Lösung zu Übung 6 d.

Die Aufgabe lautete:

1. Ordnen Sie den folgenden Text nach Möglichkeit in der Islamgeschichte regional und zeitlich ein.

2. In welcher Ordnung sind die 'philosophischen' Wissenschaften vorgestellt und welchen Standard der wissenschaftlichen Erkenntnis läßt sich aus heutiger Sicht feststellen?

3. In welchen geistesgeschichtlichen Traditionsbezügen stehen die im einzelnen angesprochenen religiösen und philosophischen Wissenschaften?

4. Wie stellt sich ein Spannungs- oder gar ein Konfliktverhältnis zwischen religiöser Tradition und philosophischer Wissenschaft in der Darstellung des Autors dar?

Der Islam und die Wissenschaften. Von Abu l-Hasan al-Amiri, al -Ilam bi-manaquib al-Islam, nach Ms.Ragib 1463, 3a - 6a, in Istanbul.


Zu 1)

Zunächst ist erkennbar, daß der Autor des Textes arabisch spricht, dem Islam zugehört und literarische Werke zu verfasen pflegt. Außerdem ist gelegentlich von 'Würdenträgern' die Rede, was auf die Nähe zum Leben eines Hofes hindeutet. Der Autor ist einerseits religiös gebildet, wie seine wohlgewählten Zitate aus dem Koran und aus der Hadith-Tradition zeigen,und andererseits im Bereich der 'philosophischen Wissenschaften' beschlagen, und zwar wie es scheint, in enzyklopäischer Weise. Daß diese Wissenschaften vornehmlich von den vorislamischen Griechen ('den Alten'), kommen, ist dabei nach ihrem Namen und beschriebenen Inhalt erkennbar. Eine systematische Übersetzung dieses antiken, in dre Spätantike im Nahen Osten vor allem griechisch oder aramäisch formuliert vorliegenden Bildungsgutes in die arabische Sprache vollzog sich unter der Abbasidenherrschern zwischen dem Ende des 8. und dem 10. Jht.

Ferner befindet sich der Autor in einer argumentativen Situation, in der er eine offenbar starke, religiös begründete Kritk an Frömmigkeit und Nutzen der 'philosophischen Wissenschaften', und zwar besonders an der 'Logik' (d. h. hier dem Inhalt nach Kategorienlehre, Lehre vom Satz und Beweis, Topik bzw. Dialelektik im aristotelischen Sinne) und an der 'literaturschen Bildung' (dem beschriebenen Inhalt nach angewandte Sprachwissenschaft von der Rhetorik über die Schriftgewandtheit und Verhandlungsführung bis zur Dichtkunst) widerlegen muß und will. Genau besehen sind die Argumente, die er dabei vorträgt, trotz Wahrung einer höflichen Form inhaltlich außerordentlich scharf und oft verletzend-ironisch formuliert. Das deutet auf eine spätere Phase der schon gefestigten Rezeption antiker Bildung im arabischen Islam hin.

Als drittes lassen sich erwähnte Namen für eine Autoren-, Zeit- und Ortsbestimmung nutzen. Erwähnt ist eine Gruppe von Religionsphilosophen bzw. rationalistischen Theologen, die sich 'mutakalimum' nennen. Hier isr offenbar eine Partei innerhalb dieser 'Religionsphilosophen' gemeint, die sich in einem grundsätzlichen Streit zwischen islamisch-rechtsgelehrter Orthodoxie ('fikh') und islamisch-philosophischem, hellenistisch geprägtem Rationalismus ('al-Aql' oder 'kalam')argumentativ auf die Seite 'unphilosophischer', dem 'Rationalismus' gegenüber ablehnender Rechtgläübigkeit stellt. Dieser Streit bewegte das islamische Geistesleben etwa vom 9. bis zum 12. Jht. Ferner wird Bezug genommen auf eine offenbar ausgepägte Hadith-Tradition: im 9. Jht. liegen deren erste großen kritischen Sammelwerke von al-Buchari und Muslim vor. Und der Bezug auf überlieferte Worte des 'großen Imam Ali ben Abi Talib', den letzten der nach schiitischer Auffassung 'rechtgeleiteten' Kalifen (656 - 661), deutet an, daß es sich bei dem Autor um einen der schiitischen Denomination nahestehenden Islam-Gläubigen handeln könnte.

Der übersetzte Textausschnitt enthält dennoch keine Angaben, aus denen sich genau auf den Autor, den Ort und den Zeitpunkt der Abfassung schließen ließe.

Der Autor Abu l-Hasan al-Amiri ist ein Universalgelehrter, der im 10. Jht.(gest. i. J. 992) an dem damals schon unter bujidisch-schiitischem Einfluß stehenden Abbasiden-Hof in Baghdad lebt. In seiner Argumentation gegen die streng islamisch argumentierenden Religionsphilosophen ('mutakalimum') steht er in der Tradition der der sog. 'mutazilah', einer seit dem späten 8. Jht. am Baghdader Abbasiden-Hofe geförderten Gruppe hellenistisch inspirierter rationalistisch-islamischer Universalgelehrter und Philosophen und ist ein Vorgänger seiner berühmteren und ihrem Lebenslauf nach bekannteren Zeitgenossen oder Nachfolger al-Farabi (973 - 1048), Ibn Sina (Avicenna; 980 - 1073) und Ibn Ruschd (Averroes, 1135 - 1204). Die von ihnen vertretene Position eines rationalistisch-religiösen Islam hat sich gegenüber den mittelalterlichen Formen islamischer Orthodoxie zwar nicht durchgesetzt, aber in den Traditionen des islamischen Geistesleben bis in die Neuzeit hinein dennoch einen gewissen, wenn auch stets untergeordneten Platz behauptet. Dieser Traditionsstrang erhält in der jüngeren Entwicklung des Islam innerhalb einer 'internationalisierten', 'verwissenschaftlichten' und 'technologischen' Weltkultur eine erneuerte geistige und praktische Bedeutung.

Zu 2)

Vorgestellt und kommentiert wird ein Katalog der 'religiösen' und der 'philosophischen' Wissenschaften, und zwar in folgender Aufgliederung:

1. Religiöse Wissenschfaften.
1.1 Hadith-Gelehrsamkeit.
1.2 Religionsphilosphie.
1.3 Wissenschaft des islamischen Rechts.
1.4 Sprachwissenschaft.
2. Philosophische Wissenschaften.
2.1 Mathematik.
2.2 Naturwissenschaft.
2.3 Metaphysik.
2.4 Logik.

Diese Anordnung ist so konzipiert, daß sich in ihr 'philosophische' und 'religiöse' Wissenschaften zwar in deutlich unterschiedenen Abschnitten befinden, aber doch miteinander verschränken. Das zeigt sich etwa an der Einordnung der 'Sprachwissenschaft' und der 'Religionsphilosophie' bei den Religionswissenschaften, aber auch daran, daß der Autor immer wieder betont, daß es keinen Widerspruch zwischen 'philosophischen' und 'religiösen' Wissenschaften geben könne.

Ferner tragen nach diesem Konzept die philosophischen Wissenschaften aus eigenem Antrieb - also nicht erst aufgrund einer Kontrolle durch die religiösen Wissenschaften -, dazu bei, Wissensgebiete mit moralisch oder religiös nichtigem oder gar verderblichen Charakter, wie das Wissen über 'Magie, Halluzination, Amulette und Alchemie', argumentativ aus dem Kreis akzeptablen Wissens herauszuhalten.

Zu 3)

Die Ordnung, in der der Autor die 'philosophischen' Wisssensgebiete vorstellt, knüpft an das Konzept der spätantiken 'artes liberales'an, modifiziert dieses aber in charakteristischer Weise.

Denn einige Gebiete des spätantiken Kanons sind nun den religiösen Wissenschaften zugeordnet - wie die 'literarische Bildung', die der griechisch-römischen Form der Spätantike als 'Philolologie' zum 'trivium' gehört, oder die Religionsphilosophie, welche als 'Theologie' im aristotelisch-philosophischen Sinne ursprünglich der 'Philosophie' eingeordnet ist. Beides hat übrigens Parallelen in der spätantik-christlichen Transformation der Rhetorik zur Hermeneutik und der götterbezogene Philosophie der vorchristlichen philosophischen Traditionen in die christliche Theologie.

Ferner ist die antike Lehre von der 'reinen', 'theoretischen' Erkenntnis als der 'eigentlichen Wissenschaft' verlassen: praktisch orientierte Wissenschaften wie die Mechanik sind als eigene Wissensgebiete neu in den Kanon aufgenommen (Mechanik im wesentlichen als Technik des Wasserleitungs- und Wassermaschinenbaus, des Brückenbaus oder der Lastenbewegungs- und -hebemaschinen) oder ihm als praktische Konsequenzen theoretischer Wissensgebiete klassifikatorisch eingeordnet (Rechnungswesen des Handels als als Folge der Arithmetik, Architektur, Bildhauerei, Goldschmiedekunst, Meßgerätehersetllung als Folgen der Geometrie; Medizin, Kochkunst, Farbherstellung als Folgen der Naturwissenschaft).

Die Ordnung der religiösen Wissenschaften ihrerseits basiert einmal auf den spezifisch islamischen Traditionen, nämlich in dem gelehrten Wissen über die Hadith-Tradition und in dem rechtsgelehrten Wissen über das koranische Recht (scharia), zum anderen knüpft sie, wie erwähnt, zumindest formal sowohl an die aristotelisch-philosophische Theologie-Tradition (in der Religuionsphilopsphie) als auch aandie vorislamische Tradition der Philologie und Rhetorik (in der 'literarischen Bildung' bzw. 'Sprachwissenschaft') an.

Zu 4)

Es besteht eine scharfe Spannung, in der sich der Autor fundamentalen Angriffen auf die Rechtgläubigkeit mit der von ihm und anderen Anhängern einer 'islamischen Philosophie' vertretenen Position ausgesetzt sieht. Er stellt seinerseits die Argumente der 'religionsphilosophisch' argumentierenden Gegenseite als nichtig, ja fast als dumm dar. Beispiele: " Dem, was man nicht kennt, steht man feindselig gegenüber". "[Wer philosophisches Wissen besitzt, ist in den Argumenten gegen [unbegründete] traditionelle Ansprüche beschlagenund läuft keine Gefahr, sich mit eionem blinden Autoritätsglauben an eitle Dogmen zu besudeln." "Dies Argument hat keinen Wert. Daß der Verstand der Religionsphilosphen nicht dazu hinreicht, den Sinn von Werken der Logik zu verstehen, beweist nicht, daß diese nichts taugen."

Die tieferreichenden Befürchtungen der Gegenseite nimmt der Autor al-Amiri dabei allerdings nicht auf. Diese wurden, obschon im 10. Jht. bereits deutlich ausgeprägt, später systematisch von dem ebenfalls im Umdeld des Baghdader Hofes lebenden islamischen Gelehrten al Mawardi (974 - 1058) formuliert. Dieser lehrte, eine philosophische Grundlegung oder Rekonstruktion der Offenbarungen und rechtlichen Gebote des Islam könne mit einer - philosophisch zwangsläufigen - Einordnung als 'Gegenstand der Schöpfung' zu ihrer Auffassung als selbstherrlich verfügbaren menschlichen Wissens führen,was der unwandelbar göttlichen Qualität des Islam nicht entspreche. Diese offenbarungszentrierte, strikt 'traditionalistisch' angelegte - weil jede verändernde Interpretation des Offfenbarunsgwissens ausschließende - Rechtgläubigkeit hat eine Parallele in der spätantik-christlichen Skepsis gegenüber den 'Irrtümern der Philosophen'(z. B. bei Laktanz). Doch anders als im Christentum, in dem sich eine rationalistisch-antike Bildungs- und dabei auch Philosophietradition nicht nur untergründig behaupten konnte, sondern seit dem Hochmittelalter in der scholastischen Aristoteles-Rezeption sogar weitgehendeoffene Entfaltungsmöglichkeiten in dem noch lange theologisch angeleiteten Wissensystem fand, ist es zu einer Übernahme des 'rationalistischen Erbes' der Antike in die islamische Religionsgelehrsamkeit, etwas des Medresen-Unterrichts, wie es scheint, nicht oder jedenfalls niemals auf Dauer gekommen.

Literatur.

Franz Rosenthal, Das Fortbestehen der Antike im Islam, Stuttgart 1965, S. 13 - 30 (Einleitung),, 91 - 101 (mit Anmerkungen).

Heribert Busse, Chalif und Großkönig. Die Buyiden im Iraq (945 - 1055), Beiruter Texte und Studien, hg. vom Orient-Institut der Deutschen Mogenländischen Gesellschaft, Bd. 6, Beirut 1969.

Bassam Tibi, Der wahre Imam. Der Islam von Mohammed bis zur Gegenwart, München, Zürich 1996. S. 101 - 177.


 

LV Gizewski WS 1999/2000 und SS 2000

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)