Barbarische Eigenart und partielle kulturelle Assimilation der T'u-küe an das alte China.

Aus dem Bericht über die Nord- (Ost-) T'u-küe im Geschichtswerk 'Sui-schu' ('Dynastiegeschichte der Sui', 84, 1a - 6b). Der Wiedergabe an dieser Stelle liegen zwei Passagen einer deutschen Quellenübersetzung zugrunde, die - unter fachlich beratenen sinnvollen sprachlichen Modifikationen, unter Einfügung vorhandener Erklärungen mit eckigen Klammern in den Text selbst und bei möglichst weitgehender Beibehaltung der dortigen phonetischen Umschrrift für diese Internet-Wiedergabe - entnommen wurden aus: Liu Mau-Tsai, Die chinesischen Nachrichten zur Geschichte der Ost-Türken (T'u-Küe) , Texte und Anmerkungen, Göttinger Asiatische Forschungen, hg. von W. Heissig u. a., Bd. 10, Wiesbaden 1958, S. 40 - 42 und 61 - 64 ; Kommentar: S. 517 ff.


[S. 40 - 42 ]

Die Vorfahren der T'u-küe waren die vermischten Hu-Barbaren von P'ing-liang. Sie hatten den Familiennamen A-schi-na. Als Kaiser T'ai-wu-ti der Spät-Wei [=Nord-Wei] die Tsü-kü vernichtete [i. J. 439 n. Chr.], flohen die A-schi-na mit 500 Familien zu den Ju-ju. Sie lebten von Generation zu Generation am Berg Kin-schan [Altai] und beschäftigten sich mit der Anfertigung von Eisengeräten. Der Berg Kin-schan sah wie ein Helm aus. Die Leute nannten einen Helm T'u-küe; darum bezeichneten sie sich selbst mit diesen Namen.

Nach einer anderen Überlieferung hatten ihre Vorfahren oberhalb des West-Meeres [Tarim-Becken] regiert. Dann wurden sie von einem Nachbarstaat vernichtet. Ob Männer oder Frauen, ob alte oder junge Menschen, sie alle wurden rücksichtslos umgebracht bis auf einen Knaben, den zu töten man nicht übers Herz brachte. Man schnitt dem Knaben jedoch die Füße und die Arme ab und warf ihn in einen großen Sumpf. Dort lebte eine Wölfin, die ihm immerfort Fleisch brachte. Er aß es und brauchte so nicht zu sterben. Später verkehrte er mit der Wölfin, die dann schwanger wurde. Da wollte das Oberhaupt des Nachbarstaates ihn durch einen Boten töten. Weil die Wölfin an seiner Seite war, wollte der Bote auch sie umbringen. Da schien es, als sei ein Geist in sie gefahren, und plötzlich war sie östlich des (West-) Meeres. Sie machte Halt auf einem Berge nordwestlich von Kao-tsch'ang [Turfan]. Am Fuß des Berges gab es eine Höhle. Die Wölfin trat ein und fand dort eine Ebene, die mit üppigen Gras bedeckt war und einen Umfang von mehr als 200 li hatte. Später brachte die Wölfin zehn Knaben zur Welt. Einer davon hatte den Familiennamen A-schi-na. Er war der klügste von ihnen, darum wurde er ihr Herrscher. Vor dem Eingang des Zeltes des Herrschers stellten sie eine Flagge auf, die mit einem Wolfskopf verziert war, um zu zeigen, daß sie ihre Herkunft nicht vergessen wollten.

Ein Mann namens A-hien Schê [Schad] führte seine Horde aus der Höhle hinaus. [Seine Leute] dienten den Ju-ju von Generation zu Generation als Vasallen. In der Zeit des Ta-ye-hu [Groß-Yabgu] wurden ihre Horden immer stärker. Gegen Ende der Nord-Wei regierte I-li Khagan [= T'u-men], der mit seinen Soldaten die T'ie-lê angriff und ihnen eine große Niederlage zufügte. Dabei unterwarf er mehr als 50 000 Familien. Nun stellte er [beim Herrscher der] Ju-ju einen Antrag auf Einheirat [in dessen Verwandtschaft], aber dieser war darüber höchst empört und schickte einen Boten zu I-li Khagan, ihn zu beleidigen. I-li Khagan tötete den Boten, überfiel an der Spitze seiner Leute die Ju-ju und rieb sie auf. Nach seinem Tode wurde sein jungerer Bruder I Khagan sein Nachfolger. Auch der schlug die Ju-ju. Er wurde krank und starb. Vorher schon hatte er seinen Sohn Schê-t'u übergangen und dafür seinen jüngeren Bruder Sse-kin zu seinem Nachfolger bestimmt. Sse-kin trug den Titel Mu-kan (= Mu-han). Er war mutig und sehr klug. Schließlich griff er die Ju-ju an und vernichtete sie. Im Westen rieb er die I-ta (Hephthaliten) auf; im Osten verjagte er die K'i-tan. Die nördlichen Barbaren wurden alle ihm untertan. Er kämpfte [auch] gegen China. Später überfiel er mit der Armee der West-Wei die Ost-Wei und kam bis nach T'ai-yüan.

Ihre Sitten sind wie folgt: Sie beschäftigen sich gewöhnlich mit der Viehzucht. Sie ziehen dorthin,wo es Wasser und Gras gibt und leben nicht ständig in einem Ort. Sie bewohnen Filzzelte, tragen herabhängende Haare und schließen ihren Rock nach links; sie essen Fleisch und trinken gegorene Milch; ihre Kleidung ist aus Pelz und grober Wolle. Sie verachten das Alter und schätzen die Jugend.

An Beamten haben sie den Ye-hu [Yabgu] unter ihn den Schê [Schad], unter ihm den T'ê-lê [Tegin], unter ihn den Sse-li-fa, unter ihm den T'u-t'un-fa und andere, insgesant 28 Klassen; alle sind erblich.

Die T'u-küe haben mit Horn verzierte Bogen (küe-kung), pfeifende Pfeile, Panzerjacken, lange Reiterspieße und Schwerter. Sie sind bewandert in Bogenschießen und Reiten. Ihr Charakter ist brutal und grausam. Sie haben keine Schrift, so daß sie durch Einkerben in ein Stück Holz ihre Abmachungen zum Ausdruck bringen Sie warten den Vollmond ab und gehen dann auf Raubzug. Diejenigen, die aufsässig oder verräterisch werden, oder Menschen töten, werden zum Tode verurteilt. Wer Notzucht begeht, wird kastriert, und sein Körper dann mitten durch die Hüfte in zwei Teile gehauen. Wenn jemand einem beim Streit die Augen verletzt, muß er dem Verletzten seine Tochter geben; hat er keine Tochter, dann muß er seine Frau und seine Vermögen hergeben. Bricht jemand einem die Glieder, so muß er Pferde hergeben. Diebe müssen das Zehnfache des Gestohlenen ersetzen.

Stirbt einer von ihnen, dann wird die Leiche in seinem Zelt aufgebahrt. Seine Familienangehörigen und Verwandten schlachten Rinder und Pferde und bringen sie dem Toten zum Opfer. Sie laufen um das Zelt herum und schreien und heulen dabei. Sie schlitzen ihr Gesicht mit einem Messer auf, so daß Blut und Tränen ineinander fließen. Siebenmal tun sie dies und dann erst hören sie auf. Nun wählen sie einen Tag, legen die Leiche auf ein Pferd und verbrennen sie. Die Asche begraben sie dann und stellen einen Holzmast als Kennzeichen für das Grab auf. Im Grab errichten sie einen Raum, in welchem ein Bild von dem Toten und die Szenen der Kämpfe, an denen der Verstorbene vor seinem Tod teilgenommen hat, aufgezeichnet werden. Hat dieser einst einen Menschen [beim Kampf] getötet, dann wird ein Stein [vor das Grab] gelegt. Die Zahl der Steine beläuft sich manchmal auf Hunderte oder Tausende. Stirbt ein Vater bzw. ein älterer Bruder, so nimmt der Sohn bzw. der jüngere Bruder die Stiefmutter bzw. die Schwägerin zur Frau.

Während des 5. Monats pflegen die T'u-küe, Schafe und Pferde zu schlachten, um sie dem Himmel zu opfern. Die Männer spielen gern ein Würfelapiel, und die Frauen [eine Art ] Fußball. Sie trinken gegorene Stutenmilch und berauschen sich damit. Dann singen und schreien sie miteinander. Sie verehren Götter und Geister und glauben an Exorzistinnen (wu) und Exzorzisten (hi). Sie schätzen den Tod im Kampf und schämen sich des Sterbens an einer Krankheit. Ihre Sitten sind ungefähr dieselben wie die der Hiung-nu.

[S. 61 - 64]

Im 4. Monat des 3. Jahres Ta-ye [i. J. 607 n. Chr.] begab sich Kaiser Yang-ti nach Yü-lin. K'i-min Khagan und [seine Frau] die Prinzessin I-tsch'eng begaben sich [bei dieser Gelegeheit] zum kaiserlichen Reisepalast, um dem Kaiser ihre Aufwartung zu machen. Insgesamt 3000 Pferde brachte K'i-min Khagan dem Kaiser dar. Der Kaiser [Yang-ti] war darüber höchst erfreut und gab K'i-min Khagan 13 000 Stück Seide als Gegengeschenk. K'i-min Khagan teilte dem Kaiser im einem Schreiben mit:

Als die Eingabe überreicht worden war, ließ der Kaiser seine Würdenträger darüber beraten. Diese schlugen vor, dem Gesuch stattzugeben. Doch der Kaiser lehnte es ab und erließ ein Edikt folgenden Inhalts:

Dann schrieb der Kaiser eine Antwort an K'i-min Khagan, ..... er moge nur weiterhin loyal und pietätvoll bleiben, dann brauche er seine Kleidung nicht zu ändern. ......

Ferner erließ der Kaiser noch ein Edikt folgenden Inhalts:

[In der Folge] inspizierte der Kaiser [Yang-ti] Yün-nei und fuhr auf dem Kin-ho stromaufwärts nach Nordosten, wo er sich nach der Residenz des K'i-min Khagan begab. K'i-min Khagan erhob seinen Becher, um dem Kaiser ein langes Leben zu wünschen. Dabei kniete er ehrfurchtsvoll nieder. Darüber freute sich der Kaiser so sehr, daß er folgenden Vers verfaßte:

"Am 'Hirschpaß' machte das Schwanenbanner halt,
in den 'Drachenhof' kehrte die grüne Staatskutsche zurück.
Der Filzvorhang hob sich durch den Wind,
und gegen die Sonne öffnete sich das Zelt.
Der Hu-han-König machte Kotau,
und seine Weisen kamen in endlosem Zug.
Leute mit Zöpfen trugen den Hammelbraten,
und Männer in Lederkleidung kredenzten den Wein.
Wie mächtig war doch der Himmelssohn der Han.
Und doch: er bestieg vergeblich die Schan-yü-Terrasse!"

Auswahl und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski