, als ihrerseits irrtumsbefangen heraus. In der Sure 112 wendet er sich generell gegen die christlich-dogmatische Lehre von der Selbstentäußerung Gottes in eine menschgewordene Sohnesgestalt. Das offiziell im byzantinischen Reich gültige nikänisch-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis der Zeit Mohammeds unterscheidet zwar diesen Vorgang einer 'Selbstentäußerung' zwar ausdrücklich von der 'Schöpfung' Gottes ('Christus ante saecula saeculorum genitus, non factus'). Aber ist wohl charakteristisch, daß dieser feine Formelkompromiß zwischen verschiedenartigen christlichen Glaubensströmungen selbst bei einem religiös stark interessierten Menschen, als welchen man Mohammed sicherlich bezeichnen darf, auf völliges Unverständnis stößt. Auf weitere, aus diesem Formelkompromiß folgende Streitpunkte der christologischen Kontroversen der Spätantike einzugehen, sieht Mohammed deshalb offenbar keinen Anlaß. Er geht von dem Axiom aus: Gott ist immer Gott und nur Gott, und Jesus ist auch als Christus nur ein Prophet und nur ein Mensch. Seine Auffassung vom Erbarmen und vom geschichtlichen Heilsplan Gottes gegenüber den Menschen ist damit eine deutlich andere als die akzentuiert christologische aller damaligen christlich-dogmatischen Hauptströmungen (konziliar-ortodoxe, nestorianisch-dyphysitische, monophysitische Lehren von der göttlichen Natur Christi).

Die Suren 113 (Das Morgenrauen) und 114 (Die Menschen) geben als reine, kurzgehaltene Äußerungen eines sicheren Gottvertrauens keinerlei genaueren Hinweise auf die Zeit ihrer Entstehung. Sure 113 könnte, wie es die alternative Lesart andeutet, in der Zeit des Medina-Aufenthaltes Mohammeds entstanden sein; doch ist das offenbar nicht sicher. Beide Suren belegen jedoch in historisch charakteristischer Weise einerseits die Fortführung altarabischer Religionsvorstellungen ('Knotenbläserinnen', 'Dschinne') und andererseits eine Distanz zur iranischen Religionstradition in der Lehre Mohammeds von der Rolle des Bösen in der Schöpfung Gottes. Zugrundegelegt ist dabei nämlich nicht eine Gut-Böse-Äquivalenz wie im sassanidisch-persischen Zoroastrismus, sondern eine klare Übermacht Gottes über das Böse; Gott läßt es zwar bestehen, räumt ihm aber zumindest gegenüber den Gerechten unter den Menschen keine wirkliche Gewalt ein. Dies entspricht der Aussage der Sure 38 über den von Gott begrenzten Einfluß des gefallenen Versucher-Engels Iblis (arab. Lehnwort, von griech. 'diabolos'). In dieser Hinsicht gibt es also eine offenkundige Anlehnung Mohammeds an christliche und jüdische Grundvorstellungen.

Zu b)

In den ausgewählten Suren sind erkennbar:

aa) Eine vielfältige rezeptive Bezugnahmen auf die jüdisch-alttestamentarische Religionstradition, auf diese allerdings nicht in einer schriftgestützten Form , sondern in einer oralen, im arabischen Raum kursierenden Legendenüberlieferung(vgl. etwa die arabische Legende und 2. Sam. 12, 1 - 4). Sure 38 etw enthält zahlreiche Bezugnahmen auf Abraham, Isaak, Jakob, David, Salomo, Hiob, Lot, verschiedene Aspekte der Paradies- und der Exodus-Geschichte und jüdische Höllenvorstellungen ('dschehenna').

bb) Eine rezeptive Bezugnahmen auf die christlich-eschatologische Lehre von Gottes Gericht am jüngsten Tage (vgl. Matth. 24, 29 - 31) in Sure 81 sowie die christliche Schöpfungslehre in den Suren 38, 113, 114 und Auseinandersetzungen mit der christlich-kirchlichen Trinitätslehre in Sure 112,

cc) Eine vielfältige Fortführung altarabisch-vorislamischer Religionsvorstellungen, wie in Sure 38 ('Stricke zum Himmel'), 113 ('Knotenbläserinnen') und 114 ('Dschinne'), aber auch wohl in zahreichen arabischen, oral-legendären Abwandlungen der jüdisch-alttestamentlichen Überlieferung .

Zu c)

Mohammed sieht seine religiöse Botschaft als von Gott gegebene, über den Erzengel Gabriel ihm persönlich offenbarte, weltgeschichtlich letztmalig von Gott vorgesehene 'Ermahnung' an die gesamte Menschheit, sich angesichts des unmittelbar bevorstehenden Weltgerichts einschränkungslos und sofort an den ebenfalls durch Mohammed verkündeten Willen Gottes zu halten. Den Unterschied zu traditionellen Religionsformen seiner Zeit zu seiner Botschaft sieht Mohammed in deren vielfältiger Blindheit gegenüber dem Wesen Gottes (Kritik etwa am altarabischen Polytheismus oder an der christlichen Trinitätslehre) und in ihrer Selbstgefährdung durch irrtumsbefangene Nichtwahrnehmung des bevorstehenden, zur schnellen Bekehrung drängenden Weltendes und Weltgerichts.

Aus diesen Elementen - der historischen Letztmaligkeit, der einschränkungslosen Dringlichkeit und der allein aus der Person des Prophetenals Mediums Gottes hervorgehenden Einmaligkeit der religiösen Botschaft - ergibt sich nicht nur ein chatakteristischer Unterschied der religiösen Lehre und Praxis, sondern auch der ideelle Ansatz eines Dominanzanspruches gegenüber den Religionen der Umgebung des Islam. Die religiösen Grundideen, an die die ausgewählten Suren anknüpfen, können andererseits fast restlos, wie es scheint, auf vorislamische Traditionen zurückgeführt werden, die sich im geschichtlichen Lebensraum Mohammeds für eine Rekombination und die genannte Akzentuierung in Form des Islam anbieten. Wir haben hier also einen besonders eindrucksvollen und aufschlußreichen Fall der Fortwirkung der Antike (i. w. S.) in nachantiken religiösen Neubildungen vor uns.

Zu d)

Die Suren sind prinzipiell so aufgebaut, daß sie entweder als durch den Erzangel Gabriel vermittelte Rede Gottes oder als von Gott durch seinen Engel dem Propheten aufgetragene Rede von Gott ("sprich:") erscheinen. Die Eingangsformel aller Suren "im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen" macht die göttliche Herkunft des mitgeteilten Inhalts und seine gottgewollte Offenbarungsform deutlich. Gott, der Souverän des Alls, der mit dem Menschen, seiner Schöpfung, spricht, ist dabei einerseits hoheitsvoll und allwissend, andererseits verständnisvoll und nachsichtig gegenüber der menschlichen Schwäche. Gottes Offenbarungssprache, vom Menschen Mohammed in seinen Worten niedergeschrieben und nachgesprochen, kann nur eine erhabene, klare, und schöne Form haben, weil Gott selbst - ebenso wie das an seiner Schöpfung gottgewollt Gute - erhaben, klar und schön ist.

Aus solchen Axiomen des Glaubens sccheint sich ein Stil der Suren zu ergeben, der feierlich-prophetisch, rhetorisch eindringlich, manchmal auch natürlich-poetisch (also nicht literarisch-ästhetisch ausgearbeitet) wirkt. Literarisches Gattungsvorbilder dürften die Prophetenworte des 'Alten Testaments', d. h. der jüdischen Heiligen Schrift, die Jesusworte der christlichen Evangelien und auch die poetischen Traditionen der altarabischen Dichtung sein.

Literatur:

Der Koran. Aus dem Arabischen übersetzt von Max Henning. Einleitung und Anmerkungen von Annemarie Schimmel, (reclam 4206), Stuttgart 1991, Einleitung, S. 1 - 32.

Der Koran. Übersetzung von Adel Theodor Khoury. Unter Mitwirkung von Muhammad Salim Abdullah. Mit einem Geleitwort von Inamullah Khan, Vorsitzenden der ' World Muslkim Conference', der den Text der Übersetzung ins Deutsche namens dieser Muslim-Organsiation billigt, Gütersloh 1992 2. Mit einigen weiterführendenden Literaturhinweisen, einem Namens- und Sachregister zum Koran, einer Zusammenstellung für Glaubensfragen wichtiger Stellen aus der Hadith-Tradition zum Koran und einem Bibelstellenregister, das auf wichtige Bibel-Referenzen innerhalb der Koransuren hinweist.- In Bearbeitung durch Adel Theodor Khoury ist auch seit Ende der achtziger Jahre in Fortsetzung ein z. Zt. 14 Bände umfassender wissenschaftlicher Kommentar zum Koran erschienen, welcher den arabischen Text, eine deutsche Übersetzung und die für das Verständnis zumindest des nicht islamisch vorgeprägten Lesers nicht selten dringend nötigen sachlichen Erklärungen enthält.

Hamilton A. R. Gibb, Jakob M. Landau, Arabische Literaturgeschichte, Zürich., Stuttgart 1968 2.

Tilman Nagel, Die islamische Welt bis 1500, München 1998, S. 1 -12

Albert Hourani, Die Geschichte der arabischen Völker. Übersetzt von Manfred Ohl, Hans Sartorius und Susanne Enderwitz, Frankfurt M. 1996, S. 27 - 43.


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)