Übung 6 c.

Die im folgenden wiedergegebene Zusammenstellung von Baugrundrissen zeigt in der obersten Reihe Gebäudetypen aus unterschiedlichen vorislamischen Bautraditionen des Altertums, in weiter und dritter Reihe verschiedene bekannte islamische Moscheebauten.

1) Vergewissern Sie sich, um welche Gebäudetypen es sich jeweils handelt und ordnen Sie sie ihrer Entstehungszeit nach ein.

2) Welche bauhistorisch und religionsgeschichtlich wichtigen entwicklungsgeschichtlichen Beziehungen könnten Ihrer Einschätzung nach zwischen den Bautypen der oberen Reihe und denen der unteren Reihen bestehen

.Bautypen aus vorislamischer Zeit und ihre Prägewirkung auf den islamischen Moscheenbau.

Grundrißabbildungen entnommen aus: Werner Müller, Gunter Vogel, dtv-Atlas zur Baukunst Tafeln und Texte, Bd. 1 (Allgemeiner Teil. Baugeschichte von Mesopotamien bis Byzanz), München 1983 5 , S. 270 f.Katharina Otto-Dorn, Kunst des Islam, Teilband der Rehne 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen, Baden-Baden, 1970, S. 232, 236, 237, 242.


Zu1)

a) Haus Mohammeds in Medina (links oben). Es handelt sich um ein einfaches Hofhaus, wie es bei der seßhaften arabischen Bevölkerung der Zeit Mohammeds, dem 6./ 7. Jht. n. Chr., und auch später üblich ist. Eine Reihe nebeneinanderliegender kleiner Räume geht mit ihren Türen nach einem großen, eingefriedeten Hof, dem Zentrum des alltäglichen Familienlebens, hinaus. Der Hof ist zum Schutz vor der Sonne an den Rändern teilweise überdacht. Die Überdachung ruht auf zahlreichen einfachen Holzsäulen; zusätzliche Stütz- oder Trennmauern des überdachten Bereichs zum Hof hin gibt es nicht. In dem überdachten größeren Bereich des Hauses Mohammeds fanden die frühen Versammlungen der Gläubigen statt. Er diente deshalb den späteren Moscheen in besonderem Maße als Vorbild; aber auch andere Elemente (Randzellen, Einfriedung, ggf. bauliche Verbindung mit dem Kaligenpalast) eines arabischen Hofhauses finden sich dort wieder, verbunden allerdings mit und teilweise überlagert von Elementen anderer Architketurtradionen aus den später islamisierten Gebieten.

b) Große Moschee in Bagdad (links unten, Rekonstruktion des frühen baulichen Zustandes). Die in der frühen Abbasidenzeit errichtetete, noch um 808 n. Chr. von Harun al-Rschid in ihrem ursprünglichen, bewußt schlicht gehaltenen, dem religiös kritisierten omayyadischen Geiste entgegengesetzten Stil rekonstruierte Moschee, nimmt im wesentlichen die Formen des Hauses Mohammeds auf und vergrößert den Hallenbereich. Als kultisch neue Elemente sind die 'qibla'und der 'mihrab' - als Hinweis auf das von Bagdadweit entfernte heilige Mekka - hinzugefügt. Der einheimischen mesopotamischen Bautradition entstammt die Eigenart, mehrere Moschee-Eingänge zu eröffnen und ein sakrales Zentrum durch eine bastionenverstärkte, starke Mauer zu umfrieden.

c) Johannes-Basilika in Ephesus als Beispiel für den byzantinischen Bautypus einer kreuzförmigen Kuppelkirche (mittelinks oben), errichtet im 6. Jht. n. Chr. In diesem Typus verbinden sich verschiedene vorchristliche antike Bautraditionen (basilikaler Längsbau, Querbau- = Transsept-Prinzip, Chor/Apsis, Innenarkaden, Mehrschiffigkeit mit Satteldach und seitlichen Pultdächerm, alternativ: Zentralkuppel- oder Kuppelreihenbau, Randtürme, Eingangshof) mit christlichen Formprinzipien (Kreuzesform, Ostausrichtung des Chores nach Jerusalem).

d) Große Moschee von Damaskus (mittelinks, mittlere Reihe). In der frühen Omayyadenzeit zwischen 706 und 715 n. Chr. errichtet auf dem Grund der vormaligen Johannesbasilika und des zuvor dort stehenden Tempels des Jupiter Dolichenus, verbindet dieses Gebäude Elemente der christlichen Kirchenbauweise (dreischiffiger Innenraum, Transsept-Prinzip, Zentralkuppel, Satteldächer, Innenarkaden, Mehrgeschossigkeit) mit dem Schema des arabischen Hofhauses (Randzellen, breite Innenhofanlage) und gewissen, seit Gründung des Islam üblich gewordenen, zentral oder sonst auffällig lokalisierten baulichen Kult-Vorrichtungen (mehrere Eck-Minarette, qibla, mimbar).

e) Große Moschee von Cordoba (mittelinks, unten), begonnen im Jahre 786 n. Chr. und erst um etwa 1000 n. Chr.für die islamische Epoche abgeschlossen. In der abschließenden Form sind der besonders große, flachgedeckte, säulenreiche, elfschiffige Hallenbereich, der breite nicht überdeckte Eingangshof und das Randzellensystem auf die arabische Tradition zurückzuführen. Ein Mihrab-Trakt mit Kuppeln, der das Transsept-Prinzip realisiert, geht auf die christlich-byzantinische Kirchenbau-Tradition zurück, die die spanischen Omayyaden mit der Moscheenbauweise des vormals omayyadischen Ostens nach Westen mitgbringen.

f) Grundriß eines einfachen, gemauerten iranischen Wohnhauses als Beispiel für ein Bauschema, das im Iran des Altertums und des Mittelalters sowohl für Privathäuser als auch für kleine und große Herbergen (vom Typ 'Karawansaray') Anwendung fand und auch noch heute in einfachen Lebensverhältnissen benutzt wird. Auf einem rechteckigen, mauerumfriedeten Grundriß befindet sich eine Bebauung der Eckbereiche mit überdachten, geschlossenen Räumen und der Zwischenbereiche mit überdachten, aber zum großen Innenhof hin offenen Aufenthaltsräumen, den sog. 'Iwanen'. Die Überdachungen der 'Iwane' können bei kunstfertiger Ausführung Gewölbe sein (traditionelle Tonnengewölbsform) . Wie der altarabische Typ des Hauses Mohammeds ist auch dieser iranische Haustyp für ein Leben auf dem Hofe in der langen heißen Jahreszeit gedacht. Im iranischen Bereich findet er nach der Islamisierung bald auch für die bauliche Ausführung der 'Medresen', der islamischen Religionsschulen, Anwendung, und später außerdem im Moscheenbau und bei der Ausführung von Mausoleen für berühmte islamische Herrscher und Imame. In diesen Anwendungen wird der Bautyp auch im außeriranischen Herrschaftsbereich der seldschukischen Türken verbreitet.

g) In der Moschee Medschid-i-Dschum'a (mitterechts, zweite Reihe), die im iranischen Isfahan liegt und im Jahre 1088/89 in ihrer ursprünglichen, später nicht wesentlich veränderten Gestalt auf Anordnung des Seldschuken-Herrschers Melik-Schah gebaut wurde, ist das iranisch-seldschulische Iwan-Prinzip mit dem arabischstämmigen Bethallen-Prinzip kombiniert. Der Iwan, der zur 'qibla' und zum 'mihrab'hin liegt, ist dabei architektonisch und ornamental stark hervorgehoben. Ein Randzellenmuster aus der arabischen Moscheetradition gibt es hier aber nicht und auch nicht die aus der christlichen Basilikentradition hervorgegangene Transsept- oder Vorhof-Schemata. Der hier entwickelte Moschee-Typ erweist sich damit als einer östlichen Entwicklungsrichtung eigener, eben wesentlich iranisch - und auch türkisch - geprägter Art zugehörig.

h) Grundriß der 'Hagia Sophia' (oben rechts), der auf Anordnung des byzantinischen Kaisers Justinian i. d. J. 532 bis 537 n. Chr. gebauten Hauptkirche Konstantinopels. In diesem Kirchentyp ist die Längsform der Basilika und ihre typische Bedachung mit Sattel- und Pultdächern aufgegeben zugunsten einer tendenziell quadratischen Bauanordnung, die im wesentlichen von einer zentralen Kuppel und weiteren Kuppeln oder gerundeten Dachformen überdeckt wird. Im mehrstöckigen Innenbereich wird dadurch eine imposante Höhenraum- und Lichtwirkung möglich, die baulich einen zentralen Gedanken des christlichen Gottesdienstes veranschaulicht. Die Kreuzesform ist im Grundriß dagegen nur andeutungsweise präsent. Vorgelagert ist dem Baukörper ein ummauerter breiter Vorhof, der das römische Atriums-Schema aufnimmt, d. h. den sakralen Bereich von dem stadtöffentlichen Verkehr - anders als bei der ursprünglichen Basilien-Tradition - deutlich absondert.

i) Grundriß der Moschee Selims II. in Edirne (lat.: Hadriana, byz.: Adrianopolis), erbaut zwischen 1570 und 1574 unter Leitung des berühmten Baumeisters Sinan (1490 - 1588), der im Auftrag der türkischen Sultane mehr als derihundert Bauwerke ausführte. Nach der Eroberung Konstantinopels i. J. 1453 rückte der türkisch-osmanische Sultan nicht nur in die Herrschaftspositionen des vormaligen byzantinischen Kaisers nach, sondern sein Reich übernahm auch mit den griechischen Untertanen einen großen Teil ihres kulturellen byzantinischen Erbes. Das äußert sich auch im Moscheenbau der auf die Eroberung folgenden Jahrzehnte, ja Jahrhunderte. In ihm spielt das Muster der 'Hagia Sophia' eine zentrale Ausgangsrolle, die gegenüber den arabisch- und den iranisch-stämmigen Bautradittionen für Moscheen klar in den Vordergrund tritt. Der Grundriß macht dies deutlich: beispielsweise das arabischstämmoge Bethallen- oder Randzellen- oder das iranischstämmige Iwan-Schema finden keinerlei Berücksichtigung. Es gibt zwar deutliche Veränderungen in der äußeren Hinzufügung mächtiger Minarette zum Baukörper und in der inneren Ausgestaltung des Moscheeraums, etwa mit einer großen Mihrab-Nische. Es bleibt aber bei dem christlich-byzantinischen Zentralkuppelbau-Prinzip. Ferner: der gewohnte Innenhof der anderen Moscheetypen wird hier zu einer den Kultbau umgebenden, durch Mauer eingefriedeten Freifläche, und der Eingangsbereich wird portikus-artig gestaltet. Hier dürften sich vorislamische Formprinzipien, die sich beim Heiligtum in Mekka oder beim Jeruslalemer Felsendom finden, mit solchen aus der römisch-griechisch-antiken Basiliken-Tradition verbinden

Zu 2)

Nach den Ausfürhungen zu 1) ist deutlich, daß bau- und kulturgeschichtlich enge Beziehungen bestehen

3) Literatur:

Werner Müller, Gunter Vogel, dtv-Atlas zur Baukunst Tafeln und Texte, Bd. 1 (Allgemeiner Teil. Baugeschichte von Mesopotamien bis Byzanz), München 1983 5 .

Katharina Otto-Dorn, Kunst des Islam, Teilband der Rehne 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen, Baden-Baden, 1970.


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)